Kinder im FußballvereinKurze Beine, lange Bälle

Ein Ball gehört zu den ersten Gegenständen, die Kinder geschenkt bekommen, Fußball ist eine der weltweit beliebtesten Sportarten. Kein Wunder also, dass immer mehr Kinder unter sechs Jahren in einen Verein eintreten

Ein Spieler im BVB-Trikot läuft dem Ball hinterher, ein Spieler im Dress des SC Freiburg erobert ihn und passt ihn einem Spieler von Real Madrid zu. Wenn Vertreter so vieler unterschiedlicher Fußballvereine gemeinsam auf dem Platz stehen, kann es sich nur um eine Übungseinheit handeln. In diesem Fall vertreibt sich die Gruppe 2 der G-Jugend des PTSV Jahn in Freiburg die Zeit bis zum Trainingsbeginn. Als es zu regnen anfängt, rennt die Truppe nahezu geschlossen zu den Eltern am Spielfeldrand und zieht sich – sofern vorhanden – Regenjacken über. Anschließend sind die Eltern bis zum Trainingsende abgemeldet. Wer sich wehtut oder anderen Kummer hat, wendet sich an den Trainer.

„Mit dem Vereinstraining kann man mit etwa fünf Jahren beginnen, vorher hat das keinen Sinn. Die Kinder müssen in ihrer sozialen Entwicklung weit genug sein, sonst laufen sie mittendrin zur Mutter“, sagt Winfried Gräßlin, Juniorenkoordinator für die G-, F- und EJugend beim PTSV. Gräßlin trainiert die Sechs- bis Siebenjährigen der G1. Die Unterschiede sind gut zu erkennen, das Zuspiel ist präziser, die Koordinationsaufgaben anspruchsvoller. Hinter dem Rücken des Trainers wird allerdings schon mal ein Hütchen verschoben, um eine Übung zu vereinfachen. Doch auch das, was die ein Jahr jüngeren Bambini der G2 auf dem Platz treiben, sieht bereits nach „richtigem“ Fußballtraining aus: Torschüsse, Passspiele, Dribbeln. Die einzelnen Durchgänge sind kurz, die Übungen abwechslungsreich. Weder wird ein Treffer laut bejubelt noch ein Fehlschuss bedauert, einfach weitermachen. Manchmal dauert es ein wenig, bis der Trainer die volle Aufmerksamkeit aller Kinder bekommt, Anweisungen muss er meist wiederholen. Doch das ist bei älteren Spielern mitunter nicht anders. „Das ist der Jahrgang 2011, die sind jetzt seit einem halben Jahr dabei. Am Anfang war das Ganze noch spielerischer, etwa mit Fangspielen. Aber der Ball ist immer dabei“, erläutert Gräßlin.

König Fußball

Dass die Kinder einen Platz im Verein ergattern konnten, ist nicht selbstverständlich. Seit Jahren boomt der Fußball bei den Fünf- bis Siebenjährigen in Freiburg, Interessenten landen bestenfalls auf der Warteliste. Es mangelt an Betreuern; so mancher Mini-Kicker kann nur eintreten, weil sich ein Elternteil als ÜbungsleiterIn zur Verfügung stellt.

Turnen ist langweilig, da werden immer dieselben Sachen aufgebaut. Beim Fußball machen wir immer etwas anderes: dribbeln, hüpfen, auf einem Bein stehen oder aufs Tor schießen

Angesichts des Stellenwerts, den Fußball in Deutschland und weltweit besitzt, verwundert die Begeisterung der Kleinen nicht. Seine mediale Dominanz degradiert andere Disziplinen nahezu zu Randsportarten, bei Europa- und Weltmeisterschaften verkauft jeder Kiosk Fanartikel und jede Supermarktkette ihre eigene Sammelbilderreihe. Darüber hinaus ist Fußball aber auch ein Mannschaftssport, den schon Vorschulkinder gut im Verein ausüben können. Das Grundprinzip ist leicht verständlich, das Training bewirkt ein Zugehörigkeitsgefühl und stärkt neben den körperlichen Fähigkeiten auch die soziale Kompetenz. Wie verbindend das Spiel mit dem Ball sein kann, zeigt sich oft im Urlaub, wenn Touristenkinder mit den Einheimischen über jede Sprachbarriere hinweg einfach gemeinsam loskicken. In den unteren Stufen trainieren Mädchen und Jungen meist gemeinsam, erst später wird getrennt – sofern genug Mädchen für eine reine Mädchenmannschaft vorhanden sind.

Mit zunehmendem Alter lässt der Ansturm auf die Vereine nach, in den Gruppen der B- und A-Junioren fehlt es mancherorts an Spielern. Das mag durchaus mit Leistungsdruck und Zeitmangel zu tun haben. „Ich hatte nach einer Weile das Gefühl, dass der Verein sich als Kaderschmiede sieht, und die vielen Spiele an den Wochenenden haben unser Familienleben ganz schön beeinträchtigt“, erzählt Stefanie Klein* aus der Nähe von Köln. Ihre beiden Söhne hatten nach wenigen Jahren keine Lust mehr und traten aus.

Rote Karte für Eltern

Während einige Eltern den Aufwand beklagen, gehen andere geradezu im Sport ihrer Kinder auf. Immer wieder sind TrainerInnen mit Vätern oder Müttern konfrontiert, die durch ihre Kommentare vom Spielfeldrand aus den Ablauf stören – und die Kinder verunsichern. Falscher Ehrgeiz und überzogene Erwartungen führen mitunter zu Spannungen zwischen Eltern und ÜbungsleiterInnen, sie wirken sich außerdem negativ auf die Motivation und die Spielfreude der Kinder aus. Um ihnen fernab vom Leistungsgedanken der Erwachsenen den Spaß am Sport zu vermitteln, wurde die FairPlayLiga (FPL, www.fairplayliga.de) entwickelt. Mit drei Verhaltensregeln will diese leicht verständliche Spielkonzeption kindgerechte Wettspiele ermöglichen:

  1. Es gibt keine Schiedsrichter, die Kinder entscheiden selbst.
  2. Die Trainer halten sich mit Anweisungen zurück und sind im Grunde fast nur für die Ein- und Auswechslungen zuständig.
  3. Die Fans halten etwa 15 Meter Abstand zum Spielfeld.

Diese Maßnahmen unterstützen einerseits die Kinder darin, Eigenständigkeit zu entwickeln, und helfen andererseits den Eltern, ihr Kind loszulassen, sowie den TrainerInnen, störende Eltern im Zaum zu halten. Bei besonders Hartnäckigen hilft am Ende nur der Platzverweis, im schlimmsten Fall der Ausschluss des Kindes aus dem Verein. Grundsätzlich sind jedoch beide Seiten an einem friedlichen Miteinander interessiert.

Die G2-Junioren vom PTSV Jahn haben ihre Übungen inzwischen beendet und spielen in zwei Teams gegeneinander. Dabei rennt phasenweise das gesamte Feld hinter dem ballführenden Spieler her. Doch ab und an löst sich ein einzelnes Kind aus der Traube und positioniert sich günstig vor dem Tor, bereit für eine mögliche Flanke. Von wem der entscheidende Pass kommt, ist bei dem Gewusel nicht eindeutig zu erkennen. Die Begeisterung der Kinder und ihre Spielfreude aber sind deutlich zu sehen.

  • kizz Info

    Was passiert im Fußballverein?

    • Die Kosten für eine Mitgliedschaft liegen je nach Verein zwischen 30 und 70 Euro im Jahr. Hinzu kommen Ausgaben für Ausflüge und Kleidung, diese kann häufig günstiger über den Verein erworben werden.
    • Schauen Sie sich den Verein vor der Anmeldung Ihres Kindes an und suchen Sie das Gespräch mit den Übungsleitern. Diese haben in der Regel ein offenes Ohr für die Sorgen der Eltern.
    • Beachten Sie, dass schon im ersten Jahr an den Wochenenden Turniere stattfinden können. Ein Spiel dauert circa 10 Minuten.
    • Einige Vereine trennen schon in den unteren Stufen nach Leistung, die Gruppe bleibt also nicht dauerhaft zusammen. Überlegen Sie, ob dies das Richtige für Ihr Kind ist.
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