Neu im Kino: Das Licht zwischen den WolkenChristus unter dem Putz

Miteinander ist schwieriger als Gegeneinander, vor allem wenn Religionen dazukommen. Davon erzählt der poetische Film „Ein Licht zwischen den Wolken“.

Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen; Besnik (Arben Bajraktaraj), versunken im Gebet.
Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen; Besnik (Arben Bajraktaraj), versunken im Gebet.© Foto: Neue Visionen Filmverleih

Zwei Religionen unter einem Dach – geht das überhaupt? Es ist zumindest ein heikles Thema. Erinnert sei daran, wie sich traditionell konservative Kreise mit Kritik überschlugen, als der damalige Papst Benedikt XVI. 2006 die Hagia Sophia in Istanbul besuchte und am Ende anscheinend betend die Lippen bewegte. Nein, nein, das sei ja kein Gebet gewesen, sondern nur ein meditatives Innehalten, rückte eilig ein Vatikansprecher die Mutmaßung zurecht. Es kann eben nicht sein, was nicht sein darf… Deutlich wird die Problematik auch daran, dass nach wie vor gilt, was die deutschen Bischöfe vor gut fünfzehn Jahren in einer Arbeitshilfe festlegten: Die Übergabe einer nicht mehr benötigten Kirche an eine andere Religionsgemeinschaft ist „wegen der Symbolwirkung einer solchen Maßnahme nicht möglich“. Es wird also eher eine Kirche profaniert oder gar abgerissen, als dass man sie anderen Gläubigen überlässt.

Könnte es nicht auch anders sein im Verhältnis der Religionen? Diese Frage stellt sich angesichts des wundervollen Spielfilms „Ein Licht zwischen den Wolken“, der jetzt in die deutschen Kinos kommt. Auf kleinstem Raum – in einer Nussschale, die in diesem Fall ein kleines Hochgebirgsdorf in Albanien ist – entwickelt Regisseur Robert Budina eine große Vision: Wie wäre es, wenn die Religionen nicht gegeneinander „arbeiteten“, einander nicht das Leben schwer machten? Sondern wenn man den Anderen gelten ließe, ihn vielleicht sogar schätzte – sich schlicht darüber freuen könnte, in ihm ebenfalls einen Gottsuchenden zu treffen, wenn auch mit einer anderen spirituellen Landkarte in der Hand?

Im Mittelpunkt der Handlung steht der Ziegenhirte Besnik (gespielt von Arben Bajraktaraj). Er ist Muslim. Vor allem würde man ihn einen Mystiker nennen, wenn das Wort nicht zu „groß“ und theologisch zu gewichtig für diesen einfachen Frommen wäre. Nach dem Freitagsgebet in der Moschee springt er nicht gleich auf wie die anderen, sondern bleibt noch minutenlang versunken vor der kahlen Wand sitzen. Überhaupt betet er am liebsten draußen inmitten der erhabenen Berge. „Es sieht so aus, als würde er mit Gott reden“, sagt eins der Kinder, die ihn beobachten. Auch etwas Künstlerisches schlummert in ihm: Er schnitzt Figuren, die er aber niemandem zeigt.

Anders als seine beiden Geschwister hat Besnik das Dorf nie verlassen. Seine Schwester Fitore (Irena Cahani) hat muslimisch geheiratet und ist in einen anderen Landesteil gezogen. Sein Bruder Alban (Osman Ahmeti) wanderte nach Griechenland aus und wurde orthodoxer Christ. Er änderte seinen Namen in Jorge, Georg also, und rechnet nach dem Kirchenjahr. Nur Besnik blieb zu Hause. Er hütet seine Ziegen und kümmert sich um seinen kranken Vater (Bruno Shllaku). Das macht er liebevoll, aber unkonventionell. Besnik ist zum Beispiel überzeugt, dass es dem lungenkranken Vater guttut, wenn er ausgerechnet im Stall bei den Ziegen schläft. Medizin kommt von außerhalb, Alban bringt sie bei jedem Besuch mit. So berührt der Film auch andere Ebenen: Tradition und Moderne, Aberglauben, kulturelle Veränderungen…

Der Vater lohnt eine eingehendere Betrachtung. In früherer Zeit hat er Unrecht getan. Als die Kommunisten Religion unterdrückten, verbot er Besnik die Liebe zu einer Frau aus einer verfolgten Familie. Über die Hintergründe erfährt man nichts. War es Verfolgung aufgrund von Religionsausübung? Inzwischen wirkt der Vater sympathisch, wie Nathan der Weise in Lessings Drama. „Besser geht’s nicht“, sagt er einmal dazu, dass es in seiner Familie mehrere Religionen gibt: Muslime, Orthodoxe, seine verstorbene Frau war katholisch. Der Vater hat offenbar dazugelernt, eine Entwicklung gemacht.

Der Rest des Dorfes hat diese Herausforderung noch vor sich. Die Handlung setzt ein, als Besnik eines Tages ein Stück Putz von der Wand der Moschee abreißt. Darunter kommt ein seltsamer Fleck zum Vorschein. Sind das nur Spuren des feuchten Klimas? Ist es ein Riss, der die Statik gefährdet? Die Konservatorin Vilma (Esela Pysqyli) aus der Hauptstadt wird gerufen. Sie legt eine Christusdarstellung frei und erklärt: Ja, die Moschee war bis ins 15. Jahrhundert eine Kirche. Die Denkmalbehörde habe das auch gewusst, aber unter Verschluss gehalten. „Wir wollten Probleme zwischen den Glaubensgemeinschaften vermeiden.“

Tatsächlich lassen die Schwierigkeiten nicht lange auf sich warten. Soll die muslimische Gemeinde künftig etwa unter einem Christusbild beten? Erheben die Katholiken jetzt vielleicht sogar Besitzansprüche auf das Gotteshaus? Oder kann man sich auf eine gemeinsame Nutzung einigen, wie es der muslimische Wesir einst nach der Eroberung durch die Osmanen verfügt hatte? Hier hat die Geschichte übrigens einen wahren historischen Kern. Genau das hat sich vor fünfhundert Jahren im Norden Albaniens zugetragen. Besnik ist regelrecht beseelt davon, diese Geschichte wieder lebendig werden zu lassen. Beim Imam, beim Pfarrer und der ganzen Dorfgemeinschaft wirbt er dafür, die Kirche/Moschee zu einem gemeinsamen Gotteshaus zu machen.

Doch der Riss an der Wand bringt die Verhältnisse gehörig ins Wanken. Bis in die Familien hinein wird auf einmal der bisherige pragmatische Umgang mit den Religionen infrage gestellt. Besniks Geschwister, die bis dahin munter zusammen gegessen und sich dabei wenig um Speisevorschriften gekümmert haben, beschließen auf einmal: „Das geht so nicht mehr.“ Und selbst die Kinder auf dem Dorfplatz beschimpfen einander: „Hau doch ab, du Christenschwein!“ – „Du dreckiger Muslim!“

Wie konnte es nur so weit kommen? Gibt es einen Ausweg aus dieser Tragik? Der Film lässt vieles offen, was eine seiner Stärken ist. Das Ende, das wiederum an Lessings Ringparabel erinnert, wird in poetischen Bildern nur angedeutet. Es sei auch an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Es hat mit dem Titel zu tun.

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