Ein Gespräch mit dem Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner„In die Schule des Ostens gehen“

Mit einem Symposium vom 31. Januar bis 2. Februar in der Berliner Katholischen Akademie wurde jetzt das Forschungsprojekt „Aufbruch“ zur Situation der Kirchen in den postkommunistischen Ländern abgeschlossen. Wir sprachen dabei mit Professor Paul Michael Zulehner, dem Spiritus Rector des Projekts, über die Entwicklung der mittel- und osteuropäischen Kirchen seit der Wende und ihre heutige Situation. Die Fragen stellte Ulrich Ruh.

HK: Herr Professor Zulehner, Ihr soeben abgeschlossenes Forschungsprojekt zur Positionierung der Kirchen Ost- und Mitteleuropas in den nachtotalitären Gesellschaften trägt den anspruchsvollen Titel „Aufbruch“. Aber hat denn in diesen Kirchen zwischen Litauen und Rumänien in den vergangenen zehn Jahren wirklich ein Aufbruch stattgefunden?

Zulehner: Zweifellos hatten bei der Wende viele Kirchenführer und verantwortliche Laien in Ost- und Mitteleuropa den Wunsch, die neue Freiheit zu einer Umgestaltung der Kirche zu nutzen. Es gab das verbreitete Grundgefühl, dass sich nach den langen Jahrzehnten der Gefangenschaft im kommunistischen System neue Chancen für die Kirche und ihren Ort in der Gesellschaft ergeben würden. Natürlich sind nicht alle Hoffnungen von damals auch in Erfüllung gegangen.

HK: Hat man nach der Wende in den Kirchen der Reformländer rückblickend betrachtet die Prioritäten eigentlich richtig gesetzt?

Zulehner: Es galt vor allem, das gesellschaftliche Terrain wahrzunehmen und neu zu gewinnen. Die kommunistische Ideologie hatte zum Ziel, die Kirchen entweder zu vernichten oder doch zumindest zu gettoisieren. Das ist durch eine massive Repressionspolitik gegenüber den bekennenden Christen und den Ausschluss der Christen von höherer Bildung auch weithin gelungen. Jetzt sind die Kirchen dabei, durch entsprechende Abmachungen mit den demokratischen Regierungen zumindest ökonomisch wieder Boden zu gewinnen. Nur standen bisher die Fragen der Besitzrückgabe und der Kirchenfinanzierung so sehr im Vordergrund, dass die übrigen Herausforderungen einer gesellschaftlichen Repositionierung demgegenüber zurückgetreten sind, sei es die Präsenz im Bildungssystem, in der medialen Szene, in der Wirtschaft oder auch in der Kultur. Hier ist das meiste erst noch zu leisten.

„Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Zureden von außen und dem Mitgestalten von innen“

HK: In der Wirtschaft der postkommunistischen Reformstaaten gibt es erhebliche Verwerfungen. Manche Menschen haben vom Übergang zur Marktwirtschaft profitiert, vielen anderen geht es derzeit schlechter als unter der kommunistischen Herrschaft. Hat die Kirche überhaupt eine Chance, bei der Gestaltung der Wirtschaftsordnung Gehör zu finden oder gerät sie gegenüber der wirtschaftlichen Dynamik mit ihren Licht- wie Schattenseiten nicht schon wieder ins Hintertreffen?

Zulehner: Immerhin haben die ungarischen Bischöfe vor Jahren einen sehr respektablen Sozialhirtenbrief veröffentlicht. Es wäre auch sonst leicht möglich, durch kundige Experten, unterstützt von erfahrenen westlichen Kirchenleuten, die soziale Botschaft der Kirche zu verbreiten, die katholische Soziallehre in diesen Ländern zumindest als Theorie bekannt zu machen. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Zureden von außen und dem Mitgestalten von innen. Deshalb muss sich die Kirche in den postkommunistischen Ländern mit denen zusammensetzen, die tatsächlich die Wirtschaft treiben oder die Gewerkschaften organisieren. Nur so kann sie dazu beitragen, dass ein vielfach noch sehr wenig domestizierter Frühkapitalismus in diesen Ländern ein menschliches Antlitz bekommt. Die gleiche Grundfrage stellt sich übrigens in den anderen gesellschaftlichen Bereichen: Soll die Kirche etwa möglichst viele eigene Schulen errichten oder ist es wichtiger, Menschen auszubilden, die im allgemeinen Bildungswesen aus dem Geist des Evangeliums heraus wirken? Ich meine, das Zweite müsste Vorrang haben.

HK: Fehlen der Kirche in Osteuropa für entsprechende Strategien schlicht die Ressourcen oder ist auch noch viel Angst vor den neuen, offenen Verhältnissen im Spiel?

Zulehner: Die Gewöhnung an vierzig Jahre Sakristeichristentum hat so etwas wie eine wohlige Wärme erzeugt, die sogar noch theologisch untermauert wird. Die Kirche, so heißt es dann, habe durch Verfolgung und Repression gelernt, sich auf das Eigentliche, auf ihren Kern zu konzentrieren. Dementsprechend war es für manche Kirchenvertreter auch das Wichtigste, nach der Wende die Kirchengebäude zurückzubekommen, sie zu restaurieren und in den neuen Verhältnissen ansprechende Gottesdienste anzubieten. Dagegen fehlte und fehlt es noch immer an Sensibilität für die Präsenz in der Gesellschaft. Das verwundert auch nicht: Diejenigen, die in den Reformländern heute den kirchlichen Nachwuchs erziehen, haben schließlich ihre Ausbildung meist unter dem Kommunismus erhalten. Sie sind deshalb vom Bild einer verfolgten, von einem äußeren Feind bedrängten Kirche geprägt und entwickeln wenig innovative Kraft. Deshalb ist es entscheidend, heute die Ausbilder fortzubilden. Es geht dabei allerdings nicht an, diesen Kirchen jetzt in diesem wie in anderen Bereichen westliche Modelle überzustülpen; sie müssen vielmehr ihre Erfahrungen der letzten Jahrzehnte aufarbeiten und daraus Freiheit für eine neue Zeit gewinnen.

HK: Aber das lässt sich nicht einfach verordnen und auch nicht über Nacht erledigen...

Zulehner: Alle Kirchen Ost- und Mitteleuropas müssen jetzt vor allem lernen, dass sie neben der Last des Kommunismus in den letzten Jahrzehnten zumindest teilweise auch schon die Herausforderung der Modernisierung getragen haben. Sie stehen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vor der Aufgabe, die Menschen in einen Glauben einzuweisen, der nicht mehr durch Tradition gestützt wird, sondern sich in einer pluralistischen Freiheitskultur zu bewähren hat. Sie hätten allerdings dort, wo etwa wie in Polen oder Kroatien nach wie vor eine starke religiöse Kultur vorhanden ist, die Chance, diese so umzuformen, dass eine produktive Begegnung mit dem unausweichlichen Modernisierungsprozess möglich wird.

HK: Von manchen Bischöfen aus früher kommunistischen Ländern wurde in den letzten Jahren der Satz kolportiert, eigentlich sei es unter dem Kommunismus mit seiner klaren Freund-Feind- Unterscheidung für die Kirche leichter gewesen als in den neuen, unübersichtlichen Verhältnissen mit ihrer Mischung aus überkommenen Prägungen und wirtschaftlich-kultureller Dynamik. Kann man eine solche Haltung nicht ein Stückweit nachvollziehen?

Zulehner: Die Versuchung liegt durchaus nahe, jetzt den Kommunismus als Feind einfach gegen das Feindbild Liberalismus auszuwechseln. Aber das ist ziemlich kurzsichtig, weil der Liberalismus für die Kirchen Mittel- und Osteuropas jetzt der Kontext ist, in dem sie sich bewähren müssen. Er fordert ja eine ganz andere Art, mit Religion umzugehen, als es diese Kirchen aus der kommunistischen Zeit oder den noch sehr traditionell geprägten Gesellschaften der Zeit vor dem Kommunismus gewöhnt sind. Unter liberalem Vorzeichen ist es dem Einzelnen möglich, sich zu einem bekennenden Christen zu entwickeln, und den Bekennenden möglich, sich so zu verbünden und gesellschaftlich präsent zu halten, wie sie es aus eigener Kraft leisten können. Im Kommunismus dagegen konnte der einzelne Christ nur noch für sich oder im Untergrund vernetzt überleben, während die Kirche in der Öffentlichkeit schlechterdings keinen Platz hatte. Heute bietet sich vielen die fatale Alternative, sich entweder vor der bösen Welt in kleine Zirkel zurückzuziehen oder in einer sehr angepassten Weise mit der modernen Kultur zu koalieren. Demgegenüber sollten die Kirchen mit einer liebenden Anwesenheit in der ihnen von Gott verfügten Welt leben und zugleich gegenüber all dem widerständig sein, was Menschen klein macht, ihre Würde verachtet und der Gerechtigkeit widerstreitet.

HK: Gibt es denn schon wirklich gelungene Beispiele dafür, dass die Kirche in den postkommunistischen Ländern ihre neue Aufgabe in der Spannung zwischen Identitätswahrung und Dienst an den Menschen angenommen und umgesetzt hat?

Zulehner: Solche Beispiele sehe ich gerade in den beiden atheistischen Kulturen im früher kommunistischen Teil Europas, der ehemaligen DDR einerseits und Tschechien andererseits. Dort steht die Kirche ja pastoral vor einer extremen Herausforderung, bei der sie nichts mehr verlieren, sondern im Risiko nur noch gewinnen kann. Es ist doch bemerkenswert, was etwa in Erfurt geschieht, wo im Dom „Weihnachten für Nichtglaubende“ angeboten wird, als Versuch, durch originell gestaltete punktuelle Begegnungen den Dialog mit Atheisten zu eröffnen. In Tschechien wiederum gibt es beispielsweise eine exzellente Akademikerseelsorge, die etwa von der Prager Christlichen Akademie unterstützt wird. Dort hat man sehr früh begriffen, dass man um einer neuen Präsenz in der Gesellschaft willen vor allem in die Arbeit mit der Intelligenz investieren muss.

HK: Und wie sieht es in den Ländern aus, die mit ihrer starken religiös-volkskirchlichen Prägung sozusagen am oberen Ende der Skala stehen?

Zulehner: Gerade in Polen mit seinem starken volkskirchlichen Erbe und seiner sehr archaisch-mystischen Form von Volksfrömmigkeit gab es schon während der kommunistischen Herrschaft Formen einer Aufwertung der Laien in der Kirche, einer starken Personalisierung des Glaubens, der Vernetzung der Menschen im Namen des Evangeliums. Ich erinnere nur an die „Oasis“-Bewegung. Während in Tschechien, besonders im böhmischen Landesteil, die Kirche aus einer geschichtlich wie strukturell bedingten Position der Schwäche heraus wieder Terrain gewinnen muss, kann sie in einem Land wie Polen oder auch in Kroatien aus einer Position der Stärke heraus versuchen, den Glauben weiter zu personalisieren und zu vernetzen. Weil jedes Land in Ost- und Mitteleuropa religiöskirchlich ein Sonderfall ist, kann man den Kirchen dort auch keine abstrakten und allgemeinen Ratschläge geben, sondern muss die pastoralen Aufgaben sozusagen maßgeschneidert anhand der konkreten Situation entwickeln.

„Jedes Land ist religiös-kirchlich ein Sonderfall“

HK: Inwieweit funktioniert eigentlich der kirchliche Austausch zwischen den doch sehr unterschiedlich geprägten postkommunistischen Ländern?

Zulehner: Wir wollten mit unserem Projekt gerade diesen Dialog zwischen den einzelnen ost- und mitteleuropäischen Ländern anregen. Es haben sich immerhin zehn Forscherteams aus zehn Ländern über Jahre hinweg regelmäßig getroffen; Pastoraltheologen aus den verschiedenen Ländern kamen zu mehreren Symposien zusammen. All das sollte dazu dienen, den Erfahrungsfluss zu verstärken und ein Miteinanderlernen ermöglichen. Es ist ja zu wenig, wenn jeder nur allein vor sich hinlernt und die Chancen des Austauschs nicht genutzt werden.

HK: Wie sieht es über zehn Jahre nach der Wende mit den kirchlichen Führungsgestalten in Mittel- und Osteuropa aus? Haben diese Länder inzwischen genügend Bischöfe, die die Erneuerung der Kirche unter den radikal geänderten Verhältnissen mittragen oder sogar bewusst voranzubringen versuchen?

Zulehner: Eine über das eigene Land hinaus wichtige Gestalt ist hier sicher der Prager Erzbischof, Kardinal Vlk, gleichzeitig Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen. Ich weiß aus persönlicher Erfahrung, wie sehr er von der Öffnung der Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil beeinflusst und ihm an einer Erneuerung der Kirche vor allem auch durch das laikale Element gelegen ist. In Tschechien ist derzeit ja auch eine überdiözesane Synode in Gang, die nach neuen Perspektiven für das kirchliche Leben sucht. Auch in dem zahlenmäßig starken polnischen Episkopat gibt es herausragende Gestalten wie Erzbischof Muszy nski von Gnesen oder Erzbischof Nossol von Oppeln, die sensibel für die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft sind und aufmerksam nach der künftigen Rolle der Kirche fragen. In anderen Ländern wie etwa der Slowakei haben es die nach vorne blickenden Bischöfe nicht leicht, weil die Kirche insgesamt stark auf Restituierung des früheren Besitzstandes fixiert ist. In der Ukraine wiederum, zu der wir sehr gute Kontakte haben, gehen von der Theologischen Akademie in Lemberg, einer Einrichtung der griechisch-katholischen Kirche, wichtige Impulse für die gesamte Region aus. Die Kardinalsernennung des neuen Großerzbischofs Husar ist hier ein wichtiges Signal aus Rom in Richtung eines kirchlichen Aufbruchs.

HK: In den Jahrzehnten des Kommunismus war theologische Forschung und Lehre nur unter erheblichen Einschränkungen möglich. Welchen Beitrag leistet Theologie in Mittel- und Osteuropa heute zum kirchlichen Neuaufbau? Gibt es so etwas wie eine in den nachkommunistischen Gesellschaften inkulturierte Theologie?

Zulehner: Entsprechende Überlegungen sind durchaus im Gange. Ich denke hier an meinen Kollegen András Máté-Tóth aus Ungarn oder auch an Tomás Halík aus Tschechien. Sie stellen ausdrücklich die Frage, wie sich nach dem erlebten und erlittenen Kommunismus eine theologische Reflexion in einer Art „Theologie nach dem GULAG“ in Gang setzen lässt, die nicht nur den postkommunistischen Kirchen nützt, sondern möglicherweise auch einen Beitrag zur Entwicklung der Theologie in der Weltkirche darstellt. Vielleicht muss ja der Westen theologisch auch in die Schule des Ostens gehen.

„Es braucht ein neues Selbstbewusstsein von Männern und Frauen als Laienchristen“

HK: Aber es gab und gibt doch auch manche Vorbehalte im Osten gegenüber der „westlichen“ Theologie, vor der man den eigenen theologischen Nachwuchs möglichst fernhalten möchte ...

Zulehner: Eine gewisse Skepsis des Ostens im Blick auf die westliche Theologie ist durchaus nachvollziehbar. Für Menschen, die aus dem Herzen der Kirchen in Ost- und Mitteleuropa kommen und schon um des Überlebenswillen eine beeindruckende Grundloyalität sowohl mit Rom wie mit ihrer eigenen Kirche entwickelt haben, ist die westliche Kirchenkritik mit ihren Reizthemen schwer verständlich. Deshalb kann ich verstehen, wenn manche Bischöfe meinen, der Kontakt mit der westlichen Theologie wäre für ihre Leute ein zu großer Kulturschock. Aber sie sollten sich auch darüber im Klaren sein, dass sie und ihre Kirchen morgen Teil des einen Europas sein werden, dass ökonomisch und medial die gleichen Gestaltungskräfte in ihren Ländern wirksam sind wie im Westen. Dann darf es aber keine Kirchenpolitik des Glassturzes geben; man müsste in den Reformstaaten vielmehr darauf setzen, dass man aus den eigenen Erfahrungen und Stärken heraus das eine Europa kulturell und religiös konstruktiv mitgestalten kann. Abschottung ist letztlich ein Zeichen dafür, dass man der eigenen Stärke nicht sicher ist.

HK: Aber worin liegt denn letztlich die Stärke von Christsein und Kirche in den postkommunistischen Ländern? Ist sie mehr als ein vielbeschworener Mythos?

Zulehner: Bei denjenigen, die heute in diesen Ländern bekennende Christen sind, hat sich ein intensiver Läuterungsprozess vollzogen. Wenn jemand unter so massivem gesellschaftlichem Druck gläubig geblieben ist, dann hat dieses Christsein Substanz. Es hat sich gezeigt, dass das Evangelium auch in wichtigsten Verhältnissen nicht tot zu bringen ist. Diese Entschlossenheit und Entschiedenheit, die gar nicht hochtheologisch durchreflektiert werden muss, bedeutet für die Kirche auch in Zukunft ein enormes Kapital. Man könnte sich auch im Westen eine größere Zahl solcher Menschen wünschen, obwohl ich den Eindruck habe, dass sich auch bei uns immer stärker die Spreu vom Weizen scheidet. Schließlich stellt sich auch in westlichen Gesellschaften den Menschen zunehmend die Alternative, sich entweder selbst für den Glauben zu entscheiden oder ihn immer mehr verdunsten zu lassen.

HK: Wird denn die Glaubenskraft und die eigenständige Verantwortung der „normalen“ Laienchristen in der Kirche der postkommunistischen Länder überhaupt schon genügend anerkannt? Vielfach sind diese Kirchen doch nach wie vor in ganz hohem Maß auf die Priester zentriert, sind sie viel klerikaler als die Kirche im Westen...

Zulehner: Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern. Wahrscheinlich hängt der Klerikalismus in Ost- und Mitteleuropa auch mit der obrigkeitlichen Struktur der kommunistischen Herrschaft zusammen. Die ihrerseits obrigkeitlich verfasste katholische Kirche war insofern systemaffin und gerade kein Störfaktor. Auch in der Kirche hat sich der Typ des „homo sovieticus“ ausgebreitet, des Menschen, der lieber vor sich hinprivatisiert als sich unter Inkaufnahme von Nachteilen irgendwo zu engagieren. Heute müsste in diesen Ländern ein neues Selbstbewusstsein von Frauen und Männern als Laienchristen wachsen. Gleichzeitig bräuchte es eine neue Art von Amtsträgern, die ihr Amt zwar sehr gezielt ausüben, aber auch ein hohes Maß an kollegialer und synodaler Amtskultur ausbilden. Es muss eben beides zusammenspielen: Laien, die willens sind, Kirche zu sein, und ein Amt, das diese theologisch aufgewertete Laienschaft auch viel stärker in Pflicht nimmt. Wenn sich nur eine Seite ändert, wäre das für die Zukunft der Kirche fatal.

HK: Wäre es denn notwendig und wünschenswert, dass sich in den Reformländern ein eigenständiger Laienkatholizismus nach westeuropäischem, nicht zuletzt deutschem Vorbild entwickelt?

Zulehner: Hier kommt es auf die kluge Balance zwischen ei

ner Art Kolonialisierung Osteuropas durch die westlichen Kirchenerfahrungen einerseits und der Einsicht andererseits an, dass auch die Kirchen Ost- und Mitteleuropas in Zukunft ohne einen gewissen Organisationsgrad der Laien nicht auskommen werden. Es braucht dabei sowohl die Mitarbeit von Laien in kirchlichen Beratungsgremien wie Pfarrgemeinderäten oder Diözesanräten wie die Vernetzung von Frauen und Männern als Reaktion auf gesellschaftliche Herausforderungen. Aus solchen Anlässen sind bei uns früher einmal die Verbände entstanden. Gerade deshalb sollte man aber nicht Organisationsmuster, die aus anderen historischen Erfahrungen erwachsen sind, auf das Mittel- und Osteuropa von heute übertragen, sondern nach den Themen und Anlässen fragen, um die herum sich Laien in diesen Ländern jetzt organisieren müssten. Personelle oder finanzielle Hilfe aus dem Westen für einen solchen Prozess der Selbstorganisation wäre dann durchaus angebraucht.

HK: In den Kirchen der postkommunistischen Länder haben vielerorts auch die verschiedenen „Geistlichen Bewegungen“ Fuß gefasst, die ja meist im Westen, vor allem in den romanischen Ländern entstanden sind. Ist das nicht auch eine Form der Kolonialisierung?

Zulehner: Spirituelle Bewegungen haben wie Ordensgemeinschaften die innere Dynamik, sich auszuweiten. Deshalb sollte man niemandem zum Vorwurf machen, dass er missionarisch tätig ist. Die Kernfrage lautet natürlich auch für geistliche Bewegungen, ob sie sensibel genug sind, die Situation der Christen nach vierzig Jahren Kommunismus, ihre gesellschaftliche und kulturelle Prägung zu akzeptieren. Wenn das gewährleistet ist, spricht nichts dagegen dass solche Bewegungen auch in den postkommunistischen Ländern für ihre Sache werben. Wenn sich Frauen und Männer in Freiheit ihnen anschließen möchten, ist das für sie eine legitime Option gelebten Christseins. Es gehört im übrigen zur Weite des Katholizismus, nicht schon dort skeptisch zu reagieren, wo jemand andere spirituelle Wege einschlägt als ich selbst.

HK: Bei der ersten Europasynode Ende 1991 war viel von der Überwindung des Kommunismus in Europa als Chance für die neue Evangelisierung des Alten Kontinents die Rede. Wie evangelisiert und missionarisch ist denn zehn Jahre danach die Kirche in den Reformländern wirklich?

Zulehner: Auch für die Kirchen Ost- und Mitteleuropas war nach dem Kommunismus eine Phase der Selbstbesinnung und Konsolidierung notwendig. Es standen einfach auch organisatorische Probleme an, die viele Kräfte gebunden haben oder noch binden. Manche Verantwortliche in diesen Kirchen sind, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, selber ungeduldig, weil sie nach wie vor mit so vielen nebensächlichen und zweitrangigen Dingen beschäftigt sind, während das Erstrangige so einfach nicht zu bewerkstelligen ist. Teilweise ist auch eine gewisse Ernüchterung eingetreten: Die Kirche musste lernen, dass man nach dem Auszug aus Ägypten nicht gleich ins gelobte Land einziehen kann. Erst nach dem Aussterben von vielleicht drei Generationen, die vom Kommunismus zutiefst geschädigt wurden, – also nach vierzig Jahren läuternder Wüstenwanderung – kann eigentlich das sichtbar eingelöst werden, was untergründig als religiöser Hunger vorhanden ist. Unsere Untersuchungen zeigen ja, dass sich die ost- und mitteleuropäischen Gesellschaften in den letzten zehn Jahren durchweg religiös erholt haben, und auch in den nächsten zehn Jahren wird es Erholungsprozesse geben. Es ziehen jetzt schon in Osteuropa mehr Menschen in die Kirchen gläubig ein als aus ihnen ausziehen; in Westeuropa ist es umgekehrt.

„Europa kann es nicht ohne eine starke Orthodoxie geben“

HK: Das ist um so bemerkenswerter, als doch durch das Ende des kommunistischen Systems die Kirchen manche Funktionen etwa als Sammelbecken der politischen Opposition eingebüßt haben. Kann sich Kirche ohne solche Sekundärmotivationen in der Freiheit behaupten und anziehend sein?

Zulehner: Wenn die Leute, für die die Kirche unter dem Kommunismus ein Ort der Freiheit war, jetzt wegziehen, könnte ein wenig freiheitliches Bild von Kirche übrigbleiben. Das wäre ausgesprochen fatal. Unsere Studie zeigt, dass bei der Frage nach Freiheitlichkeit oder Ordnungsorientierung die Kirchen Mittel- und Osteuropas derzeit genauso polarisiert sind wie die westlichen. Also ist die Entwicklung offen, wobei man vor allem auf den weiteren Weg der Kirche in Polen gespannt sein kann: Möglicherweise entwickelt sich wegen des intellektuellen Reichtums, den sich die polnische Kirche mit ihrem relativ großen Freiraum unter dem Kommunismus erhalten konnte, dort aus dieser fruchtbaren Spannung eine Dynamik ähnlich der in Westeuropa nach dem Zweiten Vatikanum.

HK: Die katholische Kirche ist zwar vielerorts im postkommunistischen Europa Mehrheitskirche, aber sie ist nicht allein, sondern hat neben sich vor allem die orthodoxen, aber auch die reformatorischen Kirchen. Im ökumenischen Miteinander hat man offenbar immer noch viel nachzuholen. Wie ist Ihre Prognose?

Zulehner: Es wird sich in Osteuropa eine sehr handfeste Form des ökumenischen Miteinanders zum Vorteil der gesamten Weltkirche entwickeln müssen. Schließlich ist das Nebeneinander von Katholizismus der lateinischen und byzantinischen Spielart, Orthodoxie und Protestantismus in dieser Region ein Ernstfall der Ökumene, der uns in den nächsten Jahren sehr viel an Anstrengung aufgeben wird. Osteuropa lehrt uns sehr deutlich, dass es Europa nicht ohne eine starke Orthodoxie geben kann, was wir bei unserer ökumenischen Konzentration auf die protestantischen Kirchen leicht vergessen. Deshalb ist es zum Beispiel ungemein wichtig, wie die Entwicklung in der Ukraine mit ihren drei orthodoxen Kirchen, ihrer griechisch-katholischen und „lateinischen“, stark polnisch geprägten Kirche weitergeht.

HK: Und wie ökumenisch offen ist denn heute die katholische Kirche in den postkommunistischen Ländern?

Zulehner: Auf diesem Feld müssen noch sehr viele Erfahrungen gesammelt werden. Im Kommunismus gab es ja kaum ernsthafte Kontakte zwischen den Kirchen, es sei denn, man war gemeinsam verfolgt. Es ist verständlich, dass sich jede Kirche, auch die katholische, nach dem Kommunismus zunächst um ihre eigene Klientel kümmert. Wo eine Kirche schwach ist, entsteht leicht die Angst, von der stärkeren übervorteilt zu werden. Das ist eine ausgesprochen sensible Angelegenheit. Deshalb hat wohl Kardinal König recht, der einmal gesagt hat, man müsse die Orthodoxie zur Zeit eher dabei unterstützen, ihre eigenen Mitglieder zu evangelisieren als sie durch einen international agierenden Katholizismus in ihrer Schwäche zu bedrängen.

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