„Wird mein Kind angemessen gefördert?“Elterngespräche in integrativen Einrichtungen

Freundschaft ist nicht zweckgebunden. Oder doch? Die Mutter des 5-jährigen David ist jedenfalls besorgt, ihr Sohn könne durch die Freundschaft mit einem behinderten Kind in seiner Entwicklung ausgebremst werden. Wie die Fachkraft den Fragen der Mutter professionell begegnen kann.

Wird mein Kind angemessen gefördert?
© Klaus Kohn, Braunschweig

Die Erzieherin Ayla und Frau Geiger, eine Mutter, sitzen im Teamraum und führen ein Entwicklungsgespräch. Es geht um den 5-jährigen David. Ayla schildert Davids Alltag im Kindergarten, wie er am Leben in der Gruppe teilnimmt und berichtet allgemein über seine Entwicklung, seine Kompetenzen, Interessen und Herausforderungen. Als sie über Davids sozial-emotionale Entwicklung spricht, erzählt sie auch, dass David gut mit Milo befreundet ist. Die beiden spielen häufig miteinander und verbringen viel Zeit zusammen. Daraufhin hakt Davids Mutter ein. Sie weiß bereits, dass David und Milo gute Freunde sind. Er erzählt zu Hause viel von Milo und sie hat ihn auch schon öfter beim Bringen und Abholen getroffen. Milo ist ebenfalls 5 Jahre und hat das Downsyndrom. Er spricht bisher nur einzelne Wörter und verständigt sich ansonsten mit Gebärden und seiner ausdrucksstarken Mimik und Gestik. Seine motorische Entwicklung ist etwas eingeschränkt, vor allem im feinmotorischen Bereich ist Milo für sein Alter noch ungeschickt.
Die enge Freundschaft zwischen den beiden Kindern bereitet Frau Geiger Kopfzerbrechen. Sie und ihr Mann sind besorgt, dass ihr Sohn Nachteile in seiner Entwicklung haben könnte, da er in allen Bereichen weiter entwickelt ist als Milo und wohl nichts von ihm lernen könne. Sie betont, dass sie grundsätzlich nichts gegen Integration habe, aber natürlich sichergestellt sein müsse, dass die nichtbehinderten Kinder dadurch keine Nachteile hätten. Frau Geiger äußert außerdem die Sorge, dass die nicht-behinderten Kinder durch die Fachkräfte vielleicht zu wenig Zuwendung bekämen, da diese zu sehr mit der Betreuung der Kinder mit Behinderung gebunden seien. Zudem befürchtet sie, dass die pädagogischen Angebote sich zu stark an den Fähigkeiten der Kinder mit Behinderungen orientierten und die nicht-behinderten Kinder daher zu wenig Input und Förderung erhielten. Es ist nicht das erste Mal, dass Eltern Bedenken bezüglich der Entwicklung und der Förderung ihres nicht-behinderten Kindes in der integrativ arbeitenden Einrichtung äußern. Ayla kann daher gut auf die Sorgen und Ängste der Mutter eingehen. Im Team haben die Fachkräfte sich mit diesem Thema bereits auseinandergesetzt und gemeinsam Antworten auf die häufigsten Fragen und Anliegen gefunden.

Sorgen ernst nehmen

Dem Team ist es wichtig, die Sorgen der Eltern ernst zu nehmen und deutlich zu machen, dass sie es wichtig finden, diese offen anzusprechen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs verdeutlicht die Fachkraft zunächst das zugrunde liegende Bild vom Kind, um darauf aufbauend die einzelnen Kritikpunkte aufzugreifen und die Sicht des pädagogischen Teams darzulegen.

Sorge der Eltern: „Das Zusammensein mit Kindern mit Behinderungen beeinträchtigt die nicht-behinderten Kinder in ihrer Entwicklung.“
Antwort:
Kinder sind kompetent und treiben ihre Entwicklung selbst voran.
Kinder sind kleine Forscher*innen, unglaublich wissbegierig und brauchen niemanden, der sie in ihrer Entwicklung anleitet oder bildet. In den ersten 6 Lebensjahren lernen Kinder sehr schnell sehr viel, und zwar meist von ganz allein. Kinder, die keine gravierenden Einschränkungen in den entsprechenden Entwicklungsbereichen haben, lernen laufen, ohne dass ihnen jemand zeigt, wie das funktioniert, und sprechen, ohne dass wir sie lehren, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden.
Was Kinder brauchen, sind liebevolle, zugewandte Bezugspersonen und eine anregende Umgebung, in der sie möglichst frei und ungezwungen ihren Interessen und ihrem Spiel nachgehen können. Sie haben ein feines Gespür dafür, was sie interessiert und welche Anregungen sie gerade brauchen, und wenden sich diesen aktiv zu. Ein Kind, das seinen Wortschatz erweitert, fordert seine Bezugsperson zum Beispiel unermüdlich auf, Dinge, Personen und Tätigkeiten zu benennen. Wir als pädagogische Fachkräfte/als Kita-Team sind also davon überzeugt, dass Kinder sich genau das holen, was sie brauchen. Unsere Aufgabe ist es, eine soziale und materielle Umgebung zu schaffen, in der sie genau das finden können.

Sorge der Eltern: „Die nicht-behinderten Kinder bekommen zu wenig Zuwendung.“
Antwort:
Wir nehmen jedes Kind wahr. Jedes Kind hat ein Recht auf individuelle Begleitung.
Tatsächlich gibt es Kinder, die – zeitweise oder immer – mehr Zuwendung und Unterstützung brauchen, um sich gut zu entwickeln. Dazu gehören zum Beispiel Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen und Behinderungen sowie Kinder, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen. Aber auch Kinder, die gerade eine herausfordernde Entwicklungsaufgabe bewältigen (trocken werden oder die Autonomiephase durchlaufen) oder im Familienleben oder in der Kita vor einer Herausforderung stehen (der Übergang von Krippe zu Kindergarten oder die Trennung der Eltern), gehören dazu.
Jedes Kind, ob behindert oder nicht-behindert, kann und wird in eine Situation kommen, in der es vermehrt Zuwendung und Begleitung braucht. Genauso kann es sein, dass ein Kind mit Behinderungen zuverlässig in die Gruppe integriert ist und sich gut entwickelt, sodass es in dieser Phase nur sehr wenig Begleitung und Zuwendung durch die Fachkräfte braucht. Die Arbeit mit den Kindern mit Behinderungen hat uns gelehrt, sehr genau hinzusehen, wie ein Kind sich entwickelt, welche Bedürfnisse, aber auch welche Kompetenzen es hat. Dieser individuelle Blick aufs Kind hilft uns dabei, die nicht-behinderten Kinder genauer wahrzunehmen. Denn auch nicht-behinderte Kinder entwickeln sich individuell, haben unterschiedliche Kompetenzen und stehen vor verschiedenen Herausforderungen. Integration trägt dazu bei, die Unterschiedlichkeit aller Kinder anzuerkennen und die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes wahrzunehmen – ganz egal, ob mit oder ohne Behinderung.

Sorge der Eltern: „Die nicht-behinderten Kinder bekommen zu wenig Input.“
Antwort:
Pädagogische Aktivitäten sind so gestaltet, dass sie für alle Kinder wertvoll sind.
Ziel von Integration ist es, dass jedes Kind ausgehend von seinen Kompetenzen am Alltag und an allen Aktivitäten und Routinen in der Kita teilnehmen und seinen Teil beitragen kann. Natürlich arbeiten wir teilweise auch in Kleingruppen, aber meistens sind unsere pädagogischen Angebote so gestaltet, dass alle teilnehmen können. Das ist der Kern unserer Arbeit.

Raum, Zeit und Materialien stehen bereit

In diesem Zusammenhang arbeiten wir mit der sogenannten Binnendifferenzierung. Wir differenzieren die Inhalte unserer Angebote so aus, dass die Kinder aus einem weitgefächerten Angebot das auswählen können, was ihrem Wissen und Können entspricht und sie interessiert. Im Vordergrund stehen also die individuelle Entwicklung und Bildung des einzelnen Kindes. Es geht nicht darum, dass alle Kinder zur gleichen Zeit das Gleiche machen und lernen, zum selben Ergebnis kommen oder das gleiche Produkt herstellen. Während eines Kreativangebots stellt die Fachkraft also zum Beispiel Raum, Zeit und Materialien bereit und die Kinder entscheiden selbst, ob und wie sie das Angebot nutzen möchten. Sie unterstützt die Kinder und bringt Ideen ein, macht aber keine genauen Vorgaben, wie gestaltet und gemalt werden soll oder wie das Endprodukt auszusehen hat. Indem wir unsere Angebote so gestalten, dass sie individuell nutzbar sind, stellen wir sicher, dass die Kinder weder über- noch unterfordert sind. Kinder, die sich ausgehend von ihren individuellen Fähigkeiten und Interessen mit einer Sache beschäftigen dürfen, erleben sich als kompetent und werden motiviert, noch mehr zu lernen und zu erfahren.

Sorge der Eltern: Die Freundschaft mit einem Kind mit Behinderungen hat keine Vorteile für mein Kind, es kann von diesem Kind nichts lernen.“
Antwort: Freundschaften sind wertvoll und keine Zweckbeziehungen.
Gute Freundschaften sind für Kinder wichtig. Wenn wir Kinder fragen, was Freundschaft ausmacht, beschreiben sie Werte wie Vertrauen, Ähnlichkeit der Interessen, Gleichwertigkeit, gegenseitige Wertschätzung und Freundlichkeit. Sie wählen ihre Freund*innen nach Sympathie aus und befreunden sich mit Kindern, mit denen sie sich gut verstehen und gerne spielen.
Wir vertrauen darauf, dass jedes Kind sehr genau weiß, mit wem es befreundet sein möchte. Im Rahmen von Freundschaften lernen Kinder vielfältige soziale Kompetenzen wie Empathie, altruistisches Verhalten, Kooperationsfähigkeit, Perspektivenübernahme oder die Lösung von Konflikten. All diese Dinge lernen sie auch in freundschaftlichen Beziehungen zu Kindern, die „weniger gut“ entwickelt sind. Teilweise sind hier sogar noch mehr und andere Kompetenzen wichtig, um Gemeinschaft herzustellen, zum Beispiel wenn ein Kind mit Gebärden spricht, kausale Zusammenhänge langsamer versteht, schnell von seinen Emotionen überwältigt wird oder nicht laufen kann.
Genauso kann es sein, dass die Kinder etwas ineinander sehen, was für uns unsichtbar bleibt. Vielleicht fühlt sich ein Kind mit einem leichten Sprachfehler bei einem Kind, das kaum lautsprachlich spricht, besonders wohl, eben weil es hier nicht beurteilt wird. Oder das Kind, das schwer zur Ruhe kommt, sucht sich eine*n Freund*in, der/die viel Zeit im Sitzen verbringt und so als Ruhepol dient. Genauso kann ein schüchternes Kind in der Freundschaft zu einem meinungsstarken Kind viel lernen.
Kein Mensch kann für einen anderen entscheiden, wer ihm guttut. Daher reden wir den Kindern bei der Auswahl ihrer Freundschaften grundsätzlich nicht hinein. Freundschaften sind wechselseitig und beruhen auf gegenseitiger Sympathie. Ein Kind, das sich mit jemandem anfreunden soll, der es vielleicht gar nicht mag, läuft Gefahr, abgewiesen zu werden, und muss sich den Wünschen des anderen unterordnen, um zu gefallen. Das kann sein Selbstbild beschädigen. Es wird nicht um seiner selbst willen gemocht, sondern muss sich anpassen und verbiegen. Zudem kann es so das Gefühl dafür verlieren, wer ihm guttut. Und das wäre seiner Entwicklung tatsächlich nicht zuträglich.

Sorge der Eltern: „Integration darf keine Nachteile mit sich bringen.
Antwort: Kinder mit Behinderungen gehören selbstverständlich dazu.
Als integrative Kita sind wir offen für alle Kinder. Kein Kind – egal ob mit oder ohne Behinderung – muss seine Zugehörigkeit durch besondere „Leistungen“ rechtfertigen. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass alle Kinder am Alltag teilnehmen können. Konkret heißt das, dass wir fachlich, personell und finanziell so aufgestellt sind, dass wir allen betreuten Kindern und der gesamten Kindergruppe gerecht werden können. Dazu gehört ein guter Personalschlüssel, die Unterstützung durch fest angestellte Integrationsfachkräfte und Heilpädagog*innen, regelmäßige Fortbildungen, eine gute Materialausstattung, geeignete Räume und Raumgestaltung, ausreichend Vor- und Nachbereitungszeit und eine Konzeption, die an unsere Bedürfnisse, Kompetenzen und Ressourcen anknüpft. Ergänzend holen wir uns Unterstützung von außen, z. B. Fachkräfte aus der Frühförderung, wie Logopäd*innen oder Begleitpersonen für einzelne Kinder. Wir achten darauf, uns, unsere Kapazitäten und die Kindergruppe nicht zu überfordern, und haben eine ausgewogene Gruppenzusammensetzung stets im Blick. Das kann auch bedeuten, dass wir einzelne Kinder nicht bzw. noch nicht aufnehmen können.

Fazit

Als Team stehen wir dafür ein, dass der Wert eines Menschen nicht nach Leistung, Gesundheit oder Schönheit bemessen wird, sondern nehmen alle in ihrem Sosein wahr und an. Jeder Mensch ist von Natur aus wertvoll und würdig und muss sich seine Zugehörigkeit zur Gruppe nicht erarbeiten oder beweisen. Wir sind davon überzeugt, dass Integration für uns der richtige Weg ist und alle Kinder und Familien von ihr profitieren. Gelebte Integration funktioniert nicht von allein, sondern wird täglich neu geschaffen. Das hilft uns, uns stetig weiterzuentwickeln und noch besser zu arbeiten.

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