Corona des GlaubensReligion Medizin – oder der Arzt Christus

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hatte bereits im Frühjahr den Kirchen vorgworfen, in der Corona-Krise versagt, gegenüber den staatlichen Vorgaben gekuscht und dabei die eigene Geisteskraft verloren zu haben. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück nimmt die Provokation auf. Ein spannender Disput nicht nur für Seuchen-Zeiten.

Angesichts einer langanhaltenden, sich über alle Kontinente erstreckenden tödlichen Seuche, wie sie die Welt bisher nicht gekannt hat, liegen die Nerven blank. Das umso mehr, je heftiger die einen sich vor der Verantwortungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit der Gefährlichkeits-Leugner oder derer, die das hohe Risiko – weil jüngeren Alters – ignorieren, fürchten. Und je militanter die anderen meinen, alle einschränkenden Maßnahmen seien nichts anderes als eine freiheitsberaubende Schikane von Regierungen oder sonstigen, womöglich dunklen, Mächten. Mitten in diesem Hin und Her von Zahlen, Fakten, Verdächtigungen, Wissen und Nichtwissen stehen die Wissenschaftler, die sich in manchen Forschungsergebnissen, Einschätzungen, Abwägungen und Empfehlungen verständlicherweise widersprechen, wobei persönlicher Ehrgeiz und Stolz nicht ganz abzuweisen ist.

Irgendwo dazwischen stecken die Religionsführer und Seelsorger, die es eigentlich ja mit dem zu tun haben, was den Menschen unbedingt angeht: das Letzte, Existentiellste, Heil und/oder Untergang, Tod und/oder ewiges Leben, Sünde, Schuld, Versagen und/oder Vergebung, Versöhnung, Befreiung. Das alles ist eingebettet in eine Geschichte, deren im Dunkeln liegende Vorvergangenheit niemand der Heutigen wirklich kennt und deren Zukunft schon gar niemand ernsthaft vorhersagen kann, auch wenn sogenannte Zukunftsforscher sich dazu berufen fühlen. Nichts aber ist sicherer als der Irrtum, wobei irgendwer unter den vielen Irrenden allein aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeit später mal Recht haben und als weiser „Prophet“ dastehen könnte, der es doch „immer schon gewusst hat“.

So tasten sich nicht nur Wissenschaft, Forschung – jetzt insbesondere Medizin und Pharmakologie – voran, so muss genauso die Bevölkerung auf neues Lernen vorbereitet sein, Verweigerung inbegriffen. Die Christen hätten darüberhinaus manche Horizonterweiterung im Glaubensverständnis zu lernen, die amtlich zur Leitung Bestellten genauso wie das übrige Volk Gottes. In der Vielfalt beziehungsweise im Wirrwarr der Meinungen, Einsichten und Ansichten sind viele Stimmen zu hören. Einzelne, gerade unbequeme Facetten hätten es verdient, auch kirchlich besser wahrgenommen und bedacht zu werden.

Die Theologen Virologen

So hatte der italienische Starphilosoph Giorgio Agamben schon bei der ersten Seuchenwelle im Frühjahr die Kirchen kritisiert, sich mit einem unterwürfigen Gehorsam der neuen Religion Gesundheit und deren Gesundheitswissenschaft angepasst, ihre eigene geistige Vollmacht dem medizinischen Kult gebeugt zu haben. Im Grunde gebe es – so Agamben in der „Neuen Zürcher Zeitung“ – momentan drei große Glaubenssysteme: „Christentum, Kapitalismus und Wissenschaft“. Im aktuellen Glaubenskrieg angesichts der Epidemie nehme die Medizin, „deren unmittelbarer Gegenstand der lebendige Körper des Menschen ist“, Wesenszüge eines „siegreichen Glaubens“ an.

Agamben zieht erstaunliche Parallelen zu den Erscheinungsformen von Religion: Zum Beispiel herrsche in der Gesundheits- und Wellnessreligion ein dualistischer Gegensatz ähnlich dem zwischen einem bösen und einem guten Gott beziehungsweise einem bösartigen und einem segensreichen Prinzip: Krankheiten, ausgelöst etwa von Bakterien und Viren, stehen auf der einen Seite, Heilung auf der anderen. Wie die religiöse Religion hat die Gesundheitsreligion ihre Kultdiener, Priester und Oberpriester. Das sind die Ärzte. Die Theologen wiederum, die alles ergründen, reflektieren und daraus praxistaugliche Anweisungen sowie Strategien entwerfen, sind – in diesem Fall – die Virologen, Personen „an der Grenze zwischen Biologie und Medizin“.

Die aktuelle Seuchen-Liturgie des Heilens unterscheide sich in einem Punkt allerdings deutlich von der religiösen Liturgie: Diese ist begrenzt. Die gesundheitliche Kulthandlung unter Epidemie-Bedingungen sei jedoch unbegrenzt, fortdauernd. Es gehe dabei nicht mehr darum, Medikamente einzunehmen oder sich, wenn nötig, einer ärztlichen Untersuchung oder einer Operation zu unterziehen: „Das ganze Menschenleben muss zu jeder Zeit zum Ort einer ununterbrochenen Kultfeier werden. Der Feind, das Virus, ist immer präsent und muss unerbittlich und unverzüglich bekämpft werden.“ Ähnliche „totalitäre Tendenzen“ kenne das Christentum, was aber nur die Mönche betreffe, die eine quasi ständige Liturgie feierten, ein Beten ohne Unterlass. Allerdings gleichfalls mit einem Unterschied: Während die „Mönche sich früher in Konventen zum gemeinsamen Gebet versammelten, muss der Gottesdienst nun ebenso eifrig, aber getrennt und auf Distanz praktiziert werden“.

Die Verhaltensregel Abstand halten, Hygiene beachten, Atemmasken tragen, das sogenannte große AHA, wurde um der Gesundheit willen laut Agamben zur Lehre, zum Dogma. Die verpflichtende Norm lieferte die Politik. „Die weltliche Macht hat dafür zu sorgen, dass die Liturgie der Religion namens Medizin, die jetzt mit dem ganzen Leben zusammenfällt, in der Praxis exakt eingehalten wird.“

Statt Heil Gesundheit?

Dann aber rechnet Agamben mit der Kirche ab. Sie habe „ihre Prinzipien verleugnet“ und sich den staatlichen Anordnungen willenlos untertan gemacht. Unterdessen habe die Medizin die „eschatologische Instanz“ übernommen, welche das Christentum seinerseits vorbehaltlos fallenließ: Die Vorstellung von einem Ende der Zeit wurde demnach von der Gesundheitsreligion vereinnahmt zu einer dauerhaften Krise. Es geht um ein „letztes Ding“, ein Eschaton, angesichts dessen „die äußerste Entscheidung immer ansteht und das Ende sowohl überstürzt als auch verzögert kommt, im unaufhörlichen Versuch, es zu beherrschen, ohne seiner ein für alle Mal Herr zu werden“. Doch im Gegensatz zum Christentum biete die Religion Medizin „keine Aussicht auf Heil und Erlösung. Im Gegenteil, die angestrebte Heilung kann nur vorübergehend sein, da der bösartige Gott, das Virus, nicht ein für alle Mal beseitigt werden kann; es verändert sich ständig und nimmt neue, vermutlich riskantere Formen an“.

In einem weiteren Aufsatz – „Wenn das Haus in Flammen steht“ (ebenfalls „Neue Zürcher Zeitung“, Ende Oktober) – sieht Agamben mit noch apokalyptischeren Wendungen das Christentum samt Geschichte dem Untergang entgegengehen. Durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus habe sich die damals neue Religion zwar an die Geschichte binden müssen, aber „eigentlich war die Kirche solidarisch nicht mit dem Heil, sondern mit der Heilsgeschichte, und weil sie das Heil (‚salvezza‘) mittels der Geschichte suchte, konnte sie nur in der Gesundheit (‚salute‘) enden. Als die Zeit gekommen war, zögerte sie nicht, der Gesundheit das Heil zu opfern.“ Agamben sieht mit dem Verlöschen und Verfallen der Geschichte, wie er düster diagnostiziert, auch das Christentum, das „Heil in der Geschichte und mittels der Geschichte“ suchte, sich „seinem Niedergang“ nähern. Gibt es noch eine Chance, es daraus zu retten? Für den Philosophen nur, wenn man das Heil seinem historischen Kontext „entreißen“ und „eine nichthistorische Vielheit“ finden würde, „eine Vielheit als Ausweg aus der Geschichte“.

Religion rangiert ganz unten

Das Recht eines Philosophen ist es, nicht nur scharf zu denken, Widerborstiges, Ungemütliches ans Licht zu bringen, sondern damit auch scharf zu polemisieren. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück hat den Spielball aufgenommen und weiter vorangetrieben, nicht im Sinne bloßer Verteidigung, sondern um das eigene kirchliche Verhalten kritisch zu überprüfen, dabei aber nicht minder der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Denn dieses Jahr einer schweren gesundheitlichen Krise habe offengelegt, wie die Religionsgemeinschaften zusammen mit der Kultur „in den toten Winkel“ der Zivilisation gerutscht sind. In der „politischen Hierarchie“ rangiert die Gesundheit ganz oben, dann kommt die Wirtschaft und dann die Bildung. Alles andere – einschließlich der existentiellen religiösen Fragen – unter „ferner liefen“. Innerkirchlich sei man in dieser Situation der nicht nur gefühlten offiziellen Bedeutungslosigkeit versucht gewesen, sich wichtig zu machen mit diakonischer Bereitstellung für den Staat. „Bischöfe und Caritas-Funktionäre verwiesen…auf die sozialen Dienste, die die Kirche zur Eindämmung der Krise leiste“, so Tück. Das aber offenbart die funktionalistische Falle des Christentums, das bloß noch an seinem gesellschaftlichen Nutzen gemessen wird. „Dort, wo Religion auf Kontingenz- und Krisenbewältigung reduziert wird, gerät ihre eigentliche Dimension aus dem Blick. Die Kirche feiert Mysterien, sie befriedigt keine Bedürfnisse. Sie reißt einen Horizont auf, der die Angst um das nackte Überleben überschreitet, und leitet zu einer Lebenskunst an, die hilft, mit Verletzlichkeit und Sterblichkeit umzugehen“.

Wie existenzrelevant aber hat sich das Christentum in diesen Monaten wirklich gezeigt – jenseits pastoralpraktischer und liturgietechnischer Maßnahmen zum Beispiel mit Streaming-Gottesdiensten, Hausgebetsvorlagen und optimierten Internetauftritten? Tück zieht eine durchwachsene Bilanz: „Seit dem Ausbruch der Pandemie sind nur wenige Stellungnahmen von Kirchenfunktionären und Theologen im öffentlichen Raum vernehmbar gewesen“. Das christliche Glauben als Tun trat gerade in dieser hochbrisanten Zeit öffentlich fast gar nicht in Erscheinung. „Gewiss, man war sich schnell einig, dass die Pandemie nicht als Strafe Gottes zu deuten sei. Man beschwor den Zusammenhalt der Menschen und die Bindekräfte der Religion. Aber wie die Fragilität und Verletzlichkeit menschlichen Lebens im Horizont des Glaubens zu deuten sei, blieb weithin offen. Die Theodizeefrage wurde nicht einmal gestellt, als könne ein physisches Übel wie die Pandemie den Glauben an den guten Schöpfergott nicht von Grund auf erschüttern. Auch von einem verborgenen Wirken Gottes in der Geschichte war wenig zu hören… Mitunter konnte gar der Eindruck entstehen, als wollten sich einzelne Bischöfe als die besseren Gesundheitspolitiker profilieren, wenn sie die staatlichen Auflagen für Versammlungen in Kirchen und Kathedralen noch überboten.“

Heil(s)mittel Sakrament

Agambens Provokation sollte also nicht einfachhin überspielt werden. Sein vermeintlich „Querdenkerisches“ hat einen entscheidenden Faktor allerdings außer Acht gelassen: Gerade in der Religion Christentum und im Kult christlicher Liturgie, in den Sakramenten, den Heil(s)mitteln, bildet die Sorge um Seele und Leib, um Geist und Körper eine Einheit – und zwar aus zutiefst religiösen, theologischen, eschatologischen Gründen. Im sakramentalen Geschehen, in den sinnlichen Zeichenhandlungen, Salbungen, Berührungen, im Essen und Trinken der eucharistischen Gaben, im Verzehr der Seelenspeise und des Seelentranks als „Wegzehrung“, drückt sich sehr leiblich-leibhaftig aus, was dem irdischen Wohl auf der Pilgerschaft zum himmlischen Heil geistig und geistlich, intellektuell und emotional Kraft und Segen verleiht.

Agambens Anstößen liegt eine extreme Reduktion des christlichen Heilsverständnisses zugrunde, das in die Heilsgeschichte sehr wohl die medizinische Perspektive einbettete, schon vom frühen Auftreten Jesu, des Gottes- und Menschensohnes, an. Dieser wird von den Jüngern des verhafteten Täufers gefragt, ob er der Gesandte, der Messias sei. Die bei Matthäus bezeugte, ausgesprochen körperlich-materielle Antwort ist bezeichnend: „Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“

Nicht ohne Grund hat Christus, der Gesalbte, den Namen „Heiland“ erhalten, weil er dem Verlorenen nachgeht, dem Kranken, dem Sünder heilend aufhilft. Die Heilungserzählungen machen einen großen Teil der Evangelien aus. Das Heilen scheint schon in den frühesten christlichen Gemeinden, auf den Missionsreisen der Apostel höchst bedeutsam gewesen zu sein, um darin die Gnade Gottes und Berufung des Menschen zum ewigen Heil transparent werden zu lassen. Der gute Hirt, der den vermissten Schafen folgt, ist frühchristlich zugleich als der Christus Arzt verehrt worden – was die gesamte Ikonographie durchzieht. „Einen Arzt gibt es, Jesus Christus, unseren Herrn“, bezeugte Ignatius von Antiochien (gestorben wahrscheinlich um 108).

Im „Lexikon für Theologie und Kirche“ heißt es: „Die Deutung Jesu Christi als Soter – Salvator – Medicus bei den Vätern (zum Beispiel Klemens von Alexandrien, Tertullian, Origenes, Augustinus) begreift Jesu heilende Kraft aus seinem ganzheitlich-befreienden Handeln. Die Christus-Medicus-Deutung setzt sehr früh an … (u.a. Hildegard von Bingen…), bewirkt im Mittelalter die Kultur der Barmherzigkeit (vgl. den bedeutenden Arzt und ‚Laientheologen‘ Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus) und zeigt eine lange Wirkungsgeschichte. In der Kunst werden neben dem ‚Arzt‘ Lukas häufig Arzt-Heilige (Märtyrer) dargestellt, vor allem in der Ostkirche (Kosmas und Damian).“

Der – „querdenkerische“ – Einwurf Giorgio Agambens könnte und sollte einen gedankenlosen Kirchenbetrieb aufmischen, durchaus therapeutisch, auch wenn der Philosoph zu kurz gesprungen ist. Das kirchliche Lehrsystem leidet im Gegensatz zu seiner Wahrnehmung ja gerade darunter, dass das errichtete Glaubensgebäude die aufgeklärte Verbindung zu den modernen natur- und humanwissenschaftlichen Erkenntnissen immer noch nicht erhalten hat, obwohl historisch die Klöster für Bildung, Forschung und Wissenschaft die Grundlagen bereitet hatten. Auch in psychologischer Hinsicht hätte das Christentum ein ärztliches Können verdient. Für mehr Mut zum Neuen.

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