Alt-Katholische Kirche in DeutschlandDie Fehlbare

Die Alt-Katholische Kirche besteht seit 150 Jahren. Als Kirche steht sie zwischen Rom und den Protestanten. An ihrer eigenen Identität muss sie aber noch arbeiten.

Altkatholische Kirche
© KNA-BIld

Für Thomas Wystrach war 2009 ein entscheidendes Jahr. Papst Benedikt XVI. war auf die Piusbrüder zugegangen. Und der Katholik aus Krefeld, der sich seit seiner Jugendzeit in Gruppen wie der „Initiative Kirche von unten“ engagiert hatte und später als Referent der „Leserinitiative Publik e. V.“ arbeitete, spürte: Es geht nicht mehr. „Warum rennst du immer wieder gegen Mauern?“, fragte er sich. „Den Anspruch, den ich hatte, wie eine Kirche sein sollte, habe ich in der römisch-katholischen Kirche nicht erlebt.“ Thomas Wystrach wechselte die Konfession.

Er ging zu den Alt-Katholiken, jener 15.000 Gemeindeglieder starken Kirche, die sich 1870 aus Protest gegen das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma von Rom abspaltete. Eine Kirche, die schon viele ehemalige römisch-katholische Christen in ihren Reihen aufnahm – zuletzt den ehemaligen Prior von Andechs, Anselm Bilgri –, aber längst nicht nur. „Unter zehn Beitritten sind heute drei, die aus der römisch-katholischen Kirche kommen, drei, die aus der evangelischen Kirche kommen, und vier, die vorher konfessionslos waren“, sagt der alt-katholische Berliner Dekan Ulf-Martin Schmidt.

Was auf römische Katholiken anziehend wirkt, ist schnell erklärt: Die Alt-Katholische Kirche wird von einer Synode geleitet. Sie praktiziert die Frauenordination – Bischof Matthias Ring hat erst im vergangenen Jahr mit der Priesterin Anja Goller zum ersten Mal eine Generalvikarin ernannt – und sie segnet gleichgeschlechtliche Paare. Da verwundert es nicht, dass unter dem Eindruck der aktuellen Skandale in der römisch-katholischen Kirche die Alt-Katholiken durchaus Zuspruch spüren. „Wir erleben verstärkte Nachfragen aufgrund der katastrophalen Aufklärung des Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche“, sagt Ring. „Was neu ist: Es sind nicht nur die Randsiedler, es sind auch Menschen aus den römisch-katholischen Kerngemeinden, die zu uns kommen wollen.“

Allerdings stellten die Wechselwilligen nur einen minimalen Anteil der Austritte aus der römisch-katholischen Kirche insgesamt dar. „Nicht jeder, der sich gegen Rom entscheidet, entscheidet sich deshalb für eine neue Kirche“, sagt Ring. „Und wir versuchen auch zu verhindern, dass es zu einer Idealisierung der neuen Kirche kommt.“ Nach 150 Jahren der Selbstständigkeit sei es den Alt-Katholiken wichtig, eine eigene Kirche mit einer eigenen Identität zu sein – und nicht nur ein Sammelbecken für Menschen, die anderswo enttäuscht wurden.

Und was schätzen die ehemaligen Protestanten an der alt-katholischen Kirche? „Es ist vor allem die Liturgie“, sagt der Berliner Dekan Ulf-Martin Schmidt. „Die Leute wechseln zu uns, und würden gleichzeitig aber niemals in die römisch-katholische Kirche übertreten, weil ihnen eben die Frauenordination oder die Segnungen so wichtig sind, dass sie sie nicht aufgeben wollen.“ Was die Kirche im Blick auf diesen Teil ihrer Mitglieder aber auch hinsichtlich der Möglichkeiten zur Modernisierung ihrer Gottesdienste einschränkt. „Wir stellen uns in der Tat im Moment die Frage, wie wir unsere Gottesdienste feiern“, sagt Ring. „Wir wollen keine Entwicklung dahin, dass der Gottesdienst zu einer Veranstaltung wie jede andere wird, in der der Pfarrer die Gemeinde begrüßt, als sei er der Gastgeber oder Moderator, der sich hinterher noch bei der Gemeinde dafür bedankt, dass alle gekommen seien.“ Dennoch werde Überkommenes hinterfragt, und auch alt-katholische Gottesdienste würden vielfältiger. In vielen Gemeinden hätten sich etwa abendliche Lichtvespern, Taizégebete und meditative, spirituelle Gottesdienstformen in den letzten Jahren neu etabliert.

Ihren Hauptsitz hat die Alt-Katholische Kirche heute in Bonn. Die dortige Namen-Jesu-Kirche dient als Kathedrale, und an der Universität Bonn gibt es ein Seminar für alt-katholische Theologie. „Wir müssen uns vor allem Gedanken über unser missionarisches Konzept machen“, sagt der alt-katholische Bischof Matthias Ring. Früher sei es in der Tat das Konzept der Alt-Katholischen Kirche gewesen, sich als die bessere katholische Kirche zu präsentieren, wo Dinge verwirklicht seien, die sich viele römische Katholiken wünschten. „Aber in einer Zeit, in der die Gesellschaft immer säkularer wird, trägt das nicht mehr“, sagt Ring. „Wir müssen Menschen vom Glauben erzählen, die keinerlei Vorkenntnisse mehr mitbringen.“

Die Kirche arbeite deswegen an einem eigenen Glaubensprojekt, berichtet auch der Berliner Dekan Schmidt. „Wir sind heute gefordert, selber auf Konfessionslose zuzugehen – und der römisch-katholische Katechismus passt dazu ebenso wenig wie ein evangelikaler Alpha-Kurs“, sagt Schmidt. „Wir müssen lernen, den christlichen Glauben auf alt-katholische Weise neu zu buchstabieren.“ Zumal sich auch die, die den Weg zu den Alt-Katholiken finden, grob gesprochen in zwei Gruppen einteilen lassen. Die einen schlagen feste Wurzeln in den Gemeinden. Die anderen sind eher „Pilger“, die es nach einigen Jahren weiterzieht, beobachtet Bischof Ring.

Unter anderem kann sich nicht jeder damit abfinden, dass die Alt-Katholische Kirche bislang eine dezidiert unpolitische Kirche ist. „Wer den Verbändekatholizismus gewohnt ist, dessen Einflüsse bis in manchen Arbeitskreis der CDU reichen, wird sich hier fremd fühlen“, sagt Thomas Wystrach. Abgesehen von einem Frauen- und Jugendbund gebe es schlicht keine alt-katholischen Verbände – wie auch. Die Kirche, die wie die beiden großen Kirchen ihre Kirchensteuer über die Finanzämter einziehen lässt, müsse angesichts der kleinen Zahl ihrer Mitglieder froh sein, wenn sie die Gehälter ihrer Priester bezahlen könne. Sie sind in vielen Gemeinden zugleich die einzigen Hauptamtlichen: Berufe wie Gemeinde- oder Pastoralreferenten gibt es in der Alt-Katholischen Kirche nicht.

Die Kirche werde sich deswegen in den nächsten Jahren auch Gedanken über ihr Priester- und Gemeindebild machen müssen. „Weil die Priester oft die einzigen Hauptamtlichen sind, haben sie in manchen Gemeinden eine noch größere Bedeutung als in der römisch-katholischen Kirche“, sagt Wystrach. Gleichzeitig würden viele Christen, die von der römischen Kirche übergetreten seien, aber zuweilen auch ein Machtwort des Priesters vermissen – nämlich immer dann, wenn sie das Gefühl haben, mit ihren Anliegen in der Gemeinde nicht durchzudringen. „Typisch für die Alt-Katholische Kirche ist es aber, dass man sich nichts von oben sagen lässt“, sagt Wystrach, der mehrere Jahre auch Mitglied der Synodalvertretung, also der Kirchenleitung der Alt-Katholiken war. Und – diese Aussage kann man sowohl von Wystrach als auch von Schmidt und Ring hören –, bei vielen neuen Kirchenmitgliedern verblasse die Freude über das synodale Prinzip der Alt-Katholiken „spätestens dann, wenn sie das erste Mal eine Abstimmung in der Synode oder auf der Gemeindeversammlung verloren haben“. Denn wenn sich in der Alt-Katholischen Kirche Dinge ändern sollen, müssen sie in den Gemeinden zwischen Nordstrand im Norden und dem badischen Wiesental im Süden am Ende nun einmal mehrheitsfähig sein.Viel vereint die Alt-Katholische Kirche mittlerweile mit den Protestanten: Mit den Gliedkirchen der EKD besteht ein lebendiger ökumenischer Dialog, seit 1985 lädt man sich gastweise zu Eucharistie und Abendmahl ein. „Wir haben noch keine volle Kirchengemeinschaft“, sagt Ring. „Aber aus alt-katholischer Sicht ist klar: Auf dem Weg dahin können wir uns unterwegs gegenseitig zu Eucharistie und Abendmahl einladen.“ Mit der weltweit organisierten anglikanischen Kirchengemeinschaft, der lutherischen Volkskirche Schwedens, der Unabhängigen Philippinischen Kirche und der Mar-Thoma-Kirche in Indien besteht sogar volle Kirchengemeinschaft – was den Effekt hat, dass eine anglikanische Theologin derzeit völlig unproblematisch als Pfarrvikarin in der Berliner Kirchengemeinde von Ulf-Martin Schmidt arbeiten kann.

Allerdings sind die ökumenischen Beziehungen auch nicht ohne Schwierigkeiten: Vor allem das Ordinationsverständnis in manchen evangelischen Landeskirchen macht den Alt-Katholiken Sorgen. „Die lutherischen Landeskirchen haben in ihrer Schrift ,Ordnungsgemäß berufen‘ ein Ordinationsverständnis dargelegt, das wir teilen können“, sagt Ring. „Das Problem ist nur, dass sich die gelebte Praxis in den Landeskirchen davon durchaus entfernt hat.“ Nicht überall sei es bei den Protestanten der Stand der Dinge, dass das Abendmahl nur von Ordinierten eingesetzt würde.

Und der Dialog mit Rom? „Ihn gibt es auf der Ebene der Utrechter Union, der sich Alt-Katholische Kirchen weltweit angeschlossen haben, jetzt seit einigen Jahren“, sagt Ring. „Und das ist mehr, als wir noch vor 30 Jahren erwartet hätten.“ Doch auch wenn die alt-katholische Kirche aus derselben Wurzel wie die römisch-katholische Kirche entstanden sei: Die Kirchen haben sich in den letzten 150 Jahren einfach auseinanderentwickelt. „Bei der Frauenordination und der Frage der Kirchen- und Eucharistiegemeinschaft haben wir keinen Konsens“, sagt Ring. „Und den Papst können wir uns nur als Moderator einer Gemeinschaft katholischer Kirchen vorstellen.“

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