BuchbesprechungHermann Kurzke und Christiane Schäfer, Mythos Maria. Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte

Marienfrömmigkeit lässt sich nicht kontrollieren, gerade deshalb bietet sie aber ein interessantes Reservoir an religiösen Sehnsüchten und Ausdrucksformen. Das zeigt eindrucksvoll das Buch über Marienlieder, das Hermann Kurzke und Christiane Schäfer jetzt vorgelegt haben. Es geht auf der einen Seite ins Detail, indem es die Text- und Melodiegeschichte von insgesamt zwölf Liedern (von „Maria durch ein Dornwald ging“ über „Maria breit den Mantel aus“ bis „Wunderschön prächtige“) in ihrem kulturell-religiösen Kontext akribisch nachzeichnet. Die Autoren können sich dafür auf das Gesangbucharchiv der Universität Mainz stützen, an der Hermann Kurzke Neuere deutsche Literatur lehrte. Gleichzeitig zeichnen sie damit den „Mythos Maria“ nach, der die Christentumsgeschichte jahrhundertelang entscheidend mitgeprägt hat und heute keineswegs ausgestorben ist, wie nicht zuletzt der einschlägige Teil des neuen katholischen Gebet- und Gesangbuchs „Gotteslob“ belegt.

Es ist ein Vergnügen, sich von Kurzke und Schäfer durch die Irrungen und Wirrungen der marianischen Lied- und damit auch Frömmigkeits- und Mentalitätsgeschichte führen zu lassen. Dazu trägt gerade auch die Sprache des Buchs bei. Sie hat Freude am Bonmot und an der leisen Ironie, vermeidet aber jeden besserwisserischen und abrechnenden Gestus. So ist zu „Segne Du, Maria“, das es durch eine Art „Abstimmung mit den Füßen“ in das neue „Gotteslob“ geschafft hat, zu lesen: „Unzweifelhaft ist das Lied sentimental, pathetisch, inbrünstig, vielleicht auch kitschig, also literarisch eigentlich untragbar. Aber es hat auch eine gewisse Größe, so wie Neuschwanstein“ (126).

Auf nur wenigen Seiten formuliert das Buch nach dem anschaulichen Durchgang durch die zwölf Lieder abschließend eine Quintessenz, angefangen mit der lapidaren Feststellung, Mythen seien zwar gefährlich, aber unverzichtbar.  Hermann Kurzke und seiner Mitautorin ist jede Art von Erbaulichkeit fremd; es könne offen bleiben, ob der Mythos Maria tiefer Glaube sei oder „nur“ Metapher. Wer immer sich singend in die Bildwelt dieser Lieder begebe, dürfe Respekt erwarten, ob er (oder sie) von einem religiösen Flair gestreift werde oder nicht. Dieser sympathischen Grundhaltung kann man nur weite Verbreitung wünschen.

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Hermann Kurzke und Christiane Schäfer

Mythos MariaBerühmte Marienlieder und ihre Geschichte

Verlag C. H. Beck, München 2014.