Vom Herrschen und vom DienenBei euch soll es anders sein

Jede irdische Herrschaft steht bei Jesus unter Vorbehalt. Das Herrschen Gottes hingegen richtet auf und befreit.

Die Worte „Herrschen“ oder „Herrscher“ haben keinen guten Klang. In vielen Bereichen ist eine starke Skepsis und Kritik gegenüber denen „da oben“ spürbar, in der Kirche, in der Politik, auch in der Wirtschaft. Das hat mit Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen zu tun, auch mit großen sozialen Ungleichheiten. Der herrschenden Klasse stehen die Unfreien, Sklaven, Deklassierten, Schuldner und Armen gegenüber. Auch die Rede von der „Macht“ oder den „Mächtigen“ steht fast immer unter Verdacht. Meist wird kritisch und in einem abschätzigen Sinn davon gesprochen. Das hängt mit massiven Erfahrungen des Missbrauchs von Macht zusammen, die wie ein Schock in den Knochen sitzen. Negative Machterfahrungen überfallen den Menschen ohne Anfrage. Sie werden zur Last, zu Mühsal oder Sorge. Da droht mich eine Übermacht zu zerbrechen und zu erdrücken. Macht in Form von Gewalt, von Vergewaltigung und von Unrecht führt zur Erstarrung, zur Kälte. Alles Lebendige, Schöpferische und Persönliche in mir fühlt sich dabei erdrückt und eingekerkert.

Der König der Wahrheit

Jesus selbst sieht die Herrschenden als solche, „die als Herrscher gelten“ oder „die Herrscher zu sein scheinen“. Es ist bekannt, wie sie sich verhalten: dass sie „ihre Völker unterdrücken und ihre Großen ihre Macht gegen sie gebrauchen“, wie es im Markusevangelium heißt (10,42). Machtstreben, Machtmissbrauch, Ego-Willkür, Völkervernichtung, Gesetzesherrschaft, Ausbeutung der Schwächeren, Ausbeutung der Natur sind ihre Kennzeichen. „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein“ (Mk 10,43f).

Die Offenbarung des Johannes wählt eine universale Perspektive: Christen gehören zu denen, die Jesus aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern „von Sünden erlöst hat durch sein Blut“ und „zu einem Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater“ (1,6). Als solche werden sie „auf der Erde herrschen“ (5,10). Es handelt sich um ein irdisches und ein himmlisches Herrschen, und zwar um ein Mitherrschen mit Christus, der als „König der Könige“ (Offb 17,14; 19,16; vgl. 1,5) dazu bestimmt ist, die Völker zu „weiden“ (Offb 12,5; 19,15; Ps 2). Wie geht das mit dem kritischen Verständnis Jesu vom Herrschen zusammen?

Das Herrschen, von dem das letzte Buch des Neuen Testaments spricht, ist jenes, zu dem Jesus selbst sich vor Pilatus, dem irdischen Machthaber, bekennt: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37). Gegenüber dem, der die Macht hat, ihn zu verhören, und der ihm droht mit seiner Macht über Leben und Tod (Joh 19,10f), vertritt er ein Königtum der Wahrheit, der Freiheit, des Friedens und der Gerechtigkeit. Die Wahrheit, die Jesus bezeugt, ist letztgültig souverän und verunsichert seinen Richter. Sie heißt Lebenshingabe. Sie heißt Selbstgabe.

Priesterliches „Herrschen“ im Sinn der Offenbarung des Johannes bedeutet Teilhabe an Gottes und Jesu ureigener Herrschaft und diese vergegenwärtigen. Dieses Herrschen lässt sich umschreiben als ein dienendes Verhalten, als Macht und Ohnmacht der Liebe ohne Untergebenenverhältnisse oder Unterwerfungsverhältnisse; ein Herrschen, dessen Maßstäbe im Reich Gottes verankert sind. Das hat mit Ermächtigung zum Leben zu tun, mit der Fähigkeit, einander Raum zu geben. Von der Herrschaft der Selbstgabe Gottes in Jesus gilt es zu lernen – das gehört zum gemeinsamen Priestertum in der Kirche: Lebensräume ermöglichen, Menschen aufrichten, Gemeinschaft begründen und aufbauen, Heilung und Versöhnung stiften, zum Glauben führen. So verstanden, ist Herrschaft keine spirituelle Kunstform, sondern eine für uns selbst und unsere Umwelt befreiende Wahrheit.

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