Ist der Religionsunterricht religiös genug?

Der Religionsunterricht muss vor allem Glaubensinhalte vermitteln. Das erklärte der Staatskirchenrechtler Hans Michael Heinig in einem Beitrag für „Christ und Welt“. „Wenn sich der Religionsunterricht aber bloß als Mischung aus praktischer Toleranzübung, Religionskunde, Ethik für alle und sozialtherapeutischem Schuldienst versteht, schafft er sich auf Dauer ab.“ In Deutschland ist der Religionsunterricht im Grundgesetz verankert. „Religion ist hierzulande nicht einfach Privatsache.“ Der Staat sei offen für die Religionen seiner Bürger, damit er selbst religiös neutral bleiben könne. Daher arbeite der Staat bei allen Fragen, in denen theologische Kompetenzen gefragt sind, mit den Kirchen zusammen.

Laut aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz nehmen derzeit noch zwei Drittel der Schüler aus den Klassen eins bis zehn am Religionsunterricht teil. Aber das Fach gerät immer mehr unter Druck. In ländlichen Gegenden ist es schon gar nicht mehr möglich, das Fach nach Konfessionen getrennt anzubieten. Es fehlen Schüler wie Lehrer. Zudem habe sich die Religionspädagogik tiefgreifend gewandelt. Der Unterricht sei zu großen Teilen „eine von Lehrern begleitete individuelle Sinnsuche der Schüler, das Aufspüren impliziter religiöser Erfahrungen im Alltag der Heranwachsenden oder schlicht die Kummer- und Kümmerstunde im hektischen, von Prüfungsstress geprägten Schulalltag.“ Wenn aber die klare theologische Zuspitzung verloren gehe und es nur um Wertevermittlung gehe, habe der Staat keinen Grund mehr, mit den Religionsgemeinschaften zu kooperieren.

Dabei steckt trotz aller Säkularisierungstendenzen in der Gesellschaft viel Potenzial im Religionsunterricht. Er leistet einen wichtigen Beitrag zur religiösen Bildung. Das schütze vor fundamentalistischen Strömungen und befähige zur Mündigkeit in Glaubensfragen. „Mit der forcierten religiös-weltanschaulichen Vielfalt unserer Zeit kann nur souverän umgehen, wer gelernt hat, sich selbst zu positionieren“, schrieb Heinig.

Die evangelische Landeskirche in Bayern hat in einer aktuellen Umfrage ermittelt, dass zwei Drittel der Menschen in Bayern den Religionsunterricht befürworten. Die Schüler allerdings schätzen das Fach nicht so sehr. Auf der Beliebtheitsskala rangiert es auf dem vorletzten Platz – schlechter schnitt nur Physik ab.

Doch bei all den Debatten um eine Modernisierung des Unterrichts spielt der Glaube eine zu geringe Rolle, sagt Philip Kiril Prinz von Preußen im Magazin „Idea Spektrum“. Der Pfarrer und Religionslehrer meint, dass zwar nicht das Christliche zu kurz komme, aber Christus. Es gehe kaum noch um das Evangelium in seiner Tiefe, um Gottes Liebe zu den Menschen, um das ewige Leben. Birgit Fenske, evangelische Religionslehrerin, sieht das anders. Tatsächlich stelle der Unterricht oft das soziale Handeln in den Vordergrund. Das sei nach dem Rahmenlehrplan eine „Leitfrage“. Andere dieser „Leitfragen“ beziehen sich aber auf Gott, auf Jesus Christus und auf die Gestalt des Glaubens im Alltag. Wie viel von der Frohen Botschaft ankommt, liegt – ebenso wie im Gottesdienst – an der jeweiligen Person.

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