Kirchliche Kunst im 19. JahrhundertKölnische Kunstgeschichten

Kirchliche Kunstvereine sind Kinder einer kurzen Verbindung von Liberalismus und Klerikalismus. Sie nützten die 1848 errungene Freiheit, bürgerliche Vereine zu bilden, um die Kirche zu stützen. Eingezwängt zwischen einem Ultramontanismus, der alles vom Papst und nichts vom Bischof erwartete, und einem aufkommenden Nationalismus, dem alles Nicht-Altdeutsche verdächtig war, war die kirchliche Kunst damals in einer schwierigen Lage.

Die Lichter des Richter-Fensters im Kölner Dom zieren das Titelbild der Jahresgabe: „Kunst öffnet“ (Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2021, 248 S., 24,80 €).
Die Lichter des Richter-Fensters im Kölner Dom zieren das Titelbild der Jahresgabe: „Kunst öffnet“ (Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2021, 248 S., 24,80 €).© Foto: Foto: Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte / Jennifer Rumbach

Die Jahresgabe 2021 des Vereins für christliche Kunst im Erzbistum Köln und im Bistum Aachen stellt unter dem Titel „Kunst öffnet“ 82 Sichtweisen auf zeitgenössische bildende Kunst zusammen. Der Verein, 1853 gegründet, war einer der ersten, die der Forderung des „Katholischen Vereins Deutschlands“, gegründet 1848 in Mainz, nach „Beförderung der religiösen Kunst“ nachkamen. Heute fasst der Köln-Aachener Verein seine Aufgaben weiter und hat den von ihm ausgewählten Autorinnen und Autoren keine thematischen Vorgaben gemacht. Unsere Abbildung wurde als Titelbild gewählt: farbige Lichter, die das Fenster von Gerhard Richter im Südquerschiff des Kölner Doms auf den Umgang in der Hochwand (Triforium) wirft.

Der Publizist Joachim Frank und die Lyrikerin Ulla Hahn haben für ihre Texte in dem Band das Fenster als „Türöffner“ verwendet. „Es ist kein großes Kunststück, Richters geniale Invention für den Kölner Dom zu preisen“, schreibt Joachim Frank. „Sein Fenster auf die gut 11000 Farbquadrate zu reduzieren, die eine Pixelfläche von mehr als 100 Quadratmetern ergeben“, kann in der Absicht geschehen, das Werk als bloße, geist- und seelenlose Spielerei mit dem Computer herabzusetzen. „Ein Hauch von Zeitgeist weht durch den alten muffigen Raum“, zitiert Frank den Kunstpsychologen Martin Schuster. Er erklärt: „Zeitgeist“ sei ja „ein Wort, das manche gerne zur Delegitimierung von Reformbestrebungen“ heranziehen. Frank dagegen sieht Richters Kunst im Kölner Dom „durch und durch zeitgeistig im besten Sinn des Wortes“. Ulla Hahn nennt das Fenster einen „Wegweiser in eine globale spirituelle Ökumene“.

Maß, Zahl und Gewicht

Das Maßwerk, welches die Farbquadrate überformt, zusammenfasst und hält, wird weder von Frank noch von Hahn angesprochen. Mit seinen Maßverhältnissen und der Kombination von Dreipässen und Vierpässen verweist es auf Gott, der die Welt nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet hat (vgl. Weish 11,20), auf den dreifaltigen Gott hin, der die Welt durch das Kreuz erlöst hat. Inwieweit den gotischen und neugotischen Architekten und dem zeitgenössischen Maler Maß, Dreifaltigkeit und Kreuz noch als künstlerische Formen religiöser Werte bewusst waren, ist nicht bekannt. Ihren Ursprung haben sie im religiösen Denken des 12. Jahrhunderts.

Wenn heute, wie in unserer Abbildung, die bunten Farben im Wechsel des Sonnenlichts über die gotischen Pfeiler wandern, spielen nicht nur Glas, Farben und Steine zusammen, sondern Zufall und Schöpfung. Der frühere Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner (1933–2017), hielt das Fenster für ungeeignet und brachte es mit „entarteter Kunst“ in Verbindung. Jetzt dient es als Titelbild einer Dokumentation von Kirche und Kunst. Dies zeigt, dass sich heute, wie zur Zeit Michelangelos und des heiligen Bernhard, der Streit um Kunst lohnt.

Noch ein zweites Kölner Kunstwerk wird von zwei Autoren gewürdigt, die Tragedia Civile von Jannis Kounellis (1975). Langjährige CIG-Leser kennen diese vergoldete Wand mit dem Garderobenständer davor aus Heft 5 / 2009. Unter dem Titel „Gold und Garderobe“ schreibt der Künstlerseelsorger Josef Sauerborn und unter dem Datum „16. Dezember 2018 Nachmittags“ der Leiter von Kolumba, Stefan Kraus, über einen Tanz vor der goldenen Wand, eine Performance von Kofi Kôkô und Manos Tsangaris: „Mit einem Mal war die sprachlose Weite der Transzendenz spürbar, die uns als Weltkultur mit allen Menschen und ihren Religionen verbindet“.

Von Stefan Kraus ist auf eine kleine Schrift hinzuweisen mit dem Titel „Formate bestimmen die Inhalte“. Der Titel fasst den Inhalt zusammen. Formate wie die Jahresgabe des Köln-Aachener Kunstvereins, aber auch die Talkshows von Anne Will oder dickleibige Monographien, wie die von Horst Bredekamp über Michelangelo, Lexikonartikel, Tweets und Zeitungsnachrichten bestimmen nicht nur durch ihren Umfang, ihr Publikum, ihr Umfeld das, was von der Wirklichkeit vermittelt werden kann. Das Medium ist nicht die ganze Botschaft, aber doch ein bestimmender Teil.

Albert Gerhards war bis 2017 Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Bonn und leitete mehr als zehn Jahre die Arbeitsgruppe für kirchliche Architektur und sakrale Kunst der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz, die 2000 vom damaligen Vorsitzenden Kardinal Meisner ersatzlos abgeschafft wurde. Gerhards ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zur Sakralraumpädagogik und liturgischen Ästhetik, einer der (wenigen?) katholischen Theologen, die Fragen der Ästhetik und der zeitgenössischen Kunst so ernst nehmen, wie sie es verdienen. Er schreibt über ein Werk von Herbert Falken mit dem Titel „Saul (Torso)“: „Kunst öffnet in diesem Fall eine ganze Menge an Fragehorizonten, etwa hinsichtlich ikonographischer Vorprägungen – kein frömmelnd harfenspielender David – oder hinsichtlich des Selbstverständnisses von Theologie-Treibenden, keine eindeutigen Zuweisungen von Gut und Böse, Richtig und Falsch“. Der leere Thron stellt auch die Machtausübung im Raum der Religion in Frage. Wurde es deshalb 2020 in den Räumen der Fakultät abgehängt?

Kunst und Gedenken

Thomas Erne, Theologieprofessor in Marburg und Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, einer Institution der Evangelischen Kirche in Deutschland seit 1961, die der katholischen Kirche noch immer fehlt, stellt einen Vorschlag von Andreas Horlitz (1955–2016) für ein deutsch-französisches Memorial am Hartmannsweilerkopf vor. Ungefähr 20 000 deutsche und französische Soldaten starben 1914/15 bei sinnlosen Kämpfen um diesen Gipfel in den Vogesen. Der heldenhaft patriotische Altar des Vaterlandes, den die Franzosen dort nach 1919 errichtet haben, sollte 2014 nach einem Treffen der Präsidenten François Hollande und Joachim Gauck durch ein zeitgemäßes deutsch-französisches Gedenken der Toten ergänzt werden. Der Fotograf und Glaskünstler Andreas Horlitz entwarf dafür zwei einander gegenüberstehende Platin-Spiegel, auf die je eine Fotografie, ein vergrößertes Passbild, eines französischen und eines deutschen Soldaten, beide ganz jung, gedruckt war. Der Betrachter sollte sich selbst im Spiegel zwischen den Gesichtern der jungen, hier ums Leben gebrachten Männer sehen. Die Generäle, welche die jungen Männer in diese Kämpfe getrieben hatten, kehrten nach dem Krieg zurück, verzehrten ihre Pensionen, schrieben ihre Memoiren und hetzten wie Erich Ludendorff in den nächsten Krieg. Leiden und Tod ihrer Opfer bleiben ungesühnt. Dieser Gedanke ist unerträglich. „Die Kunst kann in ihren besten Momenten ein singuläres Schicksal, das ungesühnte Leid, den unwiederbringlichen Verlust, in unser kollektives Gedenken holen … Die Fotokunst von Andreas Horlitz stiftet ein Gedenken, das diesen beiden Opfern Gerechtigkeit als Menschen widerfahren lässt, sie aus der anonymen Masse von Gefallenen heraushebt und ihnen ihr Gesicht, ihre singuläre Individualität zurückgibt … Doch eine ausgleichende Gerechtigkeit kann auch die Kunst nicht leisten. Es ist die christliche Hoffnung, dass es einen Ort und einen Raum gibt, wo Gott alle Tränen trocknen wird“.

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