Hinduistische Traditionen und Organisationen in EuropaAlte Götter in neuer Heimat

In Europa führte der Hinduismus abgesehen von Großbritannien bisher ein Schattendasein. Unverkennbar haben sich inzwischen jedoch südasiatische wie „westliche“ Hindus auch hierzulande etabliert. Der Religionswissenschaftler Martin Baumann schildert, wie sie mit Tempelbauten und feierlichen Prozessionen Anspruch auf Teilhabe am öffentlichen Raum erheben.

Vor wenigen Wochen gab sich London „indisch“: An die 30 000 Hindus hatten sich im Juni am Trafalgar Square versammelt, um das Rath Yatra Festival (Wagenfest) zu feiern und in einer feierlichen Segnungszeremonie ausklingen zu lassen. Zuvor hatten Tausende von britischen Hindus in einer farbenfrohen Prozession den 17 Meter hohen Festwagen mit der reich geschmückten Figur des Gottes Jagannath, einer besonderen Form des Gottes Krishna, durch die Innenstadt gezogen; barfuß und unter ständigem Singen des Mantra „Hare Krishna“. Ausrichter des mittlerweile zum dreiunddreißigsten Mal durchgeführten öffentlichen Umzuges war die Internationale Vereinigung für Krishna-Bewusstsein (ISKCON). Anders als auf dem Kontinent, wo die Hare-Krishna-Bewegung von Weltanschauungsexperten in die Rubrik „Sekten und Psychokulte“ geschoben wird, gehört die Vereinigung in Großbritannien zum Establishment hinduistischer Traditionen. Grund hierfür ist unter anderem der große Rechtsstreit um den zentralen ISKCON-Tempel in Letchmore Heath (15 Meilen nordwestlich von London), ausgetragen über mehr als ein Jahrzehnt bis zur Übereinkunft 1996. Dem Tempel drohte die Schließung, da Anwohner des kleinen Dorfes genug hatten von dem alljährlichen Verkehrschaos, das die viel besuchten Feierlichkeiten zu den Hauptfesttagen mit sich brachten. Viele der mehr als 500 000 Gujarati- und Punjabi-Hindus Großbritanniens stuften die mögliche Tempelschließung jedoch als Diskriminierung und Angriff auf die Religionsfreiheit einer religiösen Minderheit ein. Eine Welle der Solidarität entstand, die die bislang vorhandene Trennung von „indischen“ und konvertierten, „westlichen“ Hindus überbrückte und den Bhaktivedanta Manor Tempel zu einer der wichtigsten hinduistischen Pilgerstätten Englands werden ließ. Der Rang einer herausragenden hinduistischen Pilgerstätte kommt unzweifelhaft auch dem als „britisches Taj Mahal“ gepriesenen Tempel in Neasden im Nordwesten von London zu. Diese ganz in Marmor erbaute Wohnstätte der Götter erfüllt in bester Weise westliche Klischees von der Pracht und Herrlichkeit indischer Tempelanlagen und Fürstenhäuser. Erbauerin des 1995 mit überschwänglichem Medieninteresse eröffneten Tempels ist die Swaminarayan Hindu Mission, eine hinduistische Reformbewegung aus dem frühen 19. Jahrhundert. Zur Eröffnung flog eigens der oberste Guru dieser hinduistischen Traditionsline, Pramukh Swami, ein, der ihnen ein „living god on earth“ ist. Mittlerweile fehlt der Swaminarayan-Tempel in keinem Londoner Touristenführer mehr, und Mitglieder der Königsfamilie und viele Politiker haben dem beeindruckenden Bauwerk und der damit verbundenen Leistung ihre Reverenz erwiesen.

Die Darstellung des Hinduismus in Europa hat sich bisher an einer Minderheit orientiert

Diese britischen Ereignisse deuten auf grundlegende Wandlungsprozesse hin, in denen sich hinduistische Traditionen und die sie vertretenden Organisationen derzeit in Europa befinden. Die Verhältnisse jenseits des Kanals sind dabei den Entwicklungen auf dem Kontinent um Jahre voraus. Dies ist in der Geschichte des Hinduismus in Großbritannien und dessen vergleichsweise großer Zahl von Anhängern begründet. Doch auch in Deutschland, den Niederlanden, Österreich oder der Schweiz läßt sich eindeutig feststellen: Hindus und Hindu-Traditionen verlassen die bisherige gesellschaftliche „Unsichtbarkeit“. In öffentlichen Prozessionen und repräsentativen Bauten treten sie an die Öffentlichkeit. Hinduismus wird sichtbar und erfahrbar, für Nachbarn, Behörden, wie auch für die christlichen Kirchen. Deutlich wird zugleich, dass die – insbesondere auf dem Kontinent betriebene – landläufige Verkürzung von Hinduismus auf Hare-Krishna- und Neo-Sannyas-Bewegung des Bhagwan Shree Rajhneesh, auf Ananda Marga und Transzendentale Meditation (TM) an den tatsächlichen Verhältnissen weit vorbeigeht. Hinduismus in Europa wird zwar auch durch diese und weitere neo-hinduistische Gruppierungen gebildet. Von den absoluten Zahlen her stehen sie jedoch weit hinter den Zahlen, die zugewanderte Hindus aufweisen. Von den rund 900 000 bis eine Million Hindus, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Europa leben, dürften wohlwollend geschätzt an die 50 000, allenfalls 100 000 westliche Konvertiten sein. Das Interesse der Medien und die Darstellung des Hinduismus in der Öffentlichkeit hat sich bislang jedoch fast ausschließlich an dieser fünf- bis zehnprozentigen Minderheit orientiert. Die realen Zahlen und die öffentliche Wahrnehmung stehen jedoch in einem direkten Umkehrverhältnis. Und auf ein Weiteres weisen die britischen Vorgänge hin: Das Wahrnehmen von Möglichkeiten und Rechten, im öffentlichen Raum zu agieren und Terrain zu besetzen, stößt bei der lang ansässigen Bevölkerung gelegentlich auf Unmut und Widerstand. Gerade die große Parade im Zentrum Londons, von englischen Zeitungen in Anspielung auf den karibischen „Nottinghill carnival“ als „Hindu carnival“ bezeichnet, sowie der enthusiastisch aufgenommene Bau des Swaminarayan-Tempels verdeutlichen andererseits, dass Hindu-Traditionen auch zunehmend als ein Teil europäischer Gegenwart wahrgenommen und respektiert werden. Nicht zuletzt der Bau repräsentativer Tempel und das öffentliche Begehen hinduistischer Feste zeigen, dass die einst zugewanderten Hindus heimisch geworden sind. Heimisch werden beinhaltet auch und nicht zuletzt, den Göttern und Göttinnen in dieser einstigen Fremde eigene Wohnstätten zu errichten. So können die Götter Schutz und Beistand geben und die Gläubigen selber haben die Möglichkeit, die Götter anzubeten, zu verehren, Weltliches und Überweltliches von ihnen zu erbitten. Zum „Darshan“ gehen – im Anblick der Gottheit Segen, Zuspruch und Kraft zu erhalten –, ist nun auch in London und Leicester, in Lissabon, Den Haag, Basel, Mühlheim (Ruhr), Hamm und vielen weiteren Städten möglich.

Zuerst kamen die indischen Migranten

Von einem oder dem Hinduismus in Europa zu reden verwischt dabei die tatsächlichen Verhältnisse. Die vielen verschiedenen hinduistischen Traditionen bilden kein einheitliches Gebilde. Gerade die Unterschiedlichkeit in regionaler, sprachlicher, religiöser und zum Teil weiterhin bestehender kastenbezogener Herkunft kennzeichnet auch die Präsenz des Hinduismus in Europa. Trennungslinien laufen nicht nur entlang der Unterscheidung von geborenem und konvertiertem Hindu. Auch die indische Herkunftsregion – sei es aus Gujarat, dem Punjab oder Bengalen – und die damit verbundenen Sprachen (Urdu, Punjabi, Hindi und andere) sowie die jeweilige spirituelle und praxisbezogene Traditionslinie – lassen den Hinduismus intern äußerst vielgestaltig und für Außenstehende diffus und zersplittert erscheinen. Die Vielfalt spiritueller und ritueller Ausprägungen umfasst dabei auch in Europa die so genannten drei hinduistischen „Haupttraditionen“: Von den Gläubigen werden Tempel errichtet, in denen Shiva als oberste Gottheit verehrt wird, oft in Form des „lingam“ (phallusförmiger Stein). In anderen Tempeln stehen die „Söhne“ Shivas – der elefantenköpfige, dickbäuchige Ganesha und der auf einem Pfau reitende Skanda – im Zentrum der Verehrung. Als zweite Haupttradition mit vielen Verzweigungen finden sich Tempel für den Gott Vishnu beziehungsweise für seine irdischen Inkarnationen. Krishna mit seiner Gefährtin Radha ist sehr populär. Schließlich verehren Gläubige in den Shakti-Traditionen die große Muttergöttin, je nach indischer Herkunftsregion unterschiedlich dargestellt als Durga, Kali oder andere Göttinnen. Charakteristisch für die meisten Tempel, aber auch für viele häusliche Altäre ist jedoch, dass Statuen und Bilder von Göttern und Göttinnen aus allen Haupttraditionen vorhanden sind. Zu ihnen wird je nach persönlichem Vorzug in verehrender Hingabe (bhakti) um Schutz, Wohlwollen und Beistand gebetet. Die interne Vielgestaltigkeit des Hinduismus geht neben diesen religiösen Ausformungen auch weitgehend auf die Umstände der Ankunft und Etablierung hinduistischer Traditionen in den einzelnen Ländern Europas zurück.

Dieses zeigt sich geradezu exemplarisch an der britischen Situation. Indische Migranten waren in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in das Zentrum des einstigen Empire gekommen. Der Arbeitskräftemangel in der britischen Industrie versprach Jobs und Geld. Die indischen Arbeiter, fast ausschließlich Männer, waren bei weitem nicht alle Hindus; viele unter ihnen waren Muslime oder Sikhs. In den sechziger Jahren, als die Immigrationsbestimmungen zusehends verschärft wurden, holten die Männer ihre Familien nach. Mit dem Familennachzug wandelte sich das Leben grundlegend: War ursprünglich nur geplant, lediglich für einige Jahre in Großbritannien Geld zu verdienen, um sich ein Auskommen in Indien aufbauen zu können, wurde aus dem Aufenthalt nun ein Bleiben auf Dauer. Erste Hindu-Tempel entstanden in Coventry, Leicester und London. Einen großen Schub in der Institutionalisierung und Etablierung kultureller und religiöser Societies bewirkte im Nachhinein die Vertreibung der als „Asiens“ bezeichneten Inder aus Ostafrika. Im Zuge der Entkolonialisierungs- und Afrikanisierungspolitik wurden zehntausende Inder aus Kenia, Uganda, Tansania und Sambia vertrieben. Etwa 40 000 von ihnen kamen – in Familienverbänden und rechtlich als britische Bürger – nach Großbritannien. Diese East African Indians waren aufgrund ihres organisatorischen und zum Teil auch finanziellen Vermögens maßgeblich am Aufbau religiöser Stätten beteiligt (sowohl bei Hindus als auch bei Muslimen und Sikhs). Eine Vielzahl von Tempeln und Vereinen entstand, intern unterschieden nach den oben genannten Kriterien. Auch eigene Kastengesellschaften wurden ins Leben gerufen. Die Mehrzahl von Gujarati-Hindus dominiert die englische Szenerie. Von den gegenwärtig geschätzten 600 000 Hindus sind ungefähr 70 Prozent Gujarati (intern wiederum stark fragmentiert). Die Verbleibenden verteilen sich auf Hindus aus dem Punjab (15 Prozent), weitere indische Staaten sowie Hindus aus dem karibischen Raum (rund 30 000) und tamilische Flüchtlinge von Sri Lanka. Neben London ist das etwa 100 Meilen nördlich gelegene Leicester eine Hochburg hinduistischer Tempel und Vereine. Im Herbst jeden Jahres herrscht zum Diwali-Fest quasi indische Feststimmung, mit hell erleuchteten Straßen, lauter indischer Musik und farbenprächtigen Saris der Frauen.

Die Geschichte und Gestalt des Hinduismus in den Niederlanden, der mit mehr als 100 000 Hindus zweitstärksten Präsenz in Europa, unterscheidet sich in vielen Dingen von der Situation Großbritanniens. Lebten bis 1970 weniger als 2000 Hindus in den Niederlanden, so kamen im Zuge der Unabhängigkeit von Niederländisch Guyana Zehntausende von Flüchtlingen beziehungsweise Auswanderern aus der südamerikanischen Kolonie. Unter den als „Hindustani“ bezeichneten Zuwanderern aus dem jetzt Surinam genannten Land waren drei Viertel Hindus, ungefähr 20 Prozent Muslime und vier Prozent Christen. Die surinamischen Hindus, deren Vorfahren als Arbeitskräfte im 19. und frühen 20. Jahrhundert in die Karibik gekommen waren, unterscheiden sich religiös nach der Zugehörigkeit zur Reformbewegung des Arya Samaj (rund 20 Prozent) auf der einen und der zur Traditionalität und Kontinuität beanspruchenden Gruppierung des Sanatan Dharm auf der anderen Seite. Entlang dieser zwei Hauptfraktionen gründeten Hindus soziale und kulturelle Vereine und Tempel. Gemäß dem niederländischen Versäulungsprinzip erhielten sie vom Staat finanzielle Unterstützung, da diese Institutionen als hilfreich zur Selbstorganisation und gesellschaftlichen Integration angesehen wurden. Sogar drei eigene hinduistische Schulen werden gefördert, neben dem regulären Curriculum wird im Rahmen des Religionsunterrichts „Dharma“ gelehrt. Hochburgen des surinamischen Hinduismus sind die Ballungszentren Den Haag und Amsterdam; dort finden sich zahlreiche Tempel mit regulären „kerkdiensten“. Ebenso wie in Großbritannien findet sich neben dieser Dominanz eine bunte Palette weiterer Hindu-Traditionen: Die um die 4000 tamilischen Hindus von Sri Lanka haben eigene Tempel in umgebauten Häusern oder Kleinfabrikhallen errichtet, knapp 3000 Hindus sind indischer Abstammung. Zudem finden sich an die 30 unterschiedliche neo-hinduistische Gruppen, in denen konvertierte Niederländer und Niederländerinnen hinduistische Rituale, Meditationen und Yoga-Praktiken durchführen.

In Hamm entsteht der größte hindu-tamilische Tempel Europas

Wird die Präsenz des Hinduismus in Großbritannien durch Gujaratis und in den Niederlanden durch surinamische Einwanderer bestimmt, so dominieren in der Schweiz, in Frankreich, in Deutschland und Dänemark zahlenbezogen tamilische Hindus die dortigen hinduistischen Institutionen. Tamilen kamen in den achtziger und neunziger Jahren als Asylsuchende nach Westeuropa, um dem Krieg zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit auf Sri Lanka zu entfliehen. Etwa 210 000 Tamilen leben derzeit in Westeuropa, je rund 35 000 in Großbritannien und der Schweiz, 40 000 bis 60 000 in Frankreich, um die 65 000 in Deutschland und je einige tausend in den Beneluxländern und nordeuropäischen Staaten. Hindus stellen mit drei Viertel unter ihnen die Mehrheit, rund 20 Prozent gehören dem katholischen Glauben und ungefähr fünf Prozent verschiedenen protestantischen Denominationen an. Innerhalb kurzer Zeit erbauten die tamilischen Hindus eigene Tempel in umgewidmeten Häusern oder Hallen. Dort verehren sie Ganesha, Murugan, Shiva oder verschiedene machtvolle Göttinnen. In Basel gibt es allein vier hindu-tamilische Tempel, in Hamm wurde im März 2001 der dritte Hindu-Tempel dieser Stadt eingeweiht. Zumeist sind die Tempel unscheinbar geblieben, Nachbarn und Behörden haben sie bislang oft nicht registriert. Mit der Durchführung von Jahresfesten und öffentlichen Umzügen, zu denen nicht nur einige hundert, sondern tausende tamilische Besucher und Besucherinnen aus nah und fern kamen, änderte sich aber der bis dahin zurückgezogene, unbemerkte Status.

Am Beispiel des in Deutschland bekanntesten und größten Tempels, des Sri Kamadchi Ampal Tempels in Hamm-Uentrop, läßt sich dieser Prozess anschaulich und im Detail nachzeichnen. Gründer des Hammer Tempels zu Ehren der Göttin Sri Kamadchi Ampal ist der tamilische Priester Sri Paskaran Kurukkal. Er kam 1985 als Bürgerkriegsflüchtling von Sri Lanka nach Deutschland. 1989 eröffnete er im Keller seiner Mietwohnung einen kleinen hinduistischen Andachtsraum. Zwei Jahre später konnte der Priester ein angrenzendes Gebäude, eine ehemalige Wäscherei, anmieten. Die beengte Andachtsstätte wandelte sich in den neuen Räumlichkeiten zu einem Tempel. Im Mai 1992 wurden die Statuen der Göttin Sri Kamadchi Ampal und ihres göttlichen Gefolges zeremoniell installiert und ein regulärer Tempelbetrieb mit zweimal täglicher Puja (Andacht) aufgenommen. Zu diesem Tempelbetrieb gehört auch das Feiern der Jahresfeste in möglichst traditionellem Stil. Die sakrale Stätte wurde unter Tamilen schnell überregional bekannt, zumal der Tempel als erster das Tempeljahresfest auch mit einem öffentlichen Umzug durchführte. Die Göttin hält dabei auf einem reich geschmückten Wagen auf den um den Tempel führenden Straßen Ausfahrt; so segnet sie dem Hinduglauben zufolge die Stadt und die Umgegend, erneuert ihre Schutzmächtigkeit und gibt Gelegenheit, Darshan zu erhalten. Kamen zu dem ersten Tempeljahresfest 1993 einige hundert Besucher, so stieg die Zahl in den folgenden Jahren auf mehrere tausend Besucher an. Sie alle wollten die Göttin sehen und an dem glücksverheißenden Tag der Ausfahrt dabei sein. Zugleich bietet solch ein Fest Gelegenheit, bestimmte religiöse Gelübde zu erfüllen, Bekannte wiederzutreffen und für die Heranwachsenden Braut- und Bräutigamschau zu halten.

Anläßlich des dritten Tempelfestes 1995, besucht von 3000 bis 4000 Gläubigen, gingen dann bei der Stadt Hamm Beschwerden von Seiten einiger Anlieger über die Durchführung der öffentlichen Prozession ein. Es habe gravierende Verkehrsbehinderungen und Schwierigkeiten mit der Abfallbeseitigung gegeben. Im folgenden Jahr äußerten sich im Vorfeld des Tempelfestes einige Anlieger lautstark in Leserbriefen und forderten ein Verbot des Umzuges. Ein Bezirksvertreter mahnte an, dass der Tempel in einem Wohngebiet stehe und aufgrund der erwarteten großen Teilnehmerzahl die Prozession die persönlichen Freiheiten der Anlieger stark einschränken und Grundrechte beschneiden würde. Angesichts der einmal jährlich durchgeführten, völlig friedfertig und im Vergleich zu Schützenfesten und anderen Großveranstaltungen relativ reibungslos veranstalteten Prozession verwunderte die Emotionalität der Ablehnung. Diffuse Ängste vor Ungewohntem und Fremdem, aber auch eigene Verunsicherungen machten sich Luft. Unter weitreichenden Auflagen des Straßenverkehrsamtes konnte das Tempelfest mit der großen Prozession 1996 dann doch, wenn auch das letzte Mal in diesem Stadtteil, stattfinden. Trotz des gelungenen Ablaufes stand die räumliche Verlegung des Tempels an. Die kommunalen Behörden hatten eine weitgehende Beschränkung des Tempelbetriebs angeordnet. Denn der mittlerweile umfangreich ausgebaute Tempel genügte in keiner Weise bestehenden Feuerschutz- und Sicherheitsbestimmungen. Auch dem Tempelvorstand erschien aufgrund des Unmutes der Anlieger, wenn dieser auch von nur wenigen geäußert wurde, ein Fortzug aus dem Wohngebiet angebracht.

Bei der Suche nach einem neuen Standort zeigten sich kommunale Behörden und Politiker sehr kooperativ. Gefunden wurde ein Bebauungsobjekt in einem Industriegebiet, das Kriterien wie genügende Entfernung zu Wohnbebauung, ausreichende Parkmöglichkeiten und Bezahlbarkeit von Seiten des Tempelvereins erfüllte. Trotz einer geradezu stürmischen Bürgerversammlung, auf der sich einzelne Wortführer aus dem ausgewählten Stadtrandgebiet in scharfer und unverhohler rassistischer Weise gegen das Vorhaben aussprachen, wurde dem Tempelverein die Ansiedlung zuerkannt. Die kommunalen Behörden und viele Lokalpolitiker stellten sich eindeutig hinter das Tempelvorhaben, da „der Tempel Bedeutung für das kulturelle Leben der Stadt erlangt“ habe und die Unterstützung „Ausdruck [sei] für die Offenheit und die Kraft, fremde Sitten und Gebräuche zu integrieren“ (Erklärung der Stadt Hamm vom 21.3.1997).

Noch lange nicht als Teil Europas akzeptiert

Mit großer Schnelligkeit erbaute der Tempelverein in Zusammenarbeit mit der Stadt eine Art Gemeindezentrum, in dem die hinduistischen Götter nach Auszug aus dem alten Tempel vorerst Platz fanden. Das eher funktional-kühle Gebäude ist als Zwischenlösung konzipiert, bis der neue, große Tempel stehen wird. Unter Beteiligung von bis zu 10 000 Besuchern wurden dann die nächsten Tempeljahresfeste an dem neuen Standort in Hamm-Uentrop begangen. Vom Jahresfest 2001 berichtete der Stern jüngst ausführlich in einer Titelgeschichte (23. 8. 2001). Seit März 2000 ist der in südindischer Architektur gestaltete große Hallentempel in Bau. Er wird der erste eigens erbaute Hindu-Tempel Deutschlands sein und der größte hindu-tamilische Tempel Europas werden. Angesichts der heute schon sichtbaren Pracht, die der Tempel innen wie außen durch seine sechs Schreine, das 17 Meter hoch aufragende Gopuram (Eingangsportal) und die zahllosen Skulpturarbeiten erkennen läßt, bedauert man fast, dass dieser Tempel fernab zwischen stillgelegtem Atommeiler, Fabrikanlagen und Autobahn errichtet wird. Das repräsentative Gebäude, allein durch Spenden der Gläubigen finanziert, hätte jeder kleineren wie größeren Stadt zur Ehre gereicht – ähnlich wie der touristisch nun so attraktive Swaminarayan-Tempel in Neasden in London. Der lokale Konflikt in Hamm war bislang einer der ganz wenigen Anlässe, bei denen südasiatische Hindus in Deutschland in die regionale, ansatzweise auch in die überregionale Presse kamen. Neben den rund 45 000 tamilischen Hindus finden sich etwa 30 000 bis 35 000 Hindus aus Indien. Sie leben jedoch vereinzelt, haben bislang keinen Tempel gebaut und feiern allenfalls Jahresfeste wie Durga-Puja in größerem Rahmen. Im Gegensatz dazu haben die in Deutschland lebenden rund 5000 Hindus aus Afghanistan eigene Tempel in Hamburg, Köln (dort zwei) und Frankfurt eröffnet. Ihr Bleiben in Deutschland und anderen Aufnahmeländern ist von Dauer, da eine Rückkehr nach Afghanistan – zumal nach der gravierenden politischen und rechtlichen Verschlechterung für religiöse Minderheiten – nahezu ausgeschlossen ist.

Neben dieser Mehrheit von etwa 80 000 Hindus aus Südasien nehmen sich die Mitgliederzahlen von Deutschen in neohinduistischen Gruppierungen eher bescheiden aus: Die eindeutig größte Zahl weist die Neo-Sannyas- beziehungsweise Osho-Bewegung mit etwa 5000 Zugehörigen auf. ISKCON schreibt sich rund 350 „Devotees“ und ein „befreundetes Umfeld“ von 2000 bis 5000 Sympathisanten zu, bei der Transzendentalen Meditation sind es um die 1000 Personen. Weitere Gruppen wie die Divine Light Mission (500), Brahma Kumaris (300), Sahaja Yoga (200) und Ananda Marga (100) bleiben darunter (Remid, „Religionsgemeinschaften in Deutschland: Mitgliederzahlen, Mai 2001“, www.remid.de/remid_info_zahlen.htm). Doch es sind diese Organisationen und Bewegungen, die in den achtziger und noch in den neunziger Jahren das Öffentlichkeitsbild des „Hinduismus“ bestimmten. Mittlerweile ist es ruhig um diese Gruppen geworden. In anderen Ländern Europas – etwa in Österreich mit rund 1000 indischen und um die 1200 westlichen Hindus (dazu Manfred Hutter, „Hinduismus in Österreich“, in: Ders. [Hg.], Buddhisten und Hindus im deutschsprachigen Raum, Frankfurt 2001, 47–59) – zeigt sich eine ähnliche Situation wie in Deutschland, den Niederlanden oder Großbritannien: Der Oberbegriff „Hinduismus“ verstellt die internen Grenzziehungen und gravierenden Unterschiede. Ein Miteinander wie im Zuge der drohenden Schließung des ISKCON-Tempels nahe Londons ist die Ausnahme. Eher ist ein Nebeneinander und ein gegenseitiges Desinteresse die Regel. Entsprechend ist es stets ein Politikum, so genannte Repräsentanten und Vertreter des Hinduismus für öffentliche Gespräche, Podiumsdiskussionen oder eine Teilnahme an interreligiösen Akademiegesprächen zu benennen. Wer repräsentiert den Hinduismus? Und wer ist überhaupt legitimiert, für ihn zu sprechen? Die interne Vielgestaltigkeit läßt sich durch einen Vertreter oder eine Sprecherin kaum abbilden. Es dürfte noch ein weiter Weg sein, bis die unterschiedlichen Hindu-Traditionen in Europa nicht nur toleriert, sondern als ein Teil Europas akzeptiert werden. Zu fremd, unverständlich und bizarr wirkt auf die meisten Betrachter der durch die Zuund Einwanderer und ihre Kinder praktizierte Hinduismus, sei es in seiner Gujarati- oder Punjabi-, in bengalischer oder tamilischer Form. In anderer Weise wirken die von westlichen Hindus praktizierten neo-hinduistischen Traditionen als zu exotisch, weltabgewandt oder übersteigert, als dass ihnen Gewicht, Dauerhaftigkeit und die vielgepriesene „Dialogfähigkeit“ zuerkannt würden. Kompromisse waren und sind deshalb auf Seiten der Mehrheits- wie der Minderheitsbevölkerung einzugehen. Integration ist hier wie in vielen anderen Fällen ein wechselseitiger Prozess: Ein Vorgang, in dem beide Seiten am Ende verändert, aber möglicherweise mit mehr Verständnis füreinander, hervorgehen.

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