Biennale in Venedig eröffnetAm Brunnen mit Gott

Der „Erschöpfungsbrunnen“ des Ukrainers Pavlo Makov ist der Star der 59. Kunstbiennale, weil das Werk den Nerv der Zeit trifft. Eine spirituelle Deutung.

The Milk of Dreams“, die Milch der Träume: So lautet das Motto der Kunstbiennale in Venedig, die derzeit in der Lagunenstadt zelebriert wird. Sog-artig zieht es Besucher wie Kommentatoren vor allem zum ukrainischen Pavillon, konkret zu Pavlo Makovs „Brunnen der Erschöpfung“. Dessen 78 Bronzetrichter sind so montiert, dass sich der anfängliche Wasserstrahl hinunter durch die dreieckige Anordnung immer wieder teilt, bis von ihm schließlich kaum mehr übrig ist als ein feuchter Fleck im Sand; das Wasser versandet inmitten der Erdbegegnung. Das lässt mich fragen: Wie viel an Leben und Liebe ist allein in den letzten Monaten versandet, versickert, verdunstet? Erschöpfung ist das Gefühl unserer Gegenwart.

Ein Messias wird müde

Am Abend des 24. Februar, nur wenige Stunden nach Kriegsbeginn, war die Kuratorin Maria Lanko aus Kiew geflohen. In ihr Auto hatte sie nur ein paar persönliche Gegenstände gepackt – zu den 78 Bronzetrichtern, die einem der wichtigsten ukrainischen Künstler des Landes, Pavlo Makov, gehören. Der 63-jährige Makov und sein Kuratorenteam hatten 2021 den Zuschlag erhalten, die Ukraine bei der coronabedingt verschobenen 59. Biennale in Venedig zu vertreten. Allein die Anreise des „Brunnens der Erschöpfung“ (fountain of exhaustion, so der Titel der Arbeit) mutet wie ein wundersames Kunstwerk an.

Im Johannesevangelium setzt sich Jesus, müde geworden (erschöpft!) von seiner Wüstenwanderung, an den Rand des tiefen (nicht smalltalk-oberflächlichen!) Jakobsbrunnens, um mit der Samariterin einen Existenzdialog zu führen: „Ich bin es, ich, der mit Dir spricht.“

Wasser, das lebendig macht

Gott setzt sich – quaerens me sedisti lassus, „am Ende einer sehnsuchtsvollen Wanderung“, wie es im lateinischen Text des Dies Irae heißt – mit jedem geliebten Geschöpf an den Brunnen tiefster Lebenserfahrungen, in der todesnahen sechsten Stunde mit ihrer sengenden Hitze, um alle Schuld zu vergeben. Jede Kriegserfahrung, jedes Leid wird mit echtem Friedenstrost beantwortet, und im Herzen lässt er die Ströme lebendigen Wassers – also Gottvertrauens – fließen, die ins ewige Leben sprudeln. Gottes Schöpfgefäß für uns Erschöpfte ist des Schöpfers Sohn.

Bedarf es nicht in jedem Haus, in jeder Wohnung, in jedem Zuhause eines solchen fountain of exhaustion? Gott selbst geht im Wüstenwanderer Jesus bis an den Rand der Erschöpfung, um sein geliebtes erschöpftes Geschöpf neu zu schaffen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen.“ Auch mein persönlicher Brunnen der menschlichen Erschöpfung erfährt so täglich neu eine Wandlung in den Jakobsbrunnen der göttlichen Erquickung.

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