Widerstand gegen HitlerDie letzten Gebete der „Weißen Rose“

„Vergesst Gott nicht!!!“ Das schrieb Alexander Schmorell am Tag seiner Hinrichtung im letzten Brief an seine Eltern. An den Widerstand der „Weißen Rose“ gegen den Nationalsozialismus wird vielfach erinnert. Bücher, Filme und der schulische Unterricht klären ein junges Publikum über den Mut der Geschwister Scholl und ihrer Gefährten auf. Wenig beleuchtet wird jedoch, woraus sich ihre geistige Stärke, ihre moralische Standhaftigkeit nährte: aus dem christlichen Glauben. Am 22. Februar vor 75 Jahren wurden die ersten Todesurteile des Volksgerichtshofs gegen Mitglieder der „Weißen Rose“ vollstreckt.

Dieses Geräusch habe ich immer noch im Ohr; ich kann es nicht mehr vergessen und würde es sofort wiedererkennen.“ „Welches Geräusch?“, fragte ich. „Das eigenartige Klacken, das man hört, wenn das Fallbeil der Guillotine auf den Nacken des Hingerichteten trifft.“

Die Frau des Steinmetzmeisters, in dessen Werkstatt Altarplatte und Taufbecken für meine damalige Kirche gefertigt wurden, wuchs als Kind im Gefängnis München-Stadelheim auf. Sie war die Tochter des Gefängnisgärtners, der mit seiner Familie innerhalb der äußeren Gefängnismauer wohnte, unweit der Hinrichtungsstätte. Hingerichtet wurden die Häftlinge mit einer „Fallschwertmaschine“, wie man in jener Zeit die Guillotine nannte. Von 1933 bis 1945 fanden über tausend Menschen im Gefängnis Stadelheim auf diese Weise den Tod.

Die christliche Motivation

Am 22. Februar 1943 war das „Klacken“ dreimal zu hören. Nachmittags um 17 Uhr wurde das gegen Mittag vom Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler, verkündete Todesurteil an Christoph Probst, Sophie und Hans Scholl vollstreckt. In den folgenden Monaten kamen auch Alexander Schmorell, Kurt Huber und Willi Graf auf dieselbe Weise ums Leben.

Seither sind 75 Jahre vergangen, und die Veröffentlichungen zur „Weißen Rose“ sind nicht mehr zu überblicken: Vorträge, Zeitungsartikel, Doktorarbeiten, Theaterstücke, Filme für Kino und Fernsehen, Veröffentlichungen der Tagebücher und Briefe, Bücher über Bücher. Die Erinnerung und Deutung haben sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder verändert. Bis Mitte der sechziger Jahre wurde die christliche Motivation des Widerstands gegen die Nazis akzentuiert. Der Religionsphilosoph Romano Guardini gab bereits 1945 mit seiner ersten Gedenkrede an der Universität München diese Richtung vor. Bestimmend wurde dann das Buch „Die Weiße Rose“ von Inge Scholl, der älteren Schwester von Hans und Sophie Scholl. Das Werk erschien erstmals 1952, ein Bestseller. Über die Mitglieder der „Weißen Rose“ sprach man in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg ausgesprochen pathetisch, was auf heutiges Empfinden eher fremd wirkt: „Märtyrer“, „Helden“, „Selbstopfer“, „Reinheit“ usw. Den Mut, Widerstand zu leisten, sah man entweder bereits von Kindheit an grundgelegt oder durch einen im Lauf der Zeit gereiften christlichen Glauben erworben.

Im Umfeld der „Achtundsechziger“ wurden stärker die humane Geisteshaltung und der politische Freiheitswille beleuchtet. Die christliche Motivation wurde kaum mehr oder nur noch mit einer gewissen Verlegenheit erwähnt. Inge Scholl und Anneliese Knoop-Graf sahen sich verpflichtet, die Erinnerung an ihre ermordeten Geschwister durch publizistische Tätigkeit öffentlich wachzuhalten beziehungsweise neu zu wecken. Auch Clara Huber, die Ehefrau des Philosophen, Psychologen und Musikwissenschaftlers Kurt Huber, setzte sich schon bald nach Kriegsende intensiv für das erinnernde Gedenken ein. Die Familien Probst und Schmorell bevorzugten hingegen zunächst einen diskreten Umgang mit ihren Erinnerungen.

Fernab formelhafter Sprache

In neuerer Zeit werden die Lebensläufe der Mitglieder der „Weißen Rose“ und die Geschehnisse im München insbesondere der Jahre 1942/43 vor allem historisch-wissenschaftlich erforscht. Dieser nüchtern-sachliche Zugang erlaubt es, auch die Religiosität der betreffenden Personen neu und unbefangen wahrzunehmen. Ein Beispiel dafür ist der Drehbuchautor Fred Breinersdorfer, der in einem Interview zu seinem Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ sagte: „Wie Sophie Scholl betet, haben wir auch aus ihren Tagebüchern. Ich selber bin kein Christ, muss aber zugeben, dass ohne diesen Aspekt ihre Persönlichkeit nicht zu verstehen ist.“ In den Briefen und Tagebüchern der fünf Studierenden (bei Professor Kurt Huber ist die Quellenlage etwas anders) finden sich berührende und inspirierende Zeugnisse des Glaubens, formuliert in einer originellen Sprache, fernab von formelhaft-frommen Wendungen.

An jenem zweiten Advent

Hans Scholl, der zusammen mit Alexander Schmorell im Frühsommer 1942 die ersten vier Flugblätter der „Weißen Rose“ verfasste und verteilte, hatte ein halbes Jahr zuvor – im Advent 1941 – eine einschneidende religiöse Erfahrung gemacht. In einem Brief an seinen Mentor und väterlichen Freund Carl Muth, Herausgeber der damals verbotenen Zeitschrift „Hochland“, schreibt er: „Einige Worte des Dankes möchte ich an Sie richten, die sich leichter schreiben als sagen lassen. Ich bin erfüllt von Freude, zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten eigentlich und in klarer Überzeugung christlich zu feiern… Ich quälte mich in einer gehaltlosen Zeit in nutzlosen Bahnen, deren Ende immer dasselbe verlassene Gefühl war und immer dieselbe Leere… Eines Tages ist dann von irgendwoher die Lösung gefallen. Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn. In diese Zeit fällt meine erste Begegnung mit Ihnen. Dann ist es von Tag zu Tag heller geworden. Dann ist es wie Schuppen von meinen Augen gefallen. Ich bete. Ich spüre einen sicheren Hintergrund, und ich sehe ein sicheres Ziel. Mir ist in diesem Jahr Christus neu geboren.“

Im Brief an eine Freundin wird deutlich, was Hans Scholl mit dem „sicheren Hintergrund“, dem „sicheren Ziel“ andeutet: „Am zweiten Advent, den ich zum ersten Mal in meinem Leben ganz aus christlichem Herzen heraus erlebe, will ich noch an Dich denken. Vielleicht folgt dieser Brief noch rechtzeitig dem vorigen, aus dem Du vieles von ungelösten Dingen lesen konntest. Es ist im Grunde vieles anders geworden, das heißt, es hat sich im Grunde etwas gefestigt, das mir zum Halt geworden ist in dieser Zeit, die so sehr nach Werten sucht. Ich habe den einen, den einzig möglichen und dauernden Wert gefunden. Die Stelle im Kopfkissen, die nie warm und kalt wird, wie Cocteau sagt.“

Scholl greift da ein ungewöhnliches Bild des französischen Schriftstellers, Malers und Regisseurs Jean Cocteau auf. Er möchte auf etwas Absolutes verweisen, das nicht den wechselnden Einflüssen von Körper- oder Raumtemperatur unterworfen ist. Der Schlafsuchende, der seinen Kopf von der einen auf die andere Seite des Kissens dreht, kann erfahren: Es gibt bei allem Wechsel einen Ort der Stabilität der Temperatur. Für Mystiker ist das die Weise, wie sich Gott zeigt: nahe, auch wenn er sich entzieht.

Trotzdem rufe ich „Du“

Sophie Scholl hat sich bereits als Zwanzigjährige mit Augustinus beschäftigt und die „Bekenntnisse“ gelesen. Einträge in ihrem Tagebuch belegen, dass sie sich wie der junge Augustinus als Suchende versteht. Mit der Lauterkeit eines jugendlichen Herzens dürstet es sie nach Halt und Sinn in einem Leben, das sie bedroht sieht von Leere und Empfindungslosigkeit. Auch Sophie Scholl wechselt in ihren Tagebucheinträgen immer wieder unvermittelt ins „Du“ des Gebets. Sie kann nicht längere Zeit über Gott in der dritten Person schreiben. Es drängt sie, ihn direkt anzusprechen, zum Beispiel in einem Eintrag vom 15. Juli 1942: „Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte, nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit. Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Same nicht umsonst in sie falle, wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer, den ich so oft nicht mehr sehen will. – Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich, ‚Du‘ rufe ich, wenn ich auch nichts von Dir weiß, als dass in Dir allein mein Heil ist, wende Dich nicht von mir, wenn ich Dein Pochen nicht höre, öffne doch mein kaltes Herz, mein taubes Herz, gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendig ist in Dir. O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich…“

Die innige Beziehung zu Gott blieb nicht von Krisen und Anfechtungen verschont. Gerade durch Zweifel hindurch reifte Sophie Scholl in einen Glauben hinein, der nicht mehr einfach auf Gefühl aufbaut, sondern auf etwas Tieferem, auf einer willentlichen Entscheidung. In einer oft poetischen, bilderreichen Sprache beschreibt sie, wie man sich an etwas halten kann, das man nicht mehr fühlt. So in einem Brief an ihren Freund Fritz Hartnagel vom 18. November 1942: „Ich bin Gott noch so ferne, dass ich ihn nicht einmal beim Gebet spüre. Ja, manchmal, wenn ich den Namen Gottes ausspreche, will ich in ein Nichts versinken. Das ist nicht etwa schrecklich oder schwindelerregend, es ist gar nichts – und das ist noch viel entsetzlicher. Doch hilft dagegen nur das Gebet, und wenn in mir noch so viele Teufel rasen, ich will mich an das Seil klammern, das mir Gott in Jesus Christus zugeworfen hat, auch wenn ich es nicht mehr in meinen erstarrten Händen fühle. Ich bitte Dich: Denke an mich in Deinem Gebet; ich will Dich auch nicht vergessen.“

In dieser Zeit der Reifung im Glauben und Beten stieß Sophie Scholl auf die „Geschichte einer Seele“ der heiligen Therese von Lisieux. In einem Satz dieser jung verstorbenen französischen Mystikerin findet sich Sophie Scholl „sehr gut verstanden“, wie ein Brief an die Freundin Lisa Remppis vom 2. Februar 1943, knapp drei Wochen vor der Hinrichtung, bezeugt: „Wenn ich Gott preise, so empfinde ich nicht die geringste Freude. Ich preise ihn, weil ich ihn preisen will. Ich verstehe diesen Satz sehr gut.“

Später einmal ein Licht

Christoph Probst war als einziger der fünf Studierenden der „Weißen Rose“ bereits verheiratet und Vater von zwei Söhnen und einer Tochter, die einen Monat vor seiner Hinrichtung geboren wurde. Probst gehörte als einziger der Freunde keiner Konfession an. Seine Eltern ließen ihn nicht taufen, um ihm die Wahl seiner Glaubensrichtung selbst zu überlassen. Ein zentraler Begriff ist für ihn „die Liebe“. Darauf kommt er in seinen Briefen und Notizen immer wieder zurück.

Schon mit sechzehn Jahren fühlte er sich in der Verantwortung, nach dem Suizid seines Vaters dessen zweite Frau, die Stiefmutter, zu trösten. In einem Brief vom 13. Juni 1936 heißt es: „Wenn es Dir schlecht geht, so denke nur immer an das Herrlichste, was uns armen Menschen vom Himmel gegeben ist, die Liebe. Oft habe ich mich in schweren Stunden nach etwas Absolutem, nach einem Fels, der aus all dem Nebel der Täuschungen herausragt, gesehnt, an dem ich mich festhalten kann, weil alles um mich herum wandelbar und glitschig war. Erst neulich habe ich den Fels gefunden, es ist die Liebe. Nachher habe ich mich gewundert, dass man so etwas suchen muss, wo es so naheliegt. Alle anderen Begriffe sind an die Welt, an unser kleines Gehirn gebunden. Liebe herrscht überall.“

Mehrfach spricht Probst vom Leben als einem Weg, dessen Ziel jenseits der irdischen Etappe ist, so in dem Brief vom 27. Juli 1941 an den Halbbruder Dieter Sasse: „Auch im schlimmsten Wirrwarr kommt es darauf an, dass der Einzelne zu seinem Lebensziele kommt, welches nicht in einem äußeren Erreichen gegeben sein kann, sondern in der inneren Vollendung seiner Person. Denn das Leben fängt ja nicht mit der Geburt an und endigt im Tod. So ist ja auch das Leben, als die große Aufgabe der Menschwerdung, eine Vorbereitung für ein Dasein in anderer, neuer Form. Und dieser Aufgabe dienen letzthin alle größeren und kleineren Aufgaben und Ereignisse des Lebens. Wir erkennen zwar ihren inneren Zusammenhang noch nicht, wissen aber, dass sie sinnvoll sein müssen. Später einmal wird erst ein Licht auf alle Dinge unseres Lebens fallen, das sie uns klarer erkennen lässt.“ Fünf Monate später ergänzt Christoph Probst: „Versuche, auch das Leid lebendig zu tragen, nimm es ohne Angst gelassen hin, sage Dir immer wieder, dass es nicht umsonst gelitten wird, dass es genauso von Gott gesandt ist wie die Freude, dass es Dich nicht nur auf das spätere Leben vorbereitet, sondern auch auf den Tod.“

Berührend ist Probsts Abschiedsbrief vom 22. Februar 1943: „Liebstes Mütterchen – ich danke Dir, dass Du mir das Leben gegeben hast; wenn ich es recht überblicke, so war es ein einziger Weg zu Gott. Da ich ihn aber nicht weit gehen konnte, springe ich über das letzte Stück hinweg. Mein einziger Kummer ist, dass ich Euch Schmerz bereiten muss. Trauert nicht so sehr um mich, das würde mir in der Ewigkeit Schmerz bereiten. Aber jetzt bin ich ja im Himmel und kann Euch dort einen herzlichen Empfang bereiten. Eben erfahre ich, dass ich noch eine Stunde Zeit habe. Ich werde jetzt die heilige Taufe und die heilige Kommunion empfangen. Wenn ich keinen Brief mehr schreiben kann, grüße alle Lieben von mir… Sag ihnen, dass mein Sterben leicht und freudig war. Ich denke an meine herrlichen Kinderjahre, meine herrlichen Ehejahre. Durch alles schimmert Dein liebes Angesicht. Wie sorgsam und liebreich warst Du. Lass Dir Deine Lebensfreude nicht nehmen. Werde nicht krank. Wandere Deinen Weg zu Gott weiter.“

Von Tag zu Tag ruhiger

Alexander Schmorell war russisch orthodox getauft und nach dem frühen Tod seiner Mutter von einer russischen Amme in deren Sprache, Kultur und Religion erzogen worden. Er ist als einziger der fünf Studierenden zu kirchlicher Ehre gelangt und wird seit 2012 in der russischen Kirche als Heiliger und Neumärtyrer verehrt. Von allen Mitgliedern der „Weißen Rose“ hat er sich jedoch sehr zurückhaltend und auch nur ganz spärlich über seine Religiosität geäußert. Erst in den fünf Monaten Gefängnis hat diese sich zu einem unerschütterlichen Glauben gefestigt.

Schmorell erhielt von einem Mithäftling theologische Literatur, aus der er in einem Brief an seinen Vater und seine Stiefmutter zitiert. Da es ihm nur alle zwei Wochen erlaubt war zu schreiben, sind bloß acht Briefe aus dieser Zeit dokumentiert, alle in einem ruhigen, selbstsicheren und beinahe heiteren Ton verfasst. Am 2. Juni 1943 an die Halbschwester Natascha: „Du wirst Dich vielleicht wundern, wenn ich Dir schreibe, dass ich innerlich von Tag zu Tag ruhiger werde, ja sogar froh und glücklich, dass meine Stimmung meistens besser ist, als sie es früher, in der Freiheit, war! Woher das kommt? Das will ich dir gleich erzählen: Dieses ganze harte ‚Unglück‘ war notwendig, um mich auf den wahren Weg zu bringen – deshalb war es eigentlich gar kein Unglück. Vor allem bin ich froh und danke Gott dafür, dass es mir gegeben war, diesen Fingerzeig Gottes zu verstehen und dadurch auf den rechten Weg zu gelangen. Denn was wusste ich bisher vom Glauben, vom wahren, tiefen Glauben, von der Wahrheit, der letzten und einzigen, von Gott? Sehr wenig! – Jetzt aber bin ich so weit, dass ich auch in meiner jetzigen Lage, froh und ruhig, zuversichtlich bin – mag kommen, was da wolle. Ich hoffe, dass auch ihr eine ähnliche Entwicklung durchgemacht habt und dass ihr mit mir zusammen nach den tiefen Schmerzen auf dem Standpunkt angelangt seid, wo ihr für alles Gott dankt. Dieses ganze Unglück war notwendig, um mir die Augen zu öffnen, – doch nicht nur mir, sondern uns allen, all denen, die es getroffen hat – auch unserer Familie. Hoffentlich habt auch ihr den Fingerzeig Gottes richtig verstanden.“

Im letzten Brief an die Eltern, datiert auf den Tag der Hinrichtung, den 13. Juli 1943, schreibt Schmorell: „In wenigen Stunden werde ich im besseren Leben sein, bei meiner Mutter, und ich werde Euch nicht vergessen, werde bei Gott um Trost und Ruhe für Euch bitten. Und werde auf Euch warten! Eines vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!!!“

Der Sinn im Schicksal

Willi Graf ging weder Umwege noch Irrwege wie Hans und Sophie Scholl, die jahrelang begeisterte und stark engagierte Mitglieder der Hitlerjugend waren. Graf war eingebettet in eine stabile Familie, anders als Christoph Probst mit turbulenten häuslichen Verhältnissen und häufigen Wohnungs- sowie Schulwechseln. Willi Graf musste auch nicht zwei nationale Identitäten in sich vereinen wie Schmorell als Deutscher mit seiner Liebe zur russischen Heimat.

Als die Gestapo Graf aufforderte, einen Lebenslauf zu verfassen, schrieb er, dass „seine Erziehung ganz vom Geist des religiösen Lebens“ getragen war. Mit fünfzehn Jahren trat er dem „Bund Neudeutschland“ bei, einer Variante der katholischen Jugendbewegung. Später schloss er sich dem „Grauen Orden“ an, einer Gruppierung, die im Geheimen das Leben der bündischen Jugend weiter pflegte, als diese bereits verboten war. Anscheinend ohne größere Anfechtung blieb Willi Graf dem Glauben seiner Kindheit immer treu. Als seine jüngere Schwester Anneliese in eine Glaubenskrise gerät, schreibt ihr Graf am 6. Juni 1942: „Siehst Du, ich möchte Dir so gerne helfen, nicht etwa um zu missionieren, sondern um zu wissen, dass Dein Kummer geringer wird und die Klarheit größer… Oft musst Du im Neuen Testament lesen und jeden Satz einzeln überdenken und Dich fragen, was wohl damit gemeint ist. Diese Arbeit soll ungeheuer ernst geschehen und ohne jedes Vorurteil. Ich lege Dir eine kleine Arbeit von Guardini bei, die Du richtig durcharbeiten musst, aber auch in aller Offenheit.“

Willi Graf wurde mit Alexander Schmorell und Kurt Huber am 19. April 1943 zum Tod verurteilt, nicht jedoch wie diese am 13. Juli enthauptet. Er blieb bis 12. Oktober im Gefängnis, weil sich die Gestapo – allerdings vergeblich – erhoffte, durch weitere Verhöre noch mehr Namen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis Grafs zu erfahren. Es waren quälend lange und einsame Monate, die Graf jedoch die Möglichkeit gaben, sich auf das Sterben vorzubereiten.

Beinahe in jedem Brief versucht er, seinen Eltern und Schwestern zu helfen, das „Schicksal“ anzunehmen, dem „auch noch so schweren Geschick“ einen Sinn beizumessen, selbst wenn man ihn nicht verstehen kann. Die Familie solle die „Fügung Gottes“ akzeptieren, sich dem „Schutz Gottes empfehlen“ und alles in „Gottes Hände legen“. Der zum Tod Verurteilte wird nicht müde, die Familie um ihr Gebet zu bitten, so wie er umgekehrt sie seines Gebets versichert.

Am 10. September 1943, einen Monat vor der Hinrichtung, schreibt Willi Graf: „Dürfen wir nicht fast froh sein, dass wir in dieser Welt ein Kreuz auf uns nehmen können, das manchmal über jedes Maß hinauszugehen scheint? In gewissem Sinn ist es eine ‚wirkliche‘ Nachfolge Christi. Wir wollen versuchen, dieses Kreuz nicht nur einfach zu ertragen, sondern zu lieben und immer vollkommener zu leben im Vertrauen auf Gottes Ratschluss. Dann erfüllt sich der ganze Sinn in diesem schmerzvollen Leiden. Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern ein Durchgang, das Tor zum wahren Leben. Ich versuche, mir diese Wirklichkeiten ganz bewusst werden zu lassen und bitte um Kraft und Segen dafür. So berühren einen die alltäglichen Dinge nicht mehr so stark… Die Erfüllung des Lebens liegt nicht in ihnen.“

Die letzte Kommunion

Am Tag der Hinrichtung empfängt Alexander Schmorell die Kommunion aus der Hand eines orthodoxen Priesters. Hans und Sophie Scholl erhalten das Abendmahl von einem evangelischen Gefängnisgeistlichen. Christoph Probst geht unmittelbar nach seiner Taufe zur Kommunion. Ein katholischer Priester reicht auch Willi Graf das Sakrament. Hans Scholl und Willi Graf lassen sich – unabhängig voneinander – als letzte Worte aus der Bibel den 90. Psalm vorlesen (nach heutiger Zählung Psalm 91): „Wer im Schutz des Höchsten wohnt…“

Auf unaufdringliche Weise richten diese bewegenden Glaubenszeugnisse auch an den Leser von heute die persönliche Frage, was einem Gott bedeutet, wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt. Und was das eigentlich ist: Beten.

Literatur:

Hans Scholl, Sophie Scholl: „Briefe und Aufzeichnungen“ (hg. von Inge Jens, Frankfurt 1988)

Alexander Schmorell, Christoph Probst: „Gesammelte Briefe“ (hg. von Christiane Moll, Berlin 2011)

„Willi Grafs Jugend im Nationalsozialismus im Spiegel von Briefen“ (hg. von Hildegard Vieregg u. a., München 1984)

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