PorträtFelix Klein: Mahner und Aufklärer

Der 50-jährige Diplomat ist der erste Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung. Er will die Probleme des Judenhasses sichtbarer machen und sieht auch bei den Kirchen Handlungsbedarf.

Porträt Felix Klein
© KNA

Felix Klein weiß, wie es sich anfühlt, zu einer Minderheit zu gehören. Er stammt aus einer Familie von Siebenbürger Sachsen, die seit Jahrhunderten in Hermannstadt im heutigen Rumänien leben. Viele seiner Vorfahren waren evangelische Pfarrer, sein Onkel war bis 2010 Bischof der lutherischen Minderheitenkirche von Rumänien. „Wenn Ceausescu etwas erlassen hat, überlegte meine Familie sofort, welche Auswirkungen das für die deutsche Minderheit haben könnte“, sagt Felix Klein – und nennt dies den „zweiten Blick“: Minderheiten betrachten das Weltgeschehen oft mit anderen Augen als Nachbarn, die sich durch ihre Zugehörigkeit zur Mehrheit umfassender geschützt fühlen.

Felix Klein kann also ganz gut nachvollziehen, welche Ängste es in jüdischen Menschen wachruft, wenn sie angepöbelt werden, weil sie eine Kippa tragen. Und er weiß, wie wichtig es ist, dass die Bundesregierung die Übergriffe klar verurteilt und alles tut, um sie zu verhindern. Im April hat die Bundesregierung deshalb Felix Klein zu ihrem ersten Beauftragten für die Bekämpfung von Antisemitismus berufen, und wie es aussieht, war das eine gute Entscheidung.

1956 siedelte Hans Klein von Hermannstadt nach Deutschland über, 1968 wurde Sohn Felix geboren. Die ersten Jahre wuchs er in Darmstadt auf, dann besuchte er ein internationales Gymnasium in Duino bei Triest. Dort hatte er auch jüdische Freunde, und 1986 fuhr er im Rahmen einer Orchesterreise – Felix Klein spielt Geige – zum ersten Mal nach Israel. Vieles dort kam ihm vertraut vor, vieles fremd, das Land faszinierte ihn sofort.

Felix Klein ist 50 Jahre alt, trägt Dreitagebart zur randlosen Brille und ist freundlich, offen und lacht auch gerne mal herzlich los. Er hat im diplomatischen Dienst Karriere gemacht und knüpfte zuletzt für das Auswärtige Amt Beziehungen zu jüdischen Organisationen, er bereitete für Minister und Bundeskanzlerin Begegnungen mit jüdischen Gemeinschaften vor und warnte vor der Zusammenarbeit mit Institutionen, die Antisemiten in ihren Reihen dulden.

Auch in seinem neuen Amt möchte er „Frühwarnsystem“ sein, denn er beobachtet, wie rote Linien verschoben werden in dem, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Forderungen nach „erinnerungspolitischen Kehrtwenden“, wie sie die AfD erhebt, Hetze im Internet, Attacken auf Kippa tragende Männer und Mobbing von jüdischen Schülern alarmieren ihn. Nicht selten gehen antijüdische Übergriffe auch von Muslimen aus. Umso mehr freut er sich, dass die ersten Vertreter muslimischer Organisationen auf ihn zugekommen sind und ihre Zusammenarbeit angeboten haben.

Auch bei den Kirchen und besonders bei der evangelischen sieht er „Handlungsbedarf“. Die Kirchen haben Judenfeindschaft mehrfach in offiziellen Erklärungen verurteilt. „Doch man hat den Eindruck, damit ist es getan“, sagt Klein. Er wunderte sich, dass im Ethik-Beirat des Echo-Preises nur die Vertreterin der katholischen Kirche gegen die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang war, nicht aber ihr evangelischer Kollege. Und gerade beschäftigt ihn der „Kirchenbote“ der Pfälzischen Landeskirche, in dem der Chefredakteur im Mai sehr einseitig gegen die israelische Politik wetterte und seinen Kommentar mit einem Witz begann, der Israelis allgemein Menschenverachtung unterstellte. „Da haben die Kontrollmechanismen der Landeskirche versagt“, sagt Klein. Selbst nachdem er den Kommentar angeprangert habe, habe sich weder der pfälzische Kirchenpräsident entschuldigt noch der EKD-Ratsvorsitzende.

Er möchte den „Kompass wieder ins Lot bringen“ und die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, wie sich Judenfeindschaft äußert. Er will die Kriminalstatistik reformieren, damit nicht nur strafrechtlich relevante Übergriffe aufgenommen werden und Taten mit unklarer Motivation nicht automatisch als nicht rechtsextrem eingestuft werden. Um festzustellen, welche Dimensionen Antisemitismus hat, möchte er in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in jeder Stadt eine Anlaufstelle schaffen, bei der Menschen antisemitische Erfahrungen niedrigschwellig melden können. Felix Klein hat sich viel vorgenommen. Die Bundesregierung hat ihm mittlerweile elf Mitarbeiter zugestanden. Somit stehen die Chancen gut, dass sein Tatendrang nicht verpufft.

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