Digitale Medien heuteGeheime Gedanken einer Kitaleitung

Geheime Gedanken einer Kita-Leitung: Die Zaubertür
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Haben Sie auch einen PC oder Laptops in der Kita? Noch in den 90er-Jahren undenkbar! Damals war ein Computer in der Einrichtung absolutes NoGo. Und die Frage, ob digitale Medien bereits in der Kita eine Rolle spielen sollten, wurde seinerzeit noch heftig diskutiert. Wir sprachen sogar Warnungen an die Eltern aus. Mittlerweile ist der PC aus der Kita nicht mehr wegzudenken. Wir sind die erste Institution für Bildung und sollen den Kindern schon früh die Teilhabe an digitalen Medien ermöglichen. Fortschritt lässt sich nun mal nicht aufhalten. Nach den Computern kamen die Handys – immerhin zunächst nur bei den Eltern. An unsere Reaktion erinnere ich mich bestens: „Bitte schalten Sie Ihr Handy während des Bringens und Abholens aus. Diese Zeit sollte Ihrem Kind gehören.“ Das ständige Gebimmel auf dem Flur hatte uns zu diesen Aushängen genötigt. Manch ein Elternteil hätte es am liebsten gesehen, wenn wir die Kinder fertig angezogen aushändigen. „Frau Mönter, könnten Sie gerade mal? Ich habe einen wichtigen Anruf.“ Ja, die Handys boten wie die Computer reichlich Anlass zu Elternabenden und Krisengesprächen zwischen Erzieher*innen und Eltern. O.k., die Aushänge sind immer noch da, wirken aber inzwischen wie Relikte aus uralten Zeiten.

Neulich drehte ich meine Runde durch die Kita, um keinen Büro-Koller zu bekommen. Ich beschloss, die Kinder zum Bau eines Riesenturms zu animieren. Sie lieben es, wenn der Turm so hoch ist, dass sie eine Leiter holen müssen, um ihn fertigzubauen. „Hallo zusammen“, rief ich enthusiastisch. „Wer hat Lust, einen Turm zu bauen?“ Einige Kinder jubelten und besetzten mit mir die Konstruktionsecke. „Am besten fangen wir mit dem Sockel an“, schlug ich vor und die Kinder begannen eifrig, große Steine aufeinanderzuschichten. Interessiert beobachtete ich sie dabei. Plötzlich fiel mir auf, dass die meisten von ihnen eine klotzige Armbanduhr trugen, die beim Turmbau sogar etwas störte. „Holla“, rief ich, „was habt ihr denn da für Uhren?“ Wohlgemerkt: Die Kinder waren gerade mal drei bis vier Jahre alt. Wofür brauchten sie dann eine Uhr? Oh, ich war so naiv!

Levin benutzt die Uhr, wenn er Heimweh hat. Seine Mutter hat ihm einen „Trostknopf“ eingerichtet. Wenn er traurig ist, muss er ihn nur drücken und die Mutter spricht ihm Mut zu. Karla braucht die Uhr eigentlich nicht, aber ihre Mutter möchte, dass sie immer und überall erreichbar ist. Lilly trägt die alte Uhr ihres Bruders, der schon in die Schule geht und eine bessere brauchte. Mir schwirrte der Kopf. Unser gemeinsamer Turm wurde sehr hoch und ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob wir unter der Decke überhaupt Funknetz haben. Nicht dass sich die Eltern beschweren, ihre Kinder wären nicht mehr erreichbar. Letztens hatte ich mich auch schon gewundert, warum Frieda plötzlich abgeholt wurde. Sie hatte sich mit Freundin Olga gestritten und kurz darauf fiel der Mutter plötzlich ein, dass sie doch einen wichtigen Termin mit ihrer Tochter hatte und sie deshalb schleunigst aus der Kita holen musste.

Zurück in meinem Büro las ich fassungslos, was diese Uhren so alles können: Puls kontrollieren, Lichtumgebung überprüfen, im Internet surfen und, und, und … „Frau Mönter, könnten Sie den Schlafraum etwas mehr abdunkeln? Meine Tochter kann in dieser Lichtumgebung nicht ruhig schlafen. Ihr Puls ist deswegen nicht optimal. Ich möchte, dass sie ausgeschlafen ist, wenn sie nach Hause kommt.“ – „Meine Mama hat gesagt, dass ich ein hohes Kaloriendefizit habe. Kriege ich noch ein Eis mit Sahne?“ Meine Güte, wohin soll das alles noch führen? Können die Dinger auch klingeln? An jenem Tag verschanzte ich mich erst einmal im Büro.

Noch immer denke ich darüber nach, wie wir mit dieser Situation umgehen sollen. Vielleicht hänge ich ja Zettel auf „Bitte schalten Sie die Uhr Ihres Kindes aus!“. Aber ich zögere noch.

Herzlichst 

Petra Mönter

 

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