Bosnien-Herzegowina zehn Jahre nach KriegsendeSchwieriges Zusammenleben

Das Friedensabkommen von Dayton beendete 1995 den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, der die Bewohner Bosnien-Herzegowinas, die Jahrhunderte lang mehr oder weniger friedlich miteinander gelebt hatten, plötzlich zu Feinden machte. Wie sieht heute das Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen aus und welche Rolle spielen dabei die Religionen?

Am 11. Juli jährte sich zum zehnten Mal das Massaker von Srebrenica. Bis zu 8000 Muslime sind im Juli 1995 in der ostbosnischen Stadt serbischen Truppen unter Führung von General Ratko Mladi´c zum Opfer gefallen. Sie wurden ermordet, weil sie einer anderen Volksgruppe und Religion angehörten. 1300 identifizierte Opfer fanden bisher auf dem Gedenkfriedhof in Potocari nahe Srebrenica ihre letzte Ruhestätte. Weitere 610 aus Massengräbern geborgene Tote wurden dort im Anschluss an die Gedenkfeier im Juli dieses Jahres beigesetzt. Der Genozid in Srebrenica markiert den traurigen Höhepunkt eines Krieges, dessen Aufarbeitung längst nicht abgeschlossen ist. Und sein langer Schatten wirkt bis heute nach. Während einer Journalistenreise, die von der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart organisiert wurde, war vielerorts deutlich zu spüren, dass noch immer ein Klima gegenseitiger Schuldzuweisung herrscht. In zäher Abwehrhaltung werden die begangenen Kriegsverbrechen geleugnet und wird die eigene Opferrolle betont. Von einem normalen Zusammenleben der Volksgruppen kann keine Rede sein; ein gemeinsames Gedenken der Kriegsopfer liegt in noch weiterer Ferne.

Über eine Million der rund 2,2 Millionen Flüchtlinge sind seit Ende des Krieges in ihre Heimat zurückgekehrt, doch ein Großteil dieser Rückkehrer ist anschließend wieder abgewandert. Sie wurden an ihrem alten Platz nicht mehr heimisch oder haben aufgrund der wirtschaftlichen Misere des Landes keine Arbeit gefunden. Der Krieg hat einen Prozess der Trennung nach ethnischer Zugehörigkeit in Gang gebracht, der die heterogene Struktur des Landes verändert hat und es noch immer tut. Die serbische Bevölkerung dominiert die Republik Srpska, deren Grenze zur Föderation durch Sarajevo verläuft. In vielen serbischen Köpfen spukt der Gedanke an einen eigenen Staat oder den Anschluss an Serbien-Montenegro. Ähnliche Überlegungen gibt es freilich auch in der bosnisch-kroatischen Föderation, wo die Muslime deutlich in der Überzahl sind. Sie bilden mit geschätzten 48 Prozent der Gesamtbevölkerung die zahlenmäßig größte Ethnie. Die Kroaten sind von allen drei Volksgruppen am schwächsten vertreten und fühlen sich von den Muslimen dominiert. Über 150 000 von ihnen haben zudem einen kroatischen Pass angenommen, womit eine Rückkehr in die alte Heimat unmöglich ist. Waren in Sarajevo vor dem Krieg 46 Prozent Mischehen registriert, dürfte ihre Zahl heute weit darunter liegen. Entsprechend ist statt von Miteinanderleben heute bei vielen Politikern, ja selbst bei den religiösen Oberhäuptern, nur mehr vom Beieinanderleben die Rede, beklagt Amela Sejmenovic von der Heinrich-Böll-Stiftung in Sarajevo. Dennoch finde man selbst in den „schlimmsten Hard-Line-Gegenden Rückkehrer, entgegen den Widerständen, die sie dort antreffen“, berichtet Udo Janz vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Sarajevo. Er lässt sich trotz aller Probleme in seiner positiven Grundeinstellung nicht beirren. Immerhin haben 220 000 Familien in Bosnien-Herzegowina ihr Privateigentum zurückerhalten.

Spuren der Belagerung sind bis heute sichtbar

Bosnien-Herzegowina ist ein schönes Land. Seine Berge sind von dichten Laubwäldern bedeckt. Die zersiedelte Landschaft ist von klein und bescheiden wirkenden Häusern geprägt. Neben orthodoxen und katholischen Kirchen stechen immer wieder die zahlreichen Moscheen ins Auge, deren weiße Minarette mit schwarzem Dach in den Himmel ragen. Doch zehn Jahre nach Kriegsende sind die Wunden dieses geschundenen Landes noch nicht verheilt. Von vielen Häusern sind nur noch Ruinen übrig geblieben. Die früheren Bewohner sind während der Kriegswirren geflohen und haben als Vertriebene inzwischen anderswo Heimat gefunden, sofern sie nicht vorher von ihren Nachbarn oder feindlichen Soldaten getötet wurden. Aber auch im Wiederaufbau befindliche, unverputzte Häuser prägen das Bild. Am Straßenrand warnen Markierungen vor dem Betreten von vermintem Gelände.

Auch in der heute rund 400 000 Einwohner zählenden Hauptstadt Sarajevo sind noch Spuren der fast vier Jahre dauernden Belagerung durch die serbische Armee zu erkennen. Zwar erstrahlen die Moscheen, Kirchen und die einzig verbliebene Synagoge der auch „Klein-Jerusalem“ genannten Stadt in neuem Glanz, doch noch immer sind zahlreiche Häuser durch Einschusslöcher verunstaltet. Hier und da sind ganze Brocken aus dem Mauerwerk gerissen, so dass die Ziegel zum Vorschein kommen. Bis heute werden die Berge rings um die Stadt von Minen geräumt. Dort hatten die Serben während des Krieges ihre Geschütze postiert, um auf wehrlose Passanten zu schießen. Über 10 000 Einwohner der Stadt verloren während der Belagerung ihr Leben. Vielen Bäumen in der Innenstadt ist noch immer anzusehen, dass ihre Äste während des Krieges den frierenden Menschen in deren Not als Brennholz dienten. Und dennoch scheinen die Bewohner der Stadt, vor allem die Jugendlichen unter ihnen, ihre Zuversicht nicht verloren zu haben. Abends sind die Straßen der Innenstadt, auch an den Werktagen, fest in der Hand von flanierenden, schick gekleideten und sich amüsierenden Jugendlichen.

Was für die durch den Krieg zerstörten Gebäude gilt, die früher oder später ganz verschwunden sein werden, lässt sich über die Wunden innerhalb der Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas zehn Jahre nach Kriegsende nicht so einfach sagen. Der in zwei Entitäten, die Republik Srpska und die bosnisch-kroatische Föderation, aufgeteilte Dreivölkerstaat ist politisch nicht handlungsfähig. Die Politiker des Landes sind in erster Linie am Erhalt ihrer Macht interessiert, die durch das bis heute vorherrschende kollektive Denken ethnischreligiöser Prägung zementiert wird. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes geht sehr schleppend voran.

Wie beurteilt die katholische Kirche in Bosnien-Herzegowina die momentane Situation? Der Erzbischof von Sarajevo und Vorsitzende der Bischofskonferenz von Bosnien-Herzegowina, Kardinal Vinko Puljic, macht einen nachdenklichen Eindruck. Er tue sich schwer, eine objektive Analyse dieses brutalen Krieges abzugeben. Er sei während der ganzen Belagerungszeit in Sarajevo gewesen und habe das, was die Einwohner der Stadt durchgemacht haben, selbst miterlebt. In der langen Zeit habe er aus dem Glauben und dem Gebet Hoffnung und Kraft geschöpft. Außerdem, so Puljic weiter, verfüge man in Bosnien über sehr viel Ausdauer und Humor. „Wir haben eigentlich sehr viel gelacht, auch in den Tagen und Monaten der Angst und der Belagerung.“ Obwohl er praktisch jeden Tag dem Tod entgegen sehen konnte, sei er immer wieder in Sarajevo spazieren gegangen und habe Ausflüge gemacht. Er glaubt, dass der Krieg zu verhindern oder zumindest zu stoppen gewesen wäre. Das Abkommen von Dayton, so der Kardinal, habe Bosnien aber geteilt, und ein geteilter Staat sei eigentlich nicht funktionsfähig. Das Abkommen sei nie vom Volk angenommen worden, seine Bestimmungen, besonders die Rückführung der Flüchtlinge, wurden nicht umgesetzt. Allein in seine Erzdiözese hätten 220 000 Katholiken zurückkehren sollen. Nach zehn Jahren Frieden haben aber keine 10 000 den Weg zurück in ihre alte Heimat gefunden. Vor dem Krieg lebten 528 000 Katholiken in der Erzdiözese, jetzt sind es 215 000. Die Großmächte, die das Dayton-Abkommen ausgehandelt haben, müssten seiner Ansicht nach eine neue Regelung für Bosnien-Herzegowina schaffen, die Gleichberechtigung, Achtung der Menschenrechte, Rechtssicherheit und Wahrung der Identität gewährt. Angesprochen auf die Aufarbeitung der Gräuel während des Kriegs appelliert der Kardinal an alle Seiten: „Jeder sollte vor der eigenen Tür kehren. Der Schmutz darf nicht in den Hof des Nachbarn hinübergeworfen werden.“ Dabei müsse alles beim Namen genannt werden und ans Licht kommen. Es sei der falsche Weg, immer dem anderen die Schuld zu geben. Dies gelte auch für die Katholiken Bosniens. Unschuldige Kriegsopfer müssten geehrt, die mit ihnen betriebene Manipulation müsse gestoppt werden.

Die Frage, ob der Frieden in Bosnien-Herzegowina Bestand hätte, wenn die dort stationierten internationalen Truppen das Land verlassen, beantwortet der Kardinal schnell und unmissverständlich: Sie sollen das Land nicht verlassen, sondern dazu beitragen, dass demokratische Grundsätze in Bosnien-Herzegowina installiert werden. Die größte Herausforderung für die katholische Kirche in Bosnien-Herzegowina sei die Frage des Überlebens der Bevölkerung, außerdem müssten die Heimkehrenden einen Platz in diesem Land finden. Die Kirche habe auch viele alte Menschen mit Nahrung zu versorgen. Darüber hinaus fördere sie die Bildung in Bosnien-Herzegowina. Das katholische Schulzentrum in Sarajevo wird von über 1200 Schülern besucht.

Die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen ist der Schlüssel zum zukünftigen Frieden

Der Reis-ul-Ulema der islamischen Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina, Mustafa Ceric, ist ein Mann mit selbstbewusstem Auftreten. Das bleibt auch in seinen Aussagen nicht verborgen. Beim Dayton-Abkommen seien folgende Übereinkünfte erzielt worden: in Bosnien-Herzegowina soll man sich wieder frei bewegen können, es solle Medienfreiheit herrschen, die Flüchtlinge können zurückkehren und die Kriegsverbrecher werden gefasst und vor ein internationales Gericht gestellt. Die beiden erstgenannten Ziele wurden nach Einschätzung des Reis-ul-Ulema weitgehend umgesetzt. Inzwischen seien auch 50 bis 60 Prozent der Flüchtlinge in ihre Heimat zurückgekehrt, aber erst 20 bis 25 Prozent der Kriegsverbrechen konnten bisher aufgearbeitet werden. „Das ist der Schlüssel für den zukünftigen Frieden in Bosnien-Herzegowina“, ist Ceric überzeugt. Die Namen Karadzic und Mladic hätten dabei nur symbolische Bedeutung, dahinter verberge sich eine große Zahl von Kriegsverbrechern. Klare Vorstellungen hat der Reis-ul-Ulema auch beim Thema Europa und der Rolle des bosnischen Islams darin. Europa ist für ihn ein Weg zu leben, es ist Kultur. Deshalb sei er auch nicht glücklich darüber, wenn vom europäischen Islam gesprochen werde. Es gebe ja auch keinen europäischen Katholizismus, Protestantismus oder ein europäisches Judentum. „Wir sind Muslime in Europa, europäische Muslime“, stellt das geistige Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft klar.

Der Islam muss in Europa institutionalisiert werden

Der Islam muss nach Auffassung von Ceric in Europa institutionalisiert werden. Bosnien-Herzegowina könne dafür als Beispiel dienen. In der islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina gebe es zwölf Muftis und sechs Religionsmittelschulen, die so genannten Medressen. Insgesamt bestehen rund 1000 Moscheen in Bosnien-Herzegowina, 900 davon seien im Krieg beschädigt oder zerstört worden.

Beim Prozess der Aussöhnung der Volksgruppen sieht der Reis-ul-Ulema das größte Problem darin, dass auf Seiten der serbischen Armee die Verbrechen bis heute geleugnet werden. Selbst bosnische Frauen aus Srebrenica wollten keine Vergeltung und würden sich für Gerechtigkeit und Versöhnung aussprechen, damit so etwas nie wieder passiert. Dennoch zeigt sich Ceric optimistisch. Momentan sei man dabei, die Lücke zwischen den Opfern, die vergeben und den Kriegsverbrechern, die ihre Taten eingestehen wollen, zu schließen. Er glaubt, dass es zu einer Aussöhnung mit wahrhafter Gerechtigkeit kommen wird.

Ein ähnlich positives Bild zeichnet der Dekan der Fakultät für Islamische Studien an der Universität Sarajevo, Enes Karic. Er sieht den traditionellen Islam in seinem Land sehr gefestigt. Zwischen dem Islam als Bekenntnis und dem Islam als Kultur oder Zivilisation sei klar zu unterscheiden. In Bosnien-Herzegowina gebe es beispielsweise keine Polygamie wie in anderen islamischen Ländern. Deren Einfluss auf Bosnien-Herzegowina wertet er im Allgemeinen als sehr gering und weiter rückläufig. Die muslimische Gesellschaft ist seiner Einschätzung nach sehr frei und offen, was auch an den islamischen Zeitungen verschiedener Couleur deutlich werde. Von einer Radikalisierung der muslimischen Gesellschaft in seinem Land könne daher keine Rede sein. An der Fakultät werden rund 700 Studenten unterrichtet, die Klassen sind gemischt. Die Mehrheit der Frauen trage zwar ein Kopftuch, dies sei aber keine Verpflichtung, sondern von den Studentinnen frei zu entscheiden. Karic legt Wert auf die Feststellung, dass an der Fakultät der Islam als dynamische Wissenschaft gelehrt und der Koran bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird. Das Stadtbild Sarajevos ist geprägt durch eine stattliche Anzahl von Moscheen. Im Zentrum, nahe des orientalisch geprägten Bascarsija-Platzes befindet sich die Gazi Husrev-Beg-Moschee. Nicht weit davon entfernt ragt die alte orthodoxe Kirche hervor. Die katholische Kathedrale bildet mit ihren Zwillingstürmen ein drittes markantes Wahrzeichen. Die Gotteshäuser stammen zum Teil aus dem 16. Jahrhundert, was einen Hinweis darauf gibt, wie lange schon verschiedene Kirchen und Religionsgemeinschaften in dieser Stadt nebeneinander existieren. Dazu gehört auch die serbisch-orthodoxe Kirche.

Die Stimmung beim Treffen mit dem serbisch-orthodoxen Metropoliten Nikolaj ist kühl, wenn auch nicht unhöflich. Er gibt dem Kommunismus die Schuld für das, was während des Krieges in Bosnien-Herzegowina passiert ist. Dieser habe die Völker auseinander dividiert. Umso dankbarer zeigte er sich für die Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft. Für die Rolle der Religionen in diesem Land sehr bezeichnend weist der Metropolit darauf hin, dass seine Kirche keine politische Kirche sei und er deshalb keine politischen Fragen beantworten werde. Er sehe seine Aufgabe in der Verkündigung des Evangeliums. Im Anschluss daran gab er dann allerdings bereitwillig Auskunft über seine Meinung zu sämtlichen brisanten politischen Fragestellungen. Die Folgen des Krieges seien schrecklich, so der Metropolit, doch Kriegsverbrecher gebe es in jedem Volk. Es sei unehrlich, wenn so getan werde, als sei seine Kirche an Massakern beteiligt gewesen. Viel wichtiger sei dagegen, die Verbrecher der einzelnen Volksgruppen auszuliefern, besonders die unter den Muslimen und Kroaten. „So sieht es aus, als sei das serbische Volk ein Verbrechervolk. Das ist einfach nicht war“, empörte sich der Metropolit, um dann noch einzuräumen, dass es auch unter den Serben schwarze Schafe gibt. Seine Kirche stehe in Sarajevo vor großen Problemen, weil sie nicht gleichberechtigt sei. Die Rückgabe des Gebäudes ihrer vor 120 Jahren gegründete Theologieschule werde der serbisch-orthodoxen Kirche bis heute verweigert. Auch verschiedene Wohnungen, die in ihrem Besitz waren, werden nicht zurückerstattet. In den elf Jahren, die er in Sarajevo sei, hätten sie nur eine Wohnung zurück erhalten, klagt Metropolit Nikolaj: „Liegt es im Interesse von jemandem, dass wir von hier verschwinden?“ Die Beziehungen zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften in Bosnien-Herzegowina sind seiner Ansicht nach dagegen sehr gut. Man komme im Interreligiösen Rat gut miteinander zurecht und habe auch schon erfreuliche Ergebnisse erzielt. Dennoch ist es auch hier zu Verstimmungen gekommen. Als im April letzten Jahres Soldaten der internationalen Friedenstruppe auf der Suche nach mutmaßlichen Kriegsverbrechern in ein Gemeindehaus in Pale nahe Sarajevo eindrangen und dabei den serbisch-orthodoxen Priester sowie seinen Sohn schwer verletzten, habe nur Kardinal Puljic ihm gegenüber sein Bedauern ausgesprochen, der Reisul-Ulema und der Vertreter der jüdischen Gemeinde hätten sich dagegen zunächst nicht geäußert. Dies habe die Gespräche im Interreligiösen Rat behindert.

Die jüdische Gemeinde genießt in Sarajevo hohes Ansehen

Von allen drei Religionen am unbelastetsten und daher für eine Vermittlerrolle am geeignetsten scheinen die Juden in Bosnien-Herzegowina zu sein. Dieser Eindruck wird von der Generalsekretärin Elma Softic-Kaunic bestätigt, die vom hohen Ansehen berichtet, das die jüdische Gemeinde in der Bevölkerung Sarajevos genieße. Die Einwohner der Stadt hätten nicht vergessen, dass die jüdische Gemeinde im letzten Krieg bedeutende Hilfe geleistet habe. Ihr großes Manko ist die geringe Zahl an Mitgliedern. Die Gemeinde in Sarajevo zählt heute nur noch 730 Mitglieder. 14 500 Juden aus Sarajevo wurden während der Okkupation durch Hitler-Deutschland ermordet, erinnert sich Moris Albahari, eines der ältesten Gemeindemitglieder. Der Gemeinde stehe kein eigener Rabbi vor. Lediglich von Zeit zu Zeit nehme er den weiten Weg von Israel nach Sarajevo auf sich. Im Krieg seien Funken aufgelodert, die zuvor Jahrhunderte lang verdeckt waren, so Albahari weiter. Wenn die EUFOR-Truppen aus dem Land abziehen würden, so seine Prognose, gingen zwei Monate später die Auseinandersetzungen wieder los.

Der nach dem Krieg ins Leben gerufene Interreligiöse Rat ist ein guter Schritt hin zu einem geschlossenen Miteinander der Religionen. Darin findet ein regelmäßiger Austausch unter den Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften statt. Ein wirklicher theologischer Dialog sei bisher aber nicht zustande gekommen, räumt der Generalvikar der Erzdiözese Sarajevo, Mato Zovkic, ein. Immerhin konnte man sich aber auf eine gemeinsame Erklärung einigen. In dem von Kardinal Puljic, Metropolit Nikolaj, dem Reis-ul-Ulema Ceric und dem Präsidenten der jüdischen Gemeinschaft von Bosnien-Herzegowina, Jakob Finci, unterschriebenen und 1997 veröffentlichten Papier heißt es, dass den religiösen und geistigen Traditionen der Kirchen und Religionsgemeinschaften viele Werte gemeinsam seien und „diese geteilten Werte können eine echte Basis sein für gegenseitige Wertschätzung, Kooperation und freies, gemeinschaftliches Leben in Bosnien-Herzegowina“. In der Erklärung werden alle von Hass erfüllten Akte verurteilt, die auf ethnischen oder religiösen Unterschieden basieren. Dabei bedauern die religiösen Würdenträger besonders das Niederbrennen von Häusern, die Entweihung religiöser Gebäude und die Zerstörung von Friedhöfen. Außerdem verurteilen sie entschieden jede Behinderung des freien Rechts auf Rückkehr in die Heimat, Vergeltungsaktionen und den Missbrauch der Medien mit der Absicht, Hass zu verbreiten. In ihrer Erklärung fordern die vier Repräsentanten der drei monotheistischen Weltreligionen die Freiheit aller verantwortlichen Vertreter oder religiösen Oberhäupter der Kirchen und religiösen Gemeinschaften, ihre Sendung in jedem Teil des Landes erfüllen zu können. Allen Imamen, serbischorthodoxen und katholischen Priestern sowie Vertretern der jüdischen Gemeinde solle die freie Durchführung religiöser Dienste und aller Formen pastoraler Fürsorge ermöglicht werden. Außerdem verlangen sie für jedes Kind das Recht, in seinem eigenen Glauben unterrichtet zu werden sowie die Garantie dafür, dass niemand gezwungen wird, die Sitten und Bräuche einer anderen Kirche oder religiösen Gemeinschaft zu erlernen. Auch auf einer niedrigeren Ebene findet interreligiöser Austausch statt. An der katholischen Fakultät werden die Studenten beispielsweise in Islamkunde und ökumenischer Theologie unterrichtet. Darüber hinaus werden in Sarajevo und an anderen Orten interreligiöse Werkwochen, Freizeiten und Begegnungen für Jugendliche angeboten.

Offen und undiplomatisch berichtet der Generalvikar vom Gegenwind, den Kardinal Puljic wegen seines Engagements im Interreligiösen Rat aus den eigenen Reihen zu spüren bekam. Er sei von den Bischöfen von Banja Luka und Mostar-Duvno gefragt worden, wen er im Rat eigentlich repräsentiere. Die Katholiken bilden in Mostar die Mehrheit, deshalb misst der dortige Bischof dem interreligiösen Dialog weniger Gewicht bei und vertritt den Standpunkt, die anderen nicht zu brauchen, erläutert Zovkic. Der Kardinal sei aber vom Vatikan darin bestärkt worden, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Die Katholiken sind in Banja Luka und Sarajevo in der Minderheit. Deshalb sei die Bereitschaft dort sehr viel größer, mit den anderen Religionen zu sprechen. Auch Zovkic glaubt, dass der Punkt noch nicht überschritten ist, der einen erneuten Krieg unmöglich macht. Die Hardliner seien weiterhin sehr einflussreich. Noch immer herrsche bei den Bewohnern eine konstante Angst und Unsicherheit vor, ob ihr Nachbar ihnen freundlich gesinnt ist oder in einer bestimmten Situation gewalttätig werden könnte.

Die jeglicher Vereinnahmung unverdächtigen, den Blick nach vorne gewandten Franziskaner halten sich mit Kritik an den Verhältnissen in ihrem Land nicht zurück. In ihren Augen herrscht in Bosnien-Herzegowina eine problematische Verschränkung von Religion und Politik. Die Folge ist, so Ivo Markovic, dass viele Priester nicht das Evangelium verkünden, sondern sich in den Dienst der nationalen Politik stellen. Die Religionen seien auf Hilfe von außen angewiesen, um sich von der Politik zu befreien. Sein Mitbruder Mile Babic gibt an, dass der größte Teil der Opfer in der Bevölkerung dazu bereit sei, den Tätern zu verzeihen. Doch die Politik wolle dies nicht hören: „Es liegt nicht im Trend, über Versöhnung zu sprechen.“ Den Kirchen und Religionsgemeinschaften in Bosnien-Herzegowina kommt die Aufgabe zu, sich von ihren ethnisch orientierten politischen Verflechtungen zu lösen und gemeinsam und geschlossen gegen das tief sitzende Misstrauen und die gegenseitigen Beschuldigungen sowie für Versöhnung zwischen den Bevölkerungsgruppen einzutreten. Momentan füllen sie diese Rolle, trotz einiger Bemühungen, nur unzureichend aus. Auch deshalb wird es wohl noch mehrere Generationen dauern, bis die Spuren dieses Bruderkampfes soweit verschwunden sind, dass sich eine auf Solidarität fußende Gesellschaftsordnung in Bosnien-Herzegowina durchsetzen kann.

Anzeige: Ich bin, wie Gott mich schuf von Sabine Estner und Claudia Heuermann

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zweck des E-Mail-Marketings durch den Verlag Herder ein. Den Newsletter oder die E-Mail-Werbung kann ich jederzeit abbestellen.
Ich bin einverstanden, dass mein personenbezogenes Nutzungsverhalten in Newsletter und E-Mail-Werbung erfasst und ausgewertet wird, um die Inhalte besser auf meine Interessen auszurichten. Über einen Link in Newsletter oder E-Mail kann ich diese Funktion jederzeit ausschalten.
Weiterführende Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.