„Stimmen der Zeit“ im Wandel der ZeitenDer Dinosaurier unter den katholischen Zeitschriften

Die „Stimmen der Zeit“ sind ein Dinosaurier unter den deutschsprachigen katholischen Zeitschriften: Das von den deutschen Jesuiten verantwortete Blatt erscheint immerhin schon seit 1871, damals nach dem ersten Erscheinungsort mit dem Titel „Stimmen aus Maria-Laach“, der dann 1914 in den jetzigen umbenannt wurde. In der Geschichte der Zeitschrift spiegelt sich nicht nur die Entwicklung des Jesuitenordens in Deutschland ab der Zeit des Kulturkampfs, sondern auch der Weg des deutschen Katholizismus in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert wider.

Das lässt sich jetzt in dem Buch von Andrea Männer detailliert nachlesen, einer Münchner Dissertation aus den Jahr 2017. Die Autorin verfolgt die inhaltliche Ausrichtung der „Stimmen“ in ihren Wandlungen, beleuchtet das jeweilige Profil der Schriftleitung und ihr Standing im Orden beziehungsweise ihr Verhältnis zur deutschen und römischen Ordensleitung und unternimmt eine Einordnung in die wechselnde kirchliche und gesellschaftlich-kulturelle Situation. In ihren Anfängen und von ihrem Gründungsauftrag her war die Zeitschrift ultramontan ausgerichtet und setzte auf klare Abgrenzung von der Moderne. Diese Haltung machte dann einer konstruktiven Auseinandersetzung mit der Gegenwart Platz, wobei ordensinterne Spannungen nicht ausblieben. Man stößt auf Namen wie Max Pribilla (1874–1956) oder Erich Przywara (1889–1972): Letzterer plädierte nach dem Ersten Weltkrieg für eine „Katholisierung des gesamten Lebens“, pflegte aber auch den Austausch mit Karl Barth und Paul Tillich.

Männer skizziert auch das Schicksal der „Stimmen“ im Dritten Reich, wo sie dank einer geschickten Redaktionspolitik bis 1941 erscheinen konnte, und geht in einem Ausblick auf das Wiedererscheinen der Zeitschrift schon kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Heute haben Zeitschriften in der katholischen Medienlandschaft längst nicht mehr die Bedeutung, die ihnen in früheren Jahrzehnten zukam. Mit Nostalgie allein ist sicher nichts zu erreichen: Aber man sollte sich der Geschichte von Zeitschriften wie den „Stimmen der Zeit“ bewusst sein, um nicht von vornherein den Horizont für gegenwärtige Bemühungen um Gestaltung und Positionierung katholischer Printmedien zu verengen. Ulrich Ruh

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