Christen im Irak Saddam HusseinsZwischen Toleranz und Terror

Nach Krisen und Eskalationen, internationaler Ächtung und dem gescheiterten Besuchswunsch Johannes Pauls II. leidet der Irak mehr denn je unter dem Embargo der Vereinten Nationen. Diese Situation bekommen auch die christlichen Minderheiten zu spüren, ein Ausweg aus der heiklen Lage ist kaum in Sicht. „Quo vadis Irak?“ ist für den Ölstaat die derzeit drängendste Frage.

In der einstigen Perle Mesopotamiens zwischen Euphrat und Tigris wirken sich politische Veränderungen oft unbeachtet auf die christlichen Konfessionen aus. Experten schätzen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch 35 Prozent Christen im Gebiet des heutigen Irak lebten, jetzt sind es gerade einmal vier Prozent. Seit die Engländer nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs die Grundzüge für eine mehrere Jahrzehnte andauernde arabisch-islamische Monarchie schufen und ein anglo-irakisches Bündnis vom 30. Juni 1930 die Unabhängigkeit mit enger Rückbindung an London einleitete, stand Großbritannien den ethnischen Auseinandersetzungen im Irak hilflos und meist desinteressiert gegenüber. Durch die Osmanen war die assyrische – also christliche – Bevölkerung bereits im 19. Jahrhundert Massakern ausgesetzt, viele flüchteten in benachbarte Gegenden. Die Forderung nach dem Ersten Weltkrieg nach Schaffung eines unabhängigen assyrischen Staats auf einem grenzübergreifenden Territorium zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei wurde unter anderem auf Druck der kurdischen Bevölkerung nicht umgesetzt. Die Spannungen gingen auf andere christliche Konfessionen über, so dass zum Beispiel der chaldäische Patriarch die separatistischen Tendenzen der Assyrer verurteilte und deshalb von staatlichen Vergeltungsmaßnahmen ausgeschlossen war. Nach dem Ende des britischen Mandats (3. Oktober 1932) eskalierte die Lage im Sommer 1933, als Assyrer von irakischem Gebiet nach Syrien auswandern wollten. Die Armee richtete zusammen mit Kurden ein weiteres Massaker an; der assyrische Katholikos ging wie alle seine Nachfolger ins Exil.

Erst politische Labilität, dann die Herrschaft Saddams

Der politische Zustand blieb labil; nach mehreren Staatsstreichen setzten britische Truppen am 31. Mai 1941 den minderjährigen Faisal II. als König ein. Noch während die Regierung als Antwort auf ein syrisch-ägyptisches Staatenbündnis am 14. Februar 1958 die Ausrufung der Arabischen Föderation Jordanien-Irak vornahm, fand Faisal bei einem Putsch am 14. Juli desselben Jahres den Tod. Der Irak wurde zur Republik proklamiert und das Ende der Vereinigung mit Jordanien besiegelt. Rivalisierende Kämpfe in der irakischen Führung prägten die folgenden Jahre, denen 1963 und 1968 weitere Putsche folgten, die am 17. Juli 1968 General Ahmed Hasan al-Bakr an die Macht brachten und für eine vorübergehende Stabilität sorgten. Allerdings gab es innenpolitisch bereits seit den sechziger Jahren eine Bedrohung durch den Kurdenaufstand: Im März 1961 begann die Revolte unter Mustafa Barsani, der damals einen unabhängigen Kurdenstaat proklamierte. Ein blutiger Guerillakrieg dauert bis zur Gegenwart, obwohl den Kurden am 11. März 1970 in einem Abkommen Autonomie und Beteiligung an der Regierung zuerkannt wurden. Die Umsetzung erfolgt nur schleppend; das Autonomiestatut vom 11. März 1974 wird auch heute von der kurdischen Bevölkerung als unzureichend abgelehnt, so dass die innenpolitischen Unruhen mit ihren Auswirkungen auf die Südosttürkei und Syrien noch immer andauern. In dieser unsicheren Situation sah sich die Regierung gezwungen, das Land in einem „Nationalen Pakt“ vom 15. November 1971 zu einem „volksdemokratisch-sozialistischen“ Einheitsstaat umzuwandeln, in dem die sozialistische Baath-Partei ihren bis heute gesicherten Führungsanspruch signalisierte.

Das spannungsgeladene Verhältnis zum schiitischen Nachbarn Iran, unterkühlte Beziehungen zu Syrien und der Sowjetunion, das Scheitern der Kurdistanverhandlungen und weitere militärische Konfrontationen gefährdeten den Irak an verschiedenen Fronten. Jetzt setzte das Land auf Ministerpräsident Saddam Hussein, zu dessen Gunsten am 16. Juli 1979 Staatspräsident al-Bakr zurücktrat. Aber genau das Gegenteil trat ein: Saddam führte den Irak bis heute an den Rand des Ruins. Wenige Tage nach dem „Amtswechsel“ konnte eine Verschwörung aufgedeckt werden, die erste Hinrichtungswellen zur Folge hatte. Bald darauf wurde der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Iran angeordnet, von wo die aus Teheran operierende überwiegend schiitische Opposition mit Anschlägen das sunnitische Baath-System zu schwächen versuchte. Iraks Vizepräsident, der chaldäische Christ Tarek Aziz, entging am 1. April 1980 einem Attentat in Bagdad. Um unter anderem von der innenpolitischen Eskalation abzulenken, konzentrierte sich Saddam auf Attacken gegen den Iran. Mit dem Überfall auf die iranische Provinz Khuzestan am 23. September 1980 löste der Irak den ersten Golfkrieg aus, der durch einen von den Vereinten Nationen ausgehandelten Waffenstillstand vom 8. August 1988 endete. Der Diktator sah sich gezwungen, neben dem inneren Ordnungsanspruch sein außenpolitisches Auftreten zu untermauern. Zwar hatte er die Etablierung eines Mullahregimes nach iranischem Vorbild verhindern können und genoss während des Kriegs die Sympathien zahlreicher arabischer Staaten, die in der rasant wachsenden schiitischen Macht eine Gefährdung des religiösgesellschaftlichen Gleichgewichts sahen. Dennoch musste Saddam fast zehn Jahre nach dem Ende der Gefechte mit dem Iran auch die Kontakte zum politischen Gegner überdenken. Noch ist es zu früh, hier von einem Tauwetter zu sprechen, wohl aber war die Begegnung der Außenminister beider Länder im Januar 1998 in Teheran ein erster Ansatz. Während das Konfrontationspotenzial Iran für Saddam verblasste, konzentrierte er sich stärker als zuvor auf die propagandistische Agitation gegen Israel und seine Verbündeten. Amerika wuchs gemäß iranischem Vorbild zum neuen Erzfeind. Am 1. August 1990 marschierte Saddam in Kuweit ein. Zur Begründung griff er auf die historische Reminiszenz zurück, dass Kuweit zur Zeit der Osmanen als Bezirk unter türkischer Oberhoheit gestanden habe und deshalb heute zum Irak zu zählen sei, obwohl das Emirat faktisch seit 1913 autonom ist.

Der zweite Golfkrieg sorgte für eine Neuordnung der Friedenssuche in Nahost, mit der ein Ende des Ost-West-Denkens in Blöcken einherging, so dass der Weg zu Verhandlungen zwischen der israelischen Regierung und den Palästinensern geebnet werden konnte. Das Embargo der Vereinten Nationen und die marode Kriegsmaschinerie des Irak sowie die erneute politische Provokation und militärische Eskalation 1998 und 1999 sind Zeugnisse dafür, wie differenziert die Staatenwelt jetzt dem Irak begegnet. Längst gibt es nicht mehr die einhellige Meinung, dass ein Militärschlag gegen Saddam wie Anfang der neunziger Jahre gerechtfertigt sei. In diesem Zusammenhang hat sich insbesondere der Vatikan gegen weitere militärische Aktionen gewandt. Das Ende des Embargos wurde von Johannes Paul II. ebenso gefordert wie der ungehinderte Zugang in das Land und ein Ende der gravierenden Menschenrechtsverletzungen: In den Nahostländern führen Bagdad und Teheran die Liste der Vergehen mit traurigen Rekorden an. Menschenrechtsorganisationen kommen kaum bei der Registrierung aller Fälle von Verschwundenen nach. 200000 Menschen in den letzten zehn Jahren erscheinen Beobachtern vor Ort realistisch. Neben den Diskriminierungen, militärischen Übergriffen im Norden und im schiitischen Süden sowie leichter und harter Folter steht das Brechen von Personen, indem Geständnisse von Familienangehörigen mit grausamen Methoden erpresst werden, auf der Tagesordnung. Der Irak ist seit seiner laizistischen Verfassung von 1958 auf Ausgleich der Religionsgemeinschaften bedacht, dabei wird der Islam als Erbe hervorgehoben. Nach der Revolution gab es eine vorläufige Verfassung vom 22. September 1968; die Religionsparagraphen blieben mit der seit dem 26. Juli 1970 in Kraft befindlichen und zuletzt 1995 geänderten Verfassung erhalten: Nach ihr ist der Islam zwar Staatsreligion und der Präsident muss Muslim sein, aber es herrscht offiziell Religionsfreiheit mit einer rechtlichen Gleichstellung der Christen. Innerhalb der beiden islamischen Hauptgruppen, von denen die Minderheit der 34 Prozent Sunniten gegenüber 62 Prozent Schiiten den Irak beherrscht, sind Spannungen immer wieder angeheizt worden.

Die Christen leben in relativer Freiheit

Längst lässt sich bei diesem Zahlenverhältnis nicht mehr die Gleichung der achtziger Jahre aufstellen, dass der Krieg zwischen Iran und Irak ein Kampf von Schiiten gegen Sunniten gewesen sei. Saddam kann den erstarkenden fundamentalistischen Strömungen des Islam (und zwar bei Sunniten und Schiiten zugleich) nicht mehr entgehen. Entsprechend sind bestimmte Forderungen, wie zum Beispiel eine Verschärfung des Alkoholverbots, eine strengere Einhaltung des Fastenmonats Ramadan und eine verpflichtende Feier hoher islamischer Festtage umgesetzt worden.

Die gegenwärtige Verfassung sichert den christlichen Konfessionen den Status von juristischen Personen zu. Immerhin gibt es neben Vizepräsident Aziz zwei christliche Minister in der Regierung. Trotzdem überwacht der Staat die Lehre, das Erziehungssystem und in letzter Zeit auch häufiger die Kultstätten. Weitgehend frei können hingegen die caritativen Einrichtungen arbeiten. Die relative Freiheit der christlichen Minderheit, die sich aufgrund der desolaten innenpolitischen Situation zunehmend eingeengt sieht, zeigt ein Gesetz von 1981: Damals wurde die Nationalisierung sämtlichen Kircheneigentums und die Verbeamtung des Klerus vorgeschrieben. Das Gesetz kam allerdings bis heute nicht zur Anwendung. Trotzdem häufen sich die Beschwerden über gesellschaftliche Benachteiligungen. Kirchenvertreter wie der chaldäische Erzbischof Emmanuel-Karim Delly versuchen zu beruhigen: „Es gibt keine Diskriminierung der Christen im Irak. Wir haben Religionsunterricht, die Kirche schreibt Bücher mit eigenem Inhalt und der Staat gibt Zuschüsse beim Druck.“ Die rund 650 000 Christen gehören überwiegend zu den sogenannten Chaldäern (400 000 Gläubige in neun Diözesen), die mit Rom uniert sind. Ihr Oberhaupt, Patriarch Raphael Bidawid I. scheut vor kritischen Anmerkungen gegenüber der Regierung und den USA nicht zurück. Für ihn ist es das heikle Unterfangen, durch einen soliden Kontakt zur Regierung das Freiheitspotenzial der Christen möglichst auszuschöpfen, ohne die eigene religiöse Identität zu verlieren. Als weitere Konfessionen kommen syrisch-katholische (60 000), syrischorthodoxe (40000), armenisch-orthodoxe (30000), griechisch-orthodoxe (4000), armenisch-katholische (8000) und lateinische Christen (4000) sowie 1000 Melkiten und 10000 Protestanten hinzu. Als wichtige christliche Minderheit neben den Chaldäern gelten die 90000 Assyrer, die Hauptleidtragende des Kurdenkonflikts sind und daher besondere Beachtung verdienen. Durch das Assyrer-Massaker von 1933 hatte das Oberhaupt dieser sogenannten „Apostolischen und Katholischen Kirche des Ostens“, Katholikos Patriarch Shimun Eshai XXIII. seinen Sitz offiziell nach Teheran übertragen, „temporär“ wurde er allerdings in die assyrische Diözese Morton Grove nach Chicago verlegt. Bis zu seinem Tod 1975 war die Patriarchatswürde in Erbfolge vergeben worden, 1976 wurde Dinkha IV. erstmals durch Wahl berufen. Insgesamt befindet sich etwa die Hälfte des irakischen assyrischen Klerus im Ausland, zwei Bischöfe leben in Bagdad. Zur politisch problematischen Situation für die Assyrer kommt eine innere Spaltung. 1968 kam es zum Schisma, bei dem die „Alte Apostolische und Katholische Kirche des Ostens“ entstand. Seit 1972 residiert ihr Oberhaupt Katholikos Patriarch Addai II., von fünf Bischöfen gewählt, in Bagdad. Trotz dieser Schwierigkeiten gelten die ökumenischen Beziehungen im Irak als gut. Auf katholischer Seite versuchen die Konfessionen mit verschiedenen Kommissionen, die unter anderem die Bereiche Recht, Familie und Medien abdecken, ihre Arbeit zu koordinieren. Die einzige religiöse Zeitschrift, „Pensée Chrétienne“, findet über die Konfessionen hinaus Verbreitung. Wesentliche Impulse erfuhr das ökumenische Gespräch zwischen Chaldäern und assyrisch-orthodoxen Christen, als Katholikos Dinkha IV. und Johannes Paul II. am 11. November 1994 eine gemeinsame christologische Erklärung unterzeichneten. Patriarch Bidawid ist fest überzeugt: „Die Ökumene lässt uns zusammenwachsen. Im Irak leben wir sie als sichtbares Zeugnis.“

Die Lebensumstände bieten keine Perspektiven

Die Kurdenfrage wird den Irak mit seinen christlichen Minderheiten auch dann noch bewegen, wenn das Embargo längst aufgehoben sein sollte. Dann liegt es in der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, den Diktator zu mahnen, die brutalen Verfolgungen eines Volkes, das in Bagdad als staatsfeindliches Gebilde gesehen wird, zu unterbinden. 19 Prozent der Bevölkerung des Irak zählen zu den Kurden, die trotz zahlreicher interner Konflikte um ein nationales Gemeinsamkeitsgefühl bemüht sind. 1992 wurde nördlich des 36. Breitengrades ein „kurdischer Bundesstaat“ ausgerufen. Die Führung des Irak erkennt ihn zwar nicht an, wohl aber ist dem Gebiet der Status einer „autonomen Region“ mit eigener, eng an Bagdad gebundener Regierung zugesprochen worden. Trotz der Flugverbotszone sind hier die schwersten Verfolgungen des Saddam-Regimes zu verzeichnen. Die Kurden gelten nicht nur als politische beziehungsweise ethnische Gefahr, sie siedeln auch ausgerechnet in jenem Gebiet, wo die größten Erdölressourcen des Golfstaats liegen.

Neben Repressalien gegen assyrische Christen macht der Kurdenkonflikt auch vor der chaldäischen Kirche nicht halt. Bis 1950 war der Patriarchatssitz in Mossul, wurde dann aber als Konsequenz der instabilen Lage in der Region nach Bagdad verlegt. Mit diesem Schritt ging eine starke Landflucht der christlichen Bevölkerung aus kurdischem Gebiet in die großen Städte einher, die der 1958 inthronisierte Patriarch Paul II. Cheikho in seiner 30-jährigen Amtszeit meistern musste. Die wachsende Spannung führte seit 1961 zur Zerstörung zahlreicher christlicher Dörfer; die Revolution von 1968 heizte den Konflikt an, weil die neue Regierung zu regelrechten Christenverfolgungen aufrief. Die Fluchtbewegungen nach Syrien endeten im Chaos, denn auch dort hatte sich der radikale Flügel der Baath-Partei durchgesetzt und sorgte für heftige Pogrome, die erst mit der Machtübernahme Hafiz al-Assads 1970 ein Ende fanden. Die Kurdenproblematik blieb aber auch in der Folgezeit virulent: In den siebziger und achtziger Jahren wurden mehr als 70 Kirchen im Nordirak zerstört. Nach dem ersten Golfkrieg hatten die Christen auf einen Wandel des Saddam-Regimes gehofft. Als Patriarch Cheikho am 13. April 1989 verstarb und sein Nachfolger Bidawid I. am 21. Mai desselben Jahres gewählt wurde, empfing Saddam Hussein das neue Kirchenoberhaupt wenige Wochen später. Bidawid hob dabei den Wunsch nach einer Wiederaufnahme freundschaftlicher Beziehungen zwischen Staat und Kirche hervor. Dieser Wunsch wurde zwar realisiert, aber die Niederlage im Kuweitkrieg sorgte innenpolitisch seit 1991 für eine weitere Eskalation des Kurdenkonflikts. Die Polizei geht im Norden des Landes hart gegen Kurden und christliche Minderheiten vor. Mittlerweile stellt sich die Situation daher für die irakischen Christen im kurdischen Gebiet nicht anders dar als für die Christen auf kurdischem Terrain in der Südosttürkei. Dieser Zustand hat zu einem schleichenden und stetig wachsenden Christenexodus in den vergangenen Jahren geführt. Die Zahlen über diese infitah genannte Emigration gehen weit auseinander: Seit Beginn der neunziger Jahre sprechen einige von einer viertel Million Menschen; die Zahl von 150 000 Christen scheint realistischer, nicht gerechnet jene politischen Oppositionelle, die dem Islam angehören und den Irak ebenfalls – meist über die Türkei – verlassen haben. Die legale Ausreise kostet rund 450 Mark, Devisen dürfen nicht mehr als im Wert von 100 Mark mitgeführt werden, bestimmte Berufsstände wie Ärzte und Ingenieure haben – ob Christen oder nicht – Ausreiseverbot. Als intellektuelle Schicht kann der Irak auf die christliche Minderheit kaum verzichten. Die Lebensumstände sind jedoch so gravierend und perspektivlos zugleich, dass vielen keine andere Chance als die Flucht bleibt, verbunden mit der übertriebenen Illusion eines besseren Lebens im Ausland.

Wird das Embargo aufgehoben, um dem Land neue Hoffnungen zu geben und gleichzeitig die christliche Präsenz zu sichern? Unter den Staatschefs der Welt hat sich dazu Johannes Paul II. am dezidiertesten geäußert. Mehrfach betonte er, dass ein Embargo unmoralisch sei und die „Leiden des irakischen Volks niemanden gleichgültig lassen können“. Militärschläge gegen Bagdad lehnt der Papst ebenso ab, wie er die ungehinderte Arbeit kirchlicher Caritas immer wieder einfordert. Vertreter christlicher Kirchen im Irak schildern die Situation ihres Volkes in dramatischen, aber realistischen Worten. Der bisherige lateinische Erzbischof von Bagdad, Paul Dahdah, spricht von einer verzweifelten Lage für die Bevölkerung: „Ein Land hochverschuldet und mit einer galoppierenden Inflationsrate, das sind wir. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind eine stete Zunahme der Arbeitslosigkeit, von Armut und Krankheit“, lautet seine nüchterne Bestandsaufnahme. Patriarch Bidawid bemerkt: „Angesichts dieses Leidens dürfen wir und darf die Welt nicht schweigen. Helft uns im Irak und vergesst Eure Schwestern und Brüder nicht!“

Ein solches Zeichen des Nicht-Vergessens wäre die nach einem diplomatischen Tauziehen gescheiterte Reise Johannes Pauls II. in den Irak gewesen. In einem Schreiben vom 29. Juni 1999 hatte der Papst die Vision einer umfassenden Pilgerreise zu den Stätten, die mit der Heilsgeschichte verbunden sind, entworfen. Dort äußerte er seinen Wunsch, zum Heiligen Jahr 2000 die Heimat Abrahams, Ur in Chaldäa, aus rein religiösen Motiven zu besuchen. Das Feld wurde von Bidawid sondiert, der den Papst am 14. Mai 1999 mit einer Delegation hochrangiger sunnitischer und schiitischer Muslime sowie Mitgliedern des irakischen Religionsministeriums aufsuchte. Zunächst äußerten die USA und Großbritannien Vorbehalte gegen die Reise, der Vatikan blieb aber konsequent, so dass im Hintergrund die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright und der für die Außenbeziehungen des vatikanischen Staatssekretariats zuständige Kurienerzbischof Jean-Louis Tauran verhandelten. Die irakische Seite wurde zunehmend unsicher, welchen politischen Nutzen sie aus der Reise ziehen könnte. Am 29. September veröffentlichten vier irakische Intellektuelle in der staatlichen Nachrichtenagentur INA einen ohne Zweifel von der Regierung Saddams bestellten Brief, in dem klare politische Zielsetzungen einer solchen Visite gefordert wurden: „Der Papst weiß um die andauernden Zerstörungen, die noch immer durch die amerikanisch-zionistische Aggression entstehen. Er weiß um die vielen Kinder, Alten und Frauen, die durch das Embargo ums Leben gekommen sind. Welche Absicht kann der Besuch haben, wenn er an deren Leid, Hunger und Krankheit vorbeigeht? Oder ist das vielleicht nicht wichtig, weil der Besuch rein religiöser Natur ist? Wenn nicht die Religion für das Leben der Menschen eintritt, wem wird es dann noch gelingen? Unser arabisches und muslimisches Volk ist überzeugt, wenn der Besuch des Papstes das nicht berücksichtigt, wird er die geschichtlichen Tatsachen und den Glauben übergehen.“

Wer könnte Saddam Hussein nachfolgen?

Der Brief verfehlte seine Wirkung im Vatikan nicht; das zunächst ins Auge gefasste Reisedatum Anfang Dezember 1999 wurde inoffiziell auf die letzte Januarwoche 2000 verschoben. Der verantwortliche Planer Roberto Tucci reiste Mitte November mit einem vom Papst eigens ernannten Sondernuntius, Erzbischof Carlo Maria Vigano, nach Bagdad, um noch einmal das Terrain zu erkunden. Das Scheitern war absehbar, da die Delegation mit Hinweis auf Bauarbeiten nicht nach Ur vorgelassen wurde. In einer knappen Mitteilung an das Staatssekretariat am 10. Dezember 1999 ließ die irakische Führung den Vatikan wissen, dass aufgrund der „anormalen Situation mit Blick auf das Embargo der Vereinten Nationen und der Flugverbotszone“ ein Besuch der Stadt Ur nicht organisiert werden könne. Zwei Monate später brachten Regierungskreise aus Bagdad im Umfeld der Heilig-Land-Reise des Papstes als weitere Begründung in Umlauf, dass man mit Sorge der „Judaisierung der katholischen Kirche“ und ihrer Haltung gegenüber Israel entgegengesehen habe. Als Beispiele wurden unter anderem die Shoa-Erklärung und das päpstliche „Mea culpa“ genannt. Trotzdem zeichnete sich weitere Dialogbereitschaft zu politischen Gesprächen auf beiden Seiten ab: Am 9. Juni 2000 besuchte Bagdads Parlamentspräsident Saadoun Hammadi den Vatikan und erörterte die Auswirkungen der UN-Sanktionen. Johannes Paul II. griff das Thema wenige Tage später auf, als die chaldäische Kirche ihre Synode vom 12. bis 16. Juni in Rom durchführte: „Zu wiederholten Anlässen hatte ich Gelegenheit, die internationale Gemeinschaft an ihre Pflicht zu erinnern, diesem bereits heimgesuchten Volk neue Prüfungen zu ersparen. Heute wiederhole ich es mit noch stärkerem Nachdruck: Es sollen sich alle dafür einsetzen, dass die Prüfungen für so viele Opfer der Zivilbevölkerung ein Ende finden!“

Ob der Papstbesuch einen Ausweg aus der Krise dargestellt hätte, bleibt offen. Er wäre aber ein Zeichen gewesen, die Bevölkerung zu stärken, ganz gleich ob Muslime oder Christen. Patriarch Bidawid konstatierte: „Der Papst teilt mit mir diesen Traum, dass ein solcher Besuch trotzdem bald möglich werden möge.“ Während also der Pilgerweg auf den Spuren Abrahams nicht zu realisieren ist, bleiben die Rufe auf den Straßen Bagdads, „Gott schütze Saddam“, unüberhörbar, die auch im Westen nicht einfach verhallen dürfen. Vor weiteren ausländischen Militärschlägen oder der Förderung eines irakischen Revolutionskommandos für einen politischen Umsturz bleibt kritisch zu fragen: Wer kann Saddam Hussein mehr als 20 Jahre nach seiner Machtübernahme folgen? Denn auch für den Irak gilt wie für die meisten arabischen Staaten, dass grundsätzlich keine potenziellen Nachfolger aufgebaut werden. Der verstorbene König Hussein von Jordanien hat das gezeigt, Syriens Staatschef Hafiz al-Assad war kurz vor seinem Tod mit den politischen Fähigkeiten seines jetzt das Land führenden Sohns Baschar nicht zufrieden. Mittlerweile hat Saddam begonnen, den ältesten Sohn Udai aufzubauen, der vor Mord, Vergewaltigung und Schmuggel nicht zurückschreckt. 1996 bei einem Anschlag schwer verletzt, kandidierte er im März 2000 als Abgeordneter für das Parlament und gewann mit überragender Mehrheit. Eine neue Schreckensherrschaft unter ihm prophezeien internationale Beobachter.

Hinzu kommt die Frage, wie viel Revolution das Volk wünscht. Saddam ist es nicht gelungen, Schiiten und Sunniten, Araber und Kurden unter der Doktrin der allgegenwärtigen Baath-Partei zu integrieren. So bleiben wirtschaftliche, medizinische und versorgungstechnische Probleme im Vordergrund, ergänzt um die Schwierigkeit von einer Million Binnenflüchtlingen. Saddam wird wohl auch künftig schützend seine Hand über die Christen halten: Um zu regieren, braucht er jene Minderheit, die über etwas Finanzkraft und eine gute Ausbildung verfügt. Die Christen stehen im Dilemma zwischen Patriotismus und Solidarität einerseits, dem Willen zur inneren Freiheit gegenüber einem ideologisch verwahrlosten System andererseits. Vor diesem Hintergrund entwickelt sich der Kurdenkonflikt, in den die assyrische Minderheit automatisch hineingezogen wird, derzeit noch von der Öffentlichkeit unbemerkt zu einer existenzbedrohenden Krise für den Irak.

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