Michael Jackson oder ein Erlöser als mediale KunstfigurKing of Pop

Der frühe und noch rätselhafte Tod Michael Jacksons hat einen Verehrungskult in Gang gesetzt. Aus dem medial stilisierten Bild des geheimnisumwitterten „King of Pop“ entsteht eine popsozialisierte Form der Heiligenverehrung. Andere erklären ihn gleich zum Messias und finden dafür im Schaffen des unnahbar Nahen reichlich Anschauungsmaterial.

Mit ausgebreiteten Händen steht Michael Jackson vor seiner Fan-Gemeinde, die das „Wunder“ seiner Erscheinung feiert. Dann ein Aufschrei: Jackson bricht zusammen. Betroffenes Schweigen im Publikum. Doch plötzlich schwebt von oben eine Engelsgestalt herab und breitet ihre Flügel über Jackson aus. Die Fan-Gemeinde schwenkt Wunderkerzen und jubelt ihrem „Jacko“ zu. „Will you be there?“, fragt dieser schluchzend. Die „Gemeinde“ antwortet in einem Lichtermeer mit zustimmenden Klatschen und Winken.

Die religiöse Dramaturgie, die solcher „call and response“-Liturgie zu Grunde liegt, wird auch sprachlich explizit zum Ausdruck gebracht. Jackson präsentiert sich selbst als jemand, der sich nach Liebe, Trost und Zuwendung sehnt: „Carry me like you are my brother. Love me like your mother. When weary – tell me will you hold me? When lost will you find me?“ In diesen Fragen ist Jackson der Leidende, der Überforderte, der an seiner Aufgabe zweifelt: „Seems that the world’s got a role for me. I’m so confused.“ Er ist der Unverstandene, der von anderen vereinnahmt wird. Jackson ist Opfer und in dieser Opferpose fordert er Gefolgschaft und Verehrung ein: „Love me, (...) carry me, (...) lift me up.“

Das Versprechen „I will be there“ ist an die Treue und Nachfolge der Fans gebunden: „In my deepest despair will you still care? Will you be there in my trials and my tribulations?“ Die letzte Strophe verleiht solchen Leiden und Versuchungen einen heilbringenden Charakter und sichert den Fans die immerwährende Gegenwart und Anteilnahme ihres Angebeteten zu: „In my anguish and my pain, through my joy and sorrow, in the promise of another tomorrow I’ll never let you part – for you’re always in my heart.“ Aus dem sentimentalen Psycho-Drama des Opfers Jackson entsteht so die messianisch stilisierte Verheißung des Erlösers Jackson, der in seinem Leiden die Leiden der Menschheit stellvertretend auf sich nimmt.

In seinem Buch „Worshipping Elvis“ (New York 1995) trägt der Schriftsteller John Strausbaugh die These vor, Elvis Presley entwickle sich posthum zum ersten Religionsstifter des Medienzeitalters. Der Elvis-Kult habe Männer und Frauen aus allen Schichten und Altersstufen erfasst und tatsächlich eine „Nachfolge“ geschaffen, in der sich viele so verhielten wie gläubige Jünger. In die Galerie solcher Religionsstifter gehört nunmehr auch der „King of Pop“. Sein früher und rätselhafter Tod hat einen Verehrungskult in Gang gesetzt, der das Geheimnis der Ewigkeit umkreist. Für viele Fans ist der „King of Pop“ dem Irdischen enthoben. Daher leugnet man unangenehme Tatsachen oder Berichte von Enthüllungsjournalisten. Einige Fans bestreiten gar den leiblichen Tod ihres „Königs“ – „Jacko lebt“ – und beteiligen sich an haarsträubenden Spekulationen um einen vermeintlichen Scheintod oder eine „Wiedergeburt“. Die Medien arbeiten dem „Mythos Jackson“ zu. Sie bereiten das Leben des „King of Pop“ legendarisch auf und mystifizieren seinen Tod. Ausgehend vom medial stilisierten Bild des geheimnisumwitterten „Königs“ entsteht so eine popsozialisierte Form der „Heiligenverehrung“.

Die aktuelle „Michael-Mania“ bestätigt einen seit längerem zu beobachtenden Trend: die Ablösung der „klassischen“ religiösen Vorbilder durch Massenidole, die hauptsächlich in und von den Medien leben. Idole liefern Identifikationsmuster, erfüllen religiöse Sehnsüchte und übernehmen vieles von dem, was früher Vorbilder und Heilige leisteten. Dabei zeigt sich, dass die neuen medialen Kultfiguren einst kirchlich gebundene Ressourcen abschöpfen. Die Grenzen zwischen außerkirchlichen Personenkulten und traditioneller Heiligenverehrung verschwimmen. Die Personenkulte bedienen sich ausgiebig christlichen Sprachmaterials und gleichen sich auch in ihren Formen, etwa mit ihrem Devotionalien- und Posterkult, an die traditionelle Heiligenverehrung an. In Videoclips der Pop-Ikonen – siehe die optisch inszenierte Quasi-Göttlichkeit von Michael Jackson im „Heal the World“-Video – finden sich zudem Bildwelten der alten Heiligenlegenden wieder.

Das Auffällige dabei ist: Der Medien-Heiligenschein, der Jackson gegenwärtig (wieder) umgibt, hat nicht nur mit seiner genialen musikalischen Leistung zu tun. Ausschlaggebend ist primär die eigene Image-Konstruktion: die vermeintlich ewige Kindlichkeit und das aus kommerziellem Kalkül bewusst geformte Bild vom „guten Menschen“. Jacksons Musik war und ist ganz seinem multimedialen ästhetischen Erscheinungsbild untergeordnet, und es ist dieses von der eigentlichen Person abgelöste Bild, dem die Verehrung der Fans gilt. Die wieder aufgeflammte „Michael-Mania“ offenbart letztlich, dass man in einer massenmedial geprägten Gesellschaft das „Bild“ des Heiligen auf das mediale „An-Sehen“ abstimmt. Die „Heiligkeit“ des King of Pop entspringt dem Zusammenwirken zwischen der medial inszenierten Person und den projizierten Sehnsüchten der Fans. Maßgebend für diese „Heiligkeit“ ist nicht die „heiligsprechende“ kirchliche Institution, sondern das Identifikationspotenzial und die Anziehungskraft, die von der öffentlich inszenierten „Bildwerdung“ ausgeht. Der heilige Status einer Person wird so immer mehr ein Index ihrer erfolgreichen Mediengängigkeit.

Vom Vorbild zum Idol

Die herkömmlichen religiösen Vorbilder müssen sich heute gegenüber umfassenden Individualisierungsprozessen behaupten, die mit verschiedenen Formen von Enttraditionalisierung einhergehen. Vom Einzelnen wird eine Identitätsarbeit verlangt, die nicht mehr auf vorgegebene Lebenswege und Modelle zurückgreifen kann. Nach subjektiven Vorlieben und Wünschen bastelt man sich aus einer Vielfalt von Angeboten seine Identität zusammen. Diese „Patchwork“-Arbeit, so das Fazit der Kultursoziologen, folgt neuen Orientierungsinhalten – Selbstdarstellung, Selbsterfahrung sowie Erlebnisbestimmtheit – und verändert damit die Vorbildsuche an sich. Man will Vorbildern nicht so sehr nachstreben, als sie vielmehr erleben. Die Vorbildlichkeit der massenmedial geprägten Idole bemisst sich fast ausschließlich an der Erfüllung solcher Bedürfnisse. So präsentiert sich der King of Pop nicht nur mit der durchaus vorbildlichen Botschaft „Make the world a better place“, sondern er transportiert dabei auch die hedonistische Erlebnis-„Message“: „Don’t stop til you get enough“.

Das, was Vorbilder vermitteln können, ist abhängig von ihrem Bildcharakter. Vor-Bild im eigentlichen Sinne ist der Mensch, insofern er als Bild begriffen wird. Dieses Bild hat eine doppelte Bedeutung: Es ist das anschauliche „Fürbild“, das einem anderen vorausgeht, und es ist zugleich das etwas Unanschauliches veranschaulichende Bild, in dem etwas von dem aufleuchtet, was als Möglichkeit zur Verwirklichung in jedem Menschen angelegt ist. In der schönen neuen Bilderwelt der Medien wird dagegen alles zum An-Sehen freigegeben, enthüllt und sichtbar gemacht. Das Bild verweist nicht mehr auf etwas Unbildhaftes außer ihm, es ist letztlich „entbildet“.

Nicht nur Werbeträger, sondern auch Werbeprodukt

An der vor allem medial beförderten „Michael-Mania“ lässt sich ablesen, wie weit diese „Entbildlichung“ fortschreiten kann. Es zeigt sich ein neuer Typ von Vorbildpersonen, ein Showtyp, dessen Vorbildhaftigkeit primär von massenmedialen Inszenierungen beeinflusst wird. Der Vorbildstatus, der Jackson zugesprochen wird, ist abgeleitet von der Geltung seines Auftretens in den Medien. Jackson wird nicht aufgrund seines Lebenszeugnisses zum Vorbild, sondern weil es ihm gelungen ist, nachhaltig in der Bilderwelt präsent zu sein. Tatsächliche Eigenschaften zählen weniger als die, die medial wahrgenommen werden.

Das hat Folgen für die Vorbildrolle selbst. Der King of Pop „wirkt“ weniger als individuelle Persönlichkeit denn als Multimedia-Phänomen. Er vermittelt Vorbildfunktionen als „corporate identity“ im Medien-Produktverbund. Es gilt dabei das Prinzip: Wer Jacko anhimmelt und zu seinem Vorbild kürt, bewundert nicht nur, was dieser tut und darstellt, sondern kauft auch die Produkte, die an ihm hängen und unter seinem Namen produziert werden. So ist die Marketing-Strategie für die aktuelle Michael-Mania bestimmt von Synergie, der perfekten Kombination verschiedenster Verwertungsmöglichkeiten. Die Produktpalette am Ende der Wertschöpfungskette wird gegenwärtig mit Fan-Magazinen, Sammelalben und DVDs ständig erweitert. Als Vermarktungsgut gehört Jackson damit in eine Markenwelt, in der seine Verehrer, seine „Nachfolger“ zu Konsumenten werden.

Als „trade-mark“ ist der „King of Pop“ nicht nur Werbeträger, sondern selbst auch Werbeprodukt. In dieser Doppelrolle fungiert die Marke Jacko als Mittel zum Zweck. Sie transportiert Images, die vorgeben, was und wie man konsumieren soll. Die Vorbildbedeutung besteht also nur noch darin, Leitbilder für Konsumverhalten abzugeben. Nachahmenswert am King of Pop erscheinen dementsprechend Eigenschaften wie attraktives Aussehen, sexuelle Ausstrahlung und ewige Jugendlichkeit – also genau das, was auch die Werbung aussendet. Das quasireligiöse Image, das den King of Pop gegenwärtig (wieder) umgibt, entpuppt sich so in vielerlei Hinsicht als Idolisierung des Konsums.

Idole und ihre Images können nicht nach Belieben produziert werden. Idole werden auch von Fans „gemacht“ und müssen daher an deren Bedürfnisse ankoppeln. Die Verehrung, die derzeit dem King of Pop zuteil wird, zeigt, dass sich Menschen hier etwas zurückholen, was sie mit den traditionellen religiösen Vorbildern nicht mehr verbinden – einen Menschen, in dem man sich selbst wiederfinden und in den man seine Träume und Sehnsüchte hineinlegen kann. Diese Sehnsüchte gehen heute vor allem dahin, dass man in und durch die Medien Aufmerksamkeit erlangen und sich selbst besonders und einmalig machen möchte.

Hierfür spielt das „Perfekte“, das viele mit den traditionellen Vorbildern verbinden, keine Rolle. Das, was an dem King of Pop anspricht, ist gerade nicht das Perfekte und übergroß Vorbildliche, sondern die öffentlich zelebrierte Selbstdarstellung und permanente Selbsterfindung – eine Selbsterfindung, die die Botschaft aussendet: Du kannst aus dir machen, was immer du willst. Dass Jackson diese Botschaft zunehmend auf die ständige Veränderung seines äußeren Erscheinungsbildes reduzierte, bis er schließlich zur fratzenhaften Puppe erstarrte, hat man ihn in seinem Tod längst verziehen. Und so bewundert man an Jackson nicht nur seine Rolle als Sänger und Performer, sondern vor allem auch die medienwirksame Präsentation der eigenen Persönlichkeit, die ebenso cool wie exzentrisch wirkte.

Der King of Pop war im Leben wie im Tod eine Sensation, ein unstetes Wesen voller Zwiespältigkeit, verklemmt-schüchtern und zugleich erhaben königlich, auf der Flucht vor sensationssüchtigen Paparazzi und doch zugleich abhängig vom Medienrummel um seine Person. Mit dieser imperfekten Mischung aus Stärken und Schwächen gab Jackson einen Lebensweg vor, der gerade durch seine Widersprüchlichkeit eine breite Projektionswand für jedermann wurde. Jackson selbst sorgte mit seinem eigenen Image-Entwurf dafür, dass er für Projektionen aller Art offen war: Er wandelte sich zum geschlechtslosen Zwitterwesen und versah sein Leben mit geheimnisvollen, dunklen Zügen, so dass sich fast jeder in ihm „spiegeln“ konnte.

Das Image ist ein vor allem emotional konnotiertes Vorstellungsbild von einer Person. Wer das Image eines Vorbilds bestimmen möchte, muss entsprechend bei anderen ein eindeutiges, wiedererkennbares Gefühl gegenüber dem Vorbild wecken und es mit attraktiven Merkmalen versehen. Solche Vorbildhaftigkeit stürzt wie ein Kartenhaus zusammen, wenn sich, wie im Fall des King of Pop, Privatleben und Medienimage nicht mehr decken und in den Medien bekannt wird, dass das vermeintliche Vorbild womöglich pädophil ist.

Aber Image-Macher können, wie die aktuellen Medienstrategien des Jackson-Clans zeigen, selbst in dieser Situation durch Arbeit am Erscheinungsbild und am Privatleben Abstürze zu Aufstiegen umpolen, und, wenn all dies scheitert, zu einem letzten Mittel greifen – einem inszenierten Opfer-Mythos, der auf allen Kanälen öffentlich gemacht wird. So präsentiert man Jackson als (Mord)-Opfer skrupelloser Ärzte und Geschäftemacher, aber auch als Opfer einer gnadenlosen Medien-Mafia und treibt damit jene Mythen-Maschinerie weiter an, die Jackson schon längst als Märtyrer und unschuldiges Opfer vereinnahmt hat.

Genau diese Opferrolle entsprach der besonderen messianischen „Berufung“, die der King of Pop für sich reklamierte. Wenn Jackson wie im Video zu „Stranger in Moscow“ mit himmelwärts ausgebreiteten Armen seine und die Einsamkeit aller Menschen durchleidet, und wenn er dann, wie im Video „They don’t care about us“ auf dem Höhepunkt seines unnachahmlichen Schluckauf-Stöhnens einen ekstatischen Urschrei ausstößt, dann ist sie unmittelbar da: die Erlösung. Im letzteren Fall eine auch visuell realisierte Beseitigung aller Probleme in Brasiliens Elendsvierteln.

Diese „Instant“-Erlösung ist nicht auf das heilbringende Handeln Gottes in Jesus Christus bezogen, sie wird vielmehr durch ein messianisch aufgeladenes Idol „eingelöst“, das – zumindest für die Dauer des Musikerlebnisses – Leid, Schmerz und Tod vergessen macht.

Ein globaler Megastar mit Messias-„Ambitionen“

Michael Jackson war einer der letzten globalen Megastars. Er mobilisierte Menschenmassen und versammelte sie zu einer Kultgemeinschaft. Diese ist in der modernen Mediengesellschaft zersplittert und verspartet. In dem Maße, in dem sich die Massenmedien zusehends zu Individualmedien entwickeln, wird es immer schwieriger, einen massenattraktiven „Überflieger“ aufzubauen, wie dies mit dem Mythos Jackson gelang. Der King of Pop arbeitete selbst an seinem eigenen Mythos, indem er versuchte, eine gewisse unerreichbare Nähe zwischen sich und seinen Fans aufrechtzuerhalten.

Doch der Tyrannei der Nähe und dem medialen Gleichheitsterror, in dem jeder mit seinen privaten Sorgen, Nöten und Macken als Nachbar von nebenan erscheint, konnte Jackson zunehmend nichts mehr entgegensetzen. Die alles durchdringende Medienstrategie der Intimisierung machte auch vor dem zeitweilig entrückt wirkenden King of Pop nicht halt. Die Boulevardpresse verwandelte Jacko, das musikalische Wunderkind und den Erfinder des „Moonwalk“-Tanzschritts, in den bizarren „Wacko“, den gebleichten Freak, der im Sauerstoff-Zelt nächtigte, um seinen Alterungsprozess aufzuhalten, einen Affen namens Bubbles zum Freund hatte und ein Kinderwunderland errichtete, in dem er seine Unschuld verlor. Aus dem King of Pop wurde so ein bedauernswerter, gebrochener „König Einsam“ (vgl. „Der Spiegel“, 29. Juni 2009).

Der Psychologe Borwin Bandelow zeigt in seinen Buch „Celebrities“ (Hamburg 2006), dass Jackson tatsächlich nicht zu beneiden war. Bandelow blickt hinter die Kulissen des Mythos Jackson und beschreibt eine Lebensgeschichte, die bestimmt ist von Drogensucht, Größenwahnsinn und Depressionen. Bandelow kommt zu dem überraschenden Befund: Die menschlichen Tragödien und Abgründe hinter den glamourösen Medienbildern des King of Pop sind nicht Folgen des Ruhms. Es ist nicht der Ruhm, der Stars wie Jackson verändert; Stars werden vielmehr berühmt, weil sie anders sind. In seinem Starportrait des King of Pop fragt Bandelow nach den Ursachen für Depressionen und Exzesse und deckt auf: Der von Millionen verehrte Star litt am so genannten Borderline-Syndrom. Er war autoaggressiv, autoerotisch und narzisstisch.

Gerade in dem Zwiespalt zwischen Jacksons Streben nach Medienaufmerksamkeit und seiner inneren Zerrissenheit entdeckt Bandelow einen gemeinsamen Nenner: die Sucht nach dem Glückskick, die Werte und Normvorstellungen oft ganz außer Kraft setzt. Je egomanischer und grenzenloser Stars wie Jackson ihr Leben gestalten, desto größer ist die Faszination bei den Fans. An dem ungewöhnlichen Megastar Jackson zeigt sich damit auch, wie sehr sich das Starsystem verändert hat. Schillernde Stars wie Greta Garbo, denen die Studios künstliche Biographien verpassten, gehörten einst zu „Auserwählten“, durch die sich das bürgerliche Publikum in eine erotisch-exotische Welt hinausträumte, um der Glanzlosigkeit des eigenen Alltags zu entfliehen.

Heute scheint dagegen gerade das Exzentrische und Bizarre der Stars anziehend und erfolgsträchtig zu sein. Die Stars übernehmen zunehmend eine psychohygienische Funktion. Sie leben stellvertretend die dunklen Seiten der Fans aus und tun all das, was man aus Ängstlichkeit und Zurückhaltung nicht selbst zu tun wagt.

Märchenhaft mysteriöse Messias-Gestalt

Michael Jackson kokettierte mit dieser Rolle in seinem Megahit „Bad“. Je mehr er dabei auch sein äußeres Erscheinungsbild veränderte, desto intensiver bemühte er sich zugleich darum, von sich selbst ein Bild als märchenhaft mysteriöse Gestalt mit Messias-Ambitionen zu entwerfen. In seinem Album „History“ (1995) machte Jackson seine Erlöserrolle noch einmal unmissverständlich deutlich. Ob es um Einsamkeit und Trennungsschmerz geht („Stranger in Moscow“), um Krieg und Naturzerstörung („Earth Song“) oder um Hunger und Not in Elendsvierteln („They don’t care about us“), die religiöse Dramaturgie bleibt gleich: Jackson solidarisiert sich mit allem Leid, nimmt es auf sich und schreit es stöhnend heraus. Die Pointe seiner Leidensmiene und verquälten Opferpose ist eine verlässliche Heilszusage: „You are not alone“, so Jackson in seiner gleichnamigen Hit-Single, „you’re always in my heart. (...) I can hear your prayers. Your burdens I will bear.“

Diese „Erlösung“ wird in Jacksons Performance situativ erlebbar und „greifbar“. Im Videoclip zum „Earth Song“, der ein apokalyptisches Weltuntergangsszenario heraufbeschwört, perfektionierte Jackson diese unmittelbar erfahrbare Erlöser-Performance. Der Videoclip zeigt in Reizbildern die weltweite Zerstörung, die der Mensch der Natur zufügt: einen Bagger auf dem Weg durch den Urwald, die verkohlten Baumstümpfe eines abgeholzten Regenwalds, darin umherwandelnd ein Michael Jackson in zerfetztem Trauergewand, der auf dieser tristen Naturgrabstätte sein Klagelied anstimmt. Es folgen in schneller Einspielung weitere Schreckensbilder von Umweltverschmutzung, Krieg und Hunger.

Dann ein Blick zurück zu dem trauernden Jackson, der verlorenen Träumen nachhängt, die angesichts der apokalyptischen Vision einer zerstörten Welt nicht mehr bestehen können. Der Videoclip liefert dazu die entsprechenden endzeitlichen Motive: Verzweifelte und gequälte Menschen brechen, dem Beispiel Jackson folgend, in die Knie und wühlen mit den Händen den Boden auf. Dann ein Beben der Erde, ein Sturm bricht los, Blitze bedecken den Himmel. Diese Untergangssymbolik scheint das Ende der Welt anzukündigen und leitet doch zugleich eine überraschende Wende ein. Inmitten von Stürmen und Erdbeben wandelt sich die Angst der leidenden Opfer in freudige Ahnung. Während Jackson, in Kreuzeshaltung zwischen zwei verkohlten Baumstümpfen hängend, seine anklagenden Fragen in die Naturgewalten hinausschreit, ereignet sich ein Wunder: Bäume richten sich wieder auf, ein erschossener Soldat schlägt die Augen auf, die Tierwelt erwacht zum Leben. Alle Wunden sind verheilt, alle Toten wieder lebendig. Die Natur ist als Idylle wieder hergestellt.

In Zeiten, in denen Religion zunehmend ein Medienphänomen wird, knüpft man Heilssehnsüchte immer häufiger an Medienpersonen, die sich mit ihren Botschaften dem aktuellen – und wiederum medial beförderten – Trend zur Augenblicklichkeit perfekt anpassen. In dem Maße, in dem heute die zeitliche Allgegenwart elektronischer Medien alltagsprägend wird, steigen die Erwartungen nach schnellen „Zugriffen“, ständiger Verfügbarkeit und unmittelbarer Bedürfniserfüllung. Die christliche Hoffnung auf jenes Heil, „das am Ende der Zeit offenbart werden soll“ (1 Petr 1, 5), wird so ersetzt durch ein diesseitiges Hoffnungsmodell, in dem „Heil“ als ein unmittelbar realisierbarer Glücksentwurf erscheint.

Das „Heil“, das der Pop-Erlöser Jackson verheißt, stellt sich in seiner Performance „prompt“ ein und ist jederzeit zugänglich und abrufbar. Es zielt auf eine allgemeine Welt- und Menschenverbesserung, für die man die Kreuzesbotschaft nicht braucht. Wer dem King of Pop nachfolgt, muss sich keinen lebensbestimmenden Zumutungen des Glaubens aussetzen, wohl aber Jackson „Heal the World“-Appell. In dieser religionsförmigen Perspektive scheint für eine endgültige Erlösung und Vollendung der Schöpfung durch Gott kein Bedarf mehr zu bestehen – verheißt doch der Pop-Erlöser Jackson etwas, wonach man sich unmittelbar sehnt: eine befreiende Flucht aus einem problembeladenen Alltag und seinen täglichen Apokalypsen.

Jacksons Heilsbotschaft zehrte von der Aura unvergänglicher Kindlichkeit, mit der er sich selbst umgab. Mit dieser Peter- Pan-Existenz sicherte er sich genau jene unberührbare, unnahbare Unschuld, die er für seine Erlöser-Performance benötigte. Dass er seine Unschuld in publicityträchtigen Skandalen verlor, war Jacksons tragisches Schicksal – doch in seinem mysteriösen Tod gewinnt er seine selbstgewählte und zugleich inszenierte Erlöserrolle zurück. So feiert Thomas Gottschalk in einem „Bild“-Kommentar (27. Juni 2009) den verstorbenen King of Pop als „Messias“ und bewundert dessen „unglaubliche Kraft“ sowie dessen „seltenes Charisma“.

In der Gedenkfeier für den „King of Pop“ wurde diese messianische Stilisierung zum Leitmotiv – perfekt in Szene gesetzt gleich zum Auftakt der medialen Trauer-Show: Ein lichtdurchflutetes Kirchenfenster wird an die Wand projiziert, als der Andrae Crouch Gospelchor in dem Song „Soon and very soon“ das Kommen des Christkönigs ankündigt und damit zugleich einem ganz anderen „König“, dem in einem Goldsarg aufgebahrten King of Pop, zu höheren Weihen verhilft. Die Königswürde Christi gilt einem Erlöser, der wahrhaft Mensch wird und menschliches Leid teilt. Der King of Pop ist eine exterrestrisch anmutende Kunstfigur, die scheinbar raum- und zeitlos multimedial „da“ ist und sich doch dabei von allem Leid und aller Not menschlichen Lebens distanziert.

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