Innerislamische Glaubenskriege

Politische Konflikte in der arabischen Welt werden wesentlich durch muslimische Glaubensgegensätze befeuert.

Der religiöse Konflikt zwischen der schiitischen und sunnitischen islamischen Glaubensrichtung bestimmt die Politik im Nahen und Mittleren Osten weitaus stärker, als man in westlicher säkularer Sicht wahrnimmt. Darauf weist der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik in der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ hin. Die religiösen Kontroversen reichen weit zurück, bis in die Frühzeit des Islam im siebten Jahrhundert, als der Streit um die legitime Nachfolge Mohammeds zur Spaltung in zwei verschiedene Strömungen führte. Diese haben sich theologisch und spirituell je eigenständig weiterentwickelt.

Entscheidend für die Konflikte neuerer Zeit sei die Islamische Revolution im Iran 1979 gewesen, als Ajatollah Ruhollah Khomeini „der traditonellen Politikferne und dem Quietismus“ der schiitischen Ausprägung, „also der Passivität seiner gelehrten Kollegen in öffentlichen Angelegenheiten, eine Absage erteilte“, so Steinberg. Khomeini forderte in seiner Weiterentwicklung der religiösen Lehre eine „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ auch in politischen, staatlichen Belangen.

Da die iranischen Revolutionäre für die Ausbreitung ihres Gedankenguts nach Verbündeten in der – überwiegend sunnitischen – arabischen Welt suchten und Unterstützung zum Beispiel durch die Hisbollah im Libanon, mit Einflüssen nach Syrien, erhielten, sahen sich die Sunniten in den Ländern, die starke schiitische Bevölkerungsanteile hatten wie Saudi-Arabien, Kuwait und Bahrein durch den Revolutionsexport bedroht. Die Diskriminierung der Schiiten nahm infolgedessen zu, unter anderem im Irak. Über die strenge salafistische Glaubensrichtung des Wahhabismus in Saudi-Arabien entwickelte sich ein massiver Schiitenhass. Auf sunnitischer Seite seien die dschihadistischen Gruppierungen der wichtigste Träger antischiitischen Gedankenguts geworden. „Die schiitenfeindlichste unter ihnen war die 2004 gegründete al-Qaida in Mesopotamien, die sich später in Islamischer Staat umbenannte.“

Der Arabische Frühling 2011 sei ähnlich wie die Islamische Revolution von 1979 und der Irakkrieg 2003 ein „Epochendatum für den Konflikt der Konfessionen“, anhaltend insbesondere im Irak und in Syrien. Die Extremisten haben „vor allem von der Instabilität im Irak und dann der gesamten Region profitiert“. Die Corona-Krise könnte die Staaten des Nahen und Mittleren Osten weiter schwächen, so dass „islamistische Milizen und Terrorgruppen beider Seiten wieder erstarken“. Außerdem suchten viele Bewohner Schutz bei ihren Religionsgemeinschaften, wenn der Staat versagt. Das bedeutet, dass die vermeintlich rein politischen Konflikte in jener Weltgegend weiterhin wesentlich aus religiösen Konflikten entstehen und von diesen genährt werden.

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