Causa non finita

Die „Auszeit“ des Kölner Erzbischofs ist keine Einladung zum Stillstand.

Köln
© Pixabay

Große Fehler in der Kommunikation“, die „wesentlich zur Vertrauenskrise“ im Erzbistum Köln beigetragen haben, attestierte Papst Franziskus Kardinal Rainer Maria Woelki. Als Konsequenz soll das Erzbistum nun auf einen Weg des „Innehaltens, der Erneuerung und der Versöhnung“ geschickt werden. Kardinal Woelki geht, offiziell auf eigene Bitte, bis zum 1. März 2022 in eine „geistliche Auszeit“, Weihbischof Rolf Steinhäuser fungiert so lange als Apostolischer Administrator. Er leitet das Erzbistum, und zwar nicht als Vertreter des Erzbischofs, sondern mit Vollmacht aus Rom. Beim Umgang mit den Missbrauchfällen sieht Rom hingegen „keine Hinweise auf ein rechtswidriges Handeln“ von Kardinal Woelki.

Roma locuta – causa non finita, jedenfalls dann, wenn als causa die „komplexe pastorale Situation“ im Erzbistum und die Vertrauenskrise ausgemacht werden. Typisch Franziskus: Deutliche Worte und mit der wohl nicht ganz so freiwillig begonnenen Auszeit ein deutliches Signal, aber nicht die klare Entscheidung von „oben“. So gehen die Deutungen weit auseinander, fast jede Sicht mag sich bestätigt finden: vom déjà vu, das den Vorsitzenden der Bischofskonferenz Georg Bätzing an die Situation im Bistum Limburg erinnerte, in der nach einer Auszeit Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst des Amtes enthoben wurde, über „Rom hat eine Chance vertan“ (so der Vorsitzende des Diözesanrates Tim Kurzbach) bis hin zur sicheren Erwartung, Woelki werde wiederkommen. Diese stützt sich auf das apostolische Dekret und dies hat er selbst in einem Schreiben an die Gremien und pastoralen Dienste im Erzbistum angekündigt. Das Schreiben erweckt den Eindruck, dass es nun für ihn persönlich darum ginge, Zeit zum Gebet zu haben, vieles zu überdenken und neue Kraft zu tanken. Das gönnt ihm jeder Mensch guten Willens in Köln und anderswo. Für das Bistum geht es in dieser Zeit um mehr, um die Chance, eine Erneuerung zu beginnen. Der Ball liegt wieder auf Kölner Seite, im Bistum selbst. Wer spielt ihn?

Entscheidend wird, wie der um sein neues Amt nicht zu beneidende Steinhäuser, als einziger von Missbrauchsfällen unbelastet, aber aus der Führungsetage des Bistums und nicht von außen kommend, aber auch die Menschen, die im Erzbistum Köln an vielen Stellen aktiv und engagiert sind, die Zeit nutzen. Der Auftrag lautet, dafür zu sorgen, dass das Erzbistum in einen „geistlichen Prozess der Versöhnung und Erneuerung“ findet. „Fromme Sauce“ wolle er nicht über die Situation gießen, so Steinhäuser in einer Videobotschaft. Festlegungen treffen, die den Erzbischof binden würden, will er aber auch nicht.

Die erste Entscheidung sorgte bei denen im Bistum für Enttäuschung, die das Anliegen der Erneuerung voranbringen wollen. Steinhäuser ernannte Generalvikar Markus Hofmann zu seinem Delegaten, was letztlich Weitermachen mit anderem Titel bedeutet. Mit Blick auf die Aufgabe des Administrators, für die „ordnungsgemäße Verwaltung des Erzbistums“ zu sorgen, macht das zwar Sinn. Aber zur für die Zukunft des Bistums entscheidenden Aufgabe der Erneuerung und Versöhnung passt die Personalie nicht so recht. Eine wichtige Frage, die um der Aufarbeitung der Vertrauenskrise willen nicht übergangen werden sollte, ist ja, wer außer dem Erzbischof für diese Krise mitverantwortlich ist. Die Frage nach persönlichen Konsequenzen sollten sich auch der Generalvikar als das alter ego des Bischofs stellen ebenso wie andere Akteure in dieser schwierigen Bistumslage.

Die Fokussierung auf Person und Amtsführung des Bischofs ist verständlich, typisch katholisch. Das Kirchenrecht ist klar: Er hat die Vollmacht in seinem Bistum. Die Vertrauenskrise im Kölner Erzbistum macht über die Bistumsgrenzen und die päpstlich attestierten Fehler in der Amtsführung hinaus einmal mehr deutlich, dass die Amtsvollmacht eines Bischofs grundsätzlich der Reform bedarf. Leitungsmacht kann auch in der katholischen Kirche anders geteilt und organisiert werden. Engagieren sich (immer noch) Menschen in der Kirche, erwarten sie mehr an Mitwirkungsmöglichkeiten, so wie in anderen gesellschaftlichen Kontexten auch. Diese Diskrepanz zur Kirchenwirklichkeit ist eine Ursache für die Kölner Vertrauenskrise. Die „Auszeit“ des Bischofs ist für das Bistum keine Einladung zum Stillstand im Nachdenken und der Debatte. Größere Aufgeschlossenheit für die anstehenden kritischen Fragen wäre schon eine kleine Erneuerung in der Stimmungslage des Kölner Erzbistums, die durchaus Frucht eines geistlichen Prozesses sein kann.

Wie wird das Erzbistum Köln am Ende dieser besonderen Zeit dastehen? Kann sich überhaupt etwas ändern? Wird Kardinal Woelki aus seiner Auszeit zurückkehren, zu echten Veränderungen fähig und dann eine aktive Rolle im vom Papst erwarteten Prozess der Erneuerung spielen? „Für Wunder muss man beten, für Veränderungen aber arbeiten“, soll Thomas von Aquin gesagt haben. Die Menschen im Kölner Erzbistum und ihr Bischof haben Gründe und Chancen genug, in den kommenden Monaten das eine zu tun, das andere nicht zu lassen.

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