Das christliche Martyrium als Zeichen des Reiches GottesEin ehrenvoller und schöner Tod?

Zu allen Zeiten haben Menschen ihr Leben geopfert – für Gott, für Volk und Vaterland, für die Liebe oder aus Abenteurerlust. Doch nur wer sich am Evangelium orientiert und durch seinen Tod zur Versöhnung beiträgt, ist Märtyrer im christlichen Sinne.

Statue des Heiligen Dionysius
© KNA-Bild

Verklärte Blicke, heroische Erzählungen, malträtierte Körper: So erscheinen sie uns auf Gemälden, als Statuen und in Filmen, wie jüngst in Martin Scorseses „Silence“ (vgl. HK, März 2017, 43–45). Doch die meisten bleiben namen- und gesichtslos, weil sie ohne Aufsehen liquidiert und zur Seite gebracht wurden. Damnatio memoriae – Auslöschung der Erinnerung? Von Anfang an aber hat sich das christliche Gedächtnis an jene erinnert, die um des Glaubens willen ihr Leben dahin gegeben haben, wie Jesus Christus, der Gekreuzigte: das bleibende Urbild und kritische Kriterium allen christlichen Sterbens. Deshalb umgibt und trägt uns eine „Wolke von Zeugen“ (Hebr 11,1) in jedem Gottesdienst. Unter ihnen nehmen jene einen besonderen Rang ein, „die aus der großen Bedrängnis kommen und ihr Gewand im Blut des Lammes weiß gewaschen haben“ (Offb 7,14). Mit ihnen kommt jene „große Schar aus allen Nationen, die niemand zählen kann“ (Offb 7,9).

In solchen Bildern und Erzählungen geht das lebendige Evangelium von Generation zu Generation durch die Geschichte. Deshalb weiß die Kirche, dass das wahre Martyrium eine Unmittelbarkeit mit Christus in der Zeit verkörpert, die alle kirchlichen Vermittlungen überbietet. Tertullian hat die Erfahrung der Alten Kirche in das Wort gefasst: „Ein Samen ist das Blut der Christen“ (Apologia 50,12f.).

Ist deshalb das christliche Martyrium der bleibenden Zweideutigkeit der Geschichte enthoben? Schließt sich in ihm, diesem unfassbaren Augenblick der Liebe, die Spannung von schon und noch nicht? Ja, sagt der Glaubenssinn, aber nur unter bestimmten Bedingungen, fügt die nach-denkende Theologie hinzu, die durch Benedikt XIV. (1740–1758) amtlich geworden ist. Denn auch das christliche Martyrium hatte Anteil an der menschheitsgeschichtlichen Pathologie des freiwilligen Lebensopfers. Deshalb ist die christliche Theologie des Martyriums als kritische Unterscheidung der Geister zu lesen, die seit ihren ersten Anfängen zwischen wahrem Martyrium und Entstellung zu klären sucht. Augustinus hat das Leitkriterium formuliert: „non poena sed causa facit martyrium“ – nicht die Strafe, sondern der Grund macht das Martyrium (Sermo 53a; Epistola 108). Nie war diese Unterscheidung so wichtig wie heute. Doch was bedeutet sie im Detail?

Selbstmordattentäter sind Opfer eines religiösen Fanatismus. Durch die Medien verstärkt, versucht unser scheinbar aufgeklärtes Bewusstsein mit einem Phänomen zurechtzukommen, das unsere Disziplinierungsgewohnheiten sprengt. Weil alle menschliche Macht letzten Endes auf der Möglichkeit beruht, töten zu können, versagt jeder Zwang und alle Drohung bei jenen, denen am Leben nichts liegt. Martyrium als Wunderwaffe, „Dynamit des Geistes“ (Navid Kermani)!? Solange Menschen mit Berufung auf Gott einen Grund finden, ihr Leben hinzugeben, haben sie leider immer auch einen Grund, Menschen zu töten. Solange diese Möglichkeit bleibt, bleibt Religion nicht nur ein Thema der Politik, Politik wird selbst religiös werden müssen. Denn letzten Endes funktioniert eine Gesellschaft nur, wenn Menschen bereit sind, sich selbst zu geben; ja letztlich zu opfern. Damit stehen wir vor der erschreckenden Ambivalenz der Hingabe. Und diese Ambivalenz haben aufgeklärte Europäer seit 1789 in allen Variationen ausgelebt; keineswegs nur aus religiösen Gründen. Nicht nur für Volk und Vaterland, sondern auch für Ehre, Geld, Liebe und aus reiner Abenteurerlust wurde bis heute in so erschreckender Zahl mit Hurra gestorben, dass Sigmund Freud im Kontext des Ersten Weltkrieges von einem Todestrieb zu sprechen begann.

Wenn ich angesichts solchen normalen Wahnsinns die Alternative des Evangeliums als Orientierung ins Feld führe, muss ich mich zuerst daran erinnern, wofür Christgläubige schon Leben geopfert haben – das eigene und noch mehr das der anderen. Gerade im Gedenkjahr 2017 dürfen wir die dunklen Seiten der Reformationsgeschichte nicht verdrängen. Mit bestem Gewissen haben Christen andere Christen verfolgt und hingerichtet; und die wechselseitige Aufrechnung der Märtyrer hat eine Rivalität der Opfer in Gang gesetzt, die neue Opfer nach sich zog.

Doch inmitten dieser abgründigen Zwiespältigkeit menschlicher Geschichte werden wir durch jene Personen aufgefordert, die Geister zu unterscheiden, die ihr Leben radikal gewaltfrei für andere gegeben haben. Thomas Morus achtete noch im Tod den König als König, doch nicht als Papst. Michael Sattler, Autor der ersten freikirchlichen Gemeindeordnung, stand für radikale Gewaltfreiheit der Christgläubigen ein. Martin Luther riskierte sein Leben, als er 1521 vor Karl V. freimütig seinem Gewissen folgte, das er in Gottes Wort gefangen wusste. Und wer wollte in unserer jüngeren Geschichte jene Frauen und Männer aus allen Kontinenten, Kulturen und jeglichen Alters aus dem Gedächtnis verlieren, die an der Westfassade von Westminster Abbey in London unser kulturelles Gedächtnis prägen sollen?

Aber nicht nur Christen! Wie steht es, neben so vielen anderen, um Mahatma Gandhi oder Marie Curie, die die radioaktive Strahlung zuerst an sich selbst ausprobierte, oder heute um die vielen Journalisten, die ihr Leben im Dienst an der Wahrheit gegen die Propaganda der Tötungsmächte riskieren und so oft verlieren?

Es gibt also, wie Benedikt XVI. sagte, eine Pathologie des Glaubens und eine Pathologie der Vernunft. Wir können uns vor uns selbst daher nur in Acht nehmen, wenn wir uns aus beiden Richtungen korrigieren lassen. Wichtig ist deshalb der christliche Beitrag aus der Theologie des Martyriums als Hilfe zur Unterscheidung der Geister.

Ausgangspunkt und Maß allen christlichen Lebens ist die Gestalt Jesu Christi. Das Evangelium spricht von der Schicksalseinheit zwischen Meister und Schüler (Mt 5,11; Lk 6,22; Mt 10,16-39) und von der Kreuzesnachfolge (Mk 8,34; Joh 15,20). Die Apostelgeschichte stellt diese Gemeinsamkeit heraus (1, 8; 5,41; 9,16; 14,22; 21,13). Stephanus stirbt den Tod Jesu (Apg 7,59f.). Paulus entwickelt eine christliche Mystik, die sich im Leiden deshalb eins wissen darf mit dem Herrn (Röm 6,3–11; 2 Kor 1,5–6; Phil 1,29), weil sich Christus selbst mit den Verfolgten identifiziert (Apg 9,4). So bildet sich der Leib Christi, in dem alle zu einer Schicksalseinheit verwoben sind (1 Kor 12). Weil dieser Äon noch im Argen liegt, kann Paulus sogar davon sprechen, das Leiden Christi zu ergänzen (Kol 1,24). Jede Christusmystik ist vom Kreuz geprägt und ins Licht der Auferstehung gestellt (Phil 3,10–11).

Christliches Leben ist daher Auslegung der Taufe. Deren Einheit von Kreuz und Auferstehung wird im Leben der Märtyrerinnen und Märtyrer radikal realisiert, weil sie sich durch keine Macht der Welt von ihrer Einheit mit dem Herren abbringen lassen. Weil in diesem Tod, der durch seine Gewaltfreiheit und seine Vergebungsbitte an Gott zur Versöhnung auch unter uns mahnt (Apg 7,60 und Lk 23,34), wird die Mitte der Kirche selbst erkennbar: die Eucharistie. Die Dimensionen des Sterbens der Zeuginnen und Zeugen in der Nachfolge Christi bilden also die Kriterien zur Unterscheidung der Geister.

Das Martyrium ist ein Glaubensakt, in dem Christus präsent wird

Der Märtyrer ist eine Person, die gewaltsam getötet wird, an den Folgen der Haft und der Folter stirbt. Das materiale Kriterium bleibt seit Polykarp (gestorben etwa 155) sinnvoll: „Blutzeugnis“. Der Grund für diesen Tod liegt in der unterschiedlichen Motivation. Auf Seiten der Tötungsmacht muss Hass auf Glauben und Kirche festgestellt werden. Andererseits muss das Handeln, das zum Tod führt, vom Evangelium und dem Glauben der Kirche motiviert sein.

Das Martyrium ist ein Glaubensakt, in dem Christus selber repräsentiert wird und daher alle kirchlichen Vermittlungen überragt. Das christliche Martyrium erwächst aus der unverbrüchlichen Gemeinschaft mit Jesus Christus und ist deshalb als Vollendung der Taufe zu verstehen. Darin werden die entscheidenden Momente des christlichen Glaubens selbst erkennbar.

Das Martyrium ist ein Charisma, das nicht erzwungen, provoziert oder anderen auferlegt werden darf. Niemals kann es gelernt oder verlangt werden. Die Beziehung zu Jesus Christus wird auch in dieser extremen Situation als Freiheitsverhältnis erkennbar. Die Tradition sprach daher von der Gnade des Martyriums. Dieser Glaubensakt steht treu in der Nachfolge des demütigen und armen Jesus Christus und repräsentiert die gewaltlose, erlösende Liebe Gottes am Kreuz als Realisierung der Taufe; und deshalb auch den Sieg der Gnade, die Auferstehung.

Das Martyrium ist das Zeichen der Erlösung in einer Welt diffuser Gewalt. Deshalb ist das Martyrium im radikalen Sinne gewaltfrei. Der Märtyrer wendet nicht nur keine Gewalt an, sondern wird durch die Gnade Christi dazu befähigt, den Kreislauf der Gewalt durch seine an Gott gerichtete Vergebungsbitte zu unterbrechen. Darauf ist auch die Erinnerungsgemeinschaft verpflichtet. Der Ruf zur Feindesliebe findet darin seine Vollendung: gelebte Bergpredigt. Damit realisiert das Martyrium nicht den Heroismus der letzten Stunde, sondern vollendet ein ganzes Leben als Leben und Sterben mit Christus.

Dieser Glaubensakt kann auch von Nicht-Christen vollzogen werden

Dieser Glaubensakt kann sich mit der Todesangst Jesu im Garten vereinen und muss daher nicht angstfrei erlebt werden. Vielfach wird in der jüngeren Glaubensgeschichte bezeugt, wie die Personen einen Weg durchleiden, der sie mit Christus vereint. Die darin bezeugte Dekonstruktion allen Heroismus’ unterscheidet die christlichen Märtyrer heute von den Helden der Propaganda in den legendären Überhöhungen der Alten Kirche. Damit wird nicht nur der implizite Dualismus von Gut und Böse als Zuschreibungskategorien für Menschengruppen überwunden, sondern vor allem die tragende Christusbeziehung der Märtyrerinnen und Märtyrer bezeugt, die sich wie der Schächer am Kreuz dem Herrn im Bittgebet anempfehlen. Auf diese Weise kommt im Martyrium die eschatologische Macht Gottes, wie sie uns Christus gezeigt hat, als Macht der ohnmächtigen Liebe zur Geltung. Weil das Martyrium so die Gewaltmechanismen der jeweiligen Gegenwart aufdeckt, ist es „apo-kalyptisch“ und daher immer politisch. Deshalb ist es für die Gemeinschaft der Glaubenden notwendig, auch wenn die Tötungsgewalt ihre Opfer anonymisiert und aus dem allgemeinen Gedächtnis verbannen möchte, diese öffentlich in Erinnerung zu halten.

Dieser Glaubensakt wird – zumal im 20. Jahrhundert – oftmals als sittliche Konsequenz des Glaubens vollzogen, individuell, gesellschaftlich und politisch. Die Anerkennung von Maria Goretti als Märtyrerin hat verdeutlicht, dass nicht nur der „reine bekennende Glaubensakt“, sondern auch seine sittlichen Konsequenzen integral zur christlichen Glaubensgestalt gehören. Johannes Paul II. integrierte in diese Konsequenz des Glaubens auch die sozialen und politischen Implikationen. Der Widerstand gegen totalitäre Regime, der Einsatz für die Menschenrechte wird so zum unaufgebbaren Bestandteil des christlichen Zeugnisses.

Prälat Bernhard Lichtenberg und viele andere gaben ihr Leben im Einsatz für Juden und legten den Samen in das kirchliche Gedächtnis für die Überwindung des christlichen Antijudaismus. In der Tradition apokalyptischer Enthüllung entlarven die Märtyrer die Tötungsmacht als verquere Anbetung des großen Tieres (Offb 13–14) und fordern jene, die ihrer später gedenken, zu erneuter Wachsamkeit auf. Damit ist das Zuordnungsmodell von Röm 13 relativiert. Nicht jede Regierung ist gottgewollt.

Dieser Glaubensakt, als Eintreten für ein sittliches Gut, das heißt als gewaltfreies Eintreten für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden, kann von allen Menschen, also auch von Nicht-Christen vollzogen werden. Auch wenn es von kirchlicher Seite noch keine offizielle Stellungnahme gibt, scheint mir das Zeugnis von Menschen aus allen Nationen eine Hoffnung des Konzils zu bestätigen: Gott bietet allen Menschen im Heiligen Geist die Möglichkeit an, mit dem Tod und der Auferstehung Christi verbunden zu sein (Gaudium et spes, Nr. 22).

In der Erinnerung an die Vision der Offenbarung des Johannes, in der er die unzähligen Gerechten aus allen Völkern kommen sieht, und in Aufnahme einer langen und aktuellen jüdischen Erinnerungstradition könnten auch die Christgläubigen alle Personen als Märtyrer der Gerechtigkeit und der Wahrheit anerkennen, wenn sie das Kriterium der Gewaltfreiheit und der Vergebungsbereitschaft bezeugen. So könnte eine Erinnerung wechselseitiger Inklusion wachsen, in der jede Gemeinschaft sich in Achtung an Personen aus anderen Gemeinschaften konstitutiv zu erinnern pflegt.

Märtyrer werden getötet, weil sie sich zum Glauben und zur Kirche bekennen. Das Maryrium entzieht der Tötungsmacht den Totalitätsanspruch auf den Menschen und ermöglicht dadurch das Bewusstsein für die Freiheit des Subjekts. Ausgangspunkt des Konflikts war und ist häufig die bloße Zugehörigkeit zur Kirche gewesen. Oft ist der Anlass das Eintreten der Personen für die sozialpolitischen Konsequenzen des Glaubens, wodurch die totalitären Tendenzen einer Gesellschaft aufgedeckt werden.

Der kirchenbekennende Akt des Märtyrers stellt eine ökumenische Option für die Einheit der Kirche dar. Johannes Paul II. hat die „Ökumene der Märtyrer“ betont und damit eine gefährliche Unruhe in unsere ökumenische Lethargie gebracht. Diese „Ökumene“ reicht über den innerchristlichen Raum hinaus. Weil im 20. Jahrhundert erstmals ein Martyrium pro Israel anerkannt wurde (Bernhard Lichtenberg, Edith Stein und andere), erinnert das Martyrium an die ursprüngliche und – so hoffen wir – eschatologische Einheit des Volkes Gottes aus Juden und Heiden. Der Märtyrer bekennt sich in der Herkunft aus einer geschichtlich-konkreten Glaubensgemeinschaft zu jener einen Kirche Jesu Christi, auf die wir durch das Bittgebet Jesu verpflichtet sind (Joh 17, 21). Daher kann das künftige Martyrium nicht mehr gegen andere Christinnen und Christen ausgespielt werden. Es wäre schon längst an der Zeit, am Gedenktag der Märtyrer von Lübeck sich wechselseitig zu Eucharistie und Abendmahl durch diese vier eingeladen zu wissen; und diese herausfordernde Einladung auch zu realisieren.

Das Gedenken an die Märtyrer hat daher drei Dimensionen und ist Ausdruck einer Kultur der Versöhnung. Erstens wird ein Gedächtnis für alle Opfer, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, öffentlich gewahrt. Dieses Gedenken ist zweitens implizit oder explizit Ausdruck jener maßlosen Hoffnung auf eine Macht, die den Opfern Gerechtigkeit und Leben zukommen lassen möge. Das Gedenken erinnert drittens daran, wie es zu diesen Gewaltakten kam. Das Versagen und die Tragödien werden dadurch in Erinnerung gehalten und die Gegengeschichten der Vertuscher und Verharmloser – auch in der eigenen Glaubensgemeinschaft – widerlegt. Das Gedenken an die Märtyrer ist eine gefährliche Erinnerung auch für die eigene Glaubensgemeinschaft, auch wegen der oftmals festzustellenden mangelhaften Anerkennung der Opfer danach. Daraus erwächst der Ruf, auch heute wachsam gegenüber den Versuchungen des großen Tieres zu sein.

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