Thich Nhat Hanh (1926-2022)Der Verwandler

Wir sind alle verbunden – mit dieser schlichten Wahrheit trotzte der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh Diktatoren und berührte Millionen. Eine Erinnerung.

Gehen ist Bewegung, Veränderung im Rhythmus des Atmens. Dies genau wahrzunehmen, ist das Kernstück der Lebensweisheit Thich Nhat Hanhs. Alles ist im Fluss, und dieser Fluss folgt dem immer gleichen Rhythmus des gütigen Lebens. Das gibt Gewissheit und Vertrauen, ein Lebensgefühl jenseits von Angst. Hier und jetzt das wahrnehmen, was ist. Das Verbundensein mit allem Lebendigen. Umwelt ist nicht Umwelt, sondern Mitwelt. Das Wunder des Lebendigseins, der schlichten Bewegung, der Entfaltung von Potenzialen. Keine Anstrengung, keine Verkrampfung – nur dem Rhythmus des Atmens lauschen, sich ihm hingeben, wie er kommt und geht und immer wieder kommt, ohne eigenes Zutun. Reine Gnade. Das ist erfülltes Menschsein. Das ist Glück.

Ein Seminar am Starnberger See im Jahre 1991: Wir üben gemeinsam mit den Teilnehmern die Meditation im Gehen ein. Hand in Hand, ganz ruhig und gleichmäßig, das Empfinden völliger Synchronizität in den Schritten, im Atmen, vielleicht auch im Herzschlag? Unbeschreiblich zart, wie er seine Schritte setzt und die Arme leicht schwingend bewegt. Er ist so völlig bei sich und nimmt doch jede Blume wahr, macht mich auf jedes summende Insekt aufmerksam. Und lächelt. „Wenn auch nur zwei oder drei positive Samen in unserem Bewusstsein keimen können, haben wir schon einen positiven Zustand erzeugt.“

Leben zwischen den Fronten

Dem Hass in der Welt durch Mitgefühl und Liebe begegnen, das ist nicht nur Thich Nhat Hanhs Credo, das war seine Leistung als Friedensaktivist. Inspiriert von der Gewaltfreiheit Mahatma Gandhis hat er die Friedensbewegung buddhistischer Mönche und amerikanischer Aktivisten gegen den Vietnamkrieg angeführt und viele dazu inspiriert, die Ursachen von Unwissenheit, Egozentrismus, Gewalt und Krieg zu überwinden – durch Geistestraining wie auch durch Widerstand gegen ungerechte Strukturen in der Gesellschaft. Diese hat er ebenso auf der Seite des südvietnamesischen Regimes wie auch in der kommunistischen Diktatur Nordvietnams aufgedeckt. Buddhisten und christliche Regimegegner folgten ihm. Einigen Traditionalisten galt er als „Verräter“.

An Mut fehlte es ihm nie. Er lebte mit Freunden in den Armenvierteln der alten Kaiserstadt Hué und gab eine sozialkritische Zeitung heraus, die verboten wurde. 1964 führte er verstreute buddhistische Gruppen im Widerstand zusammen. Er organisierte Proteste und Hungerstreiks gegen Diktatur, Ausbeutung und Gewalt. Martin Luther King schlug ihn später für den Friedensnobelpreis vor.

Spiritualität im „Pflaumendorf“

Thich Nhat Hanh war den Mächtigen unbequem, er musste ins Exil und konnte viele Jahre nicht in die Heimat zurück. Dafür gelang es ihm, Papst Paul VI. für sein Friedensprogramm zu gewinnen. Er lud ihn nach Vietnam ein, damit die Bombardierungen der Zivilbevölkerung zumindest während der Zeit der Präsenz des Papstes in Hanoi unterbrochen wurden. Mit seinen Gedicht-, Apohorismen- und Aufsatzbänden, übersetzt in viele Sprachen, erreichte er Millionen. Seine „Techniken der Versöhnung“ lehren, dass einseitige Parteinahme im Konfliktfall nicht weiterhilft, man müsse sowohl Opfer als auch Täter von innen heraus verstehen lernen, um Frieden stiften zu können: De-eskalation setze Vertrauen voraus, auch in noch so verzweifelten und verfahrenen Situationen. Auf Friedensmissionen in den USA traf Thich Nhat Hanh auch US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der die Eskalation des Krieges in Vietnam wesentlich mitzuverantworten hatte.

In Südfrankreich gründete er sein „Pflaumendorf“, ein Zentrum des weltweiten Dialogs und der praktischen Spiritualität. Seine Bewegung nannte er Inter-Being (Inter-Sein): Alle Lebewesen leben von der Verbindung und in Kommunion mit anderen Lebewesen. Sich dies bewusst zu machen, ist die Aufgabe, ohne die auch eine tiefgreifende ökologische Transformation nicht gelingen kann. Millionen sind von ihm inspiriert, über alle Grenzen von Nation und Religion hinweg.

Thich Nhat Hanh ist nun in die Verwandlung eingegangen. Er hat das Sich-Verwandeln lebenslang geübt und gelehrt. Wir sind einander mehrfach begegnet. Es waren Sternstunden menschlichen Verbundenseins.

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