Indien-MissionDer Missionar als Mathematiker, Sprachwissenschaftler, Dichter

Erinnerung an einen Missionar, der in Indien wirkte und dort kulturfördernd wirkte.

Die christliche Missionsgeschichte wird oft pauschal – auch wegen ihrer Schattenseiten – als durchgehend kulturzerstörerisch gebrandmarkt. Die Missionare hätten die einheimischen Zivilisationen überfremdet. Derartige Vorurteile haben sich seit dem Zeitalter der Entkolonialisierung nicht zuletzt bei intellektuellen Kreisen eingebrannt. Sie werden gern allgemein gegen „Kirche“ in Stellung gebracht. Dabei könnte ein genauerer Blick auf die Fakten zumindest die Gebildeten unter den Verächtern der Religion aufklären darüber, wie gerade christliche Ordensleute dafür sorgten, fremde Kulturen zu erforschen, für den auch westlichen Erkenntnisgewinn zu studieren und so zu einer Horizonterweiterung, ja Horizontverschmelzung in gegenseitiger Bereicherung beizutragen.

Einer dieser gebildeten Männer, der in Indien wirkte und dort kulturfördernd wirkte, ist der spanische Jesuit Carlos Valles, der soeben 95-jährig in Madrid starb. Indiens Premierminister Narendra Modi schrieb: Valles habe Indien „mit Leidenschaft gedient“ und sich bei vielen beliebt gemacht. In vielen Bereichen, in der Mathematik und Literatur der Sprache Gujarati – einem indoarischen Zweig der indogermanischen Sprachen – habe er sich hervorgetan. „Ich bin traurig über seinen Tod. Möge seine Seele in Frieden ruhen.“ Valles prägte als Autor von 78 Büchern in Gujarati einen neuen Schreibstil. Er übersetzte viele mathematische Konzepte in diese Sprache.

Valles ging 1949 nach Indien. Dort lernte er zunächst Englisch, dann die Gujarati-Sprache. Er studierte Mathematik an der Universität Madras und lehrte das Fach am damals gerade eröffneten St. Xavier’s College in Ahmedabad. Die mehr als hundert Werke des Ordensmanns, der auch an Mathematischen Weltkongressen teilnahm, wurden in mehrere europäische Sprachen und ins Chinesische übersetzt. Sie behandeln außer der Mathematik Themen des täglichen Lebens. Der Bundesstaat Gujarat zeichnete ihn mehrmals aus, darunter 1978 als ersten Ausländer mit dem Ranjitram Suvarna Chandrak, dem höchsten Preis in der Gujarati-Literatur. Ebenso bekam Valles die indische Staatsbürgerschaft und die Ehrenmitgliedschaft der Jain-Gemeinde in Mumbai, zu der er freundschaftliche Beziehungen pflegte.

Auch eines weiteren Indien-Missionars und Kulturvermittlers aus den Reihen der Jesuiten wurde dieser Tage gedacht: Im Bundesstaat Chennai feierte die Ordensgemeinschaft zusammen mit führenden Politikern den Italiener Costanzo Giuseppe Beschi (1680–1747), der als Dichter, Schriftsteller und Übersetzer in die tamilische Sprache wirkte. Er wird als „Veeramaamunivar“, als „Vater der tamilischen Prosa“ verehrt.

Beschi wirkte ab 1710 im südindischen Madurai. Dort nahm er – in Anlehnung an die Arbeit seiner Ordensbrüder in China – einen indischen Lebensstil an, kleidete sich als Sannyasi (hinduistischer Asket) und baute Kirchen, die von den Tempeln der Mehrheitsreligion inspiriert waren. Die tamilische Sprache beherrschte er so gut, dass er poetische und literarische Werke verfassen konnte, darunter das „Thembavani“, ein Gedicht, das die Geschichte Jesu erzählt und als ein Klassiker der tamilischen Literatur gilt. Beschi soll mehr als 12000 Personen vom Christentum überzeugt und getauft haben: von den höchsten bis zu den niedrigsten Kasten. Beschis Grab in Sampaloor ist noch heute ein beliebtes Pilgerziel.

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