Zur fälligen Diskussion über den PflichtzölibatZeugnis und Ärgernis

Mit der Aufdeckung zahlreicher Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und Ordensleute ist auch die Diskussion über den Zölibat neu entbrannt. Wenngleich nur ein indirekter Zusammenhang zwischen der priesterlichen Ehelosigkeit und dem Missbrauchsskandal nachzuweisen ist, darf die seit langem drängende Zölibatsfrage von der Kirchenleitung jetzt nicht weiter verschleppt werden.

Am 28. Januar 2010 hat der Jesuit Klaus Mertes, Direktor des angesehenen Canisius-Kollegs in Berlin, einen Dammbruch ausgelöst. Ein Tabu hat er gebrochen, über das ein Machtschweigen verhängt war: sexueller Missbrauch von Priestern an Minderjährigen und dessen Verschleierung durch Mitwisser und Vorgesetzte. Hierzu konnte und wollte dieser mutige Mann nicht länger schweigen, er musste den Opfern endlich eine Stimme verleihen. Kein deutscher Bischof hat sich hinter ihn gestellt. Wie zuvor in den USA, Irland, Australien und anderen Ländern hat die Aufdeckung des Skandals auch in Deutschland eine öffentliche und innerkirchliche Debatte ausgelöst, die den Zölibat als vermeintliche (Haupt-)Ursache einbezieht (vgl. HK, April 2010, 173ff.). Seitdem ist keine „Normalität“ eingetreten, und sie ist auch nicht zu erwarten. Die neue Welle der Kirchenaustritte spricht für sich.

Vertrauens- beziehungsweise Machtmissbrauch, weltfremde Sexualmoral und Heuchelei lauten die Vorwürfe – ein Verrat an Autorität und Glaubwürdigkeit, mithin an Werten, die in höchstem Ansehen stehen. So lauteten die Hauptgründe für Kirchenaustritte, wie sie das Institut für Demoskopie Allensbach in einer von der Deutschen Bischofskonferenz veranlassten Untersuchung eruiert hat (Kirchenaustritte, Allensbach 1992/93). Gleichermaßen erstaunlich war seinerzeit der Befund, dass sich die treuen Kirchenmitglieder fast ebenso häufig und heftig an denselben Ärgernissen stoßen. Trotz dieser deutlichen Warnsignale, so Kardinal Karl Lehmann auf dem Ökumenischen Kirchentag in München, habe die Kirche wie ein großes Schlachtschiff unbeirrt ihren Kurs fortgesetzt.

Die gegenwärtige Kirchenkrise ist nicht von außen durch die Medien inszeniert, sie kommt von innen, aus lang angestauten, nicht bearbeiteten kirchlichen Problemen. Auch der Papst hat jüngst bei seinem Besuch in Fatima geklagt: Der „Feind“ ist im Innern der Kirche. Sexuelle Gewalt zählt zu diesen nicht bearbeiteten kirchlichen Problemen, auch der Pflichtzölibat oder die Nichtzulassung von Frauen zur Priesterweihe. Falls die Kirche aus der schweren Krise demütiger und selbstkritischer hervorgeht, darf ohne Angst vor Sanktionen endlich auch über andere tabuisierte Fragen freimütig gesprochen und können mutige Reformen gewagt werden.

Ein großer Schatz und ein großes Problem

Seit Monaten gewinnt die öffentliche Debatte zur Überprüfung oder Aufhebung des Pflichtzölibats an Fahrt. Beschleunigt wird sie durch die aktuelle Vertrauenskatastrophe und Führungskrise der Kirche, wenngleich nur ein indirekter Zusammenhang zwischen der priesterlichen Ehelosigkeit und dem Missbrauchsskandal nachzuweisen ist. In Medien und Fachzeitschriften nehmen namhafte Theologen zur Zölibatsdiskussion Stellung. Im April sprach sich die Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen katholischen Moraltheologen für die Überprüfung der Zölibatspflicht aus. Alois Glück hatte schon nach seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken im November 2008 für die Priesterweihe von bewährten, verheirateten Männern plädiert.

Am ausführlichsten argumentiert Wunibald Müller, ein anerkannt erfahrener Psychotherapeut und theologischer Experte auf diesem Gebiet, in seinem soeben erschienenen Buch „Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche erkennen und verhindern“ (München 2010). Müller plädiert darin für die Aufhebung des Pflichtzölibats und für die Priesterweihe von Frauen. Zum sexuellen Missbrauch stellt er fest: Dafür müsse man weder homosexuell noch zölibatär sein. Der eigentliche Grund liege nicht in der sexuellen Prägung, sondern in der psychosexuellen Unreife (138–142;148–150).

In den letzten Jahren haben mehrmals Bischöfe aus Lateinamerika und angelsächsischen Ländern den Zölibat in Frage gestellt. Doch es ist ein Novum, dass sich jüngst erstmals Bischöfe des deutschen Sprachraums in dieser Sache zu Wort meldeten. Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz 2008 erklärte der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, es dürfe „keine Denkverbote“ geben, auch nicht beim Thema Zölibat. Er sei „nicht theologisch notwendig“. Freilich wäre der Abschied vom Zölibat „eine Revolution, bei der ein Teil der Kirche nicht mitginge“.

Der Vorsitzende der Schweizerischen Bischofskonferenz und Bischof von Sitten, Norbert Brunner, hat im November 2009 vorgeschlagen, dass es neben dem freiwilligen Zölibat „auch die Möglichkeit geben sollte, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen“. Diese Meinung werde „ziemlich einhellig“ von den Schweizer Bischöfen geteilt. Für eine offene Zölibatsdiskussion sprachen sich ferner Kardinal Christoph Schönborn, drei weitere österreichische und zwei deutsche Bischöfe aus.

Andere Bischöfe wollen nicht am Zölibat rütteln, etwa mit dem Argument, er sei ein „Geschenk des Heiligen Geistes“. Das provoziert natürlich die Rückfrage: Die Ehe etwa nicht? Auf die Frage, was er zum Vorschlag von Alois Glück denke, antwortete ein deutscher Bischof: „Die Kirche hat die Erfahrung gemacht, dass der Zölibat ein großer Schatz ist. Und nicht das große Problem der Kirche. Es braucht Menschen, die sich mit ihrem ganzen Leben in den Dienst Christi und in den Dienst am Menschen stellen.“ Aber auch hier lässt sich zurückfragen: Tun das Verheiratete etwa nicht? Richtig muss es doch wohl heißen: Der Zölibat ist ein großer Schatz und ein großes Problem. Beides belegt die Geschichte seit seiner Einführung.

Ein Hauptgrund für die Aufhebung oder Lockerung der Zölibatspflicht ist der seit der Konzilszeit noch erheblich gewachsene Priestermangel in der westlichen Welt und in Südamerika. In Deutschland sank, nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz, die Zahl der Welt- und Ordenspriester im aktiven Dienst von 15162 im Jahr 1990 auf 10753 im Jahr 2007. Der andere Hauptgrund wäre das Eingeständnis, dass viele Priester am Zölibat teils offen, teils im Verborgenen scheitern, weil er für sie nicht lebbar ist. Wenn aber die Schere zwischen Ideal und Realität zu weit auseinanderklafft, wird das Zeugnis zum Ärgernis.

Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigte im Dekret über Leben und Dienst der Priester das Zölibatsgesetz. In Artikel 16 von „Presbyterorum ordinis“ heißt es: Der Zölibat ist „nicht vom Wesen des Priestertums selbst gefordert, wie die Praxis der frühesten Kirche (immerhin über tausend Jahre, H. H.) und die Tradition der Ostkirchen zeigen, wo es auch hochverdiente Priester im Ehestand gibt, (...) jedoch in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“. Das Konzil vertraue darauf, dass Gott auch in Zukunft die Berufung zum ehelosen Leben zusammen mit der Berufung zum Priestertum großzügig geben werde, wenn die Priester „mit der ganzen Kirche demütig und inständig darum bitten“. Doch offenbar erhört Gott zumindest in der westlichen Welt diese Bitte nicht. Ob der Heilige Geist andere Pläne hat?

Schon bald nach Ankündigung des Konzils stand der Zölibat auf der Liste der Themen, über die man viel sprach und schrieb. Viele plädierten für eine Abschaffung der allgemeinen Zölibatsverpflichtung, andere für die Priesterweihe von verheirateten Männern, die sich in Familie und Beruf wie auch im kirchlichen Leben bewährt hätten (viri probati). Doch schon vor Beginn des Konzils hatte Johannes XXIII. nachdrücklich die Hochschätzung des Zölibats betont. Zum Vorhaben einiger südamerikanischer Bischöfe, die mit Rücksicht auf die Priesternot das Zölibatsgesetz in Frage stellten, bekundete Paul VI. dem Dekan des Konzilspräsidiums, es sei nicht opportun, das Thema vor dem Plenum zu behandeln, man möge sich nur schriftlich dazu äußern.

Testfall für die Reformwilligkeit der Kirche

Obwohl sich Papst und Konzilsväter des Ernstes der Problematik bewusst waren, haben sie sich ausdrücklich hinter den Pflichtzölibat als ein unveräußerliches Gut der Kirche gestellt. Nicht anders argumentierten Paul VI. auch in seiner Enzyklika über den Zölibat von 1967, die Römische Bischofssynode 1971 über den priesterlichen Dienst, Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Pastores dabo vobis“ (1992) sowie Benedikt XVI. – wenngleich Kardinal Lehmann kürzlich äußerte, auch der Papst denke über den Zölibat nach.

Bereits 1975 formulierte die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland: „Die Frage des Priesternachwuchses ist zu einer Lebensfrage der Kirche geworden“ (Dienste und Ämter, 1.2.2). Auf der Suche nach neuen Zugangswegen zum Priestertum wurde daher leidenschaftlich diskutiert, ob auch viri probati zur Priesterweihe zugelassen werden sollen. Die Entscheidung der Bischofskonferenz, dieses Thema dürfe nicht Beschlussgegenstand der Synode sein, es müsse aber gleichwohl „berührt“ werden, löste in der Vollversammlung der Synode eine Vertrauenskrise aus. Es drohte der vorübergehende Auszug von etwa einem Drittel der Synodalen. Der entscheidende Grund lautete: „Es wird (...) allgemein anerkannt, dass außerordentliche pastorale Notsituationen die Weihe von in Ehe und Beruf bewährten Männern erfordern können“ (ebd. 5.4.6). Die sonntägliche Eucharistiefeier, zu der die Kirche die Gläubigen verpflichte, dürfe nicht vielerorts zur Seltenheit werden. Ist sie doch Quell und Gipfel allen kirchlichen und christlichen Lebens!

Mitte November 1994 sah die Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken diese Situation als gegeben an und richtete ein entsprechendes Votum zur Priesterweihe von viri probati an die Deutsche Bischofskonferenz mit der Bitte um Unterstützung und Weiterleitung an den Papst. Das Votum machten sich die Bischöfe nicht zu eigen, leiteten es aber ein Jahr später weiter. Auch acht Diözesansynoden und -foren votierten mit meist 80 Prozent Zustimmung im selben Sinn: 1986 Rottenburg-Stuttgart, dann Freiburg, München-Freising, Würzburg, Regensburg, Köln, Berlin, schließlich Bamberg im Jahr 2000. Fünf Diözesen sprachen sich darüber hinaus für eine generelle Entflechtung von Priesteramt und Zölibat aus. Die Weiterleitung des Votums sagten nur die Bischöfe von Münster und Bamberg zu, begründeten jedoch ausführlich ihre eigene ablehnende Stellungnahme.

Dass die Päpste keine Zölibatsdiskussion zulassen, macht hellhörig: Was man immer aufs Neue verteidigen und bekräftigen muss, hat dies offenbar nötig. Wenn dennoch die Frage nicht zur Ruhe kommt und jetzt neu aufbricht, zeigt das: Sie gilt als ein Testfall für die Reformwilligkeit und -fähigkeit der nachkonziliaren Kirche.

Das Neue Testament kannte noch keine Regelung dieser Art. Doch die Ehelosigkeit „um des Himmelsreiches willen“ (Mt 19,12) wurde immer zweifelsfrei als Wert erkannt. Eine universalkirchlich verbindliche Festlegung findet sich erst im Mittelalter. Das Zweite Laterankonzil legte 1123 im Kanon 3 fest: „Priestern, Diakonen und Subdiakonen untersagen wir strengstens das Zusammenleben mit Konkubinen und Ehefrauen sowie das Zusammenwohnen mit anderen Frauen, außer (...) der Mutter, der Schwester, der Tante (...) oder anderen solchen, deretwegen kein begründeter Verdacht entstehen kann.“

Eine Wurzel des Zölibats liegt in den mittelalterlichen Reformbewegungen gegen die Verweltlichung der Kirche. Die hohe Anerkennung des monastischen Lebens (Cluny) regte das Zusammenleben von Priestern an, die sich zu Stiften zusammenschlossen und sich eine Ordnung (Kanon) gaben – deshalb Kanoniker oder Stiftsherren genannt. Im Rückgriff auf alttestamentliche Motive und auf die Abwertung der Sexualität durch antike Philosophen (Stoiker, Manichäer) kam als fragwürdiges Motiv die kultische Reinheit hinzu, zumal in Berührung mit der heiligen Eucharistie. Ein dritter Grund für den Zölibat war weltlicher Natur: Pfründen sollten nicht vererbbar sein, sondern stets im Besitz der Kirche bleiben. Doch konnten sich im Mittelalter Pfarrherren, (Fürst-)Bischöfe und Päpste Konkubinen leisten, woran man wenig Anstoß nahm; dem hohen Ansehen der geistlichen Herren hat das meist nicht geschadet. Das ist eines der Zeichen, wie schwer sich der Pflichtzölibat, dessen Einführung bereits auf heftige Widerstände gestoßen war, in den folgenden Jahrhunderten durchsetzen ließ. Die letzten beiden Begründungen für den Zölibat sind heute obsolet, das jüngste Konzil hat sie nicht mehr erwähnt.

Als spirituelle Kraft ist der Zölibat nicht nur in der katholischen Kirche anerkannt. Auch die buddhistischen Mönche und die orientalischen Kirchen, wo die unverheirateten Geistlichen in höherem Ansehen stehen als die verheirateten, schätzen ihn. Deshalb findet man den Zölibat in allen religiösen Kulturen. Die Anomalie, die offene Wunde, die der Verzicht auf Ehe und Familie bedeutet, kann und will zu einer Offenheit für die Begegnung mit Gott und für die Liebe Gottes zur Welt werden.

Ein Ruhmesblatt für Heiligkeit und Stärke der Kirche sind neben den Märtyrern insbesondere die Orden. Nach Zeiten des Niedergangs haben sie die Kirche jeweils in eine Phase der Erneuerung geführt, bis sie auch selbst wieder der Reform bedürftig waren. Recht verstanden und authentisch in die Tat umgesetzt sind zölibatäre Priester und sind Ordensleute, zu deren Lebensform ebenfalls die Ehelosigkeit um Christi willen gehört, ein Zeichen für die vom Geist Christi gewirkte Freiheit der Kinder Gottes. Wenngleich sie auf Ehepartner und Familie verzichten, fehlt ihnen nichts. Sie sind vitale Menschen, die das Abenteuer des Lebens wagen, eines Lebens mit Gott.

Wird aber der Zölibat als Zerrform gelebt – nach Junggesellenart oder wie ein Single – wirken Priester wie Existenzen, die die Freude an Jesus Christus und der Kirche vergällen. Deshalb ist der authentisch gelebte Zölibat ein kostbares Geschenk Gottes, das die Kirche nicht zur Disposition stellen darf, vielmehr nach Kräften fördern und kultivieren muss.

Zölibat als Ärgernis

„Wenn Keuschheit die Unterdrückung von Sexualität verlangt, nur weil es sich um Sexualität handelt, dann braucht die Welt keine Keuschheit“, betont die streitbare US-amerikanische Benediktinerin Joan Chittister (Unter der Asche ein heimliches Feuer, München 2000, 179). Unterdrückung lasse Vulkane nur umso stärker auf ihren Ausbruch lauern. „Wenn das, was sich ungefragt in uns regt uns als feindlich erscheint und in Gefahr bringt, führen wir ohne guten Grund Krieg gegen uns selbst. Irgendwann, irgendwie wird diese machtvolle Zerstörungskraft hervorbrechen. Wenn das, was wir in uns spüren uns jedoch wie ein Magnet auf die Menschheit hinlenkt, zum Mittel wird, das die Welt zusammenhält, zum Anstoß wird, der uns fähig macht, auch einmal an jemanden anderen als an uns selbst zu denken, dann ist diese in uns lebende Triebkraft ein Geschenk, das wir pflegen, und eine Lehre, auf die wir zuversichtlich hören sollen.“

Herabsetzende Vergleiche gegenüber Verheirateten und Ordensleuten hat der Zölibat nicht nötig. Wer etwa, so Chittister, „sagt, dass körperliche Enthaltsamkeit spirituell und heilig machender sei als Ausübung von Sexualität, wird in einer Welt von Heiligen, die weder Priester noch Ordensleute sind, zunehmend fragwürdiger, für die eine Ehe eher unterstützend als einschränkend ist, wenn sich ein Paar einsetzt für die Friedensbewegung etwa oder für die ökologische Bewegung, die Frauenbewegung (...) und für die Dienste in der Kirche“ (180f.).

Die Stufung in einen Stand der Vollkommenheit und den Stand der Weltchristen ist vom Zweiten Vatikanum aufgehoben: „Jedem ist also klar, dass alle Christgläubigen jeglichen Standes zur Fülle des christlichen Lebens und zur vollkommenen Liebe berufen sind“ (Lumen Gentium 40). Und wenn das Konzil zu Recht die Priester „ein lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt nennt“ (Presbyterorum ordinis 16) – gilt das nicht auf andere Weise, aber nicht weniger auch für die Ehe als eschatologisches Zeichen? Und wenn dort der Zölibat als „vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen“ hoch geschätzt wird, muss man ergänzen, dass in sehr vielen Ehen zeitweise Enthaltsamkeit, etwa durch Krankheit oder Abwesenheit bedingt, auch ein Gebot der Liebe ist.

Die meisten Zeitgenossen finden die priesterliche Lebensweise komisch, anstößig, wenn nicht unmenschlich. Auch vielen Christinnen und Christen sowie selbst Priestern stellen sich Fragen, wie sie etwa auch der langjährige Novizenmeister und designierte Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten, Stefan Kiechle, auflistet (vgl. HK, November 2009, 551ff.; und Müller, Verschwiegene Wunden, 102ff.): Warum weiht man nicht mehr Priester – wo es geeignete und willige Personen doch gibt, zwar nicht in Mengen, aber doch zahlreiche, und der Hunger nach den Sakramenten und nach mit Sakramenten verbundener Seelsorge zweifellos da ist. Muss die Weigerung der Kirchenleitung, sich dieser Frage zu stellen, nicht wie eine Verleugnung von Wirklichkeit wirken? Und werden hier nicht der zweifellos große theologische Wert des Zölibats und der mit Sicherheit noch größere der Eucharistie in ein unseliges Gegenüber, ja in einen Konkurrenzkampf verwickelt? Würde mit einer Änderung der derzeitigen Regeln nicht auch mancher amtierende Priester aus einer persönlichen Lüge befreit?

Auch scheint manchem dem Klerus etwas eigenartig Männerbündisches anzuhaften. „Bisweilen“, so Kiechle, „zieht er homophile Stile an und fördert sie, was heute sichtbarer ist als früher. In manchen Seminaren und Klöstern dominieren diese Stile.“ Vielen erscheint heute das starre Festhalten am Zölibat als Zugangsbedingung zum Priesteramt wie eine Machtfrage, hinter der Misstrauen und Angst stecken.

Wie kann, wie muss es weitergehen? 50 Jahre lang hat die Kirchenleitung die Zölibatsfrage unterdrückt. Der Preis ist unverantwortlich hoch. Eine weitere Verschleppung wird den Schaden noch vergrößern. Vier Postulate seien zu Diskussion gestellt. Aus Berufung gewählt und überzeugend gelebt, ist der Zölibat ein Zeichen von hohem Wert, auf das die Kirche nicht verzichten darf. Ohne tiefe Freundschaften, die nähren und tragen, oder die Bindung an eine lebendige Lebensgemeinschaft von Priestern (und Laien) wird der Zölibat in unserer anonymen Gesellschaft nicht gelingen. Das liegt zunächst an den Priestern selbst, aber sie benötigen dazu auch die Unterstützung ihrer Vorgesetzen und Gemeinden.

Damit die regelmäßige Eucharistiefeier und die priesterliche Seelsorge nicht noch weiter ausgedünnt werden, braucht es mehr Priester. Doch weil Gott offenbar in weiten Teilen der Kirche die Doppelberufung von Priestertum und Ehelosigkeit immer seltener gibt, müssen neue Zugangswege zum Priesteramt überlegt werden. Den Zölibat nur durch ein Gesetz retten zu wollen, käme dem Versuch gleich, ein schwächliches Rückgrat durch ein starkes Korsett stützen zu wollen.

Vorbehalte gegen die Weihe von Homosexuellen, die erfahrungsgemäß ebenso gute Priester sind wie andere, sind zu überprüfen. Die Zulassung von viri probati wäre ein erster Schritt, um das Priestertum auch für heterosexuelle Männer wieder attraktiver zu machen. Auf Dauer sind die Entkoppelung von Zölibat und priesterlichem Dienst sowie die Priesterweihe von Frauen theologisch und pastoral zu überdenken. Davon ist nicht nur eine Erhöhung der Zahl, sondern auch eine gesündere Zusammensetzung des Klerus zu erhoffen. Die fällige Entscheidung ist eine Glaubensentscheidung, nicht eine organisatorische Maßnahme, für die funktionale Kriterien genügen. Das Hinhorchen auf die Stimme des Heiligen Geistes, auf die „Zeichen der Zeit“ ist von allen Beteiligten verlangt.

Die freimütige Erörterung der angestauten Probleme kann nur geleistet werden, wenn das kirchliche Machtschweigen, das über den ganzen Fragenkomplex verhängt ist, endlich aufgehoben wird. Denk- und Redeverbote helfen nicht weiter, sie zeugen von einem Misstrauen in das Wirken des Heiligen Geistes. Es ist ein unwürdiger Zustand, dass zur Zeit alle, die etwas werden wollen, sei es Bischof oder Theologieprofessorin, solche „heißen Eisen“ nicht anfassen dürfen, um ihr Ziel nicht aufs Spiel zu setzen. Das vom Freiburger Diözesanforum kolportierte Diktum „Es muss sich unbedingt etwas ändern, aber es darf nichts passieren“, trifft leider auf fast alle katholischen Gremien zu. Haben wir Christen das wirklich nötig?

Der Abschied vom Pflichtzölibat ist ein so tiefer Eingriff in das Leben der Kirche, dass dazu eine gesamtkirchliche Entscheidung notwendig ist. Um die Zölibatsfrage entscheidungsreif zu machen, ist ein transparentes Verfahren zu entwickeln, das die Beteiligung von Diözesen, Ordensgemeinschaften und Laienorganisationen sowie von Experten und Expertinnen an der Entscheidungsfindung vorsieht. Die Frage ist viel zu ernst, als dass man sie dem Papst und der Kurie allein überlassen dürfte.

Vermutlich muss die Antwort in der heutigen Welt für die verschiedenen Kontinente und Kulturen verschieden ausfallen. Und weil der Fragenkomplex um den Zölibat nicht auf einmal zu entwirren ist, sind Reformen gemäß der Priorität des Handelns schrittweise umzusetzen. Die Zeit drängt. Es ist Eile geboten, um weiteren Vertrauensverlust zu vermeiden, um den Behauptungen der Reformunwilligkeit der katholischen Kirche entgegenzuwirken.

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