Christo und ChristusVerhüllt

Was verhüllt wurde, kann neu gesehen werden. Das zeigte niemand so eindrucksvoll wie Christo. Auch die Kirche kann von diesem Ausnahmekünstler lernen.

Der Künstler Christo, der 84-jährig gestorben ist, hat die Menschen ein neues Sehen gelehrt, indem er Orte, Gegenstände, Landschaften verhüllte: zum Beispiel den Reichstag, eine Küste in Australien, ein Tal in Colorado oder den Grubenhunt mit dem letzten aus dem Goslarer Rammelsberg geförderten Erz vor der Schließung. Was vor den Augen versteckt ist, gibt in innerer oder späterer äußerer Offenbarung den Blick frei auf das Besondere, das man zuvor bloß gewöhnlich sah, aus Gewohnheit. Im Verhüllten verbirgt sich das Wunder. Im Enthüllen zeigt es sich als solches: zum Beispiel das – erotische – Wunder des Körpers beim Striptease.

Auch im Christentum gibt es die Tradition des Verhüllens, etwa des Kreuzes während der Fastenzeit. Mit der Enthüllung des Corpus Christi am Karfreitag durchbrechen die Gläubigen die Kreuz-Routine in den Wohnungen, an Wegrändern oder auf Gräbern, indem sie anders den betrachten, den „sie“ durchbohrt haben. Ähnlich verhüllt ist die Gestalt Christi präsent in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein. Thomas von Aquin hat dieses Geheimnis der Dialektik von Verhüllung und Offenbarung ergreifend verdichtet: „Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir. Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier … Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot. Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du, dass er deine Wonnen koste immerzu…“

Während die Leute ganz säkular durch die Kunst eines Christo berührt werden, weil sie intuitiv das Spiel von Verhüllen und Enthüllen begreifen, ist das im Kirchenleben, im Religiösen weitgehend vergessen. Alles soll vor aller Augen transparent und leicht „konsumierbar“ sein. Ohne geistig-geistliche Eigenanstrengung soll man mit dem Mysterium in Beziehung treten dürfen, mit dem Sakrament, das im Griechischen Mysterion heißt. Der Ausverkauf des Sakramentalen nimmt ihm jedoch genau jene Besonderheit des Verhüllten, in dem das Verborgene sich als präsent erweist. Das aber braucht zuvor die stets mühevolle, vorbereitende Einübung ins Mysterium, das nicht das Triviale ist. Die frühen Christen wussten noch darum, indem sie das Arkane vom Profanen trennten. Nur die Initiierten durften zum Allerheiligsten hinzutreten. Diese Weisheit der christlichen Ahnen sollte wieder bedacht werden in einer Zeit, in der das einzigartige Sakramentale vielfach zum Folkloristischen herabgewürdigt erscheint. Es gibt ja Zwischentöne, in denen das Heilige für alle schaubar wird: etwa an Fronleichnam, wenn Christus, verhüllt in der Hostie, als das Brot des Lebens durch die Straßen getragen wird. Mit Thomas von Aquin: „Jesus, den verborgen, jetzt mein Auge sieht … Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht, dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.“ Kirche – lerne! Warum nicht auch mal Christus von Christo?

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