Was bedeutet eigentlich "konsequent sein"?Ende der Diskussion

Was soll das eigentlich sein, diese ominöse Konsequenz in der Erziehung? Unsere Kolumnistin ASTRID HERBOLD ist seit 18 Jahren Mutter und weiß es immer noch nicht

Ich bin so konsequent wie ein Stück Sahnetorte. Auf den ersten Blick stehe ich stolz und kantig in der Gegend rum. Aber man muss nur eine kleine Gabel nehmen und in mich hinein pieken, schon zerfalle ich zu einem breiigen Haufen. Mittlerweile beschweren sich sogar meine älteren Kinder, wenn ich gegenüber dem Jüngsten halbherzig auf etwas bestehe („Nein, geh mal lieber nicht im Schlafanzug in den Garten!“), um mich im nächsten Moment seufzend zu ergeben („Okay, aber nur kurz …“) Mama, halten sie mir dann vor, du hast echt null Rückgrat! So geht das nicht, so kann man keine Kinder erziehen.

Mag sein. Aber wie sonst? Das Problem mit der Konsequenz ist doch: Man müsste zu jedem Sachverhalt knallharte, unumstößliche Ansichten haben. Habe ich nicht. Ich denke über Schlafanzüge und Gärten nicht schon im Voraus nach. Und wenn, dann bin ich unentschlossen. Vielleicht wäre ich früher selbst gerne im Schlafanzug … Sorry, ich verliere den Faden.

Zurück zur Konsequenz. Ich habe durchaus Prinzipien. Leider kann man sie an zwei Händen abzählen. Als da wären: Mama ist nicht euer Diener. Wir schmeißen nicht mit Essen. Wir sagen Bitte, Guten Tag, Danke, Auf Wiedersehen. Abends muss man seine Zähne putzen. Beißen, kratzen, hauen ist verboten. Endlos Fernsehgucken auch. Süßigkeiten sind keine Grundnahrungsmittel. Was Mama und Papa kochen, muss man probieren. Bei so ziemlich allem anderen lasse ich mit mir handeln. Ich weiß nicht, ob das die richtige Methode ist, der Feldversuch läuft noch. Vor Jahren traf ich mal auf eine Mutter, die genauso war, wie man laut Erziehungsratgeber sein soll. Geradlinig wie ein Lineal. Wir begegneten uns zufällig auf einem Kindergeburtstag. Als alle vor Keksen und Kuchen saßen, holte sie eine Tupperdose mit kalten Erbsen raus – die Reste vom Mittagessen. Das Kind hatte seine Portion offenbar verschmäht. Erst das Gemüse, dann das Zuckerzeug, war ihre Ansage. Ich weiß nicht mehr, wie ihr Kind reagierte. Aber ich hatte definitiv Angst vor ihr.

Wer Konsequenz predigt, der sollte auch gegen sich selbst unerbittlich sein. Ich bevorzuge den verständnisvollen Dialog, auch mit mir selbst. Zum Beispiel möchte ich eigentlich regelmäßig Sport treiben. Aber dann habe ich manchmal einfach keine Lust. In solchen Momenten argumentiere ich ein bisschen mit mir rum. Heraus kommt meist ein Kompromiss. Heute Couch, morgen Training? Okay, abgemacht!

Vielleicht gibt es auch ein grundlegendes Missverständnis. Konsequent sein und mit Konsequenzen drohen ist nämlich nicht dasselbe. Das eine meint die situative Stärke. Wenn ich als Mutter von etwas zutiefst überzeugt bin, dann gebe ich nicht nach – auch wenn sich mein Gegenüber kreischend auf dem Boden wälzt. Mit Konsequenzen drohen ist eine Form von elterlicher Hilfslosigkeit. „Wenn du jetzt nicht sofort machst, was ich sage, dann …!“ Man könnte auch Erpressung oder Bestrafung dazu sagen. Die Kinder durchschauen dieses Manöver schnell und drehen den Spieß irgendwann einfach um. Ich habe aus der Wut heraus schon mit den absurdesten Dingen gedroht (von „Dann geh’ ich ohne dich“ bis „Wir brechen den Urlaub ab“), um von meinen Kindern stets mit dem besten aller Totschlagargumente übertrumpft zu werden: „Na und! Ist mir doch egal!“

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