Kindern helfen, einen Zugang zur Peer-Gruppe zu finden„Darf ich mitspielen?“

Wenn Kinder dauerhaft Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen, können Fachkräfte das Spielgeschehen einfühlsam moderieren. So kann das gelingen.

Ein kleiner Junge sitzt auf einem Fahrzeug und schaut unsicher zur Seite.
© Maskot - mauritius images

Freundschaften, freies Spiel mit Peers und die Teilnahme an der Peer-Kultur bieten Kindern vielfältige Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten. Kinder, die miteinander spielen, üben ganz unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten und bewältigen gemeinsam unterschiedliche Herausforderungen. Dazu gehören:

  • durch positive Verhaltensweisen in ein gemeinsames Spiel einsteigen (ein Spielzeug anbieten, einen konkreten Spielvorschlag machen),
  • sich auf ein gemeinsames Spielthema oder Spielziel einigen (Einkaufen spielen, einen Turm bauen),
  • eigene Vorstellungen über bestimmte Abläufe und Rollen mit den anderen abstimmen (welche Schritte gehören zum Einkaufen? Was macht ein*e Einkäufer*in? Wie verhält sich ein*e Verkäufer*in?),
  • den Spielverlauf planen und durchführen (wer macht wann was?),
  • das Spiel aufrechterhalten und einander bestätigen (durch Lächeln, Gestik und verbale Äußerungen),
  • aufkommende Konflikte lösen (wenn beide Kinder die gleiche Rolle einnehmen möchten oder wenn Uneinigkeit herrscht, wie genau eine Rolle gespielt werden soll).

Den meisten Kindern gelingt es gut, stabile Freundschaften zu ihren Peers aufzubauen und in die Peer- Kultur aufgenommen zu werden. Sie benötigen dafür vor allem Raum und Zeit zum ungestörten Freispiel. Es gibt aber auch immer wieder Kinder, denen es nicht gelingt, länger mit anderen Kindern zu spielen und Freundschaften aufzubauen. In diesen Fällen ist es die Aufgabe der Fachkraft, das Kind zu unterstützen. Kinder formen, bestätigen und leben ihre Freundschaften, indem sie miteinander spielen. Freundschaften sind der Schlüssel zur Aufnahme in die Peer-Kultur. Unterstützen Fachkräfte das gemeinsame Spiel, unterstützen sie gleichzeitig Freundschaften und die Teilnahme an der Peer-Kultur. Gelingt es Kindern nicht, ein gemeinsames Spiel aufzubauen oder aufrechtzuerhalten, liegt das oft daran, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Spielziele abzustimmen oder sich über Rollen und deren Ausführung zu einigen.

Die Fachkraft als Kommentator*in

Zur aktiven Unterstützung von kindlichen Spieltätigkeiten werden in der Praxis häufig Strategien eingesetzt, die direkt in das Spielgeschehen eingreifen. Die Fachkraft spielt entweder mit, nimmt also selbst eine aktive Rolle im Spielgeschehen ein, oder versucht, das Spiel von außen durch konkrete Spielvorschläge und Handlungsanweisungen zu lenken. Ein solches Vorgehen bezeichnet man als Spiel-Tutoring.1 Bei der Unterstützung von freiem Spiel mit Peers ist dies jedoch meist nicht sinnvoll. Freundschaftliches Spiel zwischen Peers entwickelt sich spontan, freiwillig und aufeinander bezogen und wird eben nicht von Erwachsenen angeleitet. In der Praxis ist es sinnvoller, wenn die Fachkraft eine kommentierende Rolle einnimmt und so das Spiel der Kinder als Beobachtende*r begleitet und interpretiert. Sie schaltet sich erst ein, wenn Probleme auftreten, die die Kinder nicht allein lösen können. So unterstützt sie sie dabei, Missverständnisse zu klären, Verhaltensweisen und Äußerungen zu deuten und Alternativen zu entwickeln. Die Fachkraft versucht nicht, das Spiel in eine bestimmte Richtung zu lenken, sondern lässt den Kindern freien Lauf und nimmt dabei ausdrücklich eine akzeptierende Haltung ein. Dazu gehört auch, sich so schnell wie möglich wieder aus dem Spiel zurückzuziehen und in die beobachtende Rolle zurückzukehren. Hilfestellungen des/der Kommentator*in sind in der Praxis meist nur kurze, unscheinbare Statements, die jedoch eine faszinierende Wirkung entfalten können.
Beispiel: Die Erzieherin liest ein Buch vor, mehrere Kinder hören ihr zu. Linda trägt eine Puppe in einem Tragetuch vor ihrem Bauch, sie steht neben der Erzieherin. Samu sitzt auf dem Boden. Samu streckt seine Hand aus und streichelt vorsichtig über die Puppe im Tragetuch. Linda zieht die Puppe weg und geht einen Schritt zurück. Samu zieht seine Hand zurück und sieht Linda fragend an. Schließlich steht er auf, streichelt liebevoll den Kopf der Puppe und lächelt. Linda dreht sich weg, knurrt: „Nein!“ Samu macht ein enttäuschtes Gesicht. Ein Praktikant hat die Szene beobachtet. Er wendet sich Samu und Linda zu und sagt: „Ja genau, Babys muss man immer ganz vorsichtig streicheln. Gell, Samu? Das ist wirklich ein liebes Baby, Linda.“ Lindas Gesicht hellt sich auf, sie lächelt Samu an, beugt sich vor und zeigt ihm ihre Puppe. Samu streichelt den Kopf und sagt: „Lieb!“
Der einfache Kommentar des Praktikanten hilft Linda, Samus Interaktionsversuch richtig einzuordnen, und sie reagiert dementsprechend freundlich und zugewandt.

Konflikte lösen

Das kindliche Spiel wird immer wieder durch Konflikte unterbrochen. Konflikte sind an sich nichts Schlechtes, sie gehören zum menschlichen Leben und bergen ein großes Lernpotenzial. Im Konflikt lernen die Kinder, negative Gefühle auszuhalten, ihre Meinung zu äußern, die des anderen anzuhören, Kompromisse zu finden und anschließend ihr Spiel neu zu ordnen. Kinder, die Konflikte selbstständig lösen können, gehen gestärkt daraus hervor und erleben sich selbst als kompetent im Umgang mit anderen. Im Spiel lösen die Kinder viele Konflikte selbst, ohne Hilfe von außen, und je häufiger sie miteinander spielen und je enger sie miteinander befreundet sind, desto besser gelingt ihnen das. Es ist nicht unsere Aufgabe, keine Konflikte aufkommen zu lassen oder in jede lautstarke Auseinandersetzung sofort einzugreifen. Erst wenn die Situation droht zu eskalieren oder gar die Sicherheit der Kinder gefährdet ist, ist ein feinfühliges Eingreifen durch die Fachkraft nötig. Sie löst den Konflikt nicht für die Kinder, sondern hilft ihnen, Kompetenzen zu entwickeln, die sie auch in Zukunft bei der Lösung von Konflikten nutzen können. Das kann nur gelingen, wenn sie die Kinder dabei unterstützt, selbstständig eine Lösung zu finden, die sie nachvollziehen können und die von allen akzeptiert wird.
Neben den oben beschriebenen Deutungs- und Verständnisschwierigkeiten entstehen in Krippe und Kindergarten zahlreiche Konflikte, weil sich ein Kind beim Spiel gestört fühlt. Beispielsweise wenn beide Kinder mit demselben Gegenstand spielen oder den gleichen Spielraum nutzen wollen. Eine beliebte Strategie zur Lösung von solchen Eigentumskonflikten ist die „Wer hatte es zuerst“-Regel: Das Kind, das das Spielzeug „zuerst hatte“, bekommt Recht, und das andere muss verzichten. So häufig und beliebt sie auch sein mag, diese Regel ist zum Lösen von Konflikten trotzdem nicht geeignet. Die Schwierigkeit ist, dass sich normalerweise nicht klar definieren lässt, wer etwas „zuerst“ hatte und wann dieses „zuerst“ beginnt. Luca spielt mit einer Puppe, legt sie weg und spielt in der Kinderküche. Leonie nimmt sich die Puppe. Hatte Luca die Puppe dann „zuerst“? Wie lange muss ein Spielzeug unbespielt sein, damit sich ein anderes Kind dieses nehmen kann? Darf ein Kind ein Spielzeug über längere Zeit besetzen, obwohl es nicht aktiv damit spielt, sondern nur Blickkontakt hat?
All diese Fragen sind reine Auslegungssache. Eine solch unklare Regel können Kinder nicht allein anwenden, sondern bleiben auf die Hilfe der erwachsenen Person angewiesen. Diese bestimmt, oft mehr oder weniger willkürlich, wer es „zuerst“ hatte, und agiert als Richter*in. Und ganz egal, wer etwas „zuerst“ hatte – der Wunsch, mit etwas zu spielen, das gerade ein anderes Kind benutzt, ist in Ordnung und verdient Beachtung. Auch das fällt bei „Wer hatte es zuerst“ oft unter den Tisch.

In der Praxis bietet sich bei Konflikten stattdessen folgendes Vorgehen an:

1. Was ist passiert?
Unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen.
Alle beteiligten Kinder erzählen nacheinander, was passiert ist. Das hilft ihnen zu verstehen, wie sie selbst und der/die andere die Situation erlebt haben und dass diese Wahrnehmungen unterschiedlich sein können.

2. Das will ich. Und was willst du?
Gegenseitiges Verstehen.

Die Kinder benennen ihre konkreten Wünsche und Ziele in der Situation. Sie erkennen so, was der/die andere möchte, aber auch, was sie sich selbst wünschen.

3. Was können wir da machen?
Lösungswege klären.
Anschließend überlegen die Kinder, welche Lösungswege es gibt. Beim Konflikt über ein Spielzeug bieten sich zum Beispiel an: zusammen spielen, teilen, Ersatz finden oder abwechseln.

4. So machen wir’s!
Lösung finden und ausführen.
Die Kinder entscheiden sich gemeinsam für einen Lösungsweg und führen diesen aus. Wichtig ist, dass der gewählte Weg von allen beteiligten Kindern akzeptiert wird und den Konflikt auch wirklich löst.

5. Beim nächsten Mal machen wir das so.
Zukünftiges Verhalten planen.
Im Nachgang bietet sich eine kleine Nachbesprechung an. Gemeinsam werden noch einmal die Lösungsstrategien benannt und besprochen, wie die Kinder so eine Situation in Zukunft lösen könnten. Das hilft den Kindern, die erworbenen Kompetenzen in einer ähnlichen Situation abzurufen. Bei diesem Vorgehen gibt die Fachkraft den Kindern einen Rahmen vor und unterstützt sie durch gezieltes Nachfragen und kurze Zusammenfassungen. Gerade bei jüngeren Kindern kann es nötig sein, sie bei der Verbalisierung eigener Gefühle und Wahrnehmungen zu unterstützen. Aber die Fachkraft fungiert nicht als Schiedsrichter*in und hält sich auch mit Vorschlägen zur Konfliktlösung weitestgehend zurück.

Spielaktionen

Möchte man Kinder gezielt bei der Entstehung von gemeinsamem Spiel unterstützen, bieten sich Spielaktionen an, bei denen ihnen eine Spielidee, ein Spielthema und ein Spielraum angeboten werden. Eine Spielaktion sieht zum Beispiel folgendermaßen aus: Die Fachkraft liest den teilnehmenden Kindern ein Bilderbuch vor. Die Geschichte muss leicht verständlich und dennoch interessant und anregend sein; sie soll die Kinder zum Nach- und Weiterspielen animieren. Fragen werden besprochen, Interessantes und Besonderes wird herausgestellt und erste Spielideen werden entwickelt. Anschließend spielen die Kinder frei, dabei müssen sie sich natürlich nicht an die Geschichte halten, sondern verwirklichen ihre Ideen spontan und ungezwungen. Die Fachkraft zieht sich bewusst zurück und beobachtet das Spiel der Kinder aufmerksam. Wenn nötig, kann sie als Kommentator*in unterstützend eingreifen. Eine Spielaktion findet in einer vorbereiteten Umgebung statt, die genug Platz und ansprechende Materialien bietet, wie eine Turnhalle oder ein anderer Bewegungsraum. Für die Kinder stehen Materialien und Objekte bereit, die das Nachspielen der Geschichte anregen. Dafür eignen sich zum Beispiel Seile, Teppichstücke, große Schaumstoffklötze, Decken, Stühle oder Sandsäckchen. Außerdem sind bestimmte Spielorte bereits aufgebaut und Decken und Stühle bilden ein Haus oder Seile zeichnen Bahnschienen nach. Es bietet sich außerdem an, die Spielaktion regelmäßig mit einer festen Gruppe von maximal zehn Kindern durchzuführen.
Spielaktionen haben verschiedene Vorteile:

  • In der Kleingruppe können gezielt Kinder mit ähnlichem Entwicklungsstand und gemeinsamen Interessen zusammengebracht werden.
  • Das regelmäßige Zusammensein in der gleichen Gruppe schafft Vertrauen und hilft den Kindern, an vorangegangene Spielhandlungen anzuknüpfen.
  • Ausgangspunkt ist eine Geschichte, die alle Kinder kennen. Das hilft ihnen dabei, Spielideen zu entwickeln und sich im Spiel aufeinander zu beziehen.
  • Die Fachkraft hat Raum und Zeit, sich ganz auf ihre Rolle als Beobachter*in und unterstützende*r Kommentator*in zu konzentrieren. Die wirksame Unterstützung der Kinder bei Schwierigkeiten im gemeinsamen Spiel, die Etablierung einer konstruktiven Streitkultur und die Gestaltung von Spielaktionen sind drei wesentliche Aspekte bei der Begleitung von gemeinsamem Spiel und somit für die Förderung von Freundschaften und einer Aufnahme in die Peer- Kultur.
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