"Wetten, dass..."Ein Traditionswerk

13,8 Millionen Zuschauer, volle Halle: „Wetten dass…?“ funktioniert noch immer. Kann die Kirche daraus etwas lernen?

Am vergangenen Samstagabend war etwas zu erleben, was im Zeitalter der neuen sozialen Medien wie Steinzeit klingt: Familien saßen beisammen und schauten dreieinhalb Stunden lang in die Röhre. Ein über 70 Jahre alter, wie Ludwig der Zweite gekleideter, legendärer Moderator führte durch eine Show, die jahrzehntelang das Fernsehverhalten der sogenannten „Generation Golf“ geprägt hat. In meiner Jugendzeit gehörte dieses Ritual zu den ungeschriebenen Familiengesetzen: Der Samstagabend war uns heilig! Auch Familie Evers saß gemütlich beisammen, Knabbersachen und Getränke in Griffweite, die Eurovisionsmelodie ertönte – und dann hielten wir jedes Mal bis zum mitternächtlichen Ende durch.

Gottschalks katholische Wurzeln

Und wer hätte das gedacht: Es funktioniert immer noch blendend! Mit allen damals so beliebten Zutaten – Kinderwette, Hundewette, sympathischen Stars und Wettkandidaten mit Inselbegabungen – wurde dieser Novembersamstag zu einer kurzweiligen Reminiszenz an die Jahre, in denen das heimische Sofa ähnlich einheitsstiftend gewirkt hatte wie das Sofa im Studio des Katholiken Thomas Gottschalk.

Und selbst die Kirche kann dankbar sein: So wie Gottschalk immer betont hat, wie sehr ihm der Ministrantendienst für seine spätere Karriere geholfen habe, verbarg er auch jetzt in seiner mutmaßlich allerletzten Show nicht, wo seine Wurzeln liegen. Er spendete den Segen im Sinne einer Absolution für die neuen Beziehungspartner Helene Fischers und Michelle Hunzikers; er griff nach einer Klobürste – das Utensil einer der Wetten – und sprach laut das „Asperges me“, wobei er imaginär sein Publikum besprengte; und er erwähnte dankbar seine Erstkommunion.

Berater für die Kirche

In Zeiten, in denen unsere Kirche kaum gute Nachrichten hervorzubringen vermag, sollten wir uns über diese kleinen, aber fast 14 Millionen Zuschauer erreichenden Werbungen freuen – zumal es uns doch genauso geht wie „Wetten, dass...?“: Auch wir fragen uns Sonntag für Sonntag, wie ein Traditionswerk bei den Menschen von heute ankommen kann, ohne die altehrwürdigen Inhalte zu verwässern. Was Jesus uns im Jahr 2021 wohl zu sagen hätte, impliziert exakt den Spagat, um den es auch hier geht: Eine in die Jahre gekommene Kirche muss den Stiftungsinhalten verpflichtet sein, zugleich aber auch die Zeichen der Zeit erkennen, ohne dem Zeitgeist zu erliegen. Jede Predigt gleicht dieser Herkulesaufgabe: Nichts Biblisches verdünnen und gleichzeitig die Menschen dort abholen, wo sie stehen. Thomas Gottschalk sollte die deutsche Kirche diskret beraten; er hat am Samstag einen ansehnlichen Erfolg erzielt.

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