PorträtAntje Jackelén: Von Herdecke nach Uppsala

Sie ist die erste Frau an der Spitze der schwedischen Lutheraner. Im Oktober wird sie den Papst empfangen.

Sie ist die erste Frau an der Spitze der lutherischen Kirche Schwedens. Und die erste Ausländerin seit vielen hundert Jahren, die als Erzbischöfin von Uppsala die Geschicke der rund 6,3 Millionen Mitglieder zählenden früheren Staatskirche lenkt: Antje Jackelén, als Antje Zöllner im Juni 1955 im westfälischen Herdecke zur Welt gekommen. Als sie mit ihrem Theologiestudium in Bielefeld-Bethel und Tübingen begann, dachte sie sicher nicht einmal im Traum daran, einmal die Kinder der schwedischen Königsfamilie zu taufen. Oder an der Hochzeit der schwedischen Kronprinzessin Victoria mitzuwirken.

In den Siebzigerjahren bereitete sie sich wohl auf eine Pfarrstelle in Witten oder Dortmund vor. Doch in der westfälischen Kirche herrschte eine Theologenschwemme. Antje Zöllner war zum Auslandsstudium nach Schweden gegangen – und nach einigen Jahren dort wollte ihre Landeskirche die Studentin aus Uppsala nicht mehr wiederhaben. „Eine Anfrage meinerseits ans Landeskirchenamt, trotz einiger Jahre in Schweden doch noch auf der Liste der westfälischen Theologiestudenten zu verbleiben, fand keinen Beifall“, sagte Jackelén der Herder Korrespondenz. Mit der westfälischen Landeskirche hat sie bis heute, abgesehen von einigen Interviews in der Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ keine Verbindung mehr. In Schweden dagegen fand Antje Zöllner die Liebe ihres Lebens: Pastor Heinz Jackelén, auch er ein gebürtiger Deutscher. 1979 heirateten die Theologen, 1980 wurde Jackelén in der Diözese Stockholm ordiniert. Es folgten einige Pfarrstellen, etwa in Tyresö am Stockholmer Schärengarten, schließlich der Gang in die Wissenschaft.

An der Universität Lund verfasste sie ihre Doktorarbeit über „Zeit und Ewigkeit. Die Frage der Zeit in Kirche, Theologie und Naturwissenschaft.“ Die Arbeit erschien in Lund in deutscher Sprache – und wurde in Deutschland sogar ein zweites Mal veröffentlicht. „Sowohl die biblischen Texte als auch menschliche Erfahrung zeugen davon, dass lineares und zyklisches Zeitverstehen und Zeiterleben Hand in Hand gehen“, fasste Jackelén in einem Beitrag für die Evangelische Akademie im Rheinland zusammen. „Wir leben gleichzeitig im Bewusstsein der unerbittlichen Linearität der Zeit – das Vergangene ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht – und feiern dabei doch immer wieder die Wiederkehr des Gleichen.“ Ohne das „Alle Jahre wieder...“, ohne die Strukturierung der Zeit kämen die Menschen nicht aus. 

Heute ist der Name Antje Jackelén in der theologischen Wissenschaft in Deutschland ein fester Begriff, wenn es um das Verhältnis von Religion und Naturwissenschaften geht. In Deutschland gelehrt hat die Theologin trotzdem nie. Sie ging nach Chicago. An der dortigen „Lutheran School of Theology“ wurde Jackelén 2003 Direktorin des „Zygon Center for Religion and Science“. Dann veränderte sich ihr Leben ein weiteres Mal schlagartig: In Schweden erinnerte man sich der Theologin im fernen Amerika. Im ersten Wahlgang wurde sie 2007 zur neuen Bischöfin von Lund gewählt. Und 2013 dann zur Erzbischöfin, dem geistlichen Oberhaupt der schwedischen Lutheraner. Für Aufsehen sorgten Äußerungen zur Jungfrauengeburt: Sie sieht die Theologin eher als Mysterium, denn als biologische Beschreibung des Vorgehen Gottes.

Heute indes sind der weltweite Klimawandel und die Flüchtlingskrise die wichtigsten Herausforderungen, vor denen Jackelén Kirche und Gesellschaft sieht – worin sich die schwedische Erzbischöfin wohl auch mit Papst Franziskus einig sein dürfte, den sie im vergangenen Jahr im Vatikan besuchte und im Oktober in Lund begrüßt. „Die fast 50 Jahre des Dialogs zwischen dem Lutherischen Weltbund und der Katholischen Kirche sind eine gute Basis auch für lokale und regionale ökumenische Zusammenarbeit sowie für eine breite kulturelle Reflektion über die Bedeutung der Reformation“, sagte Jackelén. Es gebe Gründe, selbstkritisch darüber nachzudenken, wie die Geschichte der Reformation heute vor dem Hintergrund gegenseitigen Verständnisses erzählt werden könne. Und sie erinnert daran, dass auch die katholische Kirche ökumenische Öffnungen vollzogen habe, bis dahin, dass Papst Franziskus eine mit einem Katholiken verheirateten Lutheranerin daran erinnerte, dass es nur eine Taufe, einen Glauben und einen Herrn gebe: „Die Heilung von Erinnerungen und eine Ökumene der Liebe, der Begegnung, des Zuhörens und der Freundschaft sind das, was 2017 gebraucht wird.“

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