PorträtDer Kulturprotestant: Johann Hinrich Claussen

Porträt: Johann Hinrich Claussen
„Wir können den Protestantismus über die eigene Kulturhaftigkeit aufklären und andererseits die allgemeine Kultur auf religiöse und auch christliche Tiefenprägungen aufmerksam machen.“© Privat

Ist Kultur Luxus oder ein wesentlicher Bestandteil des kirchlichen Lebens? Für Johann Hinrich Claussen ist sie beides. „Kultur ist Luxus und Lebensmittel zugleich. Sie ist ja nicht nur etwas, mit dem sich höhere Schichten schmücken, sondern eine grundsätzliche Äußerung des Lebens und damit auch des Glaubenslebens“, erklärt der neue Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Gespräch mit dieser Zeitschrift.

Seit 2006 leistet sich die EKD den Posten eines Kulturbeauftragten. Die erste Inhaberin des Amtes war Petra Bahr, die in den folgenden Jahren das Berliner Kulturbüro der EKD aufbaute. Nach ihren überraschenden Rücktritt und dem Wechsel zur Konrad-Adenauer-Stiftung im September 2014 folgt ihr nun Claussen als Kulturbeauftragter und Leiter des Kulturbüros nach.

Claussen ist Hauptpastor an Sankt Nikolai, einer der fünf Hamburger Hauptkirchen, und seit 2004 auch Propst eines Hamburger Kirchenkreises. In dieser Rolle habe er die kirchliche Immobilienbewirtschaftung „kennengelernt und manchmal auch erlitten“. Daraus sei das Bedürfnis entstanden, einen eigenen, positiven und kulturgeschichtlichen Zugang zur Kirchenarchitektur zu finden – immerhin ein „Haupt-Arbeitsinstrument“ der Seelsorge, so Claussen. Die Frucht dieser Auseinandersetzung war das 2010 erschienene Buch „Gottes Häuser oder die Kunst, Kirchen zu bauen und zu verstehen“. Mit der Kirchenarchitektur beschäftigt sich der 51-jährige Hamburger auch als Präsident des Evangelischen Kirchenbautages, dem „Kirchentag der Architekten“, der alle drei Jahre stattfindet. Nach dem Buch zur Kirchenarchitektur erschien 2014 ein Werk über Musik: „Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik“.

Die evangelische Kirche gilt als „Kirche des Wortes“, und daran möchte auch Claussen weiter festhalten. Die verstärkte Aufmerksamkeit für Kunst und Kultur im Protestantismus sieht der Theologe im Zusammenhang mit einem „Ästhetisierungsschub“, der die ganze Gesellschaft seit etwa 20 Jahren ergriffen habe. Claussen plädiert aber dafür, Ästhetik und Wort nicht gegeneinander auszuspielen. „Man sollte das Wort als ästhetische Kraft und Gestalt wahrnehmen. Man sieht das besonders gut in der Kirchenmusik: Das Wort transportiert einen Inhalt, aber nicht in einer nackten und doktrinären Form, sondern als Klang, als lebendiges Wort.“

Im Jahr 2015 begeht die Evangelische Kirche in Deutschland in Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 ein Themenjahr „Bild und Bibel“. Was bedeuten religiöse Bilder einem Protestanten? Claussen verweist auf Navid Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“. Es sei bemerkenswert, dass ein Muslim die Christen auf die Bedeutung religiöser Bilder aufmerksam mache. Kermani folge aber in seinem Buch den Spuren, die eine evangelisch Tradition gelegt habe, nämlich die protestantische Romantik: „Ein Muslim entdeckt das wieder, was Wackenroder, Novalis und Schleiermacher vor 200 Jahren beschrieben haben: Die Andacht in der Betrachtung von Kunst.“

Seine Mission als Kunstbeauftragter sieht Claussen nicht darin, der evangelischen Kirche mehr Einfluss auf das kulturelle Leben in Deutschland zu verschaffen. Ein solcher Anspruch erschiene ihm hegemonial. Ihm geht es vielmehr um eine „wechselseitige Aufklärung“: „Wir können den Protestantismus über die eigene Kulturhaftigkeit aufklären und andererseits die allgemeine Kultur auf religiöse und auch christliche Tiefenprägungen aufmerksam machen. Das wäre ein Gespräch, das für viele interessante Irritationen sorgen könnte.“

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