Profilskizzen heutiger SeminaristenDie Generation Y im Priesterseminar

Seminaristen-Biografien sind heterogen. Einige von ihnen sind noch in einer klassischen Pfarrei aufgewachsen, während andere sich gerade erst bekehrt haben. Sie alle werden eines Tages auch Garanten der kirchlichen Einheit sein müssen.

Junger Mann im Priesterseminar
© KNA-Bild

Die Seminaristen des Jahres 2018 gehören im Wesentlichen zur viel beschriebenen Generation Y: „Ypsiloner stehen für die unspektakuläre, sanfte Revolution, die in kleinen evolutionären Schritten daherkommt“ (Klaus Hurrelmann und Erik Albrecht, Die heimlichen Revolutionäre. Wie die Generation Y unsere Welt verändert, Weinheim 2014, 220). Ihr Ideal sind Flexibilität und Vernetzung, Sinnfindung und Selbstwirksamkeit sowie pragmatische Lösungen durch flache Hierarchien. Autoritäten müssen sich durch Kompetenz ihren Respekt verdienen, Spielregeln werden nicht „von oben her“ akzeptiert, sondern vereinbart. Grammatik der Ypsiloner ist der Potenzialis; es gibt immer noch eine Option mehr. In den Ypsilonern spiegelt sich die Pluralität der Zeit wider – dass dies auch für Seminaristen gilt, ist evident, aber wenig weiterführend.

Welche Gemeinsamkeiten prägen sie, welche Unterschiede, welche Perspektiven – und dementsprechend: Welchen Herausforderungen stehen diejenigen gegenüber, die sich um die Priesterausbildung sorgen? Die bedrängend geringen Zahlen sind ja nicht das einzige Thema. Und schließlich mit Perspektive auf den späteren Personaleinsatz: Mit welchen „Typen“ von Priestern können wir künftig rechnen?

Die folgenden vier Skizzen wollen versuchen, die Pluralität heutiger Seminaristen unter dem Aspekt ihrer geistlichen Biografien zu fassen. Trotz aller Mängel, die einem jeden Schema anhaften, ermöglicht die Skizzierung doch, biografische und geistliche Grundzüge der Seminaristen besser zu verstehen und daraus die konkreten Aufgabenstellungen für die Ausbildung abzuleiten. Kaum ein Seminarist repräsentiert natürlich einen Typus in Reinform; kaum einer fällt aber ganz aus dem Rahmen.

Pfarrkinder

Die klassische kirchliche Sozialisation von Seminaristen geschieht auch heute durch die Pfarrei. Ein weiterhin erheblicher Teil der Seminaristen ist als Ministrant, in der Pfarrjugend oder der Kirchenmusik groß geworden, manche sind auch in einem kleinen Seminar aufgewachsen. Sie bringen damit wesentliche Grundlagen mit: das Wissen um die Feier des Kirchenjahres, verschiedene Frömmigkeits- und Gottesdienstformen, um die Feier von Kasualien an den Lebenswenden; sie kennen auch die Prozesse in Gremien und die alltäglichen Schwierigkeiten um Pfarrheim und Schlüssel. Je nach Prägung des Pfarrers und der Pfarrei erhält damit auch das Priesterbild, das sie mitbringen, eigene Vorzeichen; sei es aus Übereinstimmung, sei es aus Abgrenzung.

Das Kapital dieser Gruppe ist ihr hoher Realitätsbezug, ihre Verbundenheit mit der konkreten Kirche: Diese Seminaristen haben ihre Pfarrei oder ihr kleines Seminar als Heimat und als Ort ihrer Reifung erlebt; sie schätzen bei allen Schwierigkeiten, um die sie wissen, ihre Verlässlichkeit.

Die Gefahr für diese Gruppe ist der Betrieb: Pfarrbetrieb neigt zur Selbstreferenzialität, weil er den Grundbedürfnissen des präsenten Teils der Gläubigen entgegenkommt, den missionarischen Aspekt aber nicht im Blick hat. Daher muss sich auch in den Augen der Pfarrkinder – zugespitzt formuliert – nur etwas ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist: Ihr Ideal ist die „besetzte Pfarrei“, ihre Vorstellung von Seelsorge mit dem „Versorgen“ positiv beschreibbar: „‚Ver-Sorgen‘ erinnert an die Mühe Gottes um den Menschen, die so alt ist wie die Geschichte der Menschheit“ (Paul M. Zulehner, Priestermangel praktisch. Von der versorgten zur sorgenden Pfarrgemeinde, München 1983, 102).

In ihrem Verhältnis zu den Laien ist diese Gruppe relativ inhomogen – die entscheidende Rolle spielen auch hier die Vorerfahrungen: Welche Position der „Vorbildpfarrer“ eingenommen hat, welche Rolle die Laien gespielt haben, ist für die spätere Einstellung prägend. Das Lernfeld, das diese Seminaristen vor sich haben, ist die Weitung ihres Begriffs von Seelsorge: Aufgabe der Priester ist es nicht, die Näher- oder Fernerstehenden in allen Lebenslagen nach allen Regeln des Pastoralhandbuchs zu versorgen. Aufgabe der Priester ist es, die Getauften zu befähigen, bewusst aus ihrem Glauben zu leben: ihn zu feiern, ihn zu bedenken und ihn mit anderen zu teilen. Dies braucht Schritte aus der vertrauten Ordnung heraus und hinein in eine strukturkritische sowie missionarische Haltung der persönlichen Glaubensbegegnung und des persönlichen Glaubensbekenntnisses.

Charismatiker

Ein völlig anderes Bild von Kirche und damit auch des priesterlichen Dienstes bringen jene Seminaristen mit, deren Heimat eine geistliche Bewegung ist. Sie kennen zwar pfarrliches Leben, der eigentliche Ort für ihren Glauben ist aber ihre Gemeinschaft. Hier können sie sich über ihren Glauben in einer Tiefe austauschen, die sonst nicht möglich ist; hier erleben sie eine Gottesdienstgemeinschaft, die sich mit einer Lebensgemeinschaft verwebt; hier erfahren sie sich auch nicht als Exoten in ihrer Altersgruppe wie sonst in ihrer Pfarrei, sondern eingebunden in eine Gruppe Gleichaltriger. Zugleich wissen die Seminaristen aus Gemeinschaften um ihre Diasporasituation: Um ihren Glauben leben zu können, müssen sie sich an zentralen Orten treffen. Sie sind ungleich weiter vernetzt als die Gruppe der Seminaristen, die aus der Pfarrei heranwachsen, und haben häufig internationale Kontakte. Glaube hängt für diese Gruppe der Seminaristen mit Entscheidung und Erfahrung zusammen, nicht mit Sonntagsgewohnheit und Dorfidentität: Er ist Ergebnis persönlich gelebter Überzeugung.

Dementsprechend neigen Gemeinschafts-Seminaristen eher zu charismatischen und evangelikal anmutenden Formen von Gebet und Gemeindebildung. Die Ortsgemeinschaft ist für sie sekundär, letztlich auch die Bindung an eine konkrete Diözese. Oft ist es nur ihre Liebe zu Freiheit und Flexibilität, die sie vom Eintritt in eine Ordensgemeinschaft mit festen Regeln abhält – von deren geistlichen Idealen können sie ansonsten begeistert schwärmen. Den etablierten Pfarreien stehen diese Seminaristen kritisch gegenüber: Sie haben dort weder die Tiefe noch das Engagement erlebt, das sie von überzeugten Christen erwarten; sie empfinden die Pfarrei als Verein zum Betrieb des Pfarrheims und ihre Strukturen als Spielwiese für Betriebsnudeln. In ihrem Dienst als Priester möchten sie sich um „das Eigentliche“ kümmern und nicht die Kartoffelsuppe zum Fastenessen planen müssen. Ihre hohen Ideale, ihre Überzeugungen und Werte aus der Gemeinschaft bringen Seminaristen auch ins Seminar mit; als Priester möchten sie sie möglichst unverfälscht weitergeben.

Die Stärke dieser Gruppe besteht in der persönlichen Glaubensüberzeugung und in ihrem missionarischen Geist. Christusbeziehung, Fähigkeit zum Zeugnis, charismatische Formen des Gebetes, Austausch über Glaubenserfahrungen: Diese Elemente, die ihren eigenen Glauben ausmachen, möchten diese Seminaristen auch an andere vermitteln. Sie nehmen den Auftrag ernst, alle Christen zu einem entschiedenen Glaubensleben zu befähigen. Ihr Priesterbild ist damit nicht das des versorgenden Gemeindevaters, sondern des reisenden Missionars, der Impulse zur Glaubensentdeckung und -vertiefung gibt, der aber nicht unbedingt an einen Ort gebunden ist. Sie möchten auch nicht unbedingt als „Einzelkämpfer“ in einem Pfarrhof leben, sondern in einer zumindest ideal gedachten kleinen Gemeinschaft aus Priestern und Laien – Berührungsängste zu Laien sind ohnehin gering ausgeprägt, im Vordergrund steht ja nicht das Amt, sondern das Charisma.

Für die in einer Gemeinschaft Sozialisierten bestehen im wesentlichen zwei Herausforderungen: Zunächst müssen sie die Gefahr abwehren, ein elitäres Christsein auszubilden und zwischen „wahren“ und „lauen“ Christen zu unterscheiden. Innere und äußere Diasporasituationen verleiten dazu, in einer Konstellation „Wir-gegen-die-anderen“ zu denken: Je näher die Menschen um sie herum – Ausbildungsleitung, andere Seminaristen, Mitstudenten und so weiter – ihrem eigenen Glaubensbild stehen, umso ernster sind sie zu nehmen; ansonsten zählen sie zu den eher abständigen „Lauen“. Die Reifung der „Charismatiker“ bedeutet damit in erster Linie Weitung und Erdung: Es gibt viele Formen katholischer Spiritualität; die Befähigung zum spontanen Lobpreis ist nicht das einzig gültige Kriterium. Priester sind nicht ausschließlich zu einem kleinen Kreis Engagierter gesandt, sondern zu allen Menschen guten Willens. Die Rede von den „Rändern“ wird für sie an den geistlichen Rändern der fernstehenden Getauften konkret, die wegen der ein oder anderen Kasualie nachfragen – einer zahlenmäßig großen Mehrheit an Katholiken. Klärungsfeld dieser Gruppe von Seminaristen ist die Frage, ob sie diesen Schritt zu den „durchschnittlichen Katholiken“ in einer „durchschnittlichen Struktur“ gehen wollen und können.

Die zweite Reifung besteht in der Annahme des Ortes: Die Glaubenserfahrungen von Seminaristen aus Gemeinschaften sind örtlich ungebunden, eine Diözese jedoch ganz wesentlich territorial verankert. Junge Menschen haben heute insgesamt Schwierigkeiten, sich zu binden – es könnte ja immer noch etwas Besseres kommen. Wer Diözesanpriester sein will, muss jedoch zur Ortsbindung bereit sein; der Preis besteht in der Aufgabe von Idealen und der Annahme einer Realität, die mit den Glaubensidealen einer geistlichen Gemeinschaft oft nur wenig zu tun hat. Das vielbeachtete Buch des Münsteraner Pfarrers Thomas Frings thematisiert diesen schmerzvollen Spagat zwischen Glaubensidealität und Ortsbanalität (Aus, Amen, Ende. Warum ich nicht mehr Pfarrer sein kann, Freiburg 2017; vgl. dieses Heft, 30).

Bekehrte

Eine dritte, zahlenmäßig etwas kleinere Gruppe an Seminaristen bilden die Neubekehrten. Ihre Lebenserzählung lautet pointiert: „Ich bin Christus begegnet; er beruft mich in seiner Kirche zum Priester. Ich muss nun dafür sorgen, dass alle Menschen Christus begegnen.“ Ihr Leben zerfällt tendenziell in ein voneinander geschiedenes „Vorher-Nachher-Schema“. Zum „Vorher“ gehören mehr oder weniger bürgerliche Biografien in oder außerhalb der Kirche. Aus der Rückschau gilt dieser Lebensabschnitt als verloren oder gar sündhaft; an der Wende stehen häufig konkrete Ereignisse wie Krankheit oder Verlust eines Menschen. Das „Nachher“ beginnt mit einer inneren oder äußeren Konversion und führt zu einem entschiedenen Leben als katholischer Christ, das oft mit einem Wechsel von Ort und Bezugspersonen zu tun hat. Der Weg von der Bekehrung hin zum Wunsch, Priester zu werden, ist dabei oft sehr kurz: Wenn, dann ganz und gar – so lautet die Devise. Im Fokus ihrer Lebenserzählung steht die Vertikale: Christus beruft die Neubekehrten unmittelbar und persönlich in seine Nachfolge. Die horizontale Dimension verschwindet demgegenüber fast gänzlich; eine besondere Rolle spielen Kirche oder einzelne Personen erst im Zusammenhang mit der Deutung der Ereignisse. Inhaltlich stehen die Bekehrten den Charismatikern nahe, den Unterschied macht die Form: Charismatiker leben aus dem Plural, Bekehrte im Singular.

Die Gabe der Neubekehrten sind missionarischer Eifer und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel: Ihre Begeisterung führt die Neubekehrten oft auf ungewöhnliche Wege, sie probieren neue Möglichkeiten der Verkündigung aus – von der Straßenmission bis hin zur virtuellen Evangelisierung ist die Bandbreite groß. Dieselbe Energie, die sie bis vor kurzem in ihr Studium oder ihren Beruf investiert haben, wenden sie nun für ihr neues Ziel auf: als Priester den Glauben zu verkünden. Davor, schief angesehen zu werden, haben sie keine Angst; bis vor kurzem standen sie ja selbst an der Stelle der ungläubig Staunenden oder Gleichgültigen. Dementsprechend wissen die Neubekehrten über die Milieus und Lebensverhältnisse der großen Bevölkerungsmehrheit besser Bescheid als die kirchlich geprägten Seminaristen; sie können sich – gelingt ihr Rollenwechsel auf Dauer – besser in die Lebensmuster Fernstehender einfühlen.

Ihre Herausforderung ist die Unterscheidung: Was folgt aus der Begeisterung, wie wirkt sie sich aus? Die in der Regel sehr persönliche Christusbeziehung eines Neubekehrten muss Zeit und Gelegenheit haben, zu reifen und sich im kirchlichen Alltag zu bewähren. Gerade in der Begegnung mit traditionellen Christen und Pfarreien liegt Potenzial zur Irritation: Gegenseitige Beurteilungen als „lau“ beziehungsweise als „übereifrig“ sind schnell zur Hand. Das Lernfeld der Neubekehrten lässt sich daher als Reifung und Weitung formulieren: Bevor sie in den priesterlichen Dienst aufgenommen werden können, muss sich ihr Drehmoment wenden: Zur Vertikalen der erfüllenden Christusbeziehung muss die Horizontale der Kirche und auch der Mitmenschen treten, die die gegenwärtige Begeisterung nicht teilen. So verlangt Glaubenseifer nach seiner Bewährung in der „schärfsten Säure der Welt“ (Franz Werfel), der Zeit. Sie muss zeigen, ob die Bekehrung wirklich so tiefgreifend und umwälzend war wie in der ersten Euphorie vermutet. Für diese Gruppe gilt der klassische Grundsatz der Berufungsprüfung am unmittelbarsten, wonach eine priesterliche Berufung nicht dann vorliegt, wenn sie der Einzelne verspürt, sondern wenn sie durch die Kirche angenommen wird; nicht jede Berufung zum entschiedenen Christsein ist auch ein Ruf ins Priestertum. Gerade bei der Aufnahme Neubekehrter in ein Priesterseminar ist daher besondere Vorsicht angebracht; ein Abstand zwischen Bekehrung und Aufnahme ist in der Regel klärend und hilfreich.

Pilger

Die vierte, zahlenmäßig kleinste Gruppe an Seminaristen ist menschlich und geistlich höchst inhomogen und doch voller innerer Bezüge: Wie die Bekehrten leben sie einen existenziellen Glauben, sie kommen aber auf leisen Sohlen. Sie haben Studien- oder Welterfahrung, sie sind schon mehrmals umgezogen und deshalb in keiner Pfarrei wirklich beheimatet – das klassische Pfarreienbild ist für sie ebenso fern wie die geisterfüllte Gemeinschaftserfahrung; sie entstammen typischerweise einer Patchworkfamilie und erleben Unsicherheit als Konstante. Diese Seminaristen gehören zu keiner geistlichen Gemeinschaft, waren vielleicht dafür in Taizé, ohne in ekstatische Begeisterung darüber ausgebrochen zu sein; sie finden Romano Guardini ebenso gut wie Sören Kierkegaard.

Diese Seminaristen können von keinem Bekehrungserlebnis berichten und stellen sich auch nicht mit Bibelzitaten in die Fußgängerzone; sie wissen oft nicht einmal genau zu berichten, warum sie nun ins Priesterseminar eingetreten sind – sie sind einfach da. Der Soziologe Zygmunt Bauman nannte Menschen wie sie „Pilger“: Pilger sind Gottsucher; die Seminaristen unter ihnen sind auch Gottfinder – sonst wären sie nicht eingetreten –, allerdings ohne spektakuläre Geschichte und ohne den missionarischen Impetus von Neubekehrten oder Charismatikern, die sie eher unheimlich finden. Die Pilger haben in der Kirche und in ihrem Wunsch, Priester zu werden, eine Ahnung dessen gefunden, was sie glücklich machen könnte: „For the pilgrim only the streets make sense, not the houses – houses tempt one to rest and relax, to forget about the destination“ (From Pilgrim to Tourist – or a Short History of Identity, in: Stuart Hall und Paul du Gay, Questions of Cultural Identity, New York 2011, 18–36, 20).

Die Gabe der Pilger ist die Unterscheidung: Als Seismografen der Zeit haben die Pilger unter den Seminaristen ein feines Gespür für die Komplexität des Lebens. Nichts ist nur schwarz oder nur weiß. Die subtile Paradoxie der paulinischen Kreuzestheologie liegt ihnen näher als die wuchtige Rhetorik der Missionspredigt. Dogmatische Festlegungen wirken auf die Pilger einengend: „only the streets make sense.“ Kirchenpolitischen Diskussionen stehen sie indifferent gegenüber, jeglicher Form von Macht skeptisch. Zu jenen, die allzu selbstsicher auftreten, bleiben die Pilger auf Distanz; die Neubekehrten, mit denen sie den existenziellen Zugang zum Glauben teilen, sind wegen ihrer Selbstsicherheit die natürlichen Antipoden der Pilger. Ihre Liebe gilt dem Fragezeichen, ihr seelsorgerlicher Blick denen, die ebenfalls „unterwegs“ sind.

Die Herausforderung der Pilger ähnelt der Lernleistung der Neubekehrten: Das Wort muss Fleisch werden. Pilger müssen ihr „Hier bin ich, sende mich“ (Jes 6,8) sprechen, wollen sie nicht zu sentimentalen Schwärmern werden. Ihr Priesterbild muss sich – ähnlich wie bei den Bekehrten – von der Vertikalen hinein in die Horizontale weiten; Priester sein bedeutet nicht nur Selbstheiligung, sondern Dienst an den anderen. Und zu diesem Dienst gehört die Hingabe an eine konkrete Ortskirche; schließlich auch die Hingabe an eine Pfarrei, deren Fragestellungen nicht immer dasselbe existenzielle Niveau wie die des Pilgers haben. Die Eignung der Pilger zum Priester beantwortet sich daher am präzisesten in der Frage: Können sie konkret werden – selbst um den Preis der Festlegung willen?

Den Charaktereigenschaften der Generation Y entspricht der Typus des Pilgers am ehesten: individuell, offen für die Sinnfrage, dogmen- und institutionenkritisch – dies allerdings weniger im Sinn der Bekämpfung als der nonchalanten Nichtbeachtung. Auch die Furcht vor dem „house“ entspricht dem Ypsiloner: Entscheidung und Bindung gehören zu seinen hauptsächlichen Vermeidungen, um sich nicht selbst die Freiheit zu nehmen, doch noch anders entscheiden zu können. Doch für Priester ist beides wesentlich: Sie müssen bereit sein, mit ihrer Person und mit ihrer Botschaft ganz für Christus einzustehen, und zwar in der konkreten Kirche, die niemals die ideale sein kann.

Weltentheologie und Priesterausbildung

Für Seminaristen gilt wie für die gesamte Gemeinschaft der Kirche, „dass die Menschen heute nicht einfach dieselbe Welt miteinander teilen, sondern dass sie selbst im gleichen Kulturkreis und nochmals innerhalb des Ausschnittspektrums der Kirche in heterogen verschiedenen Welten leben“ (Maria Widl, Pastorale Weltentheologie – transversal entwickelt im Diskurs mit der Sozialpastoral, Stuttgart 2000, 185). Doch wie kann inmitten der drohenden Fragmentierung nicht nur der Gesellschaft, sondern auch der Kirche, die Einheit lebendig gehalten werden?

Die Heterogenität von Biografien und Gemeindebildern ist kein Makel, sondern Ausformung einer biblisch begründeten und kirchengeschichtlich gewachsenen Vielfalt. In ihrer Konsequenz bringt sie die Chance mit sich, mehr als nur ein gesellschaftliches Milieu zu erreichen. Übertragen auf die Seminaristen und deren Ausbildung bedeutet dies: Pfarrei, Gemeinschaft, persönlicher Zugang zum Glauben – all diese Anwege bilden den Wert der ekklesia; die erstaunliche Bandbreite an Milieus, denen Seminaristen entstammen, verdeutlicht diese Realität. Ziel der Seminarausbildung ist daher nicht, die Glaubensbiografie zu übertünchen, sondern sie bewusst zu machen: Welche Gaben bringe ich mit? Welche Erfahrungen von Kirche prägen mich, welche Stärken zeichnen mich aus – aber auch: Welche Gefahren muss ich meiden?

Priesterbilder sind zäh, im Guten wie im Problematischen. Prägende Priestergestalten kommen in der Regel im Aufnahmeverfahren zur Sprache, ansonsten nur noch, wenn der Kandidat von sich aus das Thema anspricht. Unbewusst prägende Priesterbilder schlummern über Jahre hinweg im Inneren des Kandidaten, entfalten aber im späteren Alltag eine oft bemerkenswerte Wirkung. Ziel der Ausbildung muss es sein, die Seminaristen bewusster und auf verschiedenen Ebenen mit ihren Priesterbildern in Berührung zu bringen: in der mündlichen oder schriftlichen Reflexion, im Gespräch mit Ausbildungsleitung, Spiritual, geistlichem Begleiter oder der Austauschrunde. Nur dort, wo unbewusste Muster ins Bewusstsein gehoben und kritisch bedacht werden, lassen sie sich gegebenenfalls korrigieren.

Vielfalt braucht Einheit. In dieser Implikation liegt die Herausforderung des Plurals in Maria Widls Weltentheologie. Priester müssen Garanten dieser Einheit sein. Ziel der Priesterausbildung ist daher nicht die Passung der Person in ein vorgegebenes Priesterbild, sondern ihre Reifung in die Vielfalt geklärter Priesterbilder hinein, die sich der Einheit verpflichtet wissen: In der Person des Seminaristen muss sich zeigen, „dass mit der Selbstüberschreitung der Tradition ihre Identität erst eingeholt wird“.

Die positiven Marker seines Priesterbildes müssen sich im Inneren wie im Äußeren bemerkbar machen; der Kandidat muss er selbst werden, indem er sein inneres Erbgut überschreitet und im Sinne der oben genannten Lernleistungen fruchtbar macht. Konkret bedeutet das: Reife Pfarrkinder werden vertikaler, sie werden „charismatischer“, offener für die missionarische Haltung, den Glauben nicht nur leben, sondern auch über ihn sprechen zu können. Reife Charismatiker bringen ebenso wie reife Bekehrte ihre Fähigkeiten in die Banalitäten des Alltags mit ein. Reife Pilger werden bereit, sich äußerlich zu binden, um geistlich doch immer wieder aufzubrechen. Ein Pfarrkind muss nicht zum Charismatiker werden, ein Pilger nicht zum Bekehrten. Diese Begriffe sind ohnehin nichts weiter als Gedankenstützen zur Skizzierung; sie wollen Gaben aufzeigen und Herausforderungen bewusst machen. Was aber ein jeder muss – und das ist das Ziel der Ausbildung: sich selbst sehen zu lernen, so wie er ist; den anderen sehen zu lernen, so wie er ist; sich selbst annehmen und zur Reifung führen zu können; und schließlich den anderen annehmen und zur Reifung begleiten zu können. In diesem Viereck spielt sich Priesterbildung im Jahr 2018 ab.

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