Kinderschwund in Corona-ZeitenGeheime Gedanken einer Kitaleitung

Geheime Gedanken einer Kita-Leitung: Die Zaubertür
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Nie hätte ich gedacht, dass es einmal so weit kommen würde: Von einem Tag auf den anderen waren keine Kinder mehr in der Kita. Da saßen wir nun – mein Team und ich – und schauten perplex drein. Vom Träger hatten wir Anweisung, trotzdem zu kommen und Unerledigtes aufzuarbeiten. Für uns war das z. B., die Kita zu desinfizieren und an der Konzeption weiterzuarbeiten.

Am Anfang genossen wir die Stille noch. Doch nach zwei Wochen hatten wir alles bis zum letzten Bauklotz blitzeblank geputzt und unsere Konzeption auf Stand gebracht. Die Ruhe wurde immer nerviger. „Ich baue jetzt endlich die Kräuterspirale“, kündigte eine Kollegin an, und weil das Wetter schön war, stürzten wir uns alle auf den Garten. Lange liegen gebliebene Vorhaben wurden nun umgesetzt. Nur schade, dass aktuell keine Kontrollen anstanden – die Kita hätte glatt eine Auszeichnung mit Stern bekommen.

Mitten in unseren Aktivitäten erreichte uns die Nachricht, dass wir Notbetreuung anbieten müssten: Zwei Kinder kämen wieder in die Einrichtung. Hurra! An dem Montag, an dem es losging, versammelten wir uns feierlich im Eingangsbereich. Wann würden die Kinder wohl gebracht? Jedes vorbeifahrende Auto wurde mit Spannung beobachtet. „Da! Das Auto von Greiners!“, rief eine Kollegin aufgeregt. Wir fühlten uns wie an Weihnachten. Eine Autotür klapperte und dann war es soweit. Als würde ein Film in Zeitlupe abgespielt, kam Leon den Weg entlanggelaufen, in meinem Kopf ertönte die „Baywatch“-Melodie und Leon war im Rhythmus. Seine Kindergartentasche wippte auf und ab und ich dachte, er würde niemals bis zur Eingangstür gelangen. Aber dann war er doch da. Der Vater winkte von fern und rief: „Ich bleibe lieber auf Abstand. Viel Spaß! Tschüss, Leon. Mama holt dich um vier Uhr ab.“ Leon winkte zurück und sobald sich seine Augen an den dunkleren Flur gewöhnt hatten, zuckte er zusammen: Zehn Erzieher*innen standen im Halbkreis um ihn herum und schauten ihn erwartungsvoll an. „Hallo, Leon“, riefen alle fast im Chor. Leon schaute sich ungläubig um. „Komm, ich helfe dir mit den Hausschuhen.“ Leon setzte sich zögernd vor seinem Fach auf die Bank und ehe er sich’s versah, hatte ihm eine Kollegin die Hausschuhe angezogen, eine andere die Jacke aufgehängt und eine dritte seine Tasche auf den Haken bugsiert. „Komm, wir gehen in den Gruppenraum spielen.“ Die Einladung ertönte wieder fast unisono von allen Kolleg*innen.

Leon war das offenbar fast schon unheimlich. Er griff nach seiner Tasche und hatte wohl beschlossen, erst einmal zu frühstücken. Lisa, Leons Gruppenleiterin, hatte seine Absicht als erste erkannt. Prompt schnappte sie sich ihre eigene Brotdose und setzte sich zu ihm an den Frühstückstisch. „Wo sind denn die anderen Kinder?“ fragte er. „Ich komme“, rief Marlene. Ehe er wusste, wie ihm geschah, war Leon von fünf Erzieherinnen umringt. Hastig biss er ins Brötchen und wollte plötzlich doch lieber in den Sandkasten.

Niemand hatte bemerkt, dass in der Zwischenzeit Luise gekommen war. Ihre Mutter wartete mit Sicherheitsabstand an der Tür und amüsierte sich: „Na, das ist ja ein Bild für die Götter“, japste sie und zeigte in den Garten: Acht Kolleginnen saßen im Sandkasten und fabrizierten eifrig Sandkuchen. Leon mittendrin schien sich langsam an die Situation zu gewöhnen.

Abwechselnd angeführt von Leon oder Luise zog eine Karawane durch die Räume. Fachkraft-Kind-Schlüssel 10:2. Hätte mir jemand das zu Jahresbeginn prophezeit, hätte ich ihn für verrückt gehalten. „Ich komme morgen wieder“, verabschiedete sich Luise. „Mama, ohne mich und Leon sind die ganz traurig.“ Nachdem die beiden Kinder abgeholt waren, standen wir noch lange am Eingang und winkten ihnen nach.

Viele Grüße

Petra Mönter

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