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EKD-Denkschrift würdigt unternehmerisches Handeln.

Die Jubilarin hat einen schlechten Leumund. Der 60. Geburtstag der „sozialen Marktwirtschaft“ wird in merkwürdiger Stimmung begangen. Mit Ausnahme der Linken feiern in diesen Tagen Politiker aller Couleur, Historiker, Ökonomen und Journalisten die soziale Marktwirtschaft als das Modell, das Deutschland nach dem Krieg so schnell zu erstaunlicher Blüte verholfen hat. Dass diese Würdigung dabei mit leicht unterschiedlicher Akzentsetzung erfolgt, was beispielsweise das Adjektiv „sozial“ betrifft, die Betonung mal auf der wirtschaftlichen Effizienz mal auf dem sozialen Ausgleich liegt, tut der Feierlaune noch keinen Abbruch. Am 20. Juni 1948 hatte der spätere Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard mit der Einführung der D-Mark zugleich auf einen Schlag nahezu alle Preiskontrollen aufgehoben. Das Volk aber murrt. Das gefeierte Erfolgsmodell wirkt derzeit ziemlich unpopulär, eine Mehrheit der Deutschen scheint der festen Überzeugung, dass diese soziale Marktwirtschaft längst nicht mehr das Gesellschaftsmodell, die Grundordnung unseres Landes ist. So hat erst jüngst eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung deutlich grassierendes Unbehagen, weit verbreitete Skepsis gegenüber der sozialen Marktwirtschaft erhoben: Nur noch 31 Prozent der Deutschen haben demnach eine „gute Meinung“ von der sozialen Marktwirtschaft und erstmals in der Geschichte überwiegt damit ein negatives das positive Urteil. 73 Prozent der Deutschen empfinden vor allem die Einkommens- und Vermögensverteilung als ungerecht.

Hinter diesem Stimmungsbild stehen die bekannten Schlagworte: Gierige Top-Manager, die bei sagenhaften Gehältern auch noch die Steuer hinterziehen und bei wirtschaftlichem Misserfolg fürstliche Abfindungen erhalten. Arbeitsplätze werden trotz steigender Unternehmensgewinne ins Ausland verlagert. Niedriglöhnen scheinen nach unten keine Grenzen gesetzt. Und ein unaufhaltsamer, politisch nicht mehr zu steuernder Globalisierungsprozess erhöht stetig den Wettbewerbsdruck auf allen Ebenen. Kalter Kapitalismus, statt sozialer Marktwirtschaft.

In diese Stimmungslage hinein hat jetzt der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland eine bemerkenswerte wirtschaftsethische Denkschrift veröffentlicht. Sie ist zuallererst ein entschiedenes Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft, als dem Modell, das gesellschaftliche Teilhabe und Wohlstand für breite Schichten in unserem Land ermöglicht hat, das immer noch Wettbewerb und zugleich sozialen Ausgleich sichert und daher auch für die Zukunft „verpflichtende Bedeutung“ behält. Keinesfalls verschweigt die für die Denkschrift verantwortliche EKD-Kammer für soziale Ordnung dabei Unbehagen und Missstände, greift zudem an vielen Stellen die empfundene Ungerechtigkeit auf.

Unter dem Titel „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ packt sie aber sozusagen den Stier bei den Hörnern. Entschieden würdigt die Denkschrift theologisch begründet unternehmerisches Tun „als eine wesentliche Quelle für gesellschaftlichen Wohlstand“, ermutigt sie Unternehmerinnen und Unternehmer, plädiert für eine „Kultur der Selbstständigkeit“. Und entschieden setzt der Rat der EKD damit einen Gegenakzent: Man weiß wohl um die schwarzen Schafe, die das Bild der Unternehmer in der Öffentlichkeit derzeit dominieren, das unternehmerische Ethos in Verruf bringen. Die Experten der EKD aber rücken dieses auch medial verzerrte Bild zurecht und lenken den Blick auf den „klassischen“ Unternehmer in Deutschland, der seine wirtschaftliche und soziale Verantwortung sehr wohl im Blick hat, Familienunternehmen, inhabergeführte Betriebe, die kleinen und mittleren Unternehmen in Handwerk, Handel, Landwirtschaft und Dienstleistung. Ebenso realistisch wie die Sorgen und Nöte der Arbeitnehmer beschreibt die Denkschrift auch den steigenden Druck, der genau auf diesen Unternehmen lastet, vor allem der Zwang zu immer höherer Flexibilität. Die Denkschrift stellt damit fraglos ein gelungenes Dialogangebot dar. Schon im Vorwort der Denkschrift betont der Ratsvorsitzende der EKD, Wolfgang Huber, die evangelische Gestalt des christlichen Glaubens habe zu unternehmerischem Handeln ein positives Verhältnis. „Verantwortungsbereitschaft, Weltgestaltung, Unternehmergeist und das Engagement für das Gemeinwohl sind als Tugenden in der evangelischen Tradition fest verankert.“ Zugleich bedauert Huber aber auch, dass das „Verhältnis von Protestantismus und Unternehmertum in Deutschland von Spannungen durchzogen ist“. Beispielsweise, wenn die einen in der Gewinnorientierung der Unternehmen nur mangelnde Solidarität mit den Beschäftigten erkennen können, und die anderen jede Kritik etwa an Arbeitsplatzabbau als fehlendes Verständnis für unternehmerisches Handeln abtun. In der Denkschrift selbst findet sich so auch eine Art Selbstverpflichtung: Jene unternehmerisch Tätigen, von denen man gesteigertes ethisches Bewusstsein und klare Orientierung verlangt, sollen in der Kirche (künftig noch entschiedener) Gemeinschaft und spirituelle Beheimatung finden können.

Vor zwei Jahren veröffentlichte der Rat der EKD die Denkschrift: „Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität“, in der die Vision einer Gesellschaft entwickelt wurde, die von der Beteiligung aller geprägt ist, „die niemanden ausschließt, sondern alle befähigt und einlädt, ihre Talent zu nutzen“. Die jetzt vorgelegte Denkschrift zur unternehmerischen Verantwortung versteht sich ganz innerhalb dieser Vision und ist damit zugleich ein angemessenes Geschenk zum 60. Geburtstag der sozialen Marktwirtschaft.

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