Über Gott und die WeltIm interreligiösen Dialog mit Eltern

Was passiert, wenn man tot ist? Wo wohnt Gott? Religionen geben Antworten auf solche existenziellen Fragen. Religiöse Unterschiede und Gemeinsamkeiten können pädagogische Fachkräfte in der Kita für Kinder erlebbar machen. Und ein Anlass sein, mit Eltern ins Gespräch zu kommen.

Über Gott und die Welt
© Nina Rys - shutterstock.com

Ob in öffentlicher, kirchlicher, freier oder privater Trägerschaft – alle Kitas sollten Kindern interreligiöses Weltwissen zugänglich machen. Basis dafür sind die länderbezogenen Bildungspläne. Das Besondere dabei: Der Wissens- und Bedeutungszugewinn im Prozess der Beschäftigung mit der interreligiösen Thematik kann für Eltern und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen bereichernd sein. Denn sowohl die Familien als auch pädagogische Fachkräfte können sich durch gemeinsame Beschäftigung mit interreligiösen Themen und Aktivitäten darstellen. Sie haben die Möglichkeit, sich in ihrer wertschätzenden Suche nach toleranten Wegen im Umgang mit unterschiedlichen Religionen zu zeigen. Zudem können sie dabei in aller Offenheit ihre wechselseitigen Anliegen transparent machen. So kann der Weg zur kulturellen Bereicherung 1, die auch die Religionen einschließt, begangen werden. Ein Weg, der über Wissen und Austausch, Gestalten und Feiern zu einer Toleranz auf der Basis von Informiertheit führt.
Dabei gilt: Die Fachkräfte dürfen sich auf keinen Fall für die Vermittlung einer einseitigen religiösen Haltung instrumentalisieren lassen. Vielmehr ist es wichtig, den Eltern nahezubringen, dass das Bildungsziel der Kita darin liegt, allen verschiedenen Glaubensrichtungen und auch dem Atheismus mit demselben Respekt zu begegnen. Damit wird religiöse Diskriminierung vermieden und die religiöse und ethische Vielfalt im Sinne der Inklusion gelebt.

Unsicherheiten offen thematisieren

Wenn sich pädagogische Fachkräfte bei religiösen Themen und Fragen unsicher sind, dürfen sie dies offen thematisieren. Hierzu ein Beispiel aus einer Fortbildung zur „Interreligiösen Bildung in Kindestageseinrichtungen“: Eine Erzieherin erzählt: „Ich arbeite in einer Einrichtung eines evangelischen Trägers. Vor den Mahlzeiten danken wir Gott rituell mit einem kleinen Gebet für das Essen. Ich möchte darüber die muslimischen Eltern bewusst informieren und gerne ihre Zustimmung zum Gebet bewirken.“ Nun fragt sie sich, wie sie dies wohl ansprechen kann, welche Form der Ansprache am ehesten einen guten Austausch und eine Zustimmung bewirken kann.

Wir unterhalten uns über ihre Motivation und Ziele und kristallisieren heraus:

  • Sie möchte Transparenz zum pädagogischen Alltag der Einrichtung herstellen.
  • Ihr ist es wichtig, den Respekt gegenüber anderen Religionen auszudrücken.
  • Sie möchte allen Eltern wertschätzend begegnen und auch diejenigen einbeziehen, die nicht christlichen Glaubens oder atheistisch sind.
  • Außerdem ist ihr wichtig, ihr eigenes Wissen über andere Religionen zu erweitern.

Gemeinsam suchen wir eine gute Formulierung für ein offenes Tür-und-Angel-Gespräch und finden Folgendes angemessen: „Sie haben Ihr Kind in eine christliche Einrichtung gebracht. Uns ist ein tägliches Dankgebet, gerichtet an Gott, vor dem Essen sehr wichtig. Wir möchten dieses Gebet gerne mit allen Kindern beten. Mir persönlich ist das auch sehr wichtig.“ Und hinzufügen könnte sie: „Ich wüsste gerne: Gibt es dieses Ritual auch im Islam? Ist Ihnen unsere Vorgehensweise persönlich recht?“
Von der Gesprächsform her ist dies eine sogenannte deklarierende Ich-Botschaft. Damit kann die Kollegin ihre Haltung, ihre Vorgehensweise und die Ziele der Kita erklären. Außerdem schließt sie eine Frage an und signalisiert so der angesprochenen Mutter, dass diese sich sehr gerne ebenso erklären, darstellen und offen zeigen kann.
So kann der interreligiöse Dialog auf respektvolle und dennoch einfache Weise beginnen. Selbstverständlich braucht die Kollegin für diesen Impuls an die Mutter etwas Zeit und die Zustimmung der Kolleg*innen, falls sich ein längerer Kontakt hieraus ergibt. Vielleicht hat die Mutter Rückfragen, ist von der Fragestellung überrascht oder verunsichert. Sie darf sich Zeit nehmen, selbstverständlich auch zum Nachdenken. Eventuell ist sie jedoch spontan erfreut und geht gerne in den Dialog, fühlt sich wertgeschätzt durch das Zutrauen, weil ihr die Frage so offen gestellt wird, und informiert gerne über ihre Haltung und ihr Wissen zum Beten aus dem Blickwinkel ihrer Religion.

Wünsche und Skepsis wahrnehmen

Um dem interreligiösen Ansatz in der Kita gerecht zu werden, ist der permanente Dialog mit den Eltern unerlässlich. Pädagogische Fachkräfte sollten die Religionszugehörigkeit der Eltern und Kinder kennen (Aufnahmegespräch) und Wünsche der Eltern nach religiöser – und auch areligiöser – Erziehung wahrnehmen. Ebenso ist es Aufgabe der Fachkräfte, den Eltern den Umgang mit religiösen Fragen der Kinder zu erläutern und sich mit ihnen darüber auszutauschen, inwiefern die Kita Geschichten, Traditionen und Feste im Sinne religiöser Bildung berücksichtigt.
Doch wie können sie auch skeptische Eltern überzeugen, interreligiöse Ansätze positiv zu betrachten? Am besten wohl, indem Familien erleben, dass

  • ihre Kinder der eigenen Religion nicht entfremdet werden,
  • die Entscheidung zur nichtreligiösen Lebensweise akzeptiert wird,
  • ihre Kinder in der Bildungseinrichtung Anteilnahme an der Familienreligion erfahren,
  • ihnen deutlich wird, dass es Gemeinsamkeiten und Unterschiede in religiösen Haltungen gibt und dass dem mit Respekt begegnet wird,
  • die Weltreligionen verbindende Themen und Haltungen haben, wie Achtung vor der Schöpfung, Achtung vor den Nächsten, Achtung vor den Eltern und den Vorfahr*innen, den Gedanken des Aufgefangen-Seins in Krankheit, Leid und Tod.

Indem pädagogische Fachkräfte den Eltern vergegenwärtigen, dass die Kita mit dem interreligiösen Ansatz einen Weg wählt, der möglichst allen Kindern gerecht wird, sollten sie mit der Zustimmung (fast) aller Eltern rechnen dürfen. Eltern müssen sich jedoch stets sicher sein können: Die interreligiöse Bildung in der Kita wird weder das kindliche Grundbedürfnis leugnen noch eine einseitige oder gar missionierende Ausrichtung haben. Wenn Eltern die Befürchtung haben, dass ihre Kinder ohne ihre Zustimmung religiös beeinflusst werden, vermitteln Sie ihnen von Beginn an, dass sie das Recht auf Mitbestimmung hinsichtlich sinngebender Inhalte haben. Eltern sollten die Chance haben, ihre eigenen Positionen erkennbar werden zu lassen und Spielräume für die Gruppe der Kinder auszuloten.

Anlässe für den Gedankenaustausch

Wenn Projekte philosophische, ethische oder religiöse Themen3 berühren (z. B. zur Entstehung des Lebens, über den Sinn der Welt, Werte in verschiedenen Kulturen), bietet sich dies als Gelegenheit an, um mit den Eltern über „Gott und die Welt“ ins Gespräch zu kommen. Nutzen Sie dafür Elternbriefe, Newsletter, Rundmails, Kita-Zeitungen, Pinnwand-Anschläge oder Kita-Apps. Solche regelmäßigen Informationen können immer wie-der dazu beitragen, Orientierung über das Grundverständnis der interreligiösen Bildung zu geben. Ganz praktische interreligiöse Impulse (siehe Kästen) eignen sich nicht nur zur praxisorientierten Umsetzung religiöser Bildungsziele im Dialog mit den Kindern, sondern können auch Anlass sein, die Motivationen und Hoffnungen der Eltern (auch der atheistischen), die Rolle der pädagogischen Fachkräfte, die Rolle der Träger und die Bezüge zu den Bildungsplänen zu thematisieren.

Interview mit den Eltern

Manche Kinder kennen bereits die Gesprächsform des Interviews, bei dem man jemanden ganz offiziell befragen darf. Spannend ist daran auch die technische Komponente: Man nimmt ein Aufnahmegerät mit, schaltet es eigenständig ein und aus und kann das Gesprochene danach wieder anhören. Mit einem Aufnahme-gerät wie z. B. einem Mikrofon oder Smartphone in der Hand dürfen Kinder nun in der Bring- und Abholzeit den Eltern, die sich vorab damit einverstanden erklärt haben, z. B. folgende Frage stellen: „Was glaubst du, wie die Welt entstanden ist?“ Die pädagogische Fachkraft schreibt die Antworten auf und nutzt sie später als Gesprächsgrundlage. Die Kinder vergleichen die Antworten und drücken ihre eigenen Gedanken dazu aus. Die Gedanken der Kinder in Kombination mit den Interviewaussagen der Erwachsenen ergeben einen spannenden Elternbrief. 2

Orte der Begegnung

Kirchen, Kapellen, Kathedralen, Moscheen, Tempel, Synagogen oder Versammlungsräume sind Häuser der Begegnung mit Gott und Orte gemeinsamer Rituale. Damit Kinder, pädagogische Fachkräfte und Eltern mehr über andere Glaubensgemeinschaften erfahren, bieten sich gemeinsame Besuche solcher Begegnungsorte an. Vielleicht gibt es in der Elternschaft Expert*innen für eine bestimmte Religion, die den Ausflug begleiten, ihr Wissen zum religiösen Raum weitergeben und die Fragen der Besucher*innen beantworten.
Auch das Feiern anderer als der eigenen religiösen oder traditionellen Feste erweitert den Horizont aller. Überlegen Sie daher im Team und mit den Eltern:

  • Welche Feste haben für die Familien unserer Kita eine Bedeutung?
  • Welche Feste lassen sich auch in der Kita feiern?
  • Lassen sich Feste unterschiedlicher Wurzeln miteinander vereinbaren? Sind sie sich vom Sinn her ähnlich oder nahe?

Im gegenseitigen Respekt

Kinder haben ein Recht auf den Zugang zu den eigenen religiösen Traditionen. Erleben Kinder dies in der Kita, profitieren alle Kinder davon, da sie über die eigenen religiösen Traditionen hinaus-schauen können auf das, was anderen Menschen wichtig ist. So erweitert sich ihr Horizont, ihr Verständnis der Welt und ihre Fähigkeit, Andersartigkeit zu tolerieren.
Mit der Botschaft „Wir akzeptieren das Recht auf Ausleben der religiösen Unterschiedlichkeit in gegenseitigem Respekt“ zeigt die Kita den Familien deutlich ihre interreligiöse Haltung. Das Signal, die verschiedenen Religionen gleichberechtigt zu berücksichtigen, sollten Eltern auch in der Konzeption finden können.
Kirchliche Einrichtungen dürfen sich als solche mit einem christlichen Profil erkennbar zeigen und keinen Widerspruch dazu empfinden, auch die vorhandene kulturelle und religiöse Pluralität zu berücksichtigen. Eine gelebte interreligiöse Haltung − mit ihren Möglichkeiten und Grenzen – sollte jedoch unmissverständlich als Grundvoraussetzung im Team erarbeitet und vertreten werden.

Fotocollage

Die Kinder sammeln Familienfotos oder Fotos aus Zeitschriften von liebevollen zwischenmenschlichen Situationen oder Schnappschüssen von Menschen und Tieren. Sie gestalten damit eine großformatige Collage. Lässt sich auch die Liebe von Gott zu den Menschen darstellen? Wie drückt sie sich aus? Pädagogische Fachkräfte und Eltern stellen u. a. Folgendes zur Verfügung:

  • Fotos von Wandgemälden, Altären, Figuren aus Kirchen,
  • Bildbände sakraler Kunst,
  • beeindruckende Naturfotos (z. B. Pflanzen, Bäume, Berge, Wasser).4

Fazit

Je mehr Sie Familien einen Einblick in den Kita-Alltag geben und sie miterleben lassen, wie die Kinder sich mit bedeutsamen Lebensthemen in Verknüpfung mit den Weltreligionen in der Kita beschäftigen, umso eher können sie die Ziele und Wege zu ihrer Umsetzung mittragen und mitgestalten.

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