Mit Enttäuschungen umgehen lernenFrust muss sein

„Nein, jetzt gibt es kein Eis.“ Wer als Kind negative Gefühle aushalten kann, kommt später besser durchs Leben

Frust muss sein
Kinder werden manchmal von ihren Gefühlen überwältigt. Da braucht es eine geduldige Begleitung. © Fotolia, Joerg Lamtelme

Ein vierjähriges Kind sitzt alleine in einem Zimmer an einem Tisch, vor ihm liegt ein Stück duftender Schaumzucker. Das Kind weiß: Es darf die Süßigkeit essen. Aber wenn es damit wartet, kommt ein Erwachsener und bringt eine zweite. Wie wird es sich entscheiden? Wird es sofort zugreifen oder kann es der Versuchung widerstehen?

Das sogenannte Marshmallow-Experiment von Walter Mischel ist jetzt fast 50 Jahre her. Der US-amerikanische Psychologe wollte in den 1960er-Jahren analysieren, wie Kinder mit Belohnungsaufschub umgehen. Der Test fiel ganz unterschiedlich aus. Einige Kinder verspeisten das Marshmallow sofort; andere hielten ohne Probleme durch. Als Mischel den Lebensweg der am Versuch beteiligten Kinder verfolgte, kam er zu einem verblüffenden Ergebnis: Diejenigen, die es geschafft hatten, sich beim Experiment zu beherrschen, waren später sowohl beruflich als auch im Privatleben erfolgreicher als diejenigen, die nicht hatten warten können.

Selbstkontrolle nennt man die Fähigkeit, erst einmal abzuwarten und nicht sofort dem ersten Impuls zu folgen. Eng verknüpft damit ist eine andere wichtige Eigenschaft, die uns hilft, das Leben gut zu meistern: Frustrationstoleranz. Sie lässt uns bei Rückschlägen nicht gleich aufgeben und hilft uns, Krisen und Niederlagen zu bewältigen. Beide Fähigkeiten sind bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Das hat etwas mit Temperament und Persönlichkeit zu tun, aber auch damit, welche Erfahrungen wir in unserer Kindheit gemacht haben.

Verlässliche Strukturen und eine sichere Eltern-Kind-Bindung sind für die gesamte kindliche Entwicklung wichtige Voraussetzungen und spielen auch hier eine entscheidende Rolle. Bei dem Marshmallow-Experiment mussten die Kinder darauf vertrauen, dass sich das Warten lohnt, der Erwachsene also tatsächlich wiederkommt und eine zweite Süßigkeit bringt. Kinder, die oft erlebt haben, dass Versprechen nicht gehalten werden, haben wenig Motivation, ihre Bedürfnisse aufzuschieben.

Enttäuschungen aushalten

Daneben müssen sie auch die Erfahrung machen, dass es im Leben Grenzen gibt, die beachtet werden müssen, sagt der Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Joachim Bauer. „Kinder müssen lernen, dass nicht nur ihre Interessen zählen.“ Eltern können diesen Lernprozess unterstützen, aber bitte altersangemessen und liebevoll, sagt Bauer. Babys brauchen alles sofort, ihre Bedürfnisse sollten immer prompt erfüllt werden. Kleinkinder hingegen können schon lernen, etwas zu warten und ihre Impulse ein wenig zu mäßigen. „Wichtig ist es, dem Kind immer dann, wenn es ein Nein oder ein Warten ertragen muss, zu erklären, warum das jetzt so ist. Das bedeutet nicht, sich auf endlose Diskussionen einzulassen“, sagt Bauer. Das Kind braucht jedoch eine einleuchtende Erklärung: „Nein, wir kaufen jetzt nicht den Schokoriegel an der Kasse, denn in einer halben Stunde essen wir zu Abend.“

Dass in einem gewissen Alter ein Nein Ärger und Wutanfälle auslöst, ist völlig normal. Ab dem zweiten Lebensjahr kommen Kinder in die Autonomiephase. „Bis zu diesem Zeitpunkt gehen kleine Kinder davon aus, dass ihre Umwelt genau dasselbe will wie sie. Jetzt erkennen sie, ich bin ich und das sind die anderen – und wir haben nicht immer dieselben Ziele und Wünsche“, sagt Danielle Graf. Die Juristin betreibt zusammen mit der Sonderpädagogin Katja Seide den Blog Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn, der Millionen Zugriffe verzeichnet. Dieses Jahr haben die beiden Autorinnen ein Buch zur Autonomiephase veröffentlicht, in dem sie aktuelle Erkenntnisse aus der Gehirnforschung und Entwicklungspsychologie zusammenfassen.

Wütende Kinder aushalten

Viele Eltern, sagt Graf, überschätzen die kognitiven Fähigkeiten ihrer kleinen Kinder. Deren Gehirn tickt anders als das der Erwachsenen. Der kognitive Teil, der sogenannte präfrontale Kortex, ist noch nicht ausgereift. Er ist für die Selbstkontrolle zuständig und steuert unsere Impulse. Das erklärt, warum kleine Kinder in für sie stressigen Situationen, etwa bei Verboten, von Wut geradezu überflutet werden. Denn dann übernimmt der für die Emotionen zuständige Teil des Gehirns die Kontrolle. Die Folge: Das Kind bricht weinend und strampelnd zusammen, weil es die ungewohnten Gefühle noch nicht regulieren kann. Erst ab dem Alter von etwa vier Jahren können Kinder auch die Perspektive ihrer Mitmenschen berücksichtigen und verstehen, warum die in derselben Situation anders handeln.

Wichtig ist, dass Eltern diese Wutanfälle aushalten und geduldig begleiten. Denn um Frustrationstoleranz zu erwerben, müssen Kinder auch negative Gefühle durchleben und verarbeiten. Eltern unterstützen ihre Kinder darin, indem sie Wut und Ärger weder kleinreden („Ist doch nicht so schlimm“) noch unterdrücken („Hab dich nicht so!“), sondern die Emotionen spiegeln: „Ich sehe, dass du wütend bist. Das ist okay.“ Manchmal hilft es auch, Wahlmöglichkeiten anzubieten: „Ich weiß, du willst noch draußen spielen, wir müssen jetzt aber los. Möchtest du noch eine Runde schaukeln oder zweimal rutschen?“

An dieser Stelle, sagt Graf, machen Eltern oft den Fehler, ihren Kindern das negative Erlebnis ersparen zu wollen. Wenn das Eis herunterfällt und das Kind darüber in eine Krise gerät, kaufen sie sofort ein neues. Wenn der oder die Kleine vom Spielplatz nicht nach Hause gehen will, locken sie mit einem Film. „Das ist nachvollziehbar, weil man seine Kinder gerne glücklich sehen will, führt aber zu ungünstigen Verknüpfungen im Gehirn“, sagt Danielle Graf. Je öfter ein Kind solche Erfahrungen macht, desto inaktiver wird der präfrontale Kortex. Das Kind lernt nicht, Frust und Ärger auszuhalten, sondern sich durch Ersatzbefriedigungen abzulenken.

kizz Interview

Kein Nein aus Bequemlichkeit

kizz sprach mit der Elternbloggerin und Buchautorin Danielle Graf

Wie schafft man es, in der Familie den Ton anzugeben, ohne ständig zu schimpfen oder zu bestechen?

Wir können die Kooperationsbereitschaft unserer Kinder fördern, indem wir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Geben und Nehmen schaffen und vorleben: „Ich würde jetzt gerne etwas anderes machen. Aber ich sehe, dass du weiterspielen möchtest. Also komme ich dir entgegen.“

Also lieber Kompromisse als Verbote?

Ich bin der Meinung, dass ein Großteil der Dinge im Alltag verhandelbar ist. Das Kind planscht zum Beispiel am Wasserhahn. Das wollen wir nicht, weil wir keine Lust haben, das nasse Kind umzuziehen oder nachher aufzuwischen. Aber was spricht eigentlich sonst dagegen? Wir sollten ein Nein aus Bequemlichkeit viel öfter durch ein Ja ersetzen. Dann steigt die Kooperationsbereitschaft der Kinder in den Situationen, die für uns wichtig sind.

Sie plädieren dafür, Grenzen eher sparsam zu setzen?

Natürlich sollen Kinder nicht immer ihren Willen bekommen, das wäre grob fahrlässig. Eine Grundregel kann sein: Immer dann, wenn es lebensgefährlich wird oder die Grenzen anderer verletzt werden, ist Schluss. Kinder dürfen nicht einfach lärmend durch ein Restaurant rennen, denn das stört die anderen Gäste. Es ist dann meine Verantwortung, mit ihnen rauszugehen und ihren Bewegungsdrang anderweitig zu befriedigen.

Sind Eltern heute zu wenig konsequent?

Vielen Eltern ist die Klarheit abhandengekommen. Wenn ein Zweijähriger Bier kosten will, kommt uns ein Nein automatisch über die Lippen. Bei der Frage nach Kaffee sieht das schon anders aus. Kinder spüren, ob es Verhandlungsspielraum gibt.

Es kommt also auf die innere Haltung an?

Ja. Wenn Eltern bei ihren Kindern etwas durchsetzen wollen, von dem sie nicht wirklich überzeugt sind, nur weil sie der Umwelt ein bestimmtes Bild vermitteln wollen, ist das nicht authentisch. Ein unsicheres Nein wird von Kindern immer ausgetestet.

Woran kann es noch liegen, wenn ein Nein nicht funktioniert?

Manchmal liegt es an der Formulierung. Das Gehirn kleiner Kinder filtert die Wörter „nicht“ und „kein“ als unwichtig weg. Wenn wir „Es wird nicht gehauen!“ rufen, erreichen wir gar nichts. Wir müssen es positiv formulieren: „Lass Leon in Ruhe!“ oder einfach „Stopp!“

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