KommentarSi tacuisses

Das Dokument der Liturgiekommission über „Räume der Stille“ enttäuscht.

Berlin, Brandenburger Tor: Im nördlichen Torhaus gibt es, ein wenig versteckt, einen „Raum der Stille“. Er ist nicht sehr groß und dennoch erstaunt es, wie viele Menschen hier zumindest für einige Minuten mitten im durch die Touristen verschärften Hauptstadtrummel innehalten. Die Initiative ist nur ein Beleg dafür, dass Menschen auch heute auf der Suche nach Orten der inneren Einkehr sind. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass gerade Kirchen mit ihrer oft Jahrhunderte langen Tradition angesichts dieser Suche Besonderes zu bieten haben. Unter Katholiken wie unter Protestanten gibt es zudem eine neue Sensibilität für das Sakrale (vgl. HK, Dezember 2002, 632 ff.). Immer mehr Menschen sehnten sich nach „Rastplätzen für ihre Seele“ und „Oasen für ihr Gebet“, unterstreicht die Anfang Januar 2003 veröffentlichte Leipziger Erklärung des Evangelischen Kirchbautags. Auf der anderen Seite sind sich die kirchlichen Verantwortlichen dieser Bedürfnisse nicht immer bewusst. Bis in die Gestaltung der häufig wortlastigen Gottesdienste haben viele offenkundig Schwierigkeiten damit, Stille als ein Quellgrund der Gottesbeziehung zuzulassen und auszuhalten.

Vor diesem Hintergrund ist es höchst erfreulich, dass sich die Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz intensiver mit diesem Thema befasst und Mitte April unter der Überschrift „Räume der Stille“ ein entsprechendes Dokument vorgelegt hat. Allein, der Text kann nicht einlösen, was der Titel verspricht. Während die Autoren im Untertitel noch angeben, „Gedanken zur Bewahrung eines bedrohten Gutes in unseren Kirchen“ vorlegen zu wollen, wird der sprachliche Duktus vor allem von der Trauer über etwas längst Verlorenes geprägt. Es gibt nur wenige kirchliche Dokumente, die so häufig die Vergangenheitsform verwenden, eine Rhetorik des „Nicht-mehr“ pflegen und ihr kulturpessimistisches Ressentiment unverhohlen offen legen. Vom Verlust „gepflegter Umgangsformen“ ist die Rede; insbesondere „mit ehrfürchtigem Verhalten generell“ sei es heute „nicht zum Besten bestellt“. Dem entspricht ein unnötig belehrender Tonfall. So wird etwa zum Verhalten in der Sakristei (als der „Schleuse zur Stille“) Unruhe und „Geschwätzigkeit“ gerügt, die sich auf die versammelte Gemeinde übertragen. Auch fragt man sich, ob sich die deutschen Bischöfe tatsächlich die Aussage zu eigen machen, dass das Mysterium „leider in vielen Gottesdiensten keinen Raum mehr hat“?

Als tieferer Grund für die Krise der Stille wird mehr oder weniger monokausal die mangelnde Eucharistiefrömmigkeit heutiger Katholiken ausgemacht. Es gebe einen „Rückgang ehemals fester und beliebter Formen der Eucharistieverehrung“, die nicht von einer neuen Hochschätzung des Kommunionempfangs aufgewogen würden. Über kurz oder lang entpuppt sich die „Eucharistiefrömmigkeit“ sogar als heimliches Thema des Dokuments, in dem die Herleitung einer neuen Kultur der Stille besonders bedrückend ausfällt. Zum einen wird an das „heilige Schweigen“ erinnert, mit dem schon die alten Hochkulturen Gottes Zorn über die sündige Menschheit dämpfen wollten. Zum anderen wirken die Ausführungen zum biblischen Zeugnis wie der hermeneutische Schlüssel zur Theologie des Dokuments: „Wenn Gott kommt, dann ist aber immer auch eine Situation des Gerichts gegeben; vor ihm haben sich die Geschöpfe für ihr Tun zu verantworten, und darum verstummen sie angstvoll“. Hinweise darauf, dass es auch die im Ostergeschehen wurzelnde Freude des Glaubens gibt, die sich dann auch nicht einzig und allein in Stille äußern kann, sucht man vergeblich.

Aufgrund der enggeführten Begründung für das Abhandenkommen der Stille wird es freilich auf der anderen Seite leichter, Verbesserungsvorschläge zu machen, die nicht als „Konfrontationskurs zur liturgischen Erneuerung und zu dem in ihr Erreichten“ verstanden werden sollen. Dennoch wird den Pfarrgemeinden empfohlen, sich stärker an der Gestaltung von Wallfahrtskirchen mit ihren Gnadenbildern zu orientieren und ihre Kirchen entsprechend zu remöblieren. Man solle doch einmal auf dem Speicher nachsehen, ob sich nicht noch ein Bild der Gottesmutter oder eines Heiligen findet, das bei der nachkonziliaren Umgestaltung der Kirchen („Bildersturm“) weichen musste und jetzt wieder „zu Ehren kommen“ könne. Während an einer späteren Stelle davon die Rede ist, dass das Hässliche das Aufkommen von Stille erschweren könne, wird hier gesagt, dass dabei nicht die Stilrichtung und der kunstgeschichtliche Wert entscheidend sei, sondern allein die Fähigkeit, „ehrfürchtiges Schweigen“ auszulösen. Den Autoren kommt dabei nicht in den Sinn, dass auch diese Vorschläge Strategien befördern können, wie man der Stille aufgrund mannigfaltiger Ablenkung ausweicht. Es scheint geradezu unvorstellbar zu sein, dass auch die Leere Stille befördern kann: dass beispielsweise ein modernes Kunstwerk mit all seiner Reduktion und Abstraktion neuer Anlass zur Besinnung zu sein vermag.

Im Dokument „Räume der Stille“ findet sich die wichtige Forderung einer anthropologischen Begründung für „geordnete Umgangsformen mit dem Heiligen“. Auch liest man einige hilfreiche Hinweise für die Gestaltung von Kirchen, die von kunsthistorischem Interesse sind und deshalb besondere Schwierigkeiten haben, eine Atmosphäre der Stille zu schaffen („geschützte Zonen“ für das stille Gebet, Kerzen, geistliche Kirchenführungen, regelmäßige Kurzgottesdienste, Orgelmusik). Die Ausführungen sind jedoch viel zu knapp ausgefallen und wirken ebenso pflichtschuldig wie jene mageren elf Zeilen dazu, dass Stille gerade mit Kindern erst eingeübt werden muss – und wie dies geschehen kann.

Dem Thema „Räume der Stille“ wird man auf diese Weise nicht gerecht. Es erstaunt sehr, dass dieser auch in ökumenischer Hinsicht provozierend unsensible Text als ein Dokument einer Kommission der Deutschen Bischofskonferenz erscheinen konnte.

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