Sinneswandel: Aktionäre und ihre Verantwortung

Aktienbesitzer sind heute deutlich verantwortungsbewusster und hinterfragen zunehmend die Geschäftspolitik „ihrer“ Unternehmen. Das beobachtet Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Früher sei es bei einer Hauptversammlung meist so gewesen, dass „die Aktionäre sich am Buffet bedienen und dann wieder heimgehen“, erinnert er sich in der „Frankfurter Rundschau“. Kritik an den Vorständen sei kaum geäußert worden. Allenfalls hätten Investoren höhere Renditen verlangt. Heute seien Aktionäre viel engagierter und würden Nachhaltigkeit, stärkeren Klimaschutz und selbst die ordnungsgemäße Zahlung von Steuern einfordern. „Die Reputation der Unternehmen wird plötzlich sehr wichtig genommen. Das ist ein echter Sinneswandel.“

Als „Zeitenwende“ bezeichnet Tüngler in dem Interview die jüngste Hauptversammlung von „Bayer“, bei der die Aktionäre dem Vorstand die Entlastung verweigerten. Das Unternehmen steht wegen der Übernahme des amerikanischen Agrarkonzerns „Monsanto“ in der Kritik. Viele Anleger werfen den Entscheidungstragenden vor, sich leichtfertig über die Warnungen von Nichtregierungsorganisationen und Umweltschützern hinweggesetzt zu haben. In Amerika wurde „Bayer“ zu hohen Schadensersatzzahlungen an Krebskranke verurteilt, weil Produkte mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat als gesundheitsgefährdend eingestuft werden. Als die Aktionäre auf der Hauptversammlung dem Vorstand nun das Misstrauen aussprachen, „herrschte für fünf Sekunden absolute Stille in diesem riesigen Raum“, berichtet Tüngler. „Alle haben gemerkt: Das ist etwas Besonderes, hier verändert sich gerade etwas Entscheidendes – weit über ‚Bayer‘ hinaus.“

Das Votum der Aktionäre hat zwar keine unmittelbaren Folgen. Doch die Wirtschaftsjournalisten Anja Ettel und Holger Zschäpitz schreiben in der „Welt“ von einem „Schock“. Die Vorstände und Aufsichtsräte seien diese „neue Aktionärsdemokratie“ bislang nicht gewohnt.

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