KommentarKonversion

Tony Blair wurde katholisch.

„Mit Gott haben wir nichts zu tun“, sagte unlängst der Pressesprecher der damals noch von Tony Blair geführten Labourregierung – eine erstaunliche Definition des politischen Säkularismus. Doch nach seinem Abschied als Regierungschef ist Blairs schon lange bekannte Absicht realisiert worden, von der anglikanischen zur katholischen Kirche überzutreten. Sich „in unserem System als religiös zu bekennen, käme heutzutage gleich damit, als verrückt angesehen zu werden“, hatte er selbst noch hinzugefügt. Was dann zu der Unterstellung in den Medien führen musste, dass das katholische Bekenntnis mit dem Amt des Premierministers genauso unvereinbar sei wie das verfassungrechtlich noch immer vom britischen Königsthron gilt.

Blairs Übertritt wurde im Rahmen eines privaten, aber von dem katholischen Primas Kardinal Cormac Murphy-O’Connor geleiteten Zeremoniells abgehalten. Nach einem Jahrzehnt als Regierungschef und allgemein als „Meister des politischen Drehs“ gefeiert, wurde Blairs anglikanische Taufe anerkannt. So hatte er nur das Nizänische Glaubensbekenntnis abzulegen, gefolgt von der Erklärung: „Ich glaube und bekenne all das, was die katholische Kirche glaubt, lehrt und als göttlich geoffenbart vertritt.“

Dies war offenbar erforderlich, nachdem Blair als Regierungschef für eine Reihe von politischen Massnahmen verantwortlich war, die in christlicher Perspektive zumindest als umstritten gelten. Darunter war seine persönliche Ablehnung der 26-Wochen-Frist anstelle der gegenwärtigen 24 Wochen in der britischen Abtreibungsgesetzgebung. Bei dem außergewöhnlichen Anwachsen der Zahlen auf 200000 Fälle jährlich wächst die Besorgnis darüber auch in nichtreligiösen Kreisen. Überdies hat Blair seinen enthusiastischen Einsatz für die Stammzellenforschung bekundet, jener an sich wissenschaftlich hoffnungsvollen Neuerung, die jedoch schwerwiegende Moralprobleme ausgelöst hat, nämlich die Billigung der Zerstörung menschlicher Embryos, um Stammzellen zu gewinnen.

Als Regierungschef hatte Blair auch die Legalisierung von homosexuellen „Partnerschaftsehen“ eingeführt wie auch die Möglichkeit der Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare. Während katholische Adoptionsorganisationen bisher nach dem Prinzip verfuhren, dass ein Kind einen Vater und eine Mutter brauche, ist dies unter der neuen egalitären Gesetzesregelung der Labourregierung nicht mehr statthaft. Darüber hinaus war Blair schon mehrmals von hoher kirchlicher Seite gerügt worden, dass er Skandal errege, weil er mit seiner katholischen Frau und seinen vier katholisch erzogenen Kindern die heilige Kommunion empfangen hatte. Seine erstaunte Reaktion darauf war: „Was hätte Jesus wohl dazu zu sagen gehabt?“. Man geht gewiss nicht fehl in der Annahme, dass die von Blair vertretenen katholischen Ideen sehr eigenwilliger Art sind. Das ist etwa die Meinung politischer Gegner wie der konservativen Abgeordneten Anne Widdecombe, die auch eine aktive katholische Konvertitin ist und die auf das enge Verhältnis zwischen Blairs und dem Schweizer Theologen Hans Küng verwiesen hat. John Smeaton, Direktor der „Gesellschaft zum Schutz des ungeborenen Lebens“ sagte: „Wir erwarten von ihm, total zu widerrufen, was er politisch eingeführt hat. Sich Blair als gläubigen Katholiken vorzustellen ist ähnlich wie ein Vegetarier in einem Klub von Fleischessern zu sein.“

„Blairs messianische Politik“ war der Titel eines vor zwei Jahren veröffentlichten Buches von Richard D. North, das Blairs Überzeugung anprangerte, nicht nur im Kreuzritterstil im Irak einzufallen, sondern darüber hinaus auch der Weltarmut wie auch dem nahöstlichen Terrorismus ein Ende setzen zu können, den er heute als Berater Bushs bekämpft. „Ich habe es getan, weil ich davon überzeugt war“, war ein ständiges absolutistisches Argument in Blairs Politik. Vor Blairs Abgang als Regierungschef hatte er bei einem Besuch im letzten Juni in Rom Benedikt XVI. den Entschluss zu seiner Konversion mitgeteilt. Ungewöhnlicherweise hatte vorher eine Aussprache mit Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone stattgefunden, bei der die während seiner Amtszeit getroffenen kirchlich umstrittenen Massnahmen anscheinend schärfer unter die Lupe genommen wurden. Jedenfalls wurde dann beschlossen, mit Blairs Übertritt noch bis nach dem Londoner Regierungswechsel und seiner Nachfolge durch den bisherigen Schatzkanzler Gordon Brown zu warten. Was den Vatikan dann nicht daran hinderte, den Übertritt Blairs positiv zu begrüßen.

Dieser Schritt erfolgte übrigens passend zu einem ungewöhnlichen Umschwung der Nach-Reformationsgeschichte in Großbritannien, dass nämlich zum ersten Mal seit dem 16. und 17. Jahrhundert und der praktischen Ausrottung des britischen Katholizismus nach einem Jahrtausend englischen katholischen Christentums Katholiken wieder die Mehrheit der kirchentreuen Bevölkerung bilden. Dies gilt aber noch als umstritten, nachdem die Anzahl der katholisch-kirchentreuen Bevölkerung durch den Zustrom arbeitssuchender ausländischer Einwanderer, vor allem Polen, zugenommen hat. Deshalb steht noch nicht fest, ob es sich um einen bleibenden oder nur zeitlich beschränkten Anstieg handelt.

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