Warum wir über die Herstellung von Tier-Mensch-Mischwesen nachdenken müssenChimären sind kein Schreckgespenst

In Japan dürfen neuerdings Chimären, also Tier-Mensch-Mischwesen, für Forschungszwecke hergestellt werden. Das soll langfristig den Mangel an menschlichen Spenderorganen lindern. Aber ist es ethisch vertretbar? Ein Für und Wider.

Die jüngsten Berichte darüber, dass die japanische Regierung dem Stammzellforscher Hiromitsu Nakauchi die Herstellung und Züchtung von Mensch-Tier-Mischwesen (Chimären) genehmigt habe, um auf lange Sicht menschliche Organe zu Transplantationszwecken zu erzeugen, haben große öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Wenngleich das Thema bereits seit mehreren Jahren Gegenstand der bioethischen Diskussion ist und bereits im Jahr 2011 eine umfangreiche Stellungnahme des Deutschen Ethikrats dazu publiziert wurde, hat es nun schlagartig Prominenz erlangt.

Während gentechnische Forschungen zur Chimärenbildung schon seit einigen Jahren durchgeführt werden, besteht das Neue darin, dass jetzt erstmals eine Genehmigung dafür erteilt wurde, dass solche Tier-Mensch-Mischwesen auch geboren werden dürfen. Dies war bislang auch in Japan verboten, so dass die Föten noch im Muttertier getötet werden mussten. Der japanische Forscher und sein Team dürfen die von ihnen erzeugten Tier-Mensch-Mischwesen nun jedoch zur Geburt bringen lassen, um weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Die Debatte, ob die Züchtung menschlicher Organe in Tieren und die Erzeugung von Chimären ethisch vertretbar ist oder nicht, ist kontrovers und tritt nun in eine neue Phase. Denn die Experimente im Japan stehen im Kontext jener Bemühungen, die das Ziel verfolgen, den bestehenden Mangel an Spenderorganen zu beseitigen, um Menschen zu helfen, die schwerwiegend oder gar lebensbedrohlich unter Organinsuffizienz leiden. Während Forschungsbemühungen zu Tier-Mensch-Mischwesen bis dahin vorrangig dazu dienten, neue Wege und Verfahren für die Arzneimittel- und Toxizitätsprüfung zu erkunden, zielen die Experimente Nakauchis langfristig auf eine klinische Anwendung.

Angesichts der bestehenden Knappheit an Spenderorganen und der derzeit in Deutschland geführten Diskussion, wie sich mehr der benötigten Organe gewinnen lassen könnten, befeuert die Ankündigung aus Japan durchaus Hoffnungen auf mehr Spenderorgane. Eine solche Hoffnung äußerte etwa der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der evangelische Theologe Peter Dabrock.

Zugleich löst der Fall in Japan aber auch Bedenken aus, weil mit solchen Experimenten die Grenze zwischen Tier und Mensch auf der biologischen Ebene verwischt beziehungsweise durchlässig gemacht werde. Das hob der katholische Theologe Andreas Lob-Hüdepohl, ebenfalls Mitglied des Deutschen Ethikrats, hervor. Denn die konkreten Folgen und Auswirkungen können noch nicht wirklich überblickt werden. Dies kann zu tiefen Verunsicherungen führen, die das praktische Selbstverständnis des Menschen und seine Stellung in der Welt betreffen.

Manche denken erst einmal an Fabelwesen

Neben reflektierten ethischen Stellungnahmen und Kommentaren gibt es jedoch auch viele Reaktionen, die sich zwischen naiver Euphorie und Entsetzen über Horrorszenarien bewegen. Denn die Vorstellung von Chimären kann leicht mit Fantasie- und Fabelwesen assoziiert werden, wie sie aus der Kulturgeschichte bekannt sind, und so zu Befremden und Unbehagen führen oder gar kulturelle oder religiöse Tabus antasten. Die Forschungen Nakauchis haben mit solchen Vorstellungen jedoch nichts gemeinsam. Je stärker unrealistische Fantasien die gesellschaftliche Diskussion beeinflussen, desto wichtiger ist eine differenzierte ethische Analyse, die auf einer seriösen biotechnologischen Grundlage die ethisch relevanten Gesichtspunkte gewichtet und Argumente abwägt.

Die biotechnologische Verbindung von menschlichem und tierischem Material mit dem Ziel der Organgewinnung zu Transplantationszwecken firmiert in Wissenschaft und Medizin als „Xenotransplantation“ (griechisch: xenos – fremd). Sachlich und ethisch ist es jedoch sinnvoll, zwei verschiedene Arten der Xenotransplantation zu unterscheiden:

Bereits seit mehreren Jahrzehnten gibt es Forschungsbemühungen, die man mittlerweile als klassische Form der Xenotransplantation bezeichnen könnte. Bei diesen Verfahren werden artfremde Zellen, Gewebe oder Organe (Xenotransplantate), etwa eines Schweines, in das Lebewesen einer anderen Spezies transplantiert, etwa im Rahmen vorklinischer Studien in Affen. Diese artfremden Zellen, Gewebe oder Organe sollen dann ihre entsprechende biologische Funktion im Empfängerorganismus übernehmen. Aufgrund der großen biologischen Differenz würde das artfremde Material im neuen Organismus jedoch sofort abgestoßen werden. Diese immunologische Abwehrreaktion gilt es zu verhindern. Es ist sicherzustellen, dass das Organ seine Funktion auch in der neuen Umgebung ausüben kann. Das kann einerseits durch die Gabe von Medikamenten und andererseits durch eine genetische Modifikation des Xenotransplantats geschehen, um es dem Empfängerorganismus etwas ähnlicher zu machen.

Die Forschungen konzentrieren sich auf Zellen, Gewebe und Organe vom Schwein. Denn Schweine sind als Nutztiere kulturell etabliert, leicht verfügbar und vermehren sich rasch. Da die Größe und Form ihrer Organe denen des Menschen ähneln, ist ihre Funktionalität im Menschen vergleichsweise hoch. Bei der klassischen Xenotransplantation werden Schweine genetisch so verändert, dass die Immun- und Abstoßungsreaktion des menschlichen Körpers auf die Xenotransplantate möglichst gering ausfällt. Dazu kann molekulargenetisch die Oberflächenstruktur der vom Schwein stammenden Zellen, Gewebe und Organe so modifiziert werden, dass sie denen des Menschen ähnlich sind.

Die Forschungsbemühungen richten sich vor allem auf Herz, Niere, Leber, Inselzellen oder Augenhornhaut. Sie befinden sich noch weitestgehend im vorklinischen Versuchsstadium, die den klinischen Einsatz beim Menschen vorbereiten sollen. In Deutschland ist derzeit der erste klinische Versuch mit Inselzellen zur Behandlung von Diabetes mellitus Typ 1 in der Beantragungsphase. Eine Xenotransplantation des Herzens wird wohl noch einige Jahre dauern.

Von der klassischen Xenotransplantation ist das Vorgehen der japanischen Wissenschaftler zu unterscheiden. Sie wollen mit sogenannten induziert pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) arbeiten. Das sind menschliche Zellen, die gentechnisch verjüngt wurden und dadurch die Möglichkeit wiedererlangt haben, sich in verschiedene Zelltypen weiterentwickeln zu können. Diese iPS-Zellen werden im Labor in einen Tierembryo im frühen Entwicklungsstadium eingefügt, bevor dieser Embryo dann in einen tierischen Mutterorganismus eingepflanzt wird. Die zugrunde liegenden Tierembryonen – in der ersten Versuchsphase Mäuse und Ratten – werden mittels der sogenannten CRISPR/Cas9-Technologie (umgangssprachlich als „Gen-Schere“ bekannt) genetisch so verändert, dass sie keine eigene Bauchspeicheldrüse entwickeln können.

Die eingeschleusten menschlichen iPS-Zellen sollen sich nun zur Bauchspeicheldrüse im Tierembryo ausdifferenzieren und das Organ ausbilden. Das Muttertier und der Fötus würden dann als eine Art „Bioreaktor“ für die Züchtung menschlicher Gewebe und Organe fungieren. Zu Beginn sollen Mäuse und Ratten zum Träger eines vermenschlichten Organs werden, später dann vielleicht auch Schweine. Das Organ, das aus den eingeschleusten iPS-Zellen gebildet würde, könnte dann dem Menschen implantiert werden, von dem die iPS-Zellen stammen, und würde nur eine geringe oder gar keine Abstoßungsreaktion beim Empfänger hervorrufen – so zumindest die langfristige Hoffnungsperspektive.

Bei den jüngst genehmigten Versuchen in Japan handelt es sich erst um Grundlagenexperimente, mit denen die Embryonalentwicklung solcher Tier-Mensch-Chimären untersucht werden soll. Dabei ist zum einen zu erforschen, ob sich die fremdartigen iPS-Zellen im Tierembryo zu dem gewünschten Organ ausdifferenzieren und ein funktionierendes Organ ausbilden können. Zum anderen ist zu klären, ob sich die menschlichen iPS-Zellen im Laufe der Embryonalentwicklung in anderen Körperregionen des Tieres ansiedeln, an der Genese neuer Zellen mitwirken und so zu unerwünschten funktionellen Beteiligungen, etwa im Gehirn, führen könnten.

All das soll erst bei Nagetieren erforscht werden, wobei die Föten nach etwa zwei Wochen im Muttertier getötet und dann untersucht werden sollen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt sind Experimente mit menschlichen iPS-Zellen in Schweineembryos vorgesehen, die dann auch geboren werden dürfen. Mit den bevorstehenden Versuchen geht es also darum, mögliche Nebeneffekte des Verfahrens sowie die Funktionalität der Organe zu untersuchen. Eine klinische Anwendung liegt hier noch in weiter Ferne; wenn überhaupt, ist eher mit Dekaden als mit Jahren zu rechnen.

Ein Verfahren, das die Identität des Menschen betrifft

Die Erzeugung von Tier-Mensch-Mischwesen stellt also in verschiedener Hinsicht eine neuartige biotechnologische und ethische Herausforderung dar. Moralische, tierethische und gesellschaftlich-kulturelle Aspekte spielen dabei eine Rolle, nicht zuletzt auch das jeweilige Menschen-, Welt- und Gottesbild. Es handelt sich um ein biotechnologisches Verfahren, das in besonderer Weise das normative Selbstverständnis des Menschen und seine Identität betrifft. Es wirft Fragen auf: nach dem Wert der Natur und der praktischen Bedeutung natürlicher Ordnungen sowie nach dem Mensch-Tier-Verhältnis und dem moralischen Status von Tieren.

Denn im Unterschied zur Nutzung tierischer Nahrungsprodukte, welche – abgesehen vom Veganismus und religiös-kulturellen Besonderheiten – im kulturellen Empfinden vieler Menschen als etwas quasi Natürliches und Normales betrachtet wird, durchbricht die Erzeugung von Tier-Mensch-Mischwesen die evolutionär gewachsene Speziesgrenzen. Sie stellt etwas „Künstliches“ dar, das mit geläufigen Vorstellungen von „Natürlichkeit“ nicht ohne Weiteres vereinbar ist. Eine entsprechende ethische Bewertung kann sich daher beispielsweise von technischen Implantaten im Menschen unterscheiden, weil es sich bei Implantaten nicht um etwas „Lebendiges“ handelt.

Aus einer theologischen Perspektive werden schließlich auch Fragen nach dem religiösen Verständnis von Gott und Schöpfung sowie die Frage nach dem verantwortlichen Umgang des Menschen mit der Natur berührt.

Ein theologisch-ethischer Zugang weist eine Reduzierung des Menschen auf seine biologischen Funktionen ebenso zurück wie dualistische Anthropologien. Leitend ist vielmehr ein ganzheitliches Menschenbild. Der Mensch wird als leibseelisch-geistige Einheit verstanden, der in seiner endlichen und fragilen Existenz grundsätzlich auf andere und anderes angewiesen ist. Mit der schöpfungstheologischen Deutung des Menschen als Ebenbild Gottes (Gen 1,26f.) soll zum Ausdruck gebracht werden, dass alle Menschen Geschöpfe sind, die jedoch im Unterschied zu allem anderen Geschaffenen von Gott zu Freiheit und Verantwortung berufen sind und so in einer besonderen Beziehung zu ihm stehen.

Der Mensch hat – biblisch und theologisch gesprochen – den Auftrag zur verantwortlichen Selbst- und Weltgestaltung und zur Verbesserung der Lebensbedingungen; darin erweist sich seine Gottebenbildlichkeit. In diesem Sinne lässt sich der Mensch in seiner endlichen Freiheit als Mitschöpfer verstehen. Dieses Mitschöpfertum steht freilich unter dem ethischen Anspruch der Verantwortlichkeit. Anthropologisch gesprochen gehört es wesentlich zum Menschen, sich selbst beziehungsweise seine Natur zu gestalten und zu kultivieren. Ethisch entscheidend ist daher, in welcher Weise, im Blick auf welches Ziel und in welcher Absicht dies geschieht.

Es braucht eine differenzierte ethische Analyse

Die Schöpfungstheologie stellt also ethisch den Menschen ins Zentrum ihrer Überlegungen. Dabei ist der Eigenwert der anderen Lebewesen sowie der Umwelt anzuerkennen. Sie sind im verantwortlichen Handeln und in der ethischen Reflexion zu berücksichtigen. Bezieht man die naturwissenschaftlichen Einsichten in die Entstehung der Menschheit, der anderen Lebewesen und der Welt insgesamt mit ein, so zeigt sich, dass es keine starren Verhaltensregeln für den Menschen gegenüber seiner Umwelt gibt, die immer gleich geblieben sind: Evolutionär entwickelte natürliche Grenzen zu überschreiten, ist somit für sich allein noch kein hinreichendes ethisches Argument.

Folglich lässt sich aus theologisch-ethischer Perspektive auf der Basis eines solchen grundsätzlichen christlichen Verständnisses von Mensch, Welt und Gott kein kategorischer beziehungsweise zwingender Einwand gegen die Xenotransplantation formulieren, sofern mit dem konkreten Verfahren zum einen nicht die Grundvoraussetzungen menschlichen Personseins und prinzipieller Selbstbestimmungsfähigkeit beeinträchtigt werden und zum anderen Tiere nicht rein dinglich-instrumentell betrachtet werden.

Ferner ist zu beachten: Für die Art und Weise, wie Menschen sich selbst wahrnehmen, sich selbst deuten und wie sie handeln, ist die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier von größter Bedeutung. Diese Unterscheidung darf nicht durch konkrete biotechnologische Eingriffe und Entwicklungen erschwert werden, so dass irgendwann nicht mehr klar ist, ob es sich um ein Tier oder einen Menschen handelt und welche praktischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

Bemerkenswert ist, dass die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz in einer gemeinsamen Stellungnahme zur klassischen Form der Xenotransplantation um die Jahrtausendwende umsichtig empfahlen: „Wie bei jedem Nachdenken über eine Einzelproblematik darf die Ausgangsfrage nicht aus dem Auge verloren werden: die Rettung kranker Menschen durch Spenderorgane. Insofern ist die Forschung im Bereich der Xenotransplantation nur eine Möglichkeit, dem Mangel an menschlichen Spenderorganen zu begegnen. Zu einem verantworteten Umgang mit dieser Problematik gehört immer auch die Suche und Einbeziehung von Alternativen. Auf jeden Fall ist jede Form von Forschung im Bereich der Xenotransplantation und entsprechender Alternativen an der Bewahrung und Würde des menschlichen Lebens sowie an der Achtung gegenüber dem Tier zu orientieren.“ (Xenotransplantation. Eine Hilfe zur ethischen Urteilsbildung, Hannover/Bonn 1998, 24).

Mit diesem Dokument wurde keine umfassende und abschließende Stellungnahme vorgelegt und auch nicht intendiert. Vielmehr wird auf die Notwendigkeit des ethischen Diskurses verwiesen und betont, „dass mit guten Gründen verschiedene Standpunkte in ethischer Hinsicht bezogen werden können“. Für die gesellschaftliche und ethische Überlegung bedeutet das, dass sie auf das interdisziplinäre Gespräch angewiesen ist: Gemeinsam mit den beteiligten Fachwissenschaften hat eine differenzierte ethische Analyse und Bewertung der Xenotransplantation nach redlichen Abwägungen zu erfolgen.

Wie bei vielen anderen biotechnologischen Innovationen ist auch hier davon auszugehen, dass der Weg von der Grundlagenforschung bis zu einer möglichen klinischen Anwendung noch weit ist. Falsche Versprechungen wären ebenso bedenklich wie die Verbreitung von beängstigenden oder abstoßenden Horrorszenarien. Vielmehr ist eine ethische Begleitung der Forschung angezeigt, um mögliche Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und zu reglementieren, aber auch, um sinnvolle und verantwortbare Perspektiven zu fördern und in die öffentlichen Debatte einzubringen.

Bereits jetzt gesellschaftlich und ethisch über die Herstellung von Tier-Mensch-Mischwesen für medizinische Zwecke gründlich zu diskutieren, ist daher ratsam. Denn künstlich erzeugte Chimären, die sich nicht ohne menschliches Zutun bilden können, könnten lebensweltliche Vorstellungen von natürlichen Grenzen und religiöse Vorstellungen einer Schöpfungsordnung massiv irritieren – erst recht unter einer pluralen und globalen Perspektive, in der die religiösen und kulturellen Vorstellungen vielfältig sind.

Die Frage nach dem Selbstverständnis

Die Frage nach dem Selbstverständnis des Menschen, nach dem, was seine Würde und seinen Status als moralisches Subjekt im Verhältnis zu anderen Lebewesen ausmacht, wird eine entscheidende Rolle spielen. Wichtig sind aber auch Fragen nach der Bedeutung und dem Wert der natürlichen Umwelt sowie der biologischen Natur, einschließlich der des Menschen.

Dabei sollte auch die Diskrepanz zur Sprache kommen, die sich zwischen Biotechnologie und Ökologie beobachten lässt: Auf der einen Seite kommt angesichts der globalen Auswirkungen der menschlich verursachten Klimaveränderungen und der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zunehmend das Bestreben auf, die Natur sich selbst zu überlassen, damit diese sich regenerieren kann. Die Biotechnologie dagegen ist ein Feld, in dem aus therapeutischen oder anderen Zwecken stark in die biologischen Grundlagen von Menschen und anderen Lebewesen eingegriffen wird – sofern man keinen strikten „Bio-Konservatismus“ vertritt.

Neben der ökologischen Stimmungslage hat in den letzten Jahren die Sensibilität für den Eigenwert von Tieren, deren Bedürfnisse und Leidensfähigkeit sowie deren Schutzwürdigkeit deutlich zugenommen. Eine Kritik an einer Ausbeutung und Instrumentalisierung von Tieren überhaupt beziehungsweise an deren Tötung zugunsten menschlicher Zwecke steht jedoch in einem gewissen Gegensatz zur weitgehend akzeptierten kulturellen Praxis, Tiere als Nutztiere zu halten beziehungsweise zu essen. Diese argumentative und positionelle Gemengelage macht es nicht weniger kompliziert. Sie beansprucht die Kompromissfähigkeit einer Gesellschaft und deren Bereitschaft, Widersprüche auszuhalten.

Angesichts der Hochrangigkeit der Forschungsbemühungen der Xenotransplantation, nämlich der Absicht der Rettung menschlichen Lebens, aber auch der Gefahr eines unverantwortbaren und potenziell unkontrollierbaren Eingriffs, sollte daher begleitend darüber nachgedacht werden, wo die Forschungen sinnvoll, zielführend und verantwortlich geschehen und wo ethische Grenzen überschritten werden.

Dort, wo das praktische Selbstverständnis des Menschen so fundamental herausgefordert wird, dass grundlegende moralische Prinzipien nicht mehr greifen, sollte größte Vorsicht walten; aber auch, wo der Tierschutz missachtet wird. Die Bemühungen, Ersatzorgane mittels der Nutzung von Tieren zu gewinnen, sollten dann auf den Prüfstand gestellt werden, wenn es auch andere, erfolgreiche und vertretbare Verfahren gäbe, etwa durch Gewebezüchtung. Das wäre aus tierethischen Gründen konsequent.

Die Debatte um die biotechnologische Erzeugung von Tier-Mensch-Mischwesen sollte breit in der Gesellschaft geführt werden. Dabei gilt es, die unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was den Menschen als Menschen in seiner Würde ausmacht, zur Sprache zu bringen. Es könnte gut sein, dass diese Vergewisserungen mehr grundsätzliche Gemeinsamkeiten zum Vorschein bringen, als auf den ersten Blick zu vermuten sein mag.

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