Mystik im AlltagÜber sich hinauswachsen

Mystikerinnen sind erwachsen gewordene Glaubende, sie sehen sich hingerissen von der größeren Wahrheit vergebender Liebe, stehen für sie ein und gerade.

Wir in der Bundesrepublik seien politisch noch nicht erwachsen. Das jedenfalls sagen viele in Europa und auch selbstkritische Analysten hierzulande. Wir machten es wie die verwöhnten Kinder reicher Leute, die den Wohlstand genießen und ihr Ego entfalten. Und wenn Not am Mann oder an der Frau ist, lassen sie sich weiter pampern wie bisher. Im Klartext: Wir lassen uns zum Beispiel militärisch von anderen beschützen und nutzen die frei gebliebenen Ressourcen für unser eigenes Gedeihen. Wirklich auch dort etwas einzusetzen und mit anderen zu teilen, wo es weh tut, ist nicht so unsere Sache. Politisch erwachsen werden tut not. Der Schock durch den Putin-Krieg weckt uns aus dem Dornröschen-Schlaf eines allseits behüteten Lebens. Und schon vorher war ja nicht wenigen klar, dass unsere Gesellschaft äußerst ungerechte Verwerfungen zwischen Arm und Reich kennt. Aber jetzt heißt es noch viel mehr: erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Das bedeutet Solidarität, auch in Gestalt schmerzhafter Verzichte. Es zeigt sich schon in der großen Hilfsbereitschaft, wo viele über sich hinauswachsen.

Statt von „Zeitenwende“ könnte man auch von „Umkehr“ sprechen. Jedenfalls braucht es zusammen mit dem politischen und ethischen Erwachsenwerden auch das spirituelle. Leidensdruck von außen ist das eine, die inneren Quellgründe und Motive sind das andere. Geistlich erwachsen werden heißt Abschied nehmen von einem Versorgungsgott, den man zur Not mit Warum-Fragen bombardiert und der ansonsten eine wohltätige Instanz bleibt, die einem den Rücken frei hält. Gott „ist eine bequeme Formel auf dem Bücherbrett des Lebens–stets zur Hand und selten gebraucht… Werden wir aber gezwungen, uns selbst zu sehen Auge in Auge – dann erhebt er sich über uns in furchtbarer Wirklichkeit, jenseits von allem Gefühl, stärker als alles schützende Vergessen.“ So hat Dag Hammarskjöld in seiner Midlife-Crisis notiert. Sein ganzes Tagebuch dokumentiert den Prozess des spirituellen Erwachens und Erwachsenwerdens: Abschied vom Gott unserer Bedürfnisse, vom himmlischen Zauberer hin zum Mut und der Demut, „Verantwortung für Gott“ zu übernehmen – und entsprechend zu leben und zu handeln. So wächst Hammarskjöld über sich hinaus in den Raum wirklicher Gottes- und Feindesliebe. Man wird verallgemeinern dürfen: Mystikerinnen sind erwachsen gewordene Glaubende, sie sehen sich hingerissen von der größeren Wahrheit vergebender Liebe, stehen für sie ein und gerade.

Wer christlich glauben darf, verbindet dieses Geschenk mit der Person Jesu und seiner Lebensart. In ihm wird konkret, was Verantwortung für Gott heißt und also Verantwortung für die Nächsten-Fernsten. Wie ist er über sich hinausgewachsen! Diesen „Geist“ übergibt er, noch sterbend uns „zugeneigt“, an seine Gefolgsleute (Joh 19,30) – seine Lebenssumme als Geschenk und Vermächtnis. „Empfangt den Heiligen Geist“, und der wird konkret im österlichen Wunder der Vergebung (vgl. Joh 20,22). Dann gelingt es, aus sich und seinem Ego wirklich herauszutreten und gar über sich hinauszuwachsen. Vergebung hat mit Hingabe zu tun – und stets mit dem, der für alle der Geber ist, die Gabe und das Geben.

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