Emmi PiklerGrundgedanken bedeutender Pädagogen und ihre Aktualität für die Bildungsarbeit heute (8)

„Beobachte! Lerne dein Kind kennen!1“, war die Maxime der ungarischen Ärztin Emmi Pikler. In den letzten Jahren wird ihr besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Seit dem Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren wird über deren optimale Erziehung, Bildung und frühkindliche Bedürfnisse diskutiert. Piklers Erfahrungen sind bei der Suche nach Antworten eine einzigartige Fundgrube.

Emmi Pikler wurde 1902 als Emilie Madelaine Reich in Wien geboren. Ihre Mutter war Kindergärtnerin, der ungarische Vater Handwerker. 1908 zog die Familie nach Budapest, sechs Jahre später starb ihre Mutter. Zum Medizinstudium kehrte Emmi nach Wien zurück und promovierte dort 1927. Drei Jahre später heiratete sie den Mathematiklehrer und Pädagogen György Pikler, 1931 kam ihre Tochter Anna auf die Welt. 1932 zog die Familie nach Budapest, wo Emmi Pikler 1935 die Anerkennung als Kinderärztin erhielt und eine Privatpraxis eröffnen konnte, die sie führte, bis die Nazis 1944 in Budapest einmarschierten. Als Jüdin war ihr die Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitssektor verschlossen.

Freie Bewegung ermöglichen

Die Erziehung der gemeinsamen Tochter war prägend für das Wirken von Emmi Pikler. Gemeinsam mit ihrem Mann, der 1936 aus politischen Gründen für zehn Jahre inhaftiert wurde, hatte sie sich auf eine Erziehungsphilosophie festgelegt: Ihrer Tochter sollte freie Bewegung ermöglicht werden, ihre Entwicklung wollte man mit Geduld abwarten. Pikler war damals schon davon überzeugt, dass eine selbstgesteuerte und ungestörte Bewegungsentwicklung nicht nur für die gesunde körperliche Beweglichkeit, sondern auch für die Persönlichkeitsbildung entscheidend ist. 1940 erschien ihr erstes Buch, ein Erziehungsratgeber. Nach dem Krieg übernahm sie 1946 das Kinderheim Lóczy in Budapest. Im Nachkriegseuropa gab es viele Waisenkinder, entweder durch direkte Kriegsfolgen oder durch Krankheiten, die in diesen Jahren grassierten. Zunächst war das Lóczy ein im Auftrag der Stadt Budapest eingerichtetes Kinderheim, in das bis zu 70 Säuglinge aufgenommen werden konnten. Sie blieben dort in der Regel, bis sie drei Jahre alt waren. Emmi Pikler setzte ihre Erziehungsvorstellungen dort mit großer Überzeugung um, habilitierte 1969 über die Bewegungsentwicklung des Säuglings und brachte nach ihrer ersten Tochter zwei weitere Kinder zur Welt. Das Pikler-Institut leitete sie bis 1979, 1984 starb sie. Vier Jahre später beschrieb ihre Tochter Anna Tardos die grundlegenden Vorstellungen ihrer Mutter in einem Vortrag folgendermaßen:

  • Liebevolle Zuwendung
  • Ungeteilte Achtsamkeit während der Pflege
  • Freie Entwicklung der Kinder in einer gut vorbereiteten Umgebung
  • Keine Förderung im Sinne eines Versuchs, Entwicklungsprozesse zu beschleunigen
  • Sprachliche Begleitung aller Aktivitäten, z. B. der Pflegehandlungen2

Bei der Pflege eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen

Früh erkannte Pikler auch die Gefahr des Hospitalismus, da die Kinder ohne die eigene Mutter aufwachsen mussten. Dieses schwere Krankheitssyndrom wurde als Folgeerscheinung des Aufwachsens im Säuglingsheim häufig beschrieben und war durch die Untersuchungen des Psychoanalytikers René Spitz belegt worden. „Um die Kinder davor zu bewahren, gehen wir im Lóczy von dem Grundprinzip aus, das Entstehen einer entsprechenden Beziehung zwischen Pflegerinnen und Kindern vor allem während der Pflege zu erreichen“3, erklärte Pikler. Es ging ihr nicht nur darum, dass die Kinder gut versorgt waren. Entscheidender war die Frage nach der Gestaltung der Beziehung zwischen Pflegerin und Kind. Heute würde man dies als Merkmal der Prozessqualität bezeichnen, also der Frage der Intensität der Interaktion zwischen Pädagogin und Kind. Emmi Pikler: „Es ist unser Bestreben, dass weder die Kinder einer Gruppe noch die dazugehörigen Pflegerinnen ausgewechselt werden. Wir bemühen uns, den Kindern zu ihrem Schlaf die nötige Ruhe, zu ihrem Spiel den notwendigen Raum und das entsprechende Spielmaterial zur Verfügung zu stellen, den Pflegerinnen hingegen möglichst ausreichend Zeit zu einer guten Pflege zu sichern.“4

Piklers Vorgehen war erfolgreich. Über viele Jahre in ihren Erfahrungen bestärkt, bewiesen empirische Längsschnittuntersuchungen, dass die Kinder auch später keine auffallenden, typischen Persönlichkeitsstörungen zeigten, die auf das im Heim verbrachte Säuglingsalter hätten hinweisen können.5 Die Forschungsarbeit im Institut geschah durch systematisierte Beobachtungen, die sich thematisch vor allem auf die Lern- und Spielprozesse im frühen Kindesalter, auf die Bewegungsentwicklung und das Verhalten der kleinen Kinder untereinander bezogen. Seit 1971 hatte das Lóczy die Aufgabe, die Mitarbeiter aller ungarischen Säuglings- und Kleinkinderheime fortzubilden. Ungarischen Studenten bestimmter Fachrichtungen wurde ebenso Gelegenheit zur Hospitation gegeben wie in- und ausländischen Fachkräften. 2011 musste das Institut aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Die staatliche Unterstützung war bereits Jahre zuvor reduziert worden.

In warmherziger Beziehung die Freiheit bewahren

Die pädagogische Arbeit im Institut und in den konzeptionellen Vorstellungen Piklers hat zwei fundamentale Prinzipen: einerseits die achtsame und warmherzige Beziehung zwischen Erwachsenen und Kind, andererseits die Notwendigkeit, Spontaneität und Freiheit zu achten, die jedes Kind von klein auf anstrebt.6 Diese beiden Faktoren sind nicht voneinander zu trennen und werden nicht nur in allen Aspekten der praktischen Erziehungsarbeit berücksichtigt. Sie prägen auch die Haltung der für die Erziehung und Pflege zuständigen Menschen in Lóczy und allen anderen Einrichtungen, die sich Piklers Vorstellungen als Leitbild genommen haben. Emmi Pikler lehrte: „Der Säugling braucht sehr viel Liebe. Er muss fühlen, dass wir ihn gern haben. Seien wir lieb zu ihm, lächeln wir ihm zu, reden wir mit ihm, gelegentlich spielen wir auch mit ihm. Vor allem aber: Sorgen wir für ihn! Die Liebe, die Sorgfalt muss das Kind umgeben wie ein angenehmes, gleichmäßiges, warmes Bad.“7 Liebe bedeutet aber nicht, dass das Kind immerfort unterhalten oder „umtanzt“ wird. Man sollte das Kind vielmehr kennenlernen und verstehen lernen, was es braucht. Dann kann man ihm diese Wünsche nach Erkenntnis und Erfahrung ermöglichen, denn „im Kind – auch schon im Säugling – besteht ein von Natur aus unversiegbares und immer zunehmendes Interesse für die Welt und für sich selbst“8. So tritt Emmi Pikler dafür ein, dem Kind zu vertrauen, dass es seine Entwicklung selbst gestalten kann, dass es sich in seinen Bewegungserweiterungen und in seinem Spiel die individuellen Herausforderungen sucht, die seiner Weiterentwicklung dienlich sind. „Lasst mir Zeit“ – so heißt programmatisch eines der Standardwerke von Pikler. Und an anderer Stelle schreibt sie: „Forcieren wir den Säugling nicht. Versorgen wir das Kind gut, doch stören wir nicht den langsamen, stetigen Vorgang, der bei jedem Kind einen eigenen Rhythmus und Verlauf hat.“9 Der Eigeninitiative und der selbstständigen Aktivität und der Kompetenz wird Vertrauen geschenkt, jedes Kind darf über seine Aktivitäten entscheiden, auch darüber, wie viel es essen mag und in welchem Rhythmus es sein Schlaf- und Ruhebedürfnis leben möchte. „Wir wollen sein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl bewusst stärken.“10

Die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind

Die Situationen der Pflege – das Wickeln, das Anziehen und das Essen – sind im Verständnis von Pikler die besten Situationen, in denen Kinder die Zuwendung und Achtung ihrer Bezugspersonen erleben können. Hier entsteht die sichere Beziehung zwischen dem Kind und den Erziehenden. Vorausgesetzt, diese Pflegehandlungen sind geprägt durch die Aufmerksamkeit, Gelassenheit und Kommunikationsangebote der Erwachsenen. Die Mehrzahl seiner sozialen Erfahrungen macht ein Säugling während der Pflege. Entsprechend entscheidend ist die Art und Weise – oder anders formuliert: die Qualität dieses Prozesses. In diesen qualitativen Aspekten steckt die Quintessenz des Menschenbildes von Pikler. Die Kinder werden als wertvolle Subjekte gesehen und angesprochen. Vor den entsprechenden Schritten – wie beispielsweise dem Beginn des Wickelns – wird die Intention des Erwachsenen deutlich gemacht; das Kind wird gefragt, ob es dazu bereit ist. Wenn es zum Ausdruck bringt, dass es noch Zeit braucht, dann wird ihm diese eingeräumt. Die Aufmerksamkeit wird auf die Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind fokussiert. Kein Spielzeug lenkt das Kind ab, keine anderen Aufgaben ziehen die Aufmerksamkeit der Pflegeperson ab. Der Erwachsene wendet sich dem Kind kooperativ und beobachtend zu und geht auf die Wünsche und Bedürfnisse ein; er ist achtsam, liebevoll und sorgt für den Aufbau eines Grundvertrauens. Gerade in dieser Zeit kann man sich am persönlichsten um das Kind kümmern. Bei einer erfahrenen Bezugserzieherin gibt es keine Beliebigkeiten. Wechselnde Erwachsene in der Pflege oder auch technische Begrifflichkeiten vom „Durchwickeln“ der Kindergruppe sind also unvorstellbar. Die Kinder erleben in den genannten Situationen ihre Welt und die dazugehörigen Erwachsenen als sichere und wohlwollende Gegenüber. Sie erlernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, und erleben, dass diese ernst genommen werden. „Indem der Erwachsene während der Pflege auf die Signale des Kindes achtet …, gibt er ihm von Anfang an Gelegenheit, den Verlauf der Pflege und die Art und Weise der Befriedigung seiner Bedürfnisse zu beeinflussen.“11 Diese Situationen sind wegen ihrer Intensität und – zumindest in den ganz frühen Monaten – auch aufgrund ihrer Häufigkeit so intensiv, dass die Kinder eine ausreichende Basis für ihr Erkundungs- und Spielverhalten haben. Sie sind dann auch weniger auf den Erwachsenen angewiesen, weil zuvor genug für die Entwicklung des Grundvertrauens getan wurde.

Die Bewegungsentwicklung geduldig abwarten

Die Überzeugung, dass Kinder ihre Kompetenzen gerade im Bereich der Bewegung selbst erlernen, ist eines der Kernprinzipien von Emmi Pikler. Der Säugling und das Kleinkind kommen durch selbstständige und geduldige „Arbeit“ und mit Sammlung ihrer ganzen Aufmerksamkeit zu ihrem Können. Jedes Kind erlernt die einzelnen Schritte der motorischen Entwicklung von innen heraus ohne Unterstützung der Erwachsenen. Dabei lernt das Kind nicht nur einzelne neue Fähigkeiten wie das Rollen, Krabbeln, Sitzen, Stehen oder Gehen. Es lernt dabei das Lernen.12 Anna Tardos formulierte es folgendermaßen: „Bei der selbstständigen Bewegung ist es nicht nur die Qualität der schönen Bewegung, es ist auch die Qualität des Lebens, das Gefühl: ,Wer bin ich, was kann ich? Wo bin ich in meinem Körper? Welche Rückmeldungen habe ich? Und kann ich dieser Rückmeldung folgen? Oder bin ich ausgeliefert an andere Menschen? Wie gehe ich mit mir selber um?‘ Das alles sind Fragen, die später auch für den Erwachsenen von Bedeutung sind.“13 Diese Suche nach neuen motorischen Erfahrungen bereitet den Kindern Freude. Wenn Versuche nicht sofort zum Ziel führen, beobachtete man bei den Kindern in Lóczy kein Auftreten von Frustration oder Verzweiflung. Jedes Kind zeigte sich aktiv, wechselte häufig die Positionen und ging dabei einem eigenen zeitlichen Rhythmus nach. Trotz der klaren Aufforderung an die Erwachsenen, keine Entwicklungen zu forcieren oder in die Versuche der Kinder einzugreifen, ist eine verlässliche Beziehung die wesentliche Voraussetzung. Sie wirkt sich auf die Motivation und den Antrieb der Kinder aus, sorgt für die Befriedigung ihrer emotionalen Bedürfnisse nach Zuwendung (meist in den Phasen der Pflege) und eine gut und sicher vorbereitete Umgebung. „Diese Art von Bewegungsentwicklung hat durch die größere Selbstständigkeit der Kinder einen günstigen Einfluss auf die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem. Die Kinder belasten die Erwachsenen weniger und dadurch entwickelt sich, besonders in Institutionen, aber auch im Falle beschäftigter Mütter, die gegenseitige Beziehung ruhig und ausgeglichen.“14

Das freie Spiel

Spiel ist dem Kind ein inneres Bedürfnis. Ein Säugling beobachtet mit unerschöpflichem Interesse seine Umgebung. Er findet Freude daran, Gegenstände zu berühren, zu betasten, zu drücken oder sie aufzuheben und wieder loszulassen.15 Emmi Pikler beobachtet diese aus innerem Antrieb kommende Tätigkeit intensiv. Sie misst dieser Beschäftigung eine große Bedeutung bei. Jedes gesunde Kind, das sich mit dem Erwachsenen und mit sich selbst in Harmonie befindet, hat von Geburt an Freude daran, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Indem es frei probiert, macht es neue Erfahrungen. „Es erfährt, dass die Welt erkennbar ist. … Sein eigenes Tun hilft ihm, auf allen Stufen seiner Entwicklung in einer Weise handeln zu lernen, die ihm das Gefühl vermittelt, erfolgreich zu sein.“16 Man würde dies heute mit dem Begriff der „Selbstwirksamkeit“ beschreiben. Auch hier ist dem Erwachsenen ein hohes Maß von Zurückhaltung auferlegt. Die Gefahr, dass die Motivation der Erwachsenen das Spiel zu sehr bestimmt, ist zu groß. Ein Kind soll auch nicht für die Freude des Erwachsenen spielen, sondern soll seine Aktivitäten ganz dem eigenen Forscherdrang unterstellen.

Säuglinge brauchen keine Spielzeuge, auch Kleinkindern sollten nur sehr behutsam und nur sehr wenige Gegenstände zum Spielen angeboten werden. Es bedarf sorgfältiger Beobachtung von Erwachsenen, um herauszufinden, wie viel und welches Spielmaterial das Interesse des Kindes weckt und neue Herausforderungen schafft. In einer Video-Studie stellt Anna Tardos Beispiele von Kategorien der kindlichen Aufmerksamkeit dar, die Fachkräfte bei der Einschätzung der Spielinteressen unterstützen können.17 Die Spielsituation ist dann günstig, wenn Kinder sich mit Freude und aktiv auf Forscherreise begeben. Die Umgebung muss also so gestaltet sein, dass die Möglichkeit zur Tätigkeit gegeben ist.

Die Bedeutung der Erkenntnisse von Emmi Pikler

Emmi Pikler war Ärztin und keine Pädagogin. Die ambitionierte und fürsorgliche Arbeit mit den Kindern und die intensive Forschung können aber für die pädagogische Arbeit mit kleinen Kindern sehr hilfreich sein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die in der Frühpädagogik beschäftigten Fachkräfte die Erkenntnisse und Erfahrungen aus Lóczy als hilfreiche Orientierung für das doch eher unbekannte Gebiet der Erziehung von sehr kleinen Kindern nutzen. Gerade in der präventiven Wirkung der intensiven pflegerischen Zuwendung wird ein Weg gesehen, mit dessen Hilfe der Gefahr der Traumatisierung von kleinsten Kindern in der Tageseinrichtung begegnet werden kann. Die Bedeutung des freien Spiels ist in der Elementarpädagogik schon lange bekannt. Emmi Piklers Erfahrungen untermauern die konzeptionelle Praxis vieler Kindertageseinrichtungen, den Kindern viel Raum und Zeit für Spiel und Bewegung zu lassen. Radikal hat sie dabei das Recht des Kindes auf diese Freiheit formuliert und den Erwachsenen die Rolle der beobachtenden und schützenden Begleitung zugeteilt.

Das Recht auf den eigenen Rhythmus und die eigene Zeit

Für Emmi Pikler war es selbstverständlich, jedem der vielen hundert Kinder, die den Weg ins Lóczy gefunden haben, ihre eigene Zeit und ihr eigenes Tempo bei der Entwicklung zu ermöglichen. Sie wendet sich scharf gegen die Gefahr, dass Eltern oder Pädagogen die Kinder durch Vergleiche mit anderen Kindern in einen Entwicklungsdruck bringen. Ausgehend von eigenen Erfahrungen bei der Erziehung ihrer Tochter Anna gehört es zu Piklers Grundsätzen, dass jedes Kind das Recht auf die eigenen Schritte und die eigene Entwicklung hat. „Greifen wir in die Bewegungsweise des Kindes nicht ein! Geben wir ihm weiterhin die Möglichkeit, sich immer so zu bewegen, immer so zu spielen, wie es ihm gefällt.“18 Wie wohltuend sind diese Annahmen angesichts des heutigen Drucks auf Kinder, möglichst früh, möglichst viel zu „lernen“. Übrigens: Ein Vergleich der Kinder aus Emmi Piklers Heim sieht die Kinder deswegen überhaupt nicht im Nachteil.19

Die Erzieherin als Spurensucherin

Der Schlüssel für das erzieherische Verhalten liegt in einer einfühlsamen Beobachtung. Es ist ein Zeichen erzieherischer Liebe und Achtung, das Kind kennenzulernen. Dazu genügt das Hinsehen, das Auge allein nicht. „Wir müssen beobachten, fühlen und denken, uns in die Welt des Kindes einfühlen, einleben.“20 Gerade in Kindertagesstätten sind die Fachkräfte auf ebendiese Signale der Kinder angewiesen, aus deren Wahrnehmung sie sich für jedes Kind entsprechende Reaktionen überlegen müssen. Die Erzieherin wird zur Begleiterin und Spurensucherin, um die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und zu befriedigen. Diese Erkenntnisse finden sich heute in kindzentrierten Beobachtungsverfahren wie beispielsweise in der Leuvener Engagiertheitsskala oder in den Bildungs- und Lerngeschichten sinnvoll verwirklicht. Hinter dieser individuellen und kindzentrierten Wahrnehmung von Kindern steckt das erzieherische Prinzip der Achtung vor dem eigenen Weg eines jeden Kindes. Der Erwachsene gesteht es den Kindern zu, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr eigenes Tempo zu bestimmen. Darin liegt die Grundhaltung des Vertrauens in die inneren Kräfte des Kindes. Diese Achtung impliziert auch die Zurückhaltung der Erzieherin in Bezug auf das Spiel und die Explorationen der Kinder. Wenn Erwachsene zu sehr in die Gestaltung eingreifen, werden die Kinder die Erfahrungen nicht als eigene adaptieren und somit eher verunsichert als in ihrem Erleben von Selbstwirksamkeit bestärkt. Kernaufgabe innerhalb der erzieherischen Aufgabe ist jedoch eine sichere emotionale Beziehung, die durch die intensive Zuwendung innerhalb der Pflege und die aufmerksame Beobachtung und sprachliche Begleitung erlebt werden kann.

Sprachlicher Umgang mit Kindern

In den Filmbeispielen aus Lóczy sehen wir eindrucksvoll, wie die Prozesse, die die Erwachsenen mit den Kindern gestalten, sprachlich begleitet werden. Für eine Pflegerin im Lóczy ist es selbstverständlich, auch den jungen Säugling höflich um etwas zu bitten, ihm einen guten Appetit zu wünschen und sich für sein Mitwirken freudig zu bedanken. Diese einfühlsame Zuwendung soll bewirken, dass das Kind mit allen Sinnen den Worten des Erwachsenen lauscht.21 Diese aktive und zugewandte Dialogbereitschaft scheint heute aktueller denn je zu sein. Im Wissen um die heute mitunter förderwürdigen Sprachkompetenzen von Kindern ist dieses Vorbild der Sprachanregung im Alltag besonders wertvoll. Schon Emmi Pikler wusste, dass die sprachliche Praxis zwischen Kindern und Bezugspersonen die entscheidende Quelle des Spracherwerbs ist. „Auch wenn wir die Empfindung haben sollten, dass das Kind noch nicht alles, was wir sagen, oder vielleicht gar nichts davon versteht, verhalten wir uns nicht so, als wären wir stumm. Vertrauen wir darauf, dass der Säugling uns verstehen wird, wenn wir natürlich und einfach mit ihm sprechen.“22 Es sind nicht einfach zu übertragende konzeptionelle Anweisungen, die dem Erbe der ungarischen Ärztin entnommen werden können. Von den Pikler- Bewegungsgeräten abgesehen gibt es auch keine Materialien, die einfach eingesetzt werden können. Es sind eher Haltungen und Erfahrungen aus dem Lebenswerk, die Fachkräfte heute inspirieren können und sollen. Und es ist die Haltung Kindern gegenüber, die gerade im Dialog mit den Kleinsten so bedeutungsvoll ist. „Vertrauen wir darauf“ – vielleicht ist das der bedeutendste Hinweis der Ärztin Emmi Pikler.

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