„Komm, wir spielen Feuerwehr“Ein Interview mit Dorothee Seeger über ein ganz besonderes Spiele- Buch

Auf Löschtüchern vorwärtsrutschen, auf Sicherheitsstegen balancieren und an einer Hauswand hochklettern: Wenn Kinder sich wie echte Feuerwehrleute bewegen, sind sie hoch motiviert. Über Spiele, die die motorischen Fähigkeiten fördern.

Komm, wir spielen Feuerwehr
© czarny_bez - iStock

Frau Seeger, welche motorischen Entwicklungsaufgaben müssen 3- bis 6-Jährige meistern?

Bis zu ihrem 3. Geburtstag beherrschen Kinder schon alle elementaren Bewegungen. Sie gehen, laufen, greifen, hüpfen oder steigen Treppen. Aber ab 3 Jahren stellt sich Kindern die Aufgabe, diese elementaren Bewegungen auch unter schwierigeren Bedingungen zu meistern. Beispielsweise, wenn sie versuchen, auf einem schmalen Balken zu balancieren oder beim Laufen auf glitschigem Untergrund das Gleichgewicht zu halten. Man spricht hier von der Entwicklungsaufgabe, eine variable Verfügbarkeit von elementaren Bewegungen zu erreichen. Eine weitere Entwicklungsaufgabe bilden Bewegungskombinationen, z. B. ein volles Glas Saft zu halten und von der Küche in den Garten zu gehen, ohne etwas zu verschütten. Auch Bewegungsreihen wie „gehe dort hin, hole das rote Auto und gib es Max“ fordern Kleinkinder heraus. Noch schwieriger wird es für sie, wenn Bewegungsreihen wie z. B. das Schleifebinden so komplex sind, dass sie sich nicht durchs Abschauen erlernen lassen. Schließlich besteht eine wichtige Anforderung für die Kinder darin, dass sie Sprache zur Steuerung ihrer eigenen Bewegungen nutzen lernen. Ein Wettlauf mit einer altersgemischten Gruppe ist dazu ein schönes Beispiel. Da laufen die 3-Jährigen schon los, obwohl noch gar nicht bis drei hochgezählt wurde, während die Älteren bereits gelernt haben, ihre Bewegung bis zum Kommando zu hemmen. Sie sehen, im Alter von 3 bis 6 Jahren passiert in der motorischen Entwicklung eine ganze Menge.

Wie lassen sich Kleinkinder im Unterschied zu älteren Kindern zur Bewegung motivieren?

Was Kleinkinder motiviert, ist, dass sie sich durch die Bewegung ihres Körpers in der Welt spüren. Je stärker die Bewegung, umso mehr spüren sie sich, z. B. beim Schaukeln oder wenn sie beim Reiterspiel auf den Knien der Fachkraft ordentlich durchgeschüttelt werden.

Was sie auch motiviert ist, wenn sie durch das Bewegen von Gegenständen einen markanten Effekt verursachen, z. B. auf die Trommel schlagen und es macht so richtig Krach. Aus der Lernpsychologie wissen wir, dass sowohl das Erzeugen von Effekten als auch das Empfinden von Anspannung und Entspannung bei starken Körperbewegungen wie beim Schaukeln Freude auslöst. Und diese Bewegungsfreude wirkt als inneres Belohnungssystem und motiviert die Kinder, sich aufs Neue zu bewegen.

Bei älteren Kindern ist das auch noch wirksam, aber es kommt etwas hinzu. Sie wollen ein herausforderndes Ziel erreichen, z. B. bis hoch in die Spitze der Kletterspinne steigen. Bei älteren Kindern ist es das Erreichen von herausfordernden Bewegungszielen, was Freude auslöst. Das gibt ihren Bewegungen Sinn und ein gesteigertes Erleben von Selbstwirksamkeit. Also etwas vereinfacht gesagt: Um 4- bis 6-jährige Kinder zur Bewegung zu motivieren, brauchen sie herausfordernde Bewegungsziele und Bewegungsaufgaben, die sie meistern können und wollen.

Was ist das Besondere an den BIKO-Spielen?

Die BIKO-Motorik-Kiste ist voll von spielerischen Bewegungsaufgaben. Ein Beispiel ist die Bewegungseinheit „Feuerwehr“ mit den Aufgaben „Tiere aus dem brennenden Zoo retten“ oder -– noch gefährlicher – „Dynamitstangen aus einer brennenden Fabrik so schnell wie möglich herausholen“. Um diese Aufgaben zu bewältigen, wollen die Kinder als „Feuerwehrleute“ so schnell wie möglich über schmale Feuerstege balancieren, über hohe Leitern klettern und aus der Höhe (der Kletterwand) hinabspringen (in die Weichbodenmatte). Die Aufgaben geben ihren Bewegungen Sinn. Den brauchen sie. Das ist entscheidend, um sie zu motivieren.

Wie können Spiele für die Motorikförderung genutzt werden?

Wenn wir den Gedanken von den sinnstiftenden Bewegungsaufgaben aufgreifen, dann bietet ein normaler Kita-Alltag Kindern nur sehr begrenzt wirklich attraktive Möglichkeiten. Hinzu kommt: Viele attraktive Bewegungsaufgaben sind für Kinder auch nicht ganz ungefährlich oder gar verboten. Nehmen wir als Beispiel über ein Hochseil laufen wie die Zirkuskünstlerinnen in ihren glitzernden Outfits oder auf einem Wildpferd oder Bullen reiten wie die coolen Cowboys beim Rodeo. Für dieses Dilemma bietet das kindliche Rollenspiel die Lösung. Denn sein entscheidendes Merkmal ist, dass Kinder nur so tun, als ob und nicht in der gefährlichen Realität agieren. Jedoch wollen sie in dieser fiktiven Spielwelt alle Aufgaben z. B. von realen Feuerwehrleuten übernehmen und in ihrem eigenen Bewegungshandeln in echt meistern, also über hohe Leitern klettern, über schmale Stege balancieren oder aus der Höhe hinab springen.

So bieten sich im Kontext von Spielen immer wieder neue Möglichkeiten, Kindern sinnhafte Aufgaben zu stellen, die ihre Bewegungskoordination herausfordern. Es ist einfach schön zu sehen, wie die Kinder mit Begeisterung ans Werk gehen und diese Spiele wieder und wieder einfordern – eben, weil sie Selbstwirksamkeit und Freude dabei empfinden. Wir sehen auch, dass manche Kinder im (Feuerwehr-)Spiel komplexe Bewegungskombinationen oder ganze Bewegungsreihen meistern, obwohl ihnen das bei Alltagsaufgaben noch schwerfällt.

Warum sind angeleitete Spiele für Kleinkinder sinnvoll?

Kinder werden nicht mit der Fähigkeit geboren, Bewegungs- oder Rollenspiele zu spielen. Vielmehr brauchen sie dazu auch Weltwissen, z. B. darüber, warum, wie und wo Menschen handeln. Nehmen wir wieder das Beispiel Feuerwehr. Was tun Feuerwehrleute? Welche Geräte bedienen sie? Wie bewegen sie sich im verrauchten Haus? Um dieses Wissen für ihre Spielwelt nutzen zu können, brauchen Kinder die Anleitung von Erwachsenen. Pädagogische Fachkräfte schauen etwa mit Kindern Bilderbücher über die Feuerwehr an, bauen im Bewegungsraum einen Bewegungsparcours als Trainingscamp für Feuerwehrleute. Dabei können sie Kinder herausfordern und anleiten, elementare Bewegungen unter schwierigen Bedingungen zu üben, nämlich über schmale „feuerfeste“ Stege zu balancieren. Oder sie fordern sie zu Bewegungskombinationen heraus, möglichst viele „Dynamitstangen“ mit den Händen zu halten und über den „feuerfesten“ Steg zu balancieren, um sie aus der brennenden Fabrik zu bringen und vieles mehr. Die Kinder erfinden auch selbst neue Aufgaben und Anforderungen für ihre Bewegungen.

Auf was sollten Fachkräfte bei der Anleitung achten?

Für das Erleben von Selbstwirksamkeit, Erfolg und Spielfreude dürfen die motorischen Anforderungen der Spiele natürlich nicht zu schwierig, aber auch nicht zu leicht sein. Eine solche Passung haben Fachkräfte zumeist besser im Blick als die Kinder selbst. Dazu liefern ihnen die Spielbeschreibungen in der BIKO-Spielekiste wertvolle Hilfen. Denn dort sind für jedes Spiel drei Schwierigkeitsstufen beschrieben (Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis). So können alle Spiele mit den Bewegungsfortschritten der Kinder „mitwachsen“.

Wie lassen sich die BIKO-Spiele in den Kita-Alltag integrieren?

In unserem Buch findet sich dazu eine Reihe von Vorschlägen: Jedes Spiel kann für sich gespielt werden, mehrere Spiele können zu einem Bewegungsangebot für eine Kleingruppe kombiniert werden, wobei sich die Fachkraft bei der Auswahl der Spiele von den Interessen oder (Förder-)Bedürfnissen der Kinder leiten lässt. Außerdem lassen sich die Spiele zu einem Bewegungsprogramm zusammensetzen, das ein oder zweimal pro Woche angeboten wird. Auch dazu finden sich Vorschläge in unserem Buch. Alle vorgestellten Spiele sind in Kitas mit durchschnittlich großen Bewegungsräumen erprobt. Was ich auch noch wichtig finde: Viele der Spielideen können draußen stattfinden.

Welche Tipps haben Sie für pädagogische Fachkräfte?

Fachkräfte sollten zur Motorik-Förderung Spiele auswählen, an denen sie selbst Spaß haben und bei denen sie mitspielen. Dazu muss man kein Bewegungstalent sein, aber in jedem Fall die Zuschauerrolle verlassen und in eine der Rollen schlüpfen, z. B. einer Zirkusdirektorin, eines Verkehrspolizisten oder – in unseren Spielgruppen höchst beliebt – in die Rolle des Rattenfängers, den die Kinder durch geschickte Bewegungskombinationen überlisten. Dazu genügt ein einfaches Requisit wie ein Zylinder, eine Polizeimütze oder ein buntes Tuch.

Was ist, wenn Kinder nicht mitspielen wollen?

Spielen ist freiwillig und kann nicht befohlen werden. Kinder spielen nur solche Spiele, bei denen sie sich als selbstwirksam erleben und deshalb Freude empfinden. Will ein Kind einmal nicht mitspielen, hat sich in unseren Spielgruppen eine „Pausenmatte“ bewährt. Ein Ort, von dem das Kind erst einmal zuschauen kann. Meist lässt es sich dann von der Spielfreude der anderen mitreißen. Findet es auch dann nicht ins Spiel, haben wir mit dem Kind gemeinsam nach einer Herausforderung gesucht, auf die es sich einlassen konnte.

Auf was sollte man bei Kindern mit einem motorischen Förderbedarf achten?

Will man die BIKO-Spielekiste für Kinder mit einem diagnostizierten Entwicklungsrisiko im Bildungsbereich Motorik einsetzen, sollte man die spielerischen Anforderungen so auszuwählen, dass sie das Förderkind (ggf. mit ein bisschen Hilfe) sofort bewältigen kann. Denn anfangs motiviert nur der Erfolg und veranlasst Kinder, das Spiel zu wiederholen und sich Schritt für Schritt mehr zuzutrauen. Erst dann motivieren auch Misserfolge, es trotzdem zu wollen. In den Spielbeschreibungen werden die motorischen Anforderungen erläutert und für jedes einzelne Spiel Hinweise gegeben, wie die Fachkraft ein Kind bei der Bewältigung unterstützen kann. Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal dieser Motorik-Kiste. Dann weiß man, worauf es bei den Bewegungsspielen ankommt.

Interview: Redaktion kindergarten heute

BIKO

BIKO steht für „Bildung im Kindergarten organisieren“. Das BIKO-Projekt will eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kita-Praxis bauen. Ziel ist es, Erkenntnisse aus Entwicklungs- und Spielpsychologie in die Praxis zu vermitteln. Aber auch umgekehrt sollen bewährte Aktivitäten und Spielmaterialien aus der Kita-Praxis genutzt werden, um herauszufinden, inwiefern das Spielen Kindern helfen kann, Entwicklungsmeilensteine zu erreichen.
Mehr unter https://www.uni-muenster.de/PsyIPBE/AEHolodynski/biko/index.html

 

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