Zur aktuellen Situation der Freimaurer in DeutschlandZwischen Geheimnis und Öffentlichkeit

Das Freimaurertum ist ein Kind des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Aufklärung wie der Geheimgesellschaften. In Deutschland gehören derzeit etwa 14 000 Männer Freimaurerlogen an; der Mitgliederbestand stagniert seit Jahrzehnten. Die Freimaurer, immer noch von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben, öffnen sich inzwischen stärker für Interessierte.

Die Königliche Kunst, wie die Freimaurerei auch bezeichnet wird, kann auf eine lange Tradition zurückblicken. 1717 wurde in England die erste Freimaurer-Großloge gegründet. 20 Jahre später – im Jahre 1737 – konstituierte sich in einer Hamburger Taverne die erste deutsche Freimaurerloge. In Deutschland, besonders in Preußen und Sachsen, konnte sich die Freimaurerei, durch königliches Protektorat gefördert, rasch ausbreiten. Neben bedeutenden Künstlern, Dichtern und Komponisten gehörten von Anfang an auch viele Monarchen dem Freimaurerbund an, so beispielsweise Friedrich II. (1712–1786), der sich als Kronprinz dem Freimaurerbund anschloss. Die Entwicklung der Freimaurerei nach 1945 verlief in beiden deutschen Staaten unterschiedlich. Im Westen konnten die „Brüder“ ihre Aktivitäten rasch wieder aufnehmen, im Osten blieb den Logen ihre Wiederzulassung versagt. Erst nach 1990 konnte dort wieder an die alte Tradition angeknüpft werden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht die Freimaurerei vor neuen Herausforderungen. Der traditionsbewusste ethische Männerbund mit seiner den Steinmetzen des Mittelalters entlehnten Ritualen und Symbolen musste in den letzten Jahrzehnten weltweit einen enormen Mitgliederschwund hinnehmen. Eigenen Angaben zufolge ging ihm in den vergangenen 30 Jahren über die Hälfte seines Mitgliederbestandes verloren. Allein für die Vereinigte Großloge von England, die älteste aller Großlogen, wird ein dramatischer Rückgang von bis zu 46 Prozent (273 000 Mitglieder weniger) seit 1970 konstatiert. Nach Schätzungen beläuft sich die Zahl der regulären – offiziell anerkannten – Freimaurer heute weltweit auf drei bis vier Millionen.

Projektionsfläche diffuser Ängste

Auch für die deutschen Freimaurer sind stagnierende beziehungsweise rückläufige Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Derzeit gibt es 14 000 Männer, die Freimaurerlogen angehören. Seit 1950 hat es faktisch keinen Mitgliederzuwachs mehr gegeben. Im Vergleich zu den Vorkriegsjahren – Anfang der dreißiger Jahre gab es über 80 000 Freimaurer – hat die Freimaurerei beträchtlich an Einfluss verloren. Von freimaurerischer Seite wird besonders der Nationalsozialismus dafür verantwortlich gemacht, der 1935 die Königliche Kunst in Deutschland verboten und die Großlogen mit massivem Druck zur Selbstauflösung gezwungen hatte.

Manche Großloge hatte versucht, mit Anpassungsstrategien sich dem Zugriff des totalen Weltanschauungsstaates entziehen zu können. Doch die Rechnung ging nicht auf. Ab 1935 kam die Freimaurerei in Deutschland vollständig zum Erliegen. Heutige Freimaurer bezeichnen den Zeitabschnitt zwischen 1935 und 1945 als die „dunkle Zeit“. Unter den Nachwirkungen des Verbots hat die deutsche Freimaurerei heute noch zu leiden. Hinzu kommt, dass im Osten Deutschlands die Freimaurerei rund 60 Jahre lang faktisch nicht existiert hat. Der Fortschrittsgedanke, den sich die Freimaurerei auf die Fahnen geschrieben hatte, war nach Auffassung der SED längst auf die revolutionäre Arbeiterklasse und ihre Partei übergegangen und damit obsolet geworden. Über zwei Generationen hinweg gab es dort kein freimaurerisches Leben. Umso größer war die Euphorie, die alten Logen dort wiedererstehen zu lassen. Unmittelbar nach 1990 reisten westliche „Brüder“ nach Ostdeutschland, um Kontakte zu noch lebenden Freimaurern herzustellen. Schließlich gelang es, alte Logen wiederzubeleben oder neue Logen zu gründen. Im Jahr 1999 existierten bereits an 60 Orten der neuen Bundesländer 45 Logen und 15 Logen-Vereine.

Wolfgang Bittner, der frühere Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD), hat in seinem Buch „Satans verschworene Brüder“ die „Angriffe und Antithesen gegen die Deutsche Freimaurerei 1970–2000“ zusammengetragen. In den einzelnen Kapiteln listet er Angriffe von katholisch-traditionalistischer und evangelikaler Seite, von „nicht-christlichen Sekten“ wie dem „Universellen Leben“, von „Nationalisten, Neonazis und Ludendorffern“, von der „LaRouche-Gruppe“ bis hin zu anthroposophischen Antithesen zur Freimaurerei auf. Bittner registrierte für das Jahr 2001, dass das Ausmaß der Beschuldigungen gegen die Freimaurerei um die Jahrtausendwende an Intensität zugenommen habe.

Ein ethischer Männerbund

Virulent ist in einschlägigen Büchern noch immer der so genannte antimaurerische Verschwörungsmythos: Er präsentiert sich als antirationalistisch geprägte Ideologie, die von der Existenz einer angeblichen konspirativen Subversion ausgeht, ohne eine solche Vorstellung empirisch begründen zu können. Dieser Mythos hält sich bis in unsere Tage. Er wird fiktional in einschlägigen Mystery-Thrillern wie beispielsweise im Bestseller „Illuminati“ Dan Browns, angeblich aufklärend in einschlägigen „Sachbüchern“ oder projizierend in christlich-fundamentalistischer oder braun-esoterischer Literatur (zum Beispiel Jan Udo Holey alias Jan van Helsing u. a.) kolportiert. Noch immer dient die Freimaurerei als Projektionsfläche diffuser Ängste. Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, der 1991 verstorbene Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, formulierte treffend: „Wenn im Abendland je eine Gemeinschaft von Menschen ausgezeichnet werden sollte, die ohne ernsthafte Gegenwehr Schmähungen und Verdächtigungen hingenommen hat, dann würde die Freimaurerei zu den aussichtsvollsten Bewerbern gehören.“

Bei dem Bund der Freimaurer handelt es um eine international verbreitete, in den einzelnen Ländern in Logen organisierte Bewegung. Eine Zentrale besteht nicht. In seiner klassischen – „regulären“ – Form ist der Bund der Freimaurer ein ethischer Männerbund, der sich dem Humanitäts- und Toleranzgedanken verpflichtet weiß. Mit Ritualen und einer Symbolwelt, die der Welt der mittelalterlichen Steinmetzbruderschaften entstammt, soll der Einzelne zur Arbeit an der eigenen Persönlichkeit angeleitet werden. Innerhalb dieses symbolischen Werkbundes erwirbt der Bewerber im Lauf der Jahre verschiedene Grade: Lehrling, Geselle, Meister. Der Ablauf der Rituale selbst beziehungsweise die Ritualtexte obliegen der Verschwiegenheit und sind Außenstehenden nicht zugänglich. Die Freimaurer betonen den individuellen Erlebniswert des Rituals, der sich einer objektiven Beschreibung entziehe.

Den Nimbus, eine Geheimgesellschaft zu sein, sind die Freimaurer nie ganz los geworden. So findet sich in der vierten und neuesten Auflage des Lexikons „Religion in Geschichte und Gegenwart“ zum Stichwort „Freimaurer“ der irreführende Hinweis: „Die Freimaurer bilden in ihrer Gesamtheit die weltweit ausgedehnteste Bewegung vom Typus einer Geheimgesellschaft.“ Sie können jedoch vielmehr als „diskrete Gesellschaft“ (Dieter A. Binder) oder als verschwiegener Männerbund betrachtet werden. Denn die Namen ihrer Leiter und auch die Treffpunkte sind bekannt. Die Freimaurerlogen unterstehen dem Vereinsrecht. Trotz ihrer intensiven Öffentlichkeitsarbeit mit Einladungen zum „Tag der offenen Tür“ oder Selbstdarstellungen im Internet haben sie immer noch mit dem unterschwelligen Vorwurf zu leben. Besonders die Überalterung ihrer Mitglieder – der Altersdurchschnitt liegt bei 60 Jahren – macht den Logen zu schaffen. Die Werbung neuer Interessenten geschieht meist im persönlichen Umfeld (Verwandtschaft, Freundeskreis und Arbeitskollegen). Interessenten werden zu so genannten Gästeabenden eingeladen, bei denen die örtlichen Logen mit Vortrag und Gespräch über die Ziele der Freimaurerei informieren. Dennoch hat dieses traditionelle Rekrutierungsschema seine Wirkkraft weitgehend verloren.

Daher haben die Logen und Großlogen begonnen, ihre Öffentlichkeitsarbeit durch Presseartikel, Einladungen und Vorträge, aber auch durch moderne PR-Maßnahmen zu intensivieren – ein Vorgehen, das innerhalb des Freimaurerbundes kontrovers diskutiert wird. Dabei wird die Kontaktaufnahme zur örtlichen Loge über das Internet in hohem Maße erleichtert. Inzwischen verfügt fast jede Loge über eine eigene Internetadresse. In den letzten Jahren haben die fünf deutschen Großlogen ihre Öffentlichkeitsarbeit kontinuierlich ausgebaut. Über die Internetseite der VGLvD gibt es für Außenstehende eine direkte Zugangsmöglichkeit zu einer öffentlichen Diskussionsliste. Darüber hinaus können per E-Mail Fragen zur Freimaurerei gestellt werden, die in einzelnen Rubriken beantwortet werden.

Trotzdem bleibt die eigentümliche Spannung zwischen Geheimnis und Öffentlichkeit in der Freimaurerei nach wie vor bestehen. So plädiert ein Logenmitglied in einer internen Zeitschrift für eine „offensive Öffentlichkeitsarbeit“, räumt aber gleichzeitig selbstkritisch ein: „Vielmehr scheint es so zu sein, dass wir, die Freimaurer, nicht in der Lage sind, das Interesse der uns umgebenden Gesellschaft zu befriedigen. Wer kennt nicht den Eiertanz, den auch wohlmeinende Brüder gegenüber profanen Teilnehmern unserer Gästeabende aufführen, wenn nach der Substanz des Bundes gefragt wird. Fragen nach Sinn, Inhalt und Vorgehensweise der Freimaurerei werden nur allzu schnell mit dem Verweis auf unsere vermeintlichen Geheimnisse abgeblockt. Und dies nicht aus Böswilligkeit, vielmehr aus der Unfähigkeit des Einzelnen heraus, sich und sein Tun als Freimaurer zu positionieren. Eine sich aus dieser Misere entwickelnde Öffentlichkeitsarbeit bleibt dann tatsächlich in der Aufzählung berühmter Freimaurer der Vergangenheit gefangen, im Brüsten mit unserer vermeintlichen Wohltätigkeit und dem öffentlichen Begehen diverser Logenjubiläen.“ Erinnert wird in diesem Zusammenhang häufig an das „Kapital“ der Freimaurerei für die Gegenwart: Der Männerbund biete heute eine Nische inmitten einer in der Gesellschaft üblichen „Gleichmacherei“ der Geschlechter. Die darin praktizierte Einübungsethik ermögliche eine gemeinsame Basis für ein gedeihliches Miteinander.

Zur Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne trägt auch die von Freimaurern betriebene Forschungsarbeit bei, die beispielsweise im Rahmen von regelmäßigen Arbeitstagungen der „Forschungsloge Quatuor Coronati“ oder neuerdings im Zusammenwirken mit universitären Einrichtungen in Bielefeld und Innsbruck betrieben wird. Mit der Publikation der Forschungsergebnisse in Jahrbüchern, Zeitschriften und im Internet wird ein eigenständiger wie auch selbstkritischer Umgang mit der Geschichte und dem Anliegen der Königlichen Kunst in der Postmoderne geleistet.

Konsensfreimaurerei in Deutschland

Die so genannte Tempelarbeit der Freimaurer geschieht vor Ort in der Loge. Die nächsthöhere organisatorische Einheit ist die Großloge, die ihr eigenes Lehr- und Ritualsystem pflegt. Im Unterschied zu anderen Ländern gibt es in Deutschland aus historischen Gründen keine vereinigte Großloge, sondern fünf nebeneinander bestehende Großlogen mit unterschiedlichen Lehrgradsystemen. Diese wiederum haben sich 1958 mit der so genannten „Magna Charta“ eine Dachorganisation gegeben: Vereinigte Großlogen von Deutschland – Bruderschaft der Freimaurer. Ihr gehören folgende Großlogen an: Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland; Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland – Freimaurerorden; Große National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“; American Canadian Grand Lodge (ACGL); Grand Lodge of British Freemasons in Germany (GLBFG). Während die beiden letztgenannten Großlogen aus sogenannten Feldlogen der alliierten Streitkräfte nach 1945 hervorgegangen sind, können die drei erstgenannten auf eine lange und zum Teil wechselvolle Geschichte zurückblicken. Zwar werden diese fünf Großlogen unter dem Dach der Vereinigten Großlogen von Deutschland zusammengefasst, jedoch jede in ihrer Eigenständigkeit und Lehrart (Obödienz) belassen. Während die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland nur solche Mitglieder aufnimmt, die sich zur „reinen Lehre Jesu Christi“ bekennen („christliche Freimaurerei“), stehen die übrigen Großlogen für Menschen jeden Glaubens offen, also beispielsweise auch für Muslime („humanitäre Freimaurerei“).

Was suchen Freimaurer – und was finden sie?

Auch Konfessionslosen ist übrigens der Zugang zu den letztgenannten Logen nicht verwehrt, wenn sie den „Allmächtigen Baumeister aller Welten“ als ein höchstes sittliches Prinzip anerkennen. Solange sie also nicht dezidiert antireligiös eingestellt oder aktive Gottesleugner sind, können sie aufgenommen werden. Diese Haltung scheint im Blick auf Ostdeutschland von Bedeutung zu sein, da hier für Konfessionslose von Seiten der Freimaurerei der Beitritt nicht an konfessionelle oder inhaltliche religiöse Vorgaben gebunden ist. Gleichzeitig werden auch solche als Mitglieder in den „humanitär“ ausgerichteten Freimaurerbund aufgenommen, die sich als kirchlich oder religiös gebunden bezeichnen. So lässt etwa die derzeit mitgliederstärkste Großloge der Alten Freien und Angenommenen Meister von Deutschland nach ihrer Verfassung von 1974 „ohne Ansehen des religiösen Bekenntnisses, der Rasse, der Staatsangehörigkeit, der politischen Überzeugung und des Standes freie Männer von gutem Ruf“ zu, „wenn sie sich verpflichten, für die Ziele der Freimaurer an sich selbst zu arbeiten und in den Gemeinschaften, in denen sie leben, zu wirken“.

Was finden Männer in diesem Lebensbund? Einen interessanten Einblick in die persönlichen freimaurerischen Sinndimensionen gibt eine Mitgliederbefragung, die vor kurzem innerhalb der österreichischen Logen durchgeführt wurde. An erster Stelle nannten die Befragten die soziale Nähe, wie sie in Form von Freundschaft und menschlichen Beziehungen erfahren wird. An zweiter Stelle rangiert der Lebenssinn, den die Königliche Kunst dem Einzelnen vermittelt. Genannt wurden in diesem Zusammenhang folgende Aspekte: Bearbeitung individueller Sinnfragen, Optimismus und positive Weltsicht. An dritter Stelle nannten die Befragten das Thema „Esoterik“. Darunter seien jedoch nicht Aspekte des modernen Esoterik-Marktes zu verstehen, sondern vielmehr eine Form der „Innerlichkeit“.

Im Rahmen dieses weit gefassten Esoterik-Begriffs geht es den Befragten insbesondere um die „generelle Identifikation mit rituellen und symbolischen Werten“, aber auch um Entspannung und Beruhigung. An vierter und fünfter Stelle wurden genannt: die Möglichkeit der Selbstentfaltung in Form von Kreativität und der Vermittlung eines Selbstwertgefühls sowie der Aspekt Bildung, die innerhalb der Logen durch Vortrag und gegenseitigen Austausch vermittelt wird.

Pluralisierungsprozesse innerhalb der Freimaurerei

In den Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen postmoderner Gesellschaften und in den sie begleitenden Gegentendenzen entdecken Freimaurer für ihr Anliegen neue Chancen. Sie beobachten in der Gesellschaft eine neue Suche nach Bindung und Wertorientierung. Gefragt sei insbesondere eine neue „Nachdenklichkeit“, die im Innehalten, in Stille und Langsamkeit sich Ausdruck verschaffe. In diesen genannten Aspekten sehen die Freimaurer eine neue Chance. Gleichwohl müssen Freimaurer einräumen, dass ihre Rolle heute bescheidener als früher ausfalle. Gleichwohl haben die Anfragen von Interessierten deutlich zugenommen. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind auch die in Städten ansässigen Logenhäuser, in denen zu Informationsveranstaltungen eingeladen wird. Daraus ergeben sich erste Berührungen mit der Loge. Für die endgültige Aufnahme ist jedoch der persönliche Kontakt zu der örtlichen Loge mit einem entsprechenden Gesuch unabdingbar. Der Bewerber entrichtet bei seiner Aufnahme in den Bund der Freimaurer eine Gebühr, der eigenen Angaben zufolge bei 500 Euro liegt. Der monatliche Mitgliedsbeitrag beträgt in deutschen Logen etwa 20 bis 30 Euro.

In Deutschland zeichnen sich – in stärkerem Maße als vor 30 Jahren – Pluralisierungstendenzen innerhalb der Freimaurerei ab. Unter dem Dach der Vereinigten Großlogen von Deutschland haben sich die fünf Obödienzen eine gemeinsame Basis gegeben, die ihren unterschiedlichen Lehrarten aber größtmögliche Gestaltungsfreiheit einräumt. Die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Lehrarten (englischer, schottischer sowie schwedischer Typus) sollten daher von außen auch differenziert zur Kenntnis genommen werden. Kritik von außen regt sich insbesondere am Charakter des Männerbundes. In diesem Zusammenhang wird häufig kritisiert, dass die Freimaurer entgegen ihrem Anspruch nicht tolerant seien, da sie Frauen in ihren Reihen nicht duldeten.

Wenngleich der deutsche Bruderbund, nicht zuletzt auch im Respekt vor der Vereinigten Großloge von England, die klaren Bestimmungen für die Regularität, also für die rechtmäßige Freimaurerei, teilt, so zeichnen sich mit dem wachsenden Interesse von Frauen an der Königlichen Kunst auch neue Herausforderungen für die Freimaurerei insgesamt ab, die sich derzeit (noch) nicht abschätzen lassen. An gemeinsame Tempelarbeiten von Frauen und Männern ist dabei allerdings nicht gedacht. Damit würde ein wesentliches Charakteristikum des Freimaurerbundes verloren gehen. Es gibt jedoch Stimmen, die innerhalb des Bruderbundes für grundlegende Reformen eintreten. In diesem Zusammenhang wird ein erkennbares politisches Profil nach außen, eine innere Modernisierung (beispielsweise der Ritualtexte) und die Zulassung von Frauen in die Logen eingefordert. Neben dem reinen Männerbund hat sich Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland die spezifische Form der femininen Freimaurerei entwickelt. Auch wenn die Gesamtzahl der Freimaurerinnen in Deutschland noch sehr bescheiden ausfällt – für das Jahr 2004 wird ihre Gesamtzahl mit rund 260 Mitgliedern in 15 Logen angegeben –, so kann die Frauen-Großloge von Deutschland von steigenden Mitgliederzahlen und einer intensiven Nachfrage von Frauen im Alter zwischen 30 und 35 Jahren berichten. Der Zugang beziehungsweise die Kontaktaufnahme wird auch hier über das Internet erleichtert.

Bewusstes Festhalten an der eigenen Tradition und vorsichtige Innovation

Die regelmäßig durchgeführten Gästeabende stoßen auf großes Interesse, so dass im Einzelfall die Zahl der anwesenden Gäste die der „Schwestern“ deutlich übersteigt. Als vorrangiges Motiv, sich der femininen Freimaurerei zuzuwenden, wird neben der gemeinsamen „Arbeit“ und dem geistigen Austausch besonders auch die Sehnsucht nach Werten genannt: „Suchende klopfen aus den unterschiedlichsten Motiven an. Manche meinen, die Freimaurerei sehr gut zu kennen, weil sie früher bereits in anderen Logen gearbeitet haben oder weil ihre Partner Freimaurer sind. Viele sind auf der Suche nach Wegen der Persönlichkeitsentwicklung, ohne sich einer Sekte oder einer religiösen Vereinigung verschreiben zu müssen. Gleichzeitig wollen sie ihre persönliche Entwicklung in einer Gemeinschaft vornehmen.“ Neben der maskulinen und femininen Freimaurerei, die in gegenseitigem Respekt nebeneinander existiert, ohne jedoch gemeinsame „Tempelarbeiten“ durchzuführen, gibt es in Deutschland auch so genannte gemischte Logen, die Männer und Frauen aufnehmen. Diese Form wird jedoch von den Vereinigten Großlogen von Deutschland im Sinne der alten Bestimmungen der Freimaurerei als irregulär abgelehnt.

Das bewusste Festhalten an der eigenen Tradition und die vorsichtige Innovation stellen die Freimaurerei im 21. Jahrhundert vor neue Aufgaben. Die Freimaurerei wird nicht zuletzt wegen ihres großen Traditionsbewusstseins und ihrer hohen Verbindlichkeit in Zeiten von Individualisierung und Traditionsverlust weiterhin sperrig sein – und es offensichtlich auch bleiben. Vielleicht ist gerade das eines ihrer Geheimnisse.

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