PopulismusZurück zum Stamm?

Die Gefahren, die von populistischen Strömungen ausgehen, werden noch immer unterschätzt. Der Berliner Politikwissenschaftler Klaus Segbers warnte in der „Frankfurter Allgemeinen“, viele Bürger würden allzu radikale Forderungen als reine Rhetorik abtun. Tatsächlich lösten populistische Strömungen ihre Wahlversprechen aber meist ein – „wenn nötig, setzten sie sich dafür auch über geltendes Recht hinweg“.

Einen Hauptgrund für den wachsenden Erfolg von Populisten sieht Segbers im Verlust einer gemeinsamen Identität. In der schnelllebigen globalisierten Welt des modernen Europa hätten viele „Bedarf nach einem tribalen Heimatgefühl“. Auch weil „traditionelle Träger kollektiver Identität“ wie die Kirchen an Einfluss verlieren, kehrten mehr und mehr Menschen zu nationalen Denkmustern zurück, um sich „als eigener ‚Stamm‘ neu zu definieren“.

Daneben lieferten populistische Strömungen vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Fragen. Der wachsenden Unsicherheit vieler Menschen in Zeiten der Globalisierung begegneten sie mit simplen Feindbildern und radikalen Lösungen. Besonders bei Themen, bei denen „es schon Fachleuten schwerfällt, auf ihrem eigenen Gebiet den Durchblick zu behalten“, komme das gut an. Segbers nennt den Klimawandel, den Nahostkonflikt und die Digitalisierung als Beispiele.

Die etablierte Politik stehe Populisten bisher oft hilflos gegenüber. „Ob Experten, Politiker oder Medien – niemand hat eine bündige Antwort auf die populistischen Bewegungen.“ Der Politikwissenschaftler rät der Europäischen Union, ihre wichtigsten Werte neu und allgemeinverständlich darzustellen. Die Bürger müssten sich mit ihren Anliegen verstanden fühlen – „auch ein Hauch von Coolness wäre nützlich“. Nur so könne sich nach und nach ein gemeinsamer „europäischer Heimatbegriff“ herausbilden, der alle Europäer miteinschließt.

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