Hölderlin und die Leerstelle der Moderne„Die unsichtbare Kirche“

Warum nun Hölderlin? Die Biografien des Philosophen und Publizisten Rüdiger Safranski sind Bestseller und keineswegs nur etwas für eine Fachwelt. Zugleich sind Safranskis Bücher (sowie auch seine Interviews und Essays) neben dem historisch-erzählerischen Rückblick auch Gegenwartsanalyse. Also muss sich hinter seinem neuen Gegenstand mehr verbergen als der Rückblick auf einen oft vergessenen „Klassiker“.

Safranskis Hölderlin-Band (Rüdiger Safranski: Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund! Carl Hanser Verlag, München 2019, 336 S. 28,00 €) ist die Antwort auf die „entzauberte Welt“, und damit verblüffend aktuell. Hölderlin ist der Dichter und Denker, der sich in der Zeit der Aufklärung vielleicht am existenziellsten mit der Lücke beschäftigt, die eben diese hinterlassen hat. Glaube, Religion, Transzendenz – Kirche sowieso – alles vergangen? „Was ist es, das uns fehlt, wonach wir uns sehnen, das uns in erfüllten Augenblicken begegnet und man dann ‚das Göttliche‘ nennen kann? Gibt es das, erfinde ich es nur oder wo dazwischen hat es seine Wirklichkeit?“, so Safranski. Es ist bei Hölderlin eine lebenslange Frage – und es ist eine Frage, die die Moderne nicht beantwortet hat.

Bei Hölderlin und seinen Freunden finden sich Spuren und Wege, Hauptachsen und Nebenpfade, die der Autor wunderbar nachzeichnet. Besonders faszinierend der Dreierbund der Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und eben Friedrich Hölderlin. Sie nannten sich selbst die „unsichtbare Kirche“ und suchten nach einer „neuen Mythologie“ jenseits von Christentum und Antike. „Die neue Sinnerfüllung müsste zwar die Vernunft, doch auch die Sinne ansprechen“.

Safranskis Hölderlin ist eine Zeitreise an den Anfang unserer „aufgeklärten“ Epoche, aber auch eine Reise in die Gegenwart des Menschseins. Dabei sind die metaphysischen Suchbewegungen auch vor Irrwegen und wahnwitzigen Sackgassen nicht gefeit. Doch es bleibt die Frage nach der „Götternacht“, von der Hölderlin sprach und die heute mehr denn je das Denken bestimmt. Wer also, so warnt Safranski gleich am Anfang, gänzlich unempfindlich ist für „göttliches Feuer“, dem mag eine Annäherung an Hölderlin nicht gelingen. Allen anderen sei das Buch brennend empfohlen. Volker Resing

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.