Zum Tod von Bernd Hagenkord SJEin unverbesserbarer Kirchenverbesserer

Unverstellt, originell, lösungsorientiert: So wird der Jesuitenpater und Journalist Bernd Hagenkord in Erinnerung bleiben. Am 26. Juli starb er mit nur 52 Jahren. Ein Nachruf.

Bernd Hagenkord SJ (1968–2021)
Bernd Hagenkord SJ (1968–2021)© Foto: KNA-Bild / Francesco Pistilli

Wahrscheinlich sollte man an dieser Stelle etwas Persönliches sagen. Könnte ich. Aber es würde nicht gerecht. Nicht gerecht vielen, vielen persönlicheren Beziehungen und den vielen tiefen Ebenen, die andere mit Bernd hatten und Bernd mit anderen. Wenn ich mich deshalb hier auf das Berufliche konzentriere, dann gerade deshalb, weil der Mensch Bernd Hagenkord in diesen wenigen Zeilen nicht gewürdigt werden kann und es mir auch nicht zusteht.

Originalität und Authentizität

„Der Mensch Bernd Hagenkord“, wie allein das schon klingt. „Was sonst?“, würde er typisch jesuitisch rhetorisch fragen und lächeln. Oder „Ach, wenigstens das“ sagen. „Der Mensch…“ – eine Floskel, liest man oft. Bei Bernd Hagenkord hätte man das nicht gelesen oder gehört. Das ist das, was so viele begeistert und fasziniert hat und was am meisten im Gedächtnis bleiben wird. Da war eine Originalität und Authentizität, die selten ist. Sicherlich eine Gabe von Anfang an. Aber eben auch geschult in seiner Zeit als Jugendseelsorger in Hamburg, in der Unverstelltheit, Offenheit ohne Anbiederei, Widerspruch und den Rücken gerade machen unverzichtbar sind, um den anderen zu erreichen. Ich erinnere mich noch daran, als ich ihn zwölf Monate nachdem er 2009 seinen Job als Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan angetreten hatte, in Rom traf. Ich war frisch als Korrespondent in urbe, sollte ein Porträt über ihn schreiben einerseits, und erhoffte mir, klar, Tipps und Informationen andererseits. Ich weiß noch, dass ich nachher schrieb: „Mit seinen Sportschuhen, Marke Converse, den ausgebeulten Jeans und der Uhr an einem dicken Lederarmband passt der Jesuit nicht in das Bild vom Vatikan.“ Vielleicht hat er mir diese Oberflächlichkeit innerlich um die Ohren gehauen. Vielleicht aber auch nicht, denn Bernd Hagenkord wusste sehr gut, was Wirken und Wirkung auch ausmachen. Dass Inhalt und Form sehr viel miteinander zu tun haben und dass hervorragende Medienarbeit, schon immer, beides vereint.

Dass Menschen auch nach dem Anderen, dem Ungewohnten, dem Überraschendem gieren. Dass das sie interessiert, anzieht, fesselt. Und wie wichtig das in einer Zeit ist, in der das Kirche häufig eben nicht gelingt. Zugespitzt gesagt: Er war sich nicht zu schade, auch den Auftritt zu nutzen, um für das wirken zu können, für das er stand. Eben keinen Rückzug in einen intellektuellen Elfenbeinturm, den er so und auch als Floskel nicht gebraucht hätte, aber den er gut und gern hätte beziehen können. Sondern sich komplett einbringend, stellend, auch wenn es schwierig wurde.

Begeistert von der Sache

Schwierig wurde es auch, die Jahre ab 2010 brachten für die Kirche viele verheerende Nachrichten. Wie darüber reden als Journalist und Jesuitenpater? Ich habe ihn das damals auch gefragt und ob das nicht ein immerwährender Konflikt sei. Die Antwort gab Bernd Hagenkord ein Jahrzehnt lang mit seinen Medienauftritten, seinen Hintergrundgesprächen und seinem Blog, der für alle, die sich für Vatikan und Weltkirche interessierten, ein Muss war. Eine ehrliche Antwort, nicht beschönigend, geradeheraus, und anders. Originell im besten Sinne des Wortes, weil oft Details aufgegriffen wurden, die vielleicht nur einem Mensch, der die Fotografie so liebt, auffallen. Zugleich aber der Blick für das Ganze, für Rahmen und Inhalt, eben nicht versunken im Kleinen. Eine kritische Antwort, die aber nie ätzend war und an der man spürte, dass sie etwas wollte. Keine Besserwisserei, obwohl besseres Wissen da war. Begeistert von der Sache, ganz besonders, nachdem Papst Franziskus gewählt worden war. Diese Begeisterung hinderte ihn nicht an der journalistischen kritischen Distanz, im Gegenteil. Bei Synoden und anderen wichtigen Ereignissen wusste Bernd Hagenkord sehr genau, seine Rolle als Beobachter und Kommentator, vor allem auch als Erklärer der vatikanischen Welt, zu spielen. Schnörkellos, nicht beschönigend, verständlich vor allem, und lösungsorientiert. Am Ende manchmal auch ein bisschen enttäuscht, weil die Reformen nicht voran oder nicht so weit gingen, wie er sich das vermutlich wünschte. Trotzdem immer mit dem, was sein Ordensmitbruder Franziskus als einen der entscheidenden Punkte für die Kirche einfordert: Parrhesia. Freimut, in dem deutschen Wort stecken die intellektuelle und spirituelle Freiheit und der Mut, sich der Realität zu stellen. Die Parrhesia Bernd Hagenkords wird uns allen fehlen.

Ich weiß nicht, ob er das so ausgedrückt hätte. Im Kern ging es Bernd Hagenkord mit seinem Freimut darum, etwas voranzubringen. Etwas zu verbessern. Kirchenverbesserer gibt es als Wort nicht. Egal. Vielen Dank an einen unverbesserbaren Kirchenverbesserer.

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