Kindesmissbrauch in weltlicher Gesellschaft

Der schreckliche sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche empört weiterhin die Öffentlichkeit. Laut Studie der deutschen Bischofskonferenz sind von 1946 bis 2014 – also in knapp siebzig Jahren – 3677 Fälle ermittelt worden. Gemessen daran finden sich angesichts des gigantischen Ausmaßes sexueller Gewalt gegen Minderjährige im „weltlichen“ Bereich eigenartig wenig Entrüstung und Aufklärung in den Medien und in der Öffentlichkeit. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, vermutet, dass Tag für Tag allein in Deutschland mehrere hundert Kinder vergewaltigt oder anderweitig sexuell missbraucht werden. „Der sexuelle Missbrauch gehört leider zum Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland“, erklärte Rörig auf dem Portal t-online. Seit den Beratungen des sogenannten Runden Tisches vor neun Jahren habe sich daran nichts geändert. „Es ist leider kein erkennbarer Rückgang sexueller Gewalt gegen Minderjährige zu verzeichnen.“

Rörig äußerte sich anlässlich der jüngst bekanntgewordenen Verbrechen auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde, zu denen sich Päderasten verabredet hatten. Sie haben sich an mindestens 31 Kindern im Alter von vier bis dreizehn Jahren in mehr als tausend Fällen vergangen. Momentan stehen die Polizei und ein Jugendamt im Brennpunkt der Kritik, weil sie entsprechenden Hinweisen nicht beharrlich genug nachgegangen seien. Rörig beklagt die schlechte Personalausstattung, die mangelhafte Ausbildung und die falschen Strukturen im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Speziell zu diesem Verbrechensbereich seien Beamte „nicht ausreichend qualifiziert und fortgebildet“. Dringend notwendig seien entsprechende „Kompetenzzentren bei den Polizeibehörden der Länder“. Auch müssten dringend Missbrauchsbeauftragte in allen Bundesländern eingesetzt werden mit der Befähigung zur ressortübergreifenden Kooperation mit verschiedensten Behörden.

Außerdem verlangt Rörig grundlegende Reformen im Gerichtswesen. Angesichts des gewaltigen Ausmaßes von Kindesmissbrauch in der Gesellschaft sollten Schwerpunktgerichte für Jugendschutzverfahren ins Leben gerufen werden, „wie wir sie zum Beispiel für Wirtschaftsstrafsachen haben“. Rörig ist davon überzeugt, dass durch eine derartige Konzentration „der Rechtsstaat viel konsequenter gegen Straftäter vorgehen“ kann.

Mit zeitlich deutlichem Abstand zur katholischen Kirche will nun auch die evangelische Kirche in Deutschland die Erforschung und Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in den eigenen Reihen in Auftrag geben. Dazu gab es jetzt das Treffen einer Arbeitsgruppe mit Johannes-Wilhelm Rörig. Bis Herbst sollen Eckpunkte einer Vereinbarung geklärt werden, auf deren Grundlage die Daten in den einzelnen Landeskirchen erhoben werden. Auch ist eine sogenannte Dunkelfeldstudie vorgesehen.

Nach wie vor ungeklärt ist allerdings, warum es derart viele sexuelle Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche heutzutage gibt, ausgerechnet im „aufgeklärten“ Zeitalter nach der „sexuellen Revolution“. Begünstigt womöglich doch die dadurch ausgelöste und von den Medien stark beförderte Hypersexualisierung der Gesamtgesellschaft, die gesteigerte sexuelle Freizügigkeit in der Gesamtbevölkerung das „Ausleben“ pädophiler Neigungen? Wer dieses Thema anspricht und damit gegen den Mainstream der politischen Korrektheit ein Tabu bricht, erntet gewöhnlich massive Kritik, einen „Shitstorm“. Darüber müsste ebenfalls kritisch in der breiten Öffentlichkeit debattiert werden. Punktuelle Empörung und Entrüstung allein machen noch keinen Kinderschutz.

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