Gottesbild in den MedienGott in Serie

Du sollst dir kein Bild machen! Kaum ein Gebot wird so regelmäßig gebrochen wie dieses. Auch im Fernsehen ist Gott immer öfter zu sehen – mal als alter Mann, mal als kleines Kind und mal als überforderter Manager. Was sagt das über unser Gottesbild?

Kommen Sie mit auf einen Ausflug in die Welt der Serien? Den Anfang machen wir mit „Preacher“, einer US-amerikanischen Produktion der Jahre 2016–2019.
Kommen Sie mit auf einen Ausflug in die Welt der Serien? Den Anfang machen wir mit „Preacher“, einer US-amerikanischen Produktion der Jahre 2016–2019.© privat / Sony Pictures Television, AMC Studios, Point Grey Pictures, Original Film

Am Sonntag soll Gott in diese kleine Kirche im mittleren Westen der USA kommen. Der Prediger hat es versprochen. Deswegen sitzen sie in ihren besten Anzügen und Sonntagskleidern in den Bänken, all die Betrüger, Geschäftemacher und Ehebrecher, die kleinen und großen Sünder dieses unscheinbaren Wüstenortes. Manche sind skeptisch, manche andächtig, sie alle haben Fragen. Und tatsächlich – plötzlich flammt ein blendendes Licht auf und erfüllt den Kirchenraum mit goldenem Glanz. Über dem Altar erscheint ein Thron und darauf ein alter Mann mit weißem Bart und hellem Gewand. „Ich bin!“, donnert seine Stimme durch den Raum, so mächtig und zugleich geheimnisvoll wie der brennende Dornbusch im Buch Exodus. Schließlich fährt er ruhiger fort: „Was sind eure Fragen?“

Es ist eine Gelegenheit, wie sie sich wohl jeder Gottesdienstbesucher manchmal wünschen würde. Der allwissende Schöpfer des Universums steht Rede und Antwort, endlich kann man alles loswerden, was einen vielleicht schon seit Jahren bedrückt, zweifeln lässt. In der Welt von „Preacher“ (Prediger) scheint dieser Wunsch Wirklichkeit zu werden – auch wenn sich schnell zeigt, dass nicht jeder mit den Antworten zufrieden ist, die der alte Mann auf dem Thron gibt. In der Serie ist es dabei nicht ungewöhnlich, dass sich himmlische Mächte sehr direkt zu erkennen geben und zu Wort melden. Die Serienmacher verweben christliche Symbolik und Mythen mit typisch amerikanischem Zynismus. Die Wunder sind hier entschlüsselt, gezähmt und – oft genug – zu Geld gemacht. Die menschliche Seele ist wissenschaftlich nachweisbar und kann wie Knochenmark auf Spritzen gezogen und auf dem Schwarzmarkt zu Geld gemacht werden. Engel treten entweder in tristen Wunder-Shows in Las Vegas auf oder werden in geheimen unterirdischen Anlagen gefangen gehalten. Und der namengebende Prediger zieht zusammen mit einer Bankräuberin und einem lichtscheuen irischen Fabelwesen durchs Land, um näher zu Gott zu finden.

Als „Preacher“ 2016 im Fernsehen anlief, hatten Engel und Dämonen im amerikanischen Vorabendprogramm Hochkonjunktur. Serienschreiber bedienten sich reichlich bei christlichen Bildern und Geschichten. Doch was in den frühen 2010ern über die Bildschirme flimmerte, lief am Ende meist auf typische Action-Ware hinaus. In „The Messengers“ (Die Botschafter) muss eine Gruppe von Schutzengeln geheime Aufträge in der Welt der Sterblichen erfüllen. In „Lucifer“ schließt sich der Teufel undercover einer Polizeieinheit an und nutzt seine übernatürlichen Fähigkeiten – warum auch immer –, um Kriminelle zu fangen. Und in „Dominion“ (Herrschaft) führt der Ober-Engel Gabriel die himmlischen Heerscharen in einen Krieg gegen die Menschheit.

In „The Messengers“ (Die Botschafter) muss eine Gruppe von Schutzengeln geheime Aufträge in der Welt der Sterblichen erfüllen. In „Lucifer“ schließt sich der Teufel undercover einer Polizeieinheit an und nutzt seine übernatürlichen Fähigkeiten – warum auch immer –, um Kriminelle zu fangen. Und in „Dominion“ (Herrschaft) führt der Ober-Engel Gabriel die himmlischen Heerscharen in einen Krieg gegen die Menschheit.

Hätte es nicht einen Trend zu biblischen Stoffen gegeben, hätten die Serien von Zauberern, Vampiren oder Außerirdischen gehandelt. Die Geschichten wären gleich geblieben.

All diese Serien warben um das religiös interessierte amerikanische Publikum, lieferten aber meist doch Vorabend-Massenware. Hätte es nicht gerade einen Trend zu biblischen Stoffen gegeben, hätten die Serien eben von Zauberern, Vampiren oder Außerirdischen gehandelt. Die Geschichten wären weitgehend gleich geblieben. Und noch etwas hatten all diese Serien gemeinsam: Gott spielte nie eine entscheidende Rolle, meist tauchte er nicht mal auf. Letztendlich ging es nur um sein himmlisches Personal und was dieses in der Welt der Sterblichen anrichtete. Bei „Preacher“ liegt der Fall allerdings anders. Nicht nur ist das Religiöse untrennbar tief in die DNA der Serie eingebrannt, auch Gott wird im Lauf der Staffeln mehr und mehr zur Hauptfigur. Selbst wenn er nicht in jeder Folge auftritt, die Suche nach ihm ist über eine lange Zeit der rote Faden, der die Serie am Laufen hält. Je verrückter die Welt wird, in der sich der Prediger und seine Freunde zurechtfinden müssen, desto mehr Fragen haben sie an ihren Schöpfer. Doch der bleibt lange geheimnisvoll, unnahbar – und gefährlich. In einer Rückblende wird gezeigt, wie er in einem Tobsuchtsanfall die Dinosaurier ausgerottet hat. Keine Spur vom „lieben Gott“, den heute die meisten im Kopf haben, wenn sie beten. Dieser Gott wird wütend. Und mischt sich ein, wenn die Dinge nicht so laufen, wie es ihm passt. Doch gerade diese Unberechenbarkeit macht die Serie, bei allen Problemen, sehenswert.

In „American Gods“ (Amerikanische Götter) wird dann gleich eine ganze Reihe wütender Gottheiten auf die Welt losgelassen. In der Serie, die ein Jahr nach „Preacher“ anlief, rotten sich verschiedene altertümliche Geister und Dämonen zusammen, um den „neuen Göttern“ Kapitalismus, Technik und Medien den Kampf anzusagen. Die Schreiber bedienen sich dabei bei mythologischen Nischenreligionen: Der nordische Allvater Odin verbündet sich mit slawischen Himmelsgeistern und afrikanischen Spinnengöttern, um den alten Glaubensrichtungen zu neuem Ruhm zu verhelfen. Auf einer Reise quer durch Amerika begegnet die bunte Truppe neben vereinsamten Kobolden und Feen aber auch Wesen, die es sich in der neuen Welt bequem gemacht haben. So etwa dem antiken Schmiedegott Vulcanus, der inzwischen eine Schusswaffenfabrik leitet und die gelegentlichen Todesfälle stillschweigend als Menschenopfer verbucht.

In „American Gods“ treten heidnische Götter in der modernen Welt auf (links) – und Jesus, allerdings in dutzendfacher Ausführung (rechts, im Hintergrund).
In „American Gods“ treten heidnische Götter in der modernen Welt auf... © Starz Originals/prime video

Doch während all die kleineren Gottheiten ihre Pläne verfolgen, bleibt es um den biblischen Gott sehr still. Für die ersten Folgen ist ein geheimnisvoller islamischer Dschinn, der als unauffälliger Taxifahrer durch Amerika streift, der einzige Hinweis auf die großen monotheistischen Religionen. Möglich, dass die Serienmacher darauf verzichtet haben, den Gott von Bibel, Tora oder Koran zusammen mit Kobolden und nordischen Schicksalsgöttern gegen die modernen Götter ins Feld ziehen zu lassen, um einen Skandal zu vermeiden. Vielleicht passt es aber auch einfach nicht in die Dramaturgie der Erzählung, dass es Religionen gibt, die auch im Zeitalter von Internet und Smartphones noch weite Teile der Bevölkerung hinter sich versammeln können.

Welche Gründe auch immer es gab, den einen, zentralen „American God“ auszuklammern – die Leerstelle fällt auf. Immerhin Jesus taucht kurz auf, und das gleich doppelt und dreifach. Bei einer Party zu Ehren der Frühlingsgöttin Ostara – deren Name noch immer im Osterfest mitklingt – treibt er sich in dutzendfacher Ausführung herum. Einer ist schwarz, einer weiß, einer ein verträumter Hippie, der auf einer Blumenwiese meditiert, einer ein Freiheitskämpfer, der mexikanische Migranten ins gelobte Land USA führt. Es ist eine Darstellung, die im Kopf bleibt. Und die man sehr unterschiedlich deuten kann. Begegnet Christus jedem Menschen anders, in einer individuellen Form für eine individuelle Beziehung? Oder ist das Christentum mit all seinen Konfessionen, Unter- und Splittergruppen so zerfasert, dass es kein gemeinsames Bild von Jesus mehr geben kann? Die Serie bleibt die Antwort schuldig, auch weil sie an einem denkbar schlechten Punkt endet: Nach drei Staffeln erkennt eine der Hauptfiguren überraschend, dass er der Sohn eines Gottes ist. Er wird zu einer Art Christus-Figur und lässt sich – den Plänen seines Vaters folgend – in einer bizarren Mischung aus biblischer und altnordischer Symbolik tagelang an einen Baum hängen. In der Romanvorlage war an dieser Stelle ein längerer Dialog mit Jesus über das Wesen des Glaubens geplant. Dass es in der Serie dazu kommen wird, ist unwahrscheinlich, weil die Show nach sinkenden Einschaltquoten just an dieser zentralen Stelle bis auf Weiteres abgesetzt wurde. Ob es „American Gods“ gelingen wird, auf einem anderen Sender oder in einem anderen Format zu neuem Leben zu erwachen, steht noch in den Sternen. Nach einer zähen dritten Staffel wäre es aber auch kein großer Verlust.

Es ist eine Darstellung, die im Kopf bleibt. Und die man sehr unterschiedlich deuten kann. Begegnet Christus jedem Menschen anders, in einer individuellen Form für eine individuelle Beziehung? Oder ist das Christentum mit all seinen Konfessionen, Unter- und Splittergruppen so zerfasert, dass es kein gemeinsames Bild von Jesus mehr geben kann? Die Serie bleibt die Antwort schuldig, auch weil sie an einem denkbar schlechten Punkt endet: Nach drei Staffeln erkennt eine der Hauptfiguren überraschend, dass er der Sohn eines Gottes ist. Er wird zu einer Art Christus-Figur und lässt sich – den Plänen seines Vaters folgend – in einer bizarren Mischung aus biblischer und altnordischer Symbolik tagelang an einen Baum hängen. In der Romanvorlage war an dieser Stelle ein längerer Dialog mit Jesus über das Wesen des Glaubens geplant. Dass es in der Serie dazu kommen wird, ist unwahrscheinlich, weil die Show nach sinkenden Einschaltquoten just an dieser zentralen Stelle bis auf Weiteres abgesetzt wurde. Ob es „American Gods“ gelingen wird, auf einem anderen Sender oder in einem anderen Format zu neuem Leben zu erwachen, steht noch in den Sternen. Nach einer zähen dritten Staffel wäre es aber auch kein großer Verlust.

...  und Jesus, allerdings in dutzendfacher Ausführung. © Starz Originals/prime video

Auch „Umbrella Academy“ (Regenschirm-Akademie), das 2019 auf dem Streamingportal Netflix anlief, bedient sich recht frei der christlichen Symbolik. Alle sechs Hauptfiguren wurden unter geheimnisvollen Umständen geboren – in plötzlich auftretenden Spontanschwangerschaften rund um den Globus. Und alle diese Wunderkinder haben übersinnliche Kräfte, können die Menschen um sich herum mit wenigen Worten von sich einnehmen oder Kontakt zu Toten herstellen. Woher diese Gaben kommen, ist eines der großen Rätsel der Serie, und so wartet man als Zuschauer gespannt auf Antworten, als Klaus, eine der Hauptfiguren, in der Mitte der ersten Staffel auf Gott trifft. Die erste Überraschung: Gott, der in der Comic-Vorlage noch als grummeliger, alter Mann auf einem weißen Pferd dargestellt war, wird in der „Umbrella Academy“-Serie zu einem kleinen Mädchen auf einem Fahrrad. Möglich, das hier einfach bekannte Bilder und Sehgewohnheiten durchbrochen werden sollen, vielleicht klingt aber auch die berühmte Stelle aus dem Matthäus-Evangelium an: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (18,3).

Sobald diese Kinder-Göttin anfängt zu sprechen, wird es allerdings wieder ganz und gar unbiblisch. „Du bist ganz schön bleich – gibt’s da unten keine Sonne?“, begrüßt sie ihren Besucher. Von Allwissenheit keine Spur. Und auch mit der Allgüte scheint es nicht weit her zu sein: „Du musst wieder gehen. Um ehrlich zu sein, ich mag dich nicht besonders.“ Als Klaus nachfragt, ob Gott nicht alle Menschen lieben sollte, kommt die so gelangweilte wie niederschmetternde Antwort: „Wie kommst du denn darauf? Ich hab euch erschaffen, damit ich aussuchen kann.“

In „Umbrella Academy“ (seit 2019) erscheint Gott als radelndes Mädchen.
In „Umbrella Academy“ (seit 2019) erscheint Gott als radelndes Mädchen.© Borderline Entertainment, Dark Horse Entertainment, Universal Cable Productions

Ein so kalter, distanzierter Schöpfer ist auf seine Weise noch erschütternder als der wütende Zerstörungsgott aus „Preacher“. Aber ein Stück weit ist er typisch für die Mainstream-Produktionen der letzten Jahre. Wenn Serienmacher außerhalb von klar christlichen Serien – von denen es in Amerika auch einige gibt – ein Bild von Gott zeichnen sollen, ist er im besten Fall geheimnisvoll, oft aber einfach unnahbar. Eine wirkliche Hilfe für den Verlauf der Geschichte ist er fast nie. Und man fragt sich unwillkürlich, ob Kinder und Jugendliche religiöse Wurzeln schlagen können, wenn sie im Fernsehen einem Gott begegnen, dem sie egal sind.

In den Produktionen der letzten Jahre ist Gott fast nie eine Hilfe für den Verlauf der Geschichte. Im besten Fall ist er geheimnisvoll, oft aber einfach unnahbar.

In „Good Omens“ (Gute Omen), auch aus dem Jahr 2019, scheint sich dieser Trend fortzusetzen. Nachdem er die ersten Menschen aus dem Paradies verbannt hat, verschwindet Gott von der Bildfläche und lässt die Schlange und einen Engel allein im Garten Eden zurück. Die beiden unsterblichen Wesen beschließen, auf der Erde zu bleiben, und im Lauf der Jahrtausende entwickelt sich eine seltsame Freundschaft zwischen ihnen. Wann immer sie sich treffen, diskutieren der Engel und der Dämon, ob die Welt nach einem geheimen göttlichen Plan verläuft oder ob der Schöpfer sie schon lange aufgegeben hat. Die Lage spitzt sich zu, als plötzlich die Apokalypse bevorsteht und die beiden ungleichen Freunde merken, dass sie sich viel zu sehr an die Welt gewöhnt haben, um sie einfach untergehen zu lassen. Plötzlich stellt sich ihre alte Frage mit neuer Schärfe: Darf man sich gegen Gottes Willen auflehnen? Kann man das überhaupt – oder ist jeder Versuch, die göttlichen Pläne zu durchkreuzen, schon Teil eines größeren undurchdringlichen Plans? In der Buchvorlage klingt das so: „Das Universum ist kein großes Schachspiel zwischen dem Guten und dem Bösen, sondern eine sehr komplizierte Partie Solitär.“

Das Universum ist eine sehr komplizierte Partie Solitär, heißt es in der Buchvorlage zur Serie „Good Omens“.
Das Universum ist eine sehr komplizierte Partie Solitär, heißt es in der Buchvorlage zur Serie „Good Omens“.© BBC Studios, Narrativia, the Blank Corporation

Statt einem großen kosmischen Spiel präsentiert „Miracle Workers“ (Wundertäter) im selben Jahr eine biedere himmlische Bürokratie. Engel sitzen an überfüllten Schreibtischen und drücken monoton Knöpfe, um kleinste Veränderungen auf Erden zu bewirken und die Welt so Stück für Stück besser zu machen. Der Gott, der darüber wachen sollte, verbringt die Unendlichkeit lieber verlottert in einem Bademantel vorm Fernseher. Zwar hat er die Erde irgendwann einmal erschaffen, inzwischen scheint sie ihm aber relativ egal zu sein. Die einzigen Menschen, für die er sich interessiert, sind atheistische Comedians, denen er auf Knopfdruck biblische Plagen an den Hals schickt.

„Miracle Workers“ zeichnet ein noch düstereres Gottesbild als „Preacher“ oder „Umbrella Academy“ – dieser Gott ist nicht nur zornig oder teilnahmslos, sondern auch noch absolut inkompetent.

Ein ganzer Hofstaat an Untergebenen ist rund um die Uhr damit beschäftigt, göttliche Wutanfälle zu beruhigen, sich merkwürdige neue Schöpfungsideen anzuhören oder ihm bei alltäglichsten Aufgaben zur Hand zu gehen. Damit zeichnet die Serie ein noch düstereres Gottesbild als „Preacher“ oder „Umbrella Academy“ – dieser Gott ist nicht nur zornig und teilnahmslos, sondern auch noch absolut inkompetent.

Verlotterter Gott, dem die Welt scheinbar egal ist – „Miracle Workers“.
Verlotterter Gott, dem die Welt scheinbar egal ist – „Miracle Workers“.© Broadway Video, Allagash Industries, FX Productions, Studio T

Dabei ist diese Darstellung an keiner Stelle wirklich religionskritisch gemeint, die Serienschreiber versuchen kein theologisches Argument anzuführen, gegen das man andiskutieren könnte. Stattdessen ist die Entscheidung, den allmächtigen Schöpfer der Welt zur Witzfigur zu machen, wohl einfach dem Genre geschuldet. „Miracle Workers“ will in der ersten Hälfte der Staffel eine workplace comedy sein, eine Satire auf den täglichen Bürowahnsinn. Und die funktioniert eben am besten mit einem unfähigen Chef in der Hauptrolle. In der zweiten Hälfte kippt die Handlung dann in ein Weltuntergangsszenario. Der Bademantel-Gott hat auf ein paar falsche Knöpfe gedrückt und jetzt trudelt die Schöpfung scheinbar unaufhaltsam der Apokalypse entgegen.

In der Serie tritt Gott komödiantisch als unfähiger Büro-Chef auf.
In der Serie tritt Gott komödiantisch als unfähiger Büro-Chef auf.© Broadway Video, Allagash Industries, FX Productions, Studio T

Auch das ist auffällig: Wann immer Gott einen zentralen Platz in einer Geschichte einnimmt, scheint den Schreibern nichts anderes einzufallen als die Zerstörung der Welt. Der Prediger in „Preacher“ muss sich mit einer Grals-Sekte herumschlagen, die im Hintergrund die Fäden zieht, um endzeitliche Prophezeiungen zu erfüllen. Die Wunderkinder aus „Umbrella Academy“ erfahren direkt zu Beginn der ersten Staffel durch eine missglückte Zeitreise, dass ihnen nur noch Tage bleiben, um eine Apokalypse abzuwenden. Und in „Good Omens“ spitzt sich die Stimmung zwischen dem himmlischen und dem dämonischen Lager zu, bis sich beide Seiten zum Endkampf gegenüberstehen und vier apokalyptische Reiter sich auf den Weg machen – in dieser Version als Krieg, Hunger, Tod und Umweltverschmutzung. Seuchen waren 2019 noch nicht so hoch im Kurs. Dass Gott auch ein Gott des Lebens statt der Zerstörung sein könnte, dass er nicht nur in epischen Armageddon-Schlachten, sondern auch in ganz kleinen Alltagsmomenten wirken könnte, scheint sich unter den Serienschreibern noch nicht herumgesprochen zu haben.

Natürlich werden die Weltuntergänge regelmäßig vereitelt, die Schöpfung im letzten Moment doch noch gerettet – teilweise auch, weil man sich ja die Möglichkeit für zukünftige Staffeln offenhalten will. Hier unterscheidet „Miracle Workers“ sich dann aber doch von den bisherigen Serien. Denn waren es sonst mystische Wesen oder zumindest ganz und gar außergewöhnliche Menschen, die die Apokalypse abwenden, liegt die Rettung der Welt in diesem Fall in der Hand von zwei Durchschnittsbürgern. Ein junger Mann und eine junge Frau haben beide dafür gebetet, zueinander zu finden. Schaffen sie es, sich zu küssen, wird der Weltuntergang abgewendet, so will es das Drehbuch. Das kann man kitschig finden – oder es erinnert einen an die berühmte Stelle im ersten Korintherbrief: „Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe“ (13,13).

Es sollte zu denken geben, dass es eine stumpfsinige Arbeitsplatz-Komödie brauchte, um zu einem Gott zu kommen, der zugibt, seine Schöpfung zu lieben.

Und es gibt noch eine Szene, bei der man das Gefühl bekommt, die Autoren hätten zumindest eine grobe Ahnung, wo sie mit der Geschichte theologisch hinwollen. Bei einer Versammlung der Götter prahlen alle anderen Teilnehmer mit ihren perfekten Schöpfungen: paradiesische Welten, deren Bewohner keinen Krieg und kein Unglück kennen, allerdings auch keine Willensfreiheit. Auf diese Idee ist anscheinend nur unser Bademantel-Gott gekommen. „Ich dachte das würde sie glücklich machen. Ich dachte, mit all dieser Freiheit könnten sie Großes erreichen. Stattdessen sind sie vor allem wie ich geworden.“ Und als die anderen Schöpfer beginnen, sich über die Erde mit all ihren angeblichen Designfehlern – ein heißflüssiger Kern und unbewohnbare Eiswüsten an den Polen! – lustig zu machen, bricht es aus ihm heraus: „Ich weiß, mein Planet ist seltsam, aber ich liebe ihn. Und ich bin stolz auf ihn.“ Vielleicht sollte es zu denken geben, dass es eine stumpfsinnige Arbeitsplatz-Komödie brauchte, um zu einem Gott zu kommen, der zugibt, seine Schöpfung zu lieben.

Von einer anderen Form der Liebe erzählt „Watchmen“ (Die Wächter), ebenfalls aus dem Jahr 2019. Neben einem ungeklärten Mordfall und den vielen düsteren Geheimnissen einer amerikanischen Kleinstadt geht es bald mehr und mehr um Dr. Manhattan, ein nahezu allmächtiges Superwesen, das Mitte des 20. Jahrhunderts durch einen Laborunfall in die Welt kam. Dr. Manhattan ist zwar nicht identisch mit dem biblischen Gott, aber die Serienmacher tun alles, um Parallelen herzustellen. Er geht übers Wasser, hört angeblich auf Gebete und erschafft sich sogar sein eigenes Paradies. Nicht im Garten Eden allerdings, sondern auf dem Jupitermond Europa, wo er einem neuen ersten Menschenpaar Leben einhaucht.

Doch hier dreht sich die Genesis-Erzählung um: Dr. Manhattan ist bald enttäuscht von seinen neuen Geschöpfen, gerade weil diese Menschen alles tun, was man ihnen sagt. Sie lassen keine Anzeichen eines Sündenfalls erkennen. So werden nicht Adam und Eva aus dem Garten verbannt, sondern ihr Schöpfer zieht sich zurück und erklärt das Projekt „Paradies“ vorerst für beendet. Stattdessen – und hier wird es wieder christlich – kehrt er auf die Erde zurück, um ein Leben als Mensch zu führen. Wie ein Engel der Verkündigung erscheint er einer jungen Frau, und schon ein paar Jahre später führt das mächtigste Wesen der Welt ein glückliches, unauffälliges Vorstadtleben. Doch die Autoren von „Watchmen“, die sich in allen Aspekten ihrer Serie einem düsteren Realismus verschrieben haben, gönnen auch ihrem Pseudo-Gott kein Happy End. Stattdessen kommt es zu einer kurzen, doch tragischen Passionsgeschichte.

„Watchmen“ kennt das urchristliche Bild eines Gottes, der sich ausliefert.
„Watchmen“ kennt das urchristliche Bild eines Gottes, der sich ausliefert.© White Rabbit, Warner Bros. Television, DC Entertainment

Eine Gruppe von politischen Extremisten schafft es, Dr. Manhattan in seinem Wohnviertel zu überrumpeln und gefangen zu nehmen. Und obwohl der seine Angreifer mit einem einzigen Gedanken in einzelne Atome zerlegen oder ans andere Ende der Milchstraße transportieren könnte, lässt er sich überwältigen. Ein Gott, der sich ausliefert und ohne Gegenwehr gefangen nehmen lässt – auch das ist ein urchristliches Bild. Und vielleicht hilft diese Verschiebung in eine moderne Serie, um noch einmal klarzumachen, wie fremdartig dieses altbekannte Narrativ eigentlich ist. Mit einer nicht weiter erklärten Maschine gelingt es schließlich tatsächlich, Dr. Manhattan zu töten und ihm seine gottgleichen Fähigkeiten zu rauben. Und während es zum Ende der ersten – und bisher einzigen – Staffel wie in einer biblischen Plage Meerestiere regnet, entbrennt ein Streit darüber, wer sich die frei gewordenen Kräfte sichern kann. Ein erbitterter Wettkampf, der nicht nur an das Konkurrenzgeschacher der „American Gods“, sondern auch an tatsächliche historische Entwicklungen denken lässt. Sobald eine Religion an Einfluss verliert, stehen Dutzende Pseudo-Ersatzreligionen bereit, um möglichst rasch ihren Platz einzunehmen.

Eine neue Genesis-Geschichte, mit modernem Garten Eden und menschenähnlichen Robotern, die selbst zu Schöpfern werden. Das ist „Raised by Wolves“.
Eine neue Genesis-Geschichte, mit modernem Garten Eden und menschenähnlichen Robotern, die selbst zu Schöpfern werden. Das ist „Raised by Wolves“.© Scott Free Productions, Studio T, Madhouse Entertainment

Die Serie „Raised by Wolves“ (Von Wölfen aufgezogen) geht da noch einen Schritt weiter. In der 2020 angelaufenen Produktion ist die Erde bereits zerstört, die Menschen so gut wie ausgerottet. Und statt Zerstörung steht jetzt Wiederaufbau auf dem Plan: Ein humanoides Roboterpaar wurde beauftragt, die Menschheit auf einer neuen Welt anzusiedeln. Diesmal allerdings nicht in der direkten kosmischen Nachbarschaft eines Jupitermondes, sondern auf dem 600 Lichtjahre entfernten Kepler-22b. Hier beginnt eine neue Genesis-Geschichte – das Maschinenpaar errichtet einen modernen Garten Eden, in dem es die erste Generation der neuen Menschheit aufzieht. Die Roboter, eben noch seelenlose Produkte, werden selbst zu einer Art von Schöpfern. Ein solches Verschwimmen der Grenzen ist typisch für Regisseur Ridley Scott, der hinter der Serie steht. In seinen „Alien“-Filmen untersucht der Engländer regelmäßig das Konzept einer Welt, in der die Menschen nur ein Teil einer großen kosmischen Schöpfungskette sind, einer Kette, die irgendwann zum Kreis wird: Außerirdische erschaffen die Menschheit, die Menschheit baut intelligente Maschinen, die Maschinen designen neues außerirdisches Leben.

Vielleicht ist „Raised by Wolves“ die Konsequenz aus all den Jahren, in denen ein unnahbarer, grausamer, inkompetenter Gott über unsere Bildschirme flimmerte.

Diese intellektuellen Verrenkungen mögen spannend und eindrucksvoll inszeniert sein, letztlich sind sie vor allem ein Versuch, die bekannten Genesis-Mythen ohne einen klaren Schöpfergott zu erzählen. Vielleicht ist „Raised by Wolves“ damit die traurige, aber nicht überraschende Konsequenz aus all den Jahren, in denen das Bild eines unnahbaren, grausamen oder inkompetenten Gottes über die Bildschirme geflimmert ist. Und das Bild eines Gottes, dem man nicht vertrauen kann – der bärtige Mann aus der Vision in „Preacher“ stellt sich im Verlauf der Serie als himmlischer Hochstapler heraus. Den wahren Gott findet man nicht auf einem reich geschmückten Thron, scheinen die Serienmacher sagen zu wollen. Im Fernsehen allerdings auch nicht.

© Scott Free Productions, Studio T, Madhouse Entertainment

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