Totenmonat NovemberFür immer online?

Im November erinnern wir uns an Verstorbene und denken über die eigene Sterblichkeit nach. Währenddessen arbeiten Informatiker unter Hochdruck an einem neuen Konzept fürs ewige Leben.

Im November erinnern wir uns an Verstorbene und denken über die eigene Sterblichkeit nach. Währenddessen arbeiten Informatiker unter Hochdruck an einem neuen Konzept fürs ewige Leben.

Das Internet vergisst nicht.“ Kaum ein moderner Erziehungsratgeber kommt ohne diesen Satz aus. Die Warnung richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die gelegentlich allzu Privates über Social-Media-Kanäle teilen. Doch eine wachsende Branche versucht diesen pädagogischen Merksatz positiv umzudeuten. Wenn in der digitalen Welt wirklich nichts verloren geht, sollten wir dann nicht versuchen, so viel wie möglich von uns selbst für alle Ewigkeit im Internet zu speichern, bevor unsere endlichen, materiellen Körper „den Geist aufgeben“?

Die Idee mag bizarr klingen, doch immer mehr Menschen setzen ihre Hoffnung auf diese neue Form der Unsterblichkeit. Wer seine Sprachmuster oder seine Stimme digital speichert, kann einen künstlichen Klon programmieren, der auch nach dem Tod des Originals Mails oder Sprachnachrichten an geliebte Menschen verschickt. „Da klingelt am Geburtstag das Telefon und die Stimme der verstorbenen Großmutter ist zu hören“, erklärt die Philosophin Jessica Heesen auf domradio.de. Andere bauen sich direkt einen neuen computeranimierten Körper, der mit einer Virtual-Reality-Brille sichtbar gemacht werden kann. Eine verstorbene Person kann dann zumindest digital weiterhin an ihrem Stammplatz am Esstisch sitzen und sogar Gespräche mit der Familie führen, künstliche Intelligenz macht’s möglich.

Doch ist das wirklich ein Segen für die Hinterbliebenen? „Es stellt sich die Frage, was der Avatar mit der Stimme der toten Großmutter beim Enkelkind auslöst“, gibt Heesen zu bedenken. Gerade für kleine Kinder könnte die Grenze zwischen Leben und Tod völlig verschwimmen. Das kann ungeahnte Folgen haben, immerhin gehört der Umgang mit dem Sterben und der Abschied von geliebten Menschen zu den wichtigsten Erfahrungen der Kindheit. Und was passiert, wenn die Enkel älter werden und den digitalen Zauber durchschauen? Wird jemand, der schon einmal mit einer billigen, leblosen Kopie eines geliebten Menschen abgespeist wurde, noch an das Versprechen vom Himmel und den unverwüstlichen Leib der Auferstehung glauben können?

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